Das Melodram (griech. melos: Klang) ist seit dem späteren 18. Jahrhundert das populäre Gegenstück zur aristokratischen Tragödie. Seine Handlung ist vorwiegend ernst, im Unterschied zur lustigen Posse oder Komödie.
Synonyme deutsche Bezeichnungen sind im 19. Jahrhundert: Lebensbild, Sittenbild, Charaktergemälde; oft einfach nur Drama.
Diese Unterscheidungen werden oft durch passende Musikbegleitung unterstrichen. Gesprochenen Text oder stumme Gestik zu "erklärender" und gleichzeitig emotionalisierender Musik gibt es am Vorbild des populären, aber gering geschätzten Theatermelodrams auch in der Oper und in der Konzertmusik.
Im Gegensatz zum "gehobenen" Drama sieht das Melodram vom inneren Konflikt seiner Figuren ab: Sich kreuzende Willensbahnen oder Leidenschaften haben ihren Sitz in unterschiedlichen Handlungsträgern, nie in derselben Brust. Im Drama kann eine Figur mit sich ringen, d.h. sich Ausschließendes begehren (z.B. sich rächen und großmütig sein, Maria und Gabriele heiraten…). Im Melodram haben unterschiedliche Absichten immer auch verschiedene Vertreter, vor allem Hauptfigur und Widersacher. In dieser Figurenkonzeption zeigt sich eine Verbindung zur Allegorie: Nicht der gute Mensch, sondern die Tugend, nicht der schlechte Mensch, sondern das Laster treten auf.
Das Melodram erfährt die Welt als Arena eines heftigen moralischen Kampfs, in dem die Machtlosen, aber Guten von den Mächtigen, aber Korrupten verfolgt werden. Die treibende Kraft des Melodrams ist der Bösewicht. Er kann als Verbrecher im strafrechtlichen Sinn oder als arroganter Neureicher, als dekadenter Aristokrat, unterdrückender Fabrikbesitzer oder politischer Extremist dargestellt werden. Am Ende siegen fast immer die sympathischen Charaktere, und das Böse wird bestraft. Auch wenn die Heldin oder der Held physisch unterliegen, werden sie als bessere Charaktere und ideelle Sieger gezeigt. Ohne allgemein gültige Regeln, die bestätigt oder überwunden werden, kann sich kein melodramatischer Konflikt entwickeln.
Das Streben nach Glück wird als ein persönlicher, nicht übertragbarer Prozess geschildert und spielt sich zumeist in einer ausgesprochen "normalen" Umgebung ab, die sich wirkungsvoll von einer Halbwelt oder Unterwelt unterscheidet. Die Bedrohung einer/eines hilflosen Unschuldigen als dramatischer Ausgangspunkt ruft vier Hauptcharaktere auf den Plan: den Helden und die Heldin, einen Verbündeten, der ihnen assistiert, und den Bösewicht, gegen den sie antreten.
Anstelle von tragischer Unvermeidbarkeit nutzt das Melodram Zufall und Überraschung, um die Handlung durchgängig spannend zu gestalten. Für erschütternde Effekte und kraftvolle emotionale Schocks werden Handlungshöhepunkte aufgebaut. Konfrontation, Verfolgung und Flucht dienen zur Steigerung.
Der französische Dramaturg René Guilbert de Pixérécourt gilt als erster, der dieses Genre populär machte. Am Pariser Boulevard du Temple gab es riesige Theatergebäude, in denen ausschließlich Melodramen zur Aufführung gelangten. Am französischen Melodram orientierten sich auch zahlreiche deutsche Bühnenschriftsteller wie August von Kotzebue und später Charlotte Birch-Pfeiffer oder Karl von Holtei. Im englischen Sprachgebiet konnte sich das Melodrama als akzeptierte dramatische Gattung entfalten, während es in der deutschen Theaterlandschaft trotz seiner Beliebtheit in einem Tabubereich verblieb. Eng ist die Verbindung des Melodrams mit der längst untergegangenen Zirkuspantomime.
Indem das “Bastardgenre” oder “genre larmoyant”, wie es schon damals verächtlich genannt wurde, sich stärker für die emotionalen Leiden und individuelle Wege zur Glückserfüllung des einzelnen (bürgerlichen) Individuums interessierte, wurde Abstand genommen von der Weltsicht der aristokratischen Tragödie, nach der der Mensch allein dem fremdbestimmten Schicksal oder dem göttlichem Willen ausgeliefert sei. Zudem kann es auch als Abgrenzung einer selbstbewussten aufstrebenden Mittelschicht gegenüber dem entstehenden Proletariat verstanden werden. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs trug es zu einer neuen Ordnung bei, in der Gesetz oder Polizei nicht als Mittel zur Unterdrückung, sondern als etwas Gemeinnütziges gelten sollten. Arbeitseifer, Mut und Redlichkeit als Ideale einer bürgerlichen Ethik wurden fortan ins Zentrum gestellt. So entwickelte sich das Melodram zu einer Kulturform des Bürgertums, in der die Adeligen und der Klerus, aber auch das Proletariat kritisiert wurden.
Eine Spielart des Melodrams auf der Opernbühne war die Verismo-Oper.
Im 20. Jahrhundert wurden die Stilmittel des Melodrams vom Film übernommen und weiterentwickelt. Heute gibt es das Bühnenmelodram so gut wie nicht mehr, da sich die populäre Unterhaltung auf andere Medien verschoben hat.
Konsequenterweise wird das absolute Glück im klassischen Melodrama von der Mitte der Gesellschaft aus definiert, nicht von ihren Randbereichen. Es kann noch an der Außengrenze, aber nicht jenseits dieser Konventionen liegen, die so lange beschworen werden, bis die Moral sich durchgesetzt hat. Das Melodram kann deshalb keine Geschichte wiedergeben, die nur unter gesellschaftlichen Außenseitern spielt. Trotzdem macht sich das Melodram nicht zwangsläufig den moralischen Konsens zu eigen: Die Parteinahme, in die der Zuschauer gedrängt wird, geschieht immer zugunsten der Liebenden, woraus sich sowohl Gesellschaftskritik als auch moralischer Konformismus entwickeln können. Ob das Melodram eine subversive oder eskapistische Funktion übernimmt, hängt nach Thomas Elsaesser von der Betonung entweder der “Odyssee des Leidens” oder des “Happy-Ends” ab. Die Moral übernimmt eine übergreifende Zuständigkeit, indem sie den Helden Grenzen aufzeigt und sie dadurch an sich bindet. Das Melodrama bezeichnet darum nicht nur eine ästhetische Praxis, sondern auch eine Art, der Welt Fragen zu stellen und in bezug auf seine Helden Antworten zu finden.
Drama | Theatergeschichte | Theater | Filmgenre
Melodrama | Melodrama | Melodrama | Melodraama | Mélodrame | מלודרמה | Melodramma | メロドラマ | Melodramat | Мелодрама | Melodrama | Мелодрама
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Melodram (Theater)".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world