Der Masoretische Text (auch massoretisch, von masorah, hebr. für Tradition) ist ein hebräischer Text des Tanach (Altes Testament der Bibel). Dieser Text wurde aus heute nicht mehr bekannten Quellen gegen Ende des 1. nachchristlichen Jahrhunderts zusammengestellt. Die ältesten erhaltenen Handschriften stammen aus dem 9. Jahrhundert. Jedoch deuten ältere Bruchstücke darauf hin, dass der Text seit dem 1. Jahrhundert sehr genau überliefert wurde.
Die Textkritik des Alten Testamentes geht infolge der Entstehungsgeschichte des Masoretischen Textes heute davon aus, dass der Masoretische Text dem zur Zeit des Urchristentums verwendeten Text des Alten Testamentes am nächsten kommt. Nur wo begründete Zweifel an diesem Text bestehen, sollte die betreffende Textstelle zugunsten einer anderen Quelle aufgegeben werden.
Unter den umstrittenen Texten waren die heute deuterokanonische Schriften bzw. Apokryphen genannten Bücher, die in der römisch-katholischen Kirche und den Ostkirchen als inspiriert gelten, sowie das Buch der Sprichwörter, das Buch des Hohen Liedes und das Buch Kohelet. Die letzten drei Bücher wurden wahrscheinlich nur in den Kanon aufgenommen, da sie Salomo zugesprochen wurden, eine heute als unwahrscheinlich geltende These.
Die Kanonisierung des Tanach war etwa um 100 nach Christus, besonders durch das Wirken Rabbi Akibas abgeschlossen. Ein verbindlicher jüdischer Text war unter anderem notwendig geworden, da es mit Vertretern des sich ausbreitenden Christentums immer wieder zu Differenzen in der Lesart und Auslegung der Heiligen Schriften kam. Dazu hatte insbesondere die Verwendung der griechischen Septuaginta durch die Christen und Juden der hellenistischen Welt beigetragen.
Es ist im einzelnen wenig darüber bekannt, nach welchen Kriterien aus den verschiedenen zu jener Zeit existierenden Textversionen ausgewählt wurde. Relativ sicher erscheint, dass Vulgärtexte, also Texte, die eine populäre und vereinfachende Sprache zeigten, zugunsten differenzierter und älterer Textversionen aufgegeben wurden. Aramäische Worte und Passagen wurden durch ursprünglichere hebräische Textversionen ersetzt. Da nach jüdischem Brauch Schriftrollen, die nicht mehr im Gottesdienst verwendet werden konnten, in einer Genisa, d.h. einem eigens dafür geschaffenen Raum, aufbewahrt wurden, haben wichtige Schriftstücke der jüdischen Liturgie und Geschichte ab dem 8. Jahrhundert überlebt.
Seit der Kanonbildung kann man von einem sehr stabilen Konsonantentext ausgehen. Im Umlauf befindliche abweichende Schriften wurden diesem Text in der Folge entweder durch Korrektur angeglichen oder als unbrauchbar verworfen. Dieser Prozess dauerte bis ins 8. Jahrhundert. Mittelalterliche jüdische Handschriften zeigen weitgehend einheitliche Textfassungen.
Höhepunkt dieser Tätigkeiten war die Zeit von etwa 780 - 930, in der die Bewegung der Karäer ihren Einfluss auf das jüdische Geistesleben entfaltete. An dessem Ende standen die Handschriften der Masoretenfamilien Ben Ascher in Tiberias (Palestina) und Ben Naftali. Obwohl die Notationsart der Ben Naftali weiter fortgeschritten erscheint, setzte sich ab dem 12. Jahrhundert die Fassung Ben Aschers durch, die auch von Maimonides favorisiert wurde.
Folgende Aufgaben wurden von den Masoreten in Angriff genommen:
Zur Umsetzung dienten ihnen eine Reihe von Zusätzen, die dem Konsonantentext beigegeben wurden.
Verschiedene Punktationssysteme, die teilweise voneinander abhängen, kamen zum Einsatz:
Letztlich setzte sich das tiberische System durch. Problematisch und teilweise bis heute strittig war die Wahl der Vokale, da die hebräische Sprache zum Zeitpunkt der Vokalisierung bereits hunderte von Jahren von der Sprache des Konsonantentextes entfernt war.
Die Masora enthält Hinweise zur Gestalt des Textes und stellt keine Auslegung des Textes dar. So wird beispielsweise hingewiesen auf:
Die Masora gleicht vielerorts einem ausgefeilten Zahlenspiel. Tatsächlich hatten die so genannten Sopherim zuallererst begonnen, jedes einzelne Wort des Textes zu zählen. Dieses bildete jedoch für die Masoreten eine unverzichtbare Möglichkeit, die Korrektheit ihrer Abschriften zu prüfen. Sie kann damit als früher Vorläufer der in der Informatik verwendeten Prüfsummen angesehen werden.
Der auf 1008 n. Chr. datierte Codex Leningradensis B 19A (auch: Codex Petropolitanus) gilt als älteste vollständig erhaltene Handschrift der Hebräischen Bibel (Tanach). Er stellt eines der besten Beispiele masoretischer Texte dar. Auf ihm basiert die Biblia Hebraica ed. Kittel seit ihrer 3. Auflage sowie die Biblia Hebraica Stuttgartensia. Der Codex wurde als Abschrift eines Textes des Masoreten Aaron ben Mosche ben Ascher identifiziert. Damit ist die Handschrift gemessen an den bedeutendsten Handschriften des griechischen Alten und Neuen Testaments aus dem 4. und 5. Jahrhundert relativ jung. Der älteste hebräische Text, der den Prophetenkanon vollständig enthält, der Codex Cairensis, stammt aus dem Jahr 895 n.Chr.
Der auf etwa 920 datierte Codex von Aleppo wird ebenfalls dem Umfeld Aaron Ben Aschers zugerechnet. Er gilt daher als sehr guter Textzeuge, war jedoch bis 1947 der Wissenschaft nicht zugänglich und ist seit 1947 nicht mehr vollständig.
Ein Vergleich mit der Septuaginta, dem zweiten wichtigen Textzeugen der Hebräischen Bibel, ergibt zahlreiche kleine und einige auch theologisch signifikante Unterschiede.
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