Als Memelland (litauisch Klaipėdos kraštas) wurde zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg jener Landesteil Ostpreußens bezeichnet, der nördlich der Memel gelegen ist, 1920 von Deutschland abgetrennt wurde und heute zu Litauen gehört. Im deutschen Sprachraum wird der Begriff auch heute noch für diese Region verwendet.
Nach der Eroberungen durch den Schwertbrüderorden ab 1200 und dem Bau der Festung Memelburg bzw. der Stadt Memel (das heutige Klaipėda) ab 1250 durch den Deutschen Orden wurde das Memelland ab 1328 dem Ordensstaat zugeteilt. Im Vertrag von Melnosee erfolgte 1422 eine Grenzziehung zu Litauen, die 500 Jahre Bestand hatte.
Nach der Reformation kam das Memelland ab 1525 zum protestantischen Herzogtum Preußen, mit dem Königreich Preußen kam es dann 1871 zum Deutschen Reich. Die Grenze zwischen dem ostpreußischen Landesteil um die Memel und Litauen blieb von 1422 bis 1920 weitgehend unverändert, eine im Vergleich zum übrigen Europa seltene Stabilität, die nicht zuletzt auch im Deutschlandlied festgehalten wurde.
Diese Abtrennung wurde mit der dortigen litauischsprachigen Minderheit begründet, den sogenannten Kleinlitauern. Ein Teil dieser hatte im Akt von Tilsit eine Angliederung an Litauen gefordert. Große Teile auch der litauischsprachigen Bevölkerung des Memellandes fühlten sich jedoch eher zu Ostpreußen als zum neuen litauischen Nationalstaat zugehörig. Dazu kam ein starker kultureller Gegensatz. Die Memelländer waren zu >95% evangelisch, während das übrige Litauen katholisch war. Wirtschaftlich und kulturell war das Memelland viel weiter entwickelt als Litauen, das lange Zeit unter russischer Herrschaft war.
Seit 1920 war das Memelland unter französischer Verwaltung (Schutzherrschaft). Litauen war als Staat noch nicht international anerkannt. Der neu gegründete Staat Litauen erhob Ansprüche auf das Gebiet auch weil er einen sicheren Zugang zur Ostsee über den Hafen Memel erhalten wollte. Mit einem ähnlichen Argument von und für Polen wurde Danzig zur Freien Stadt erklärt, jedoch haben die Polen in Gdingen ihren eigenen Hafen gebaut. Dies hat Litauen, das sehr wohl nördlich von Memel bei Polangen direkten Zugang zur Ostsee hatte, dort nicht getan. Zudem meldete Polen auch Ansprüche auf das Memelland und Litauen an.
Im Jahre 1922 grassierte in Deutschland die Inflation, die auch das Memelgebiet betraf. Zudem sollte es laut einer vorläufigen Entscheidung der Botschafterkonferenz auf mind. 10 Jahre in einen Freistaat umgewandelt werden. Nun wollten die Litauer handeln. Am 15. Januar 1923, zeitgleich zur Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich und Belgien, besetzten über 1000 bewaffnete Litauer im Handstreich ("Klaipeda-Revolte") das Memelland und und die Stadt Memel. Offiziell wurde dies als interner memelländischer Aufstand bezeichnet, die Aktion wurde jedoch von Litauen aus mit einem "Schützenbund" und Mitgliedern regulärer Truppen durchgeführt, in Zivilkleidung, aber markiert mit Armbinden (MLS, Mazosios Lietuvos sukilelis, kleinlitauischer Aufständischer). Unterstützung aus dem Memelland war dabei vernachlässigbar, bekannte Einheimische liessen sich nicht als "Anführer" anwerben, so daß der Anführer Polovinskas unter dem Namen eines ehemaligen deutsch Offizieres (Budrys) auftrat.*
Die 200 französischen Alpin-Jäger, von der Ausbildung und Ausrüstung her den Aufständischen überlegen, wurden zwar durch einige Hundert Polizisten und Freiwillige unterstützt, liessen sich aber nach zwei Tagen in ihre Kaserne und die Präfektur zurückdrängen. Auch diese wurde gestürmt, laut den Franzosen von über 5000 Gegnern. Als Verluste gelten 12 Aufständische, 2 Franzosen und ein deutscher Gendarm, dessen Familie zum Unwillen einiger Aufständischer von deren Führer finanziell entschädigt wurde.
Später per Schiff anreisende Truppen aus Frankreich und England traten angesichts der neuen Herrschaftverhältnisse unverrichteter Dinge wieder die Heimreise an. Auch in anderen Gebieten Europas fanden ähnliche Aktionen statt. Die Besetzung des ja von Frankreich kontrollierten Memelgebiets geschah angeblich * mit Billigung der deutschen Regierung bzw. von Reichswehrchef General Hans von Seeckt, unter Tolerierung der ostpreußischen Grenzpolizei und auch mit Waffen aus deutscher Produktion. Dadurch erhoffte man sich eine Stärkung Litauens gegenüber Polen, einem gemeinsamen Gegner, der die litauische Hauptstadt Wilna besetzt hatte und Danzig bedrohte.
Diplomatisch konnte Litauen glaubhaft machen, dass es sich um einen Aufstand Örtlicher handelte, die den Anschluß suchten, und nicht auf Befehl der Regierung gehandelt wurde. Am 16. Februar erkannte die Botschafterkonferenz die Angliederung als Faktum an und übergab die Hoheit des Memelgebietes an Litauen. Am 19. Januar 1923 verliessen die französischen Truppen und Verwalter das Land, das unter litauische Verwaltung gestellt wurde, unter dem "Schützenbruder" und ehemaligen Staatspräsidenten Antanas Smetona, der zwar bald abgelöst wurde, aber ab 1926 die Macht in ganz Litauen übernahm.
Der Anschluß wurde 1924 in der Memelkonvention vom Völkerbund anerkannt, allerdings wurde eine Autonomie des Memellandes innerhalb Litauens verlangt.
Die Wahl zum Landtag 1925 erbrachte hohe Stimmenanteile (> 80%) für die deutschsprachigen, die Autonomie vertretenden Parteien. 1926 wurde per Kriegsrecht die Autonomie weitgehend aufgehoben, die weiteren Wahlergebnisse fielen aber weiter eindeutig gegen die Litauer Militärdikatur von Smetona aus.
Am 22. März 1939, eine Woche nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren, wurde das Memelland von der litauischen Regierung, die andernfalls ein ähnliches Schicksal für ihr Land befürchtete, auf Druck der nationalsozialistischen Regierung an das Deutsche Reich zurückgegeben. Die Rückkehr zu Deutschland wurde sowohl von der deutschen Bevölkerung als auch von vielen (Klein)litauern, die von der Politik Litauens enttäuscht waren, unterstützt. 1944 erfolgte der Einmarsch der Roten Armee und das Memelland wurde Teil der Sowjetunion, die es gemäß der Lage vor 1939 der litauischen SSR angliederte und vom heutigen Oblast Kaliningrad trennte.
Die Bevölkerung Kleinlitauens setzt sich seit Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Bewohner am Ende des Zweiten Weltkriegs sowie der danach erfolgten innersowjetischen Umsiedlung verstärkt aus Menschen des restlichen Litauens sowie Russlands zusammen. Alteingesessene Kleinlitauer und (zurückgekehrte) Deutsche gibt es nur noch recht wenige. Dadurch ist das seit der Reformation evangelisch geprägte Gebiet heute vorwiegend katholisch geworden.
Der Landtag hatte 29 Sitze, einen für jeweils 5000 Einwohner. Frauen und Männer ab 24 hatten das Wahlrecht.
| Jahr | MLP Memelländische Landwirtschaftspartei | MVP Memelländische Volkspartei | SPM Sozialdemokratische Partei des Memelgebietes | AP Arbeiterpartei des Memellandes | KPM Kommunistische Partei des Memelgebietes | andere | LVP Litauische Volkspartei |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1925 | 38,1% - 11 Sitze | 36,9% - 11 Sitze | 16,0% - 5 Sitze | Andere 9,0% - 2 Sitze | |||
| 1927 | 33,6% - 10 Sitze | 32,7% - 10 Sitze | 10,1% - 3 Sitze | 7,2% - 2 Sitze | 13,6% - 4 Sitze | ||
| 1930 | 31,8% - 10 Sitze | 27,6% - 8 Sitze | 13,8% - 4 Sitze | 4,2% - 2 Sitze | 22,7% - 5 Sitze | ||
| 1932 | 37,1% - 11 Sitze | 27,2% - 8 Sitze | 7,8% - 2 Sitze | 8,2% - 3 Sitze | 19,7% - 5 Sitze |
| Jahr | Deutsche Einheitsliste | Großlitauische Parteien |
|---|---|---|
| 1935 | 81,2% - 24 Sitze | 18,8% - 5 Sitze |
| 1938 | 87,2% - 25 Sitze | 12,8% - 4 Sitze |
Als neue Kreisstädte im durch die Abtrennung der südlich der Memel gelegenen Kreisstädte Tilsit und Ragnit neu zu strukturierenden Memelland wurden Heydekrug (Kreis Heydekrug) und Pogegen (Kreis Pogegen) ausgewiesen. Die litauischen Machtinhaber ab 1923 übernahmen diese Struktur.
Von den heutigen Bewohnern wird das Gebiet vielfach auch als Kleinlitauen bezeichnet, wobei diese Begriffe nicht deckungsgleich sind, da auch Gebiete südlich der Memel dazuzählen (heute Kaliningrad Oblast).
Geographie (Litauen) Historische Landschaft Historisches Territorium Litauische Geschichte
Klaipėda Region | Territorio di Memel | Klaipėdos kraštas | Memelland | Okręg Kłajpedy
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