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Martin Heidegger (* 26. September 1889 in Meßkirch; † 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Philosoph, der vor allem durch sein 1927 erschienenes Werk Sein und Zeit der Philosophie des 20. Jahrhunderts entscheidende Impulse gegeben hat.

Leben


Frühe Zeit

Meßkirch Heideggerhaus.jpg, in dem Martin Heidegger aufwuchs]] Heidegger stammte aus einer einfachen Familie und ländlicher Umgebung. Dank finanzieller Unterstützung der katholischen Kirche studierte er in Freiburg im Breisgau zunächst Theologie, später Philosophie. Heidegger promovierte 1913 über Die Lehre vom Urteil im Psychologismus, 1915 schrieb er seine Habilitation bei Heinrich Rickert über Die Bedeutungs- und Kategorienlehre des Duns Scotus. Johannes Duns Scotus war ein spätmittelalterlicher Philosoph, der das „Seiende als Seiendes“ als das höchste abstrakt Erkennbare bezeichnete, das in allen Dingen liege. Heidegger bezog sich in seiner Habilitation tatsächlich aber auf die Schrift Grammatica Speculativa, die später Thomas von Erfurt zugeschrieben wurde. Dennoch lassen sich auch Verbindungen zwischen späteren Gedankengängen Heideggers und solchen des Scotus herstellen. In den folgenden Jahren arbeitete er in Freiburg als Assistent Edmund Husserls und wurde Anhänger der von diesem begründeten Phänomenologie. Um eine außerordentliche Professur in Marburg erhalten zu können, erstellte Heidegger 1922 für Paul Natorp die Skizze eines Aristoteles-Buches, den sogenannten Natorp-Bericht. Nach der außerordentlichen Professur in Marburg von 1923 bis 1927 wurde Heidegger 1928 in Freiburg Nachfolger auf Husserls Lehrstuhl. 1927 erschien sein Aufsehen erregendes Werk Sein und Zeit. Daneben sorgten seine Vorlesungen sowie ein öffentliches Streitgespräch mit dem Neukantianer Ernst Cassirer für die Bekanntheit Heideggers (veröffentlicht im Anhang seines Buches Kant oder das Problem der Metaphysik).

1925/26 verband ihn eine enge leidenschaftliche, von seiner Seite aus heimliche, Liebesbeziehung zu seiner 19jährigen Studentin Hannah Arendt. Während seine Briefe an Arendt und Notizen von ihr zu dieser Beziehung in ihrem Nachlass gefunden wurden, vernichtete Heidegger Arendts Briefe. Aus seinen frühen Briefen geht hervor, welche Vorstellung er von einer, an einer Universität ausgebildeten Frau hatte: „Männliches Fragen lerne Ehrfurcht an schlichter Hingabe; einseitige Beschäftigung lerne Weltweite an der ursprünglichen Ganzheit fraulichen Seins.“ (Heidegger an Arendt, 21.II.25) Am 24. April desselben Jahres schreibt er: „Zerrissenheit und Verzweiflung vermag nie so etwas zu zeitigen wie deine dienende Liebe in meiner Arbeit.“

Nationalsozialismus

In einem Brief an Hannah Arendt, datiert 1932/33 (Arendt/Heidegger Briefe, S. 68), wehrt sich Heidegger gegen Gerüchte über seine Einstellung zu Juden: „Die Gerüchte, die dich beunruhigen, sind Verleumdungen und üble Nachrede Friedländer[http://www.catalogus-professorum-halensis.de/friedlaenderpaul.html" target="_blank" >* fand. Das hat mit persönlichen Beziehungen zu Juden, (z.B. Husserl, Misch, Cassirer und anderen nichts zu tun. Und erst recht kann es nicht das Verhältnis zu Dir berühren.“

Heidegger trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei und wurde am 10. Mai 1933 Rektor der Universität Freiburg. Seine Rektorratsrede war pointiert nationalsozialistisch und hat bis heute viel Aufsehen erregt. Bereits im Februar 1934 trat er als Rektor wieder zurück und widmete sich nur noch der Lehre und Forschung. Heideggers Verhältnis zum nationalsozialistischen Regime ist zweideutig: So untersagte er zwar als Rektor Bücherverbrennungen an der Universität, andererseits unternahm er nichts, um die zunehmenden antisemitischen Ressentiments an der Universität einzudämmen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es für Professoren keinen Zwang zur Parteimitgliedschaft gab, während andere Beamte zum Eintritt in die NSDAP verpflichtet waren. Heidegger äußerte sich nie ausführlich oder eindeutig über seine Parteimitgliedschaft während des Dritten Reichs. In einem Brief an Karl Jaspers Anfang 1950 drückte er seine Scham darüber aus, dass er die Beziehungen während der Zeit des Nationalsozialismus abgebrochen habe. (Heidegger/Jaspers. Briefwechsel, Brief 141)

In einem viel beachteten Interview mit dem Spiegel, das auf Heideggers Wunsch erst nach seinem Tod im Mai 1976 veröffentlicht wurde, bejahte er ausdrücklich die Richtung des Nationalsozialismus, kritisierte aber dessen Unbedarftheit: „Ich sehe gerade die Aufgabe des Denkens darin, in seinen Grenzen mitzuhelfen, dass der Mensch überhaupt erst ein zureichendes Wesen der Technik erlangt. Der Nationalsozialismus ist zwar in die Richtung gegangen; diese Leute aber waren viel zu unbedarft im Denken, um ein wirklich explizites Verhältnis zu dem zu gewinnen, was heute geschieht und seit drei Jahrhunderten unterwegs ist.“

Zur systematischen Vernichtung der europäischen Juden hat Heidegger nach dem Krieg nur einen einzigen Satz gefunden. Ackerbau sei jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, „im Wesen dasselbe“ wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, dasselbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, dasselbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben. (1. Dezember 1949)

Das Fehlen einer antisemitischen Haltung attestiert ihm Rüdiger Safranski R. Safranski, "Ein Meister aus Deutschland", siehe Literatur, betont aber seine zeitweilige offensichtliche pro-nationalsozialistische Haltung. Eine Ursache dafür könnte darin liegen, dass Heidegger seinen Anspruch, die Philosophie von Grund auf zu erneuern, Parallelen im ähnlich revolutionären Anspruch der Nationalsozialisten hat.

Widersprüchliche Aussagen gibt es bezüglich Heideggers Verhalten gegenüber Husserl in den 1930er Jahren; Heidegger selbst sprach hier von rein philosophischen Streitigkeiten und gestand gegenüber Husserls Ehefrau Malvine Husserl „menschliches Versagen“ ein. Als Heideggers Hauptwerk: Sein und Zeit 1941 neu aufgelegt wurde, fehlte die Widmung für Edmund Husserl. Ein möglicher Grund dafür ist, dass es wohl mit der Widmung an den Juden Edmund Husserl im nationalsozialistischen Deutschland nicht erneut aufgelegt hätte werden können.

Heideggers Mitgliedschaft in der NSDAP und seine Weigerung, zum Holocaust Stellung zu nehmen belastete seine Freundschaften u.a. mit Karl Jaspers,Karl Löwith, Hans Jonas, Paul Celan und Hannah Arendt. Arendt nahm 1950 wieder brieflichen und persönlichen Kontakt auf, der erneut mit Unterbrechungen erst mit ihrem Tod endete.

Noch 1953 ließ Heidegger über den Nationalsozialismus (im Druck der „Einführung in die Metaphysik“, einer 1935 gehaltenen Vorlesung) die Phrase von der „inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung“ erscheinen. Die Rezeption von Heideggers Werken war nach dem Krieg schwer belastet durch seine nationalsozialistische Vergangenheit und seine mangelnde Einsicht.

1987 flammte mit der Veröffentlichung des Buches „Heidegger et le nazisme“ von Victor Farías eine neue, bis heute nicht abgeschlossene Diskussion auf. Farías veröffentlichte u.a. Mitschriften von Vorlesungen, die eindeutig nationalsozialistisches Gedankengut enthalten. Dabei ist zu bedenken, dass es sich nicht um autorisierte Veröffentlichungen handelt.

Während die Frage, ob Heidegger - wenigstens zeitweise - ein Nationalsozialist war, weitgehend bejaht wird, ist die andere Frage, ob sein Denken vom Faschismus beeinflusst ist, umstritten.

Prominente Positionen vertreten u.a. Jürgen Habermas, der im Werk vor 1933 eher Potentiale des Widerstands sieht, oder Derrida, der die Schriften nach 1945 aufgrund ihrer radikalen Lösung von der traditionellen Metaphysik für antifaschistisch hält, ansonsten aber Heidegger auch harsch kritisiert, nicht ohne die Notwendigkeit zu betonen, ihn zu lesen. Hannah Arendt hielt Heidegger neben Jaspers für den größten zeitgenössischen Philosophen, attestierte ihm jedoch 1949 in einem Brief an Jaspers Charakterlosigkeit, in dem Sinne, „daß er buchstäblich keinen hat, bestimmt auch keinen besonders schlechten.“ (Arendt/Jaspers. Briefwechsel. B. 29.09.1949)

Heidegger selbst schrieb: „Wer groß denkt, irrt groß“.

Späte Jahre

Im Rahmen der Entnazifizierung wurde Heidegger von der französischen Besatzungskommandantur, basierend auf einem brieflichen Gutachten von Karl Jaspers, welches Forschungsmöglichkeiten forderte, ein Lehrverbot ausgesprochen. 1951 erfolgte die Emeritierung in Freiburg. In den folgenden Jahren arbeitete und veröffentlichte er weiter, daneben hielt er vor allem Vorträge, oft in privaten Kreisen. Neben dem erwähnten Spiegel-Interview gab er auch vereinzelt Fernsehinterviews. Bedeutsam für ihn war noch eine Reise nach Griechenland. Am 26. Mai 1976 starb Heidegger in Freiburg, beigesetzt wurde er am 28.Mai 1976 in seinem Geburtsort Meßkirch.

Philosophie


Heideggers Werk ist seit den Vorarbeiten zu Sein und Zeit explizit bestimmt von einem Thema, das er Seinsfrage oder Frage nach dem Sinn von Sein nennt. Damit meint er die Bedeutungsklärung des Wortes „Sein“: was meinen wir, wenn wir sagen, etwas „ist“? Wie lässt sich erklären, wodurch etwas ist (und nicht vielmehr nicht ist)? Heidegger zufolge hat dieses Problem eine Dimension, die in der bisherigen Philosophiegeschichte nie zureichend in den Blick gekommen sei. Dies betreffe die gesamte Geschichte der Ontologie (der Lehre vom Sein), auch Aristoteles, der in seiner "Metaphysik" zwar eine Systematisierung und Kategorisierung verschiedener Weisen gibt, wie wir von "Sein" sprechen. Aristoteles unterschied beispielsweise Substanz und Akzidenz: erstere ist unabhängig (ein "Träger" von Eigenschaften), letztere hat nur abhängiges Sein (Eigenschaften, die einen "Träger" benötigen). Die aristotelischen Analysen beziehen sich nach Heidegger nur auf regionale Differenzen von Seiendem, nicht aber darauf, was es überhaupt heißt, zu sein. Eine Klärung der letzteren Frage könnte erst die Vielheit der Bedeutungen von "Sein" verständlich machen.

Bereits in Heideggers "Phänomenologischen Interpretationen zu Aristoteles Ontologie und Logik" (sogenannter Natorp-Bericht) findet sich ein mit der "Seinsfrage" zusammenhängender Gedanke, dessen Intention Heidegger die "Destruktion" philosophischer Ideen nennt. Methodisch geht es dabei darum, zu "ursprünglichen Motivquellen der Explikation" vorzudringen. Jacques Derrida wird diesen Gedanken modifiziert aufnehmen und seine eigene Methodologie als Dekonstruktion bezeichnen.

Heideggers Denken führt die phänomenologische Methode seines Lehrers Edmund Husserl umdeutend weiter. Der frühe Heidegger nennt sein in „Sein und Zeit“ (1927) in Teilen ausgearbeites Unternehmen Existentialontologie. Der Zugang zur Seinsfrage wird in einer Strukturanalyse bewussten Selbst- und Weltverhältnisses versucht. Heidegger unterscheidet verschiedene Weisen des Seins: Dinge sind für mich zu Zwecken verwendbar, zuhanden und in Abstraktion von diesem zweckhaften Charakter bloß vorhanden, Menschen sind "da", ihre (oder genauer: je meine) Seinsweise nennt er Dasein. Diese Umstellung von einer allgemeinen Kategorie „Mensch“ auf die erste Person bricht mit Traditionen philosophischer Anthropologie und unterscheidet sich auch von den ungefähr zeitgleichen sozialphänomenologischen Entwürfen George Herbert Meads, Helmuth Plessners oder Alfred Schütz′. Diese Vorentscheidung ist folgenschwer.

Philosophiegeschichtlich führt Heidegger die individualistische Hegel-Kritik Kierkegaards weiter sowie Nietzsches radikalen Angriff auf die klassische Metaphysik. Zentrale Gedanken von "Sein und Zeit" sind allerdings eine Aufnahme und Umdeutung aristotelischer Begriffe. Im zentralen Begriff des Seinsverständnisses etwa lässt sich eine auf die Seinsfrage hin neu ausgerichtete, ontologisierte Abwandlung der dianoetischen Tugend der phronesis aus Aristoteles' Nikomachischer Ethik entdecken.

Die Absicht Heideggers in Sein und Zeit ist es, zur Seinsfrage zu gelangen, indem er die Zeit als transzendentalen Horizont der Frage nach dem Sein anvisiert. Jedoch gelangt das Fragment gebliebene Werk „Sein und Zeit“ nicht bis zu diesem Punkt. Das überlieferte Stück des Werkes beschränkt sich auf die ontologische Analyse des Daseins, die Freilegung der „Sorge“ als Sein des Daseins und die Herausstellung der "Zeitlichkeit" als Sinn dieser „Sorge“. Siehe hierzu den Hauptartikel: Sein und Zeit

Die Entwicklung seines Denkens im Anschluss an „Sein und Zeit“ führt Heidegger ab Mitte der 30-er Jahre in die sogenannte „Kehre“. Heidegger meinte erkannt zu haben, dass sein früheres Philosophieren und dessen Darstellung noch zu sehr der Tradition verhaftet geblieben war, um dem Sein angemessen zu ent-sprechen. Auch der späte Heidegger gibt die phänomenologische Methode Husserls (Maxime: „Zu den Sachen selbst!“) nicht auf, er thematisiert sie jedoch nicht mehr explizit und hat die an Kant angelehnte transzendentale Blickbahn Husserls als ungeeignet verabschiedet, in rechter Weise in das Stellen der Seinsfrage hineinzugelangen. Nach der Kehre führt Heideggers Denken weg von jeder „wissenschaftlichen“ Methodik hin zu einer Besinnung auf das „Sein als solches“ und die „Seinsgeschichte“.

Der späte Heidegger greift auf die ursprünglicheren Quellen der Vorsokratiker zurück, um in einem „Wirbel ursprünglicher Fragen“ noch hinter die logischen und metaphysischen Unterscheidungen, besonders die von Subjekt und Objekt oder von Geist und Körper zurückzugehen. Während in den früheren Schriften dem einzelnen Menschen („Dasein“) eine gleichgewichtige Rolle neben dem Sein zugesprochen wurde, verlagert Heidegger nun das „Menschenwesen“ in ein Geschehen, das aus den vier Momenten „Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen“ als „Geviert“ besteht. Dieses Motiv entfaltet Heidegger auch in der Auseinandersetzung („Erörterung“) besonders vorsokratischer Aphorismen sowie einiger Dichtungen von Stefan George, Georg Trakl und vor allem Friedrich Hölderlin. Aus diesen Erörterungen entsteht Heideggers späte Sprachphilosophie, in der die Sprache „das Haus des Seins“ ist.

Die Wende zur Sprachphilosophie ist eine konsequente Fortsetzung des Motivs einer Destruktion der Philosophiegeschichte, um zu einem ursprünglichen und unverstellten Verständnis des „Seins“ zu gelangen. Die bildliche und an dichterischer Sprache orientierte Ausdrucksweise Heideggers in seinem späten Denken ist ein Versuch, diese Ursprünglichkeitserfahrung sprachlich zu fassen, ohne in die begrifflichen Vorentscheidungen der philosophischen und wissenschaftlichen Tradition zurückzufallen.

Heidegger verwahrt sich gegen die Bezeichnung „Existenzphilosophie“ für sein Denken, gerade von ihm gehen aber die wichtigsten Impulse für diese Richtung der Philosophie aus. Zur Abgrenzung von dieser Philosophierichtung spricht er vom "Seins-Denken": Das Wesen des Menschen ist „Ek-sistenz“, das heißt „Aus-stand“ ins "Sein", und nur von der ursprünglichen Erfahrung des "Seins" her zu verstehen.

Wirkung und Rezeption


Wichtige Impulse von Heidegger empfingen der Existentialismus in Frankreich und in Deutschland die gegenwärtige Hermeneutik, die vor allem mit Hans-Georg Gadamer einen zentralen Exponenten fand. Heidegger beeinflusste zahlreiche Philosophen wie Maurice Merleau-Ponty, Jean-Paul Sartre, Emmanuel Lévinas, Jacques Derrida, Hannah Arendt, Gianni Vattimo oder Ernst Tugendhat. Zur „katholischen Heideggerschule“ (Erich Przywara) wurden Gustav Siewerth, Johann Baptist Lotz, Karl Rahner und Max Müller gerechnet. Sein philosophisches Wirken wurde jedoch auch von verschiedensten Seiten verworfen, so zum Beispiel vom Wiener Kreis. Diese Kritik ist vor allem sprachanalytisch und logisch motiviert. Von großer Schärfe sind die Attacken seitens der Frankfurter Schule, besonders Theodor W. Adornos, die das intellektuelle Leben in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts polarisierten. Hier sind es vor allem Fragen, die den Zusammenhang von Philosophie und politischem Engagement betreffen. Heidegger selbst hat diese Angriffe ignoriert.

Ein Hauptverdienst ist Heideggers Entdeckung zweier Zeitskalen. Neben der objektiv messbaren Zeit gibt es eine subjektive Zeit, die ein Jetzt von einem Vorher und einem Nachher unterscheidet. Beide Skalen sind eigenständig und nicht aufeinander zurückführbar. Dieser Gedanke findet auch in der aktuellen Wissenschaftstheorie Beachtung. Freilich steht Heidegger damit in einer Linie mit biologischen Konzepten einer je individuellen Zeit, die schon im 19. Jahrhundert formuliert wurden, so von Karl Ernst von Baer und später von Jakob Johann von Uexküll.

Schwieriger zu beurteilen ist die auffällige Abwesenheit einer Ethik in Heideggers Werk. Manche sehen darin die Ursache seines nazistischen Engagements. Andere aber finden gerade hier einen Hebel, um das europäische (christliche, logozentristische) Herrschaftsdenken zu überwinden, das in der Subjekt - Objekt - Scheidung Gewalttätigkeit ontologisiert hat, gemäß dem biblischen „Macht euch die Erde untertan“.

Heideggers Vorliebe für den Tod fand breite Ablehnung. Schon sein Lehrer Husserl hat widersprochen, und Hannah Arendt entwickelte gegen dessen Konzept der Sterblichkeit das Gegenmodell der „Geburtlichkeit“.

Zum Denkstil Heideggers: er arbeitet stets mit Etymologien, die sich in der Form, die er ihnen gibt, nicht belegen lassen. Manchmal sind sie falsch, nie beweiskräftig, aber für viele Rezipienten berauschend und höchst suggestiv. Auffällig wird dies Literaturwissenschaftlern angesichts der gewagten Deutungen, die Heidegger manchen Gedichten Hölderlins, Trakls, Rilkes und Georges gibt. Daran ist jeweils auszusetzen, dass diese Dichtungen zur Illustration von Heideggers eigener Weltsicht genommen und „umgedeutet“ werden.

"Heidegger, der in Symbolen sprach, hatte mir auf seinem Arbeitstisch, neben dem Bild seiner Mutter, eine schlanke, durchsichtige Vase gezeigt, aus der eine Rose ragte. In seinen Augen drückte diese Rose das Geheimnis des Seienden aus, das Rätsel des Seins."

Jean Guitton, Gott und die Wissenschaft (1993), S. 20.

Schriftliche Quellen


  • Die Martin Heidegger Gesamtausgabe erscheint im Vittorio Klostermann Verlag. Sie ist auf 100 Bände angelegt.
  • Martin Heidegger: Sein und Zeit, EA Niemeyer Halle/Saale 1927
  • Martin Heidegger: Sein und Zeit, 10.Aufl.Niemeyer Tübingen 1993, ISBN 3-484-70122-6
  • Martin Heidegger: Wegmarken, Frankfurt am Main (Klostermann) 2004, ISBN 3-465-03370-1
Martin Heidegger: Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-018250-6
  • Martin Heidegger: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Frankfurt am Main (Klostermann) 2004, ISBN 3-465-03310-8
  • Hannah Arendt / Martin Heidegger. Briefe 1925-1975. Frankfurt a.M. 3. erweiterte Auflage 2002, ISBN 3-465-03206-5
  • Martin Heidegger / Karl Jaspers: Briefwechsel 1920 - 1963. Hrsg. W. Biemel u. H. Saner. Frankfurt a.M. 1990. ISBN 3-465-02218-1
  • Spiegel Interview mit Martin Heidegger: Nur noch ein Gott kann uns retten. Der Spiegel 31. Mai 1976

Übersetzungen

Martin Heidegger: Écrits politiques. 1933-1966. Presentation, traduction et notes par François Fédier. Paris: Éditions Gallimard, 1995. ISBN 2-07-073277-0

Tondokumente


  • Von der Sache des Denkens Vorträge, Reden und ein Interview (5 CDs), Der Hörverlag.
  • Der Satz der Identität 1 CD Klett-Cotta Verlag.
  • Martin Heidegger liest Hölderlin 1 CD Klett-Cotta Verlag.
  • Hölderlins Erde und Himmel 2 CDs Klett-Cotta Verlag.

Literatur


Biographien und Aspekte seines Lebens

  • Heinrich Wiegand Petzet: Auf einen Stern zugehen. Begegnungen und Gespräche mit Martin Heidegger 1929-1976. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag, 1983. ISBN 3-7973-0414-5 (die vom Hause Heidegger sanktionierte, apologetische Biographie).
  • Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland Carl Hanser Verlag, 1994 (Diese Biographie wirft zugleich einige einführende Schlaglichter auf sein Denken.)
  • Hugo Ott: Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie. Campus Verlag, 1992.
  • Victor Farías: Heidegger und der Nationalsozialismus. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1987; aus dem Französischen von Klaus Laermann.
  • Jürg Altwegg (Hrg.): Die Heidegger Kontroverse Athenäum, 1988 (Eine Sammlung kritischer Stellungnahmen zum Farias-Buch)
  • Gruppe Nagel: Heidegger für Barbesucher. Düsseldorf & Bonn: Parerga Verlag, 1997.
  • Günther Anders: Über Heidegger. Hrsg. von Gerhard Oberschlick. Mit einem Nachw. von Dieter Thomä. München: C.H.Beck 2001, ISBN 3-406-48259-7.
  • Hans Dieter Zimmermann: Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht. München: C.H. Beck, 2005, ISBN 3-406-52881-3.
  • Manfred Geier: Martin Heidegger. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2005, ISBN 3-499-50665-3
  • Elsbeth Büchin & Alfred Denker: Martin Heidegger und seine Heimat. Stuttgat: Klett-Cotta Verlag, 2005, ISBN 3-608-94092-8.
  • François Fédier: Soixante-deux Photographies de Martin Heidegger. Paris: Éditions Gallimard, 1999. ISBN 2-07-075534-7
  • François Fédier: Regarder Voir. Paris: Les Belles Lettres / Archimbaud, 1995. ISBN 2-251-44059-3
  • François Fédier: Heidegger. Anatomie d'un scandale, Paris: Robert Laffont, 1988. ISBN 2-221-05658-2
  • Hadrien France-Lanord et Fabrice Midal (textes rassemblés et édités par): "La fête de la pensée - Hommage à François Fédier". Paris: Lettrage Distribution, 2001. ISBN 2-901952-37-2
  • Emmanuel Faye: Heidegger, l'introduction du nazisme dans la philosophie. Paris: Verlag Albin Michel, 2005.

Einführungen in Heideggers Denken

  • Günter Figal: Martin Heidegger zur Einführung. Hamburg: Junius, 1999, 3. Auflage, ISBN 3-88506-308-5.
  • Günter Figal: Martin Heidegger. Phänomenologie der Freiheit. Weinheim: Beltz Athenäum Verlag, 2000, 3. Auflage, ISBN 3-89547-721-4.
  • Thomas Rentsch: Martin Heidegger - Das Sein und der Tod. München 1989.
  • Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, 2003.
  • Friedrich-Wilhelm von Herrmann: Wege ins Ereignis. FaM 1994.
  • Friedrich-Wilhelm v. Herrmann: Subjekt und Dasein. Grundbegriffe von "Sein und Zeit", Frankfurt am Main (Klostermann) 2004, ISBN 3-465-03283-7

Spezielle Aspekte seines Denkens und weiterführende Literatur

  • Rudolf Brandner: Heideggers Begriff der Geschichte und das neuzeitliche Geschichtsdenken, Wien: Passagen Verlag 1994.
  • Dieter Thomä: Die Zeit des Selbst und die Zeit danach. Zur Kritik der Textgeschichte Martin Heideggers 1910-1976. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1990.
  • Otto Pöggeler (Hg.): Heidegger. Perspektiven zur Deutung seines Werkes. Weinheim: Belz-Athenäum: 1994, 3. ergänzte Auflage. ISBN 3-89547-010-4.
  • Heinrich Rombach: Die Grundintention der ontologischen Phänomenologie Martin Heideggers; in: ders.: Phänomenologie des gegenwärtigen Bewußtseins. Freiburg & München 1980, S.73-170.
  • Heinrich Rombach: Philosophische Zeitkritik heute. Der gegenwärtige Umbruch im Licht der Fundamentalgeschichte (1984), wiederabgedruckt in: ders.: Die Welt als lebendige Struktur. Probleme und Lösungen der Strukturontologie: Freiburg i.Br. (Reihe Philosophie Bd. 5) 2003.
  • Hermann Schweppenhäuser: Studien über die Heideggersche Sprachtheorie. München: edition text + kritik, 1988.
  • Jean-Francois Lyotard: Heidegger und "die Juden" Wien: Passagen Verlag 1988. ISBN 3-900767-11-4
  • Jacques Derrida: Vom Geist. Heidegger und die Frage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1988.
  • Jacques Derrida: Geschlecht (Heidegger), Wien: Passagen Verlag 2005.
  • Karl Kardinal Lehmann: Vom Ursprung und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers. Freiburg 1962 (Dissertation); Mainz 2003, ISBN 3-934450-12-1.
  • Gisbert Hoffmann: Heideggers Phänomenologie. Bewusstsein - Reflexion - Selbst (Ich) und Zeit im Frühwerk. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005, ISBN 3-8260-3144-X

Weblinks


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