Merle Haggard (* 6. April 1937 in Bakersfield, Kalifornien) gehört zu den Superstars der Country-Musik. Er spielt eine rauere, ungeschliffenere Form des Country, in der sich auch sein eigener harter Lebensweg widerspiegelt.
Merle Haggard wurde 1937 in der Umgebung von Bakersfield geboren. Die Eltern und zwei Geschwister lebten in dieser Zeit in einem umgebauten Güterwagen. Sein Vater arbeitete für die Santa Fe Railroad und brachte ein regelmäßiges Einkommen mit nach Hause. Bis kurz vor Merles Geburt lebte die Familie in Oklahoma. In den 1930er Jahren wurde durch die Große Depression (Wirtschaftskrise) und die Staubstürme in der so genannten Dust Bowl die Existenz vieler Farmer bedroht. Als dann auch noch das Farmhaus der Familie abbrannte, entschlossen sie sich, wie viele andere "Okies", nach Kalifornien auszuwandern, um dort Arbeit in der Landwirtschaft zu finden.
Als Haggard neun Jahre alt war starb sein Vater. Während seine Mutter arbeitete, um die Familie zu ernähren, wurde Haggard bei Verwandten untergebracht. Mit zehn Jahren riss er das erste Mal von zu Hause aus. Auf einem Güterzug ging es Richtung Norden. Mit zwölf Jahren brachte er sich selbst das Gitarrespielen bei. Er begann mit dem Nachspielen von Stücken Bob Wills und Hank Williams, später begeisterte er sich für die Musik von Lefty Frizzell. Mehrere Jahre lang spielte er fast ausnahmslos Frizells Songs und adaptierte nach und nach dessen Stil.
Seine ersten bezahlten Auftritt hatte er 1951 in Modesto. Zusammen mit einem Freund spielte er für fünf Dollar den Abend. In diesen Jahren kam Haggard regelmäßig mit dem Gesetz in Konflikt und wurde wiederholt in Jugendgefängnissen und Besserungsanstalten eingewiesen. Dazwischen schlug er sich mit kleineren Jobs durch. Er war unter anderem Koch und Lastwagenfahrer, und er machte Musik. 1953 gab sein Idol Lefty Frizell ein Konzert in Bakersfield. Merle schaffte es, ihm einige Songs vorzuspielen. Frizell war so beeindruckt, dass Haggard an diesem Abend gemeinsam mit ihm auftreten durfte.
Sein Leben war weiterhin von Musik und Gesetzesverstößen geprägt. 1957 wurde er bei einem Einbruch erwischt und verbrachte die folgenden drei Jahre im Gefängnis San Quentin, wo er unter anderem den in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartenden Caryl Chessman kennenlernte. Am 24. Februar 1969 gab hier Johnny Cash eines seiner legendären Gefängniskonzerte und Haggard saß im Zuschauerraum. Tief beeindruckt beschloss er, sich fortan ganz der Musik zu widmen.
1960 auf Bewährung entlassen, schloß er sich der Country-Szene von Bakersfield an, die während seiner Haft enorm an Bedeutung gewonnen hatte. Aufstrebender Star war Buck Owens, der den Bakersfield Sound prägte. Haggard spielte als Ersatzmann im Lucky Spot Club. Dort freundete er sich mit Fuzzy Owen an, der später sein Manager werden sollte. Owen besaß eine kleine Plattenfirma. Haggard spielte die Eigenkomposition Skid Row ein, die auf der B-Seite von Owen's Singin' My Heart out veröffentlicht wurde. Es wurden insgesamt 200 Singles gepresst.
1962 fuhr Merle nach Las Vegas, um eine Vorstellung von Wynn Stewart zu besuchen. Er hatte die Gelegenheit, ein paar Songs vorzutragen, woraufhin Stewart ihn sofort in seine Band aufnahm. Kurz darauf bat Haggard Stewart, dessen Neukomposition Sing a Sad Song selbst aufnehmen zu dürfen. Sie wurde Haggards zweite Single, wieder produziert von Fuzzy Owen, und sie wurde ein Top-Twenty-Hit, der Haggard in der Country-Szene von Bakersfield etablierte. Es folgten weitere Platten, die sich zunehmend besser verkauften. 1965 stellte er eine eigene Band zusammen: The Strangers. Seinen ersten Nummer-1-Hit hatte er 1966 mit The Fugitive. 1967 erreichte er vier Mal hintereinander die Spitze der Country Charts, unter anderem mit dem autobiographischen Mama Tried.
1969 schrieb Haggard den kontroversen Song Okie from Muskogee. Der Legende nach fuhr die Band während einer Tournee durch den kleinen Ort Muskogee in Oklahoma und es wurden ein paar Witze über den Namen gerissen. Daraus entstand ein Song, in dem ein "Okie", also ein ländlicher, weißer, armer US-Amerikaner aus den Südstaaten mit geringer Bildung über die langhaarigen Hippies, die Haschisch und LSD konsumieren, herzieht und ihnen die Werte des rechtschaffenen, konservativen Südstaatenamerikaners entgegenstellt. In der Zeit der Anti-Vietnamproteste und des gesellschaftlichen Umbruchs hatte Haggard genau den Zeitgeist getroffen, indem er die Gefühle der Menschen wiedergab, die sich nicht mit der aktuellen Entwicklung identifizierten, sondern von ihr irritiert oder abgestoßen waren.
Bevor der Song im Studio eingespielt wurde, trugen ihn Merle und seine Band in einem Konzert in Fort Bragg vor. Die GIs tobten vor Begeisterung. Merle Haggard sagte später, er habe in diesem Moment gespürt, dass dieser Song etwas Besonderes war, und dass er zum ersten Mal sein Publikum wirklich erreichte.
Der Song polarisierte entsprechend stark: Während die Liberalen Haggard Verrat vorwarfen, waren konservative Kreise von dem Song begeistert, Richard Nixon wurde angeblich über Nacht sein Fan. Haggard sagte in Interviews mehrfach, der Song sei eigentlich ironisch gemeint gewesen. Okie from Muskogee wurde nicht zuletzt wegen seiner eingängigen Melodie zum Hit und Merle Haggard über die Country-Gemeinde hinaus zu einem Begriff.
Die erste Single nach Okie From Muskogee, The Fighting Side of Me, schlug textlich in dieselbe Kerbe wie wie der Vorgängersong: Hierin kritisierte er die Gegner des Vietnamkriegs und sprach ihnen den Patriotismus ab. Der Song schaffte es ebenfalls an die Spitze der Charts. Die Erfolge hielten an bis Mitte der 80er Jahre. Seine größten Hits waren If We Make It Through December (1973) und sein Duett mit Willie Nelson, bei dem sie 1985 Townes Van Zandts Pancho and Lefty interpretierten. Insgesamt hatte er in seiner Karriere 23 Nummer-1-Hits - seinen letzten 1987: Twinkle, Twinkle Lucky Star. 1994 tauchte er das letzte Mal mit In My Next Life in der Country-Hitparade auf. Im gleichen Jahr wurde er in die Country Music Hall of Fame aufgenommen.
2001 gelang ihm mit dem Achtungserfolg von Roots Vol. 1 ein kleines Comeback. Hier wurde versucht, mit einem ähnlichen Marketing-Konzept wie bei Johnny Cashs American Recordings, nicht auf die Mainstream-Countrycharts zu zielen, sondern ein jüngeres Publikum zu erreichen, dass sich eher an Independent-Musik orientiert. Merle Haggard gilt als einer der schöpferischsten Singer/Songwriter aller Zeiten. Mit seiner nasalen Stimme schaffte er es über Jahrzehnte, Publikum und Kritiker gleichermaßen anzusprechen. Seine sparsam instrumentierten und arrangierten Songs wirken authentisch und ungekünstelt.
Der Fach-Journalist Walter Fuchs sagte einmal: "Merle Haggard ist genau der Typ, den man eigentlich hinter Johnny Cash vermuten würde. Doch während der so hart und brutal wirkende Cash nur eine einzige Nacht in einem Gefängnis zugebracht hat, saß der fast zart und sehr sensibel wirkende Haggard insgesamt sieben Jahre hinter Gittern."
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