Mit Marschall (von Althochdeutsch marahscalc, Marschall, Stallmeister oder Pferdeknecht, zusammengesetzt aus marah, Mähre und scalc Schalk, Diener) wird heute einer der höchsten oder der höchste militärische Dienstgrad bezeichnet.
In den USA bezeichnet man mit Marschall (United States Marshal) auch eine Funktion im Rechtssystem. Der militärischen Marschallsfunktion entspricht dort der General of the Army und General of the Air Force (Fünfsternegeneral), nicht zu verwechseln mit Armeegeneral (Viersternegeneral).
Symbol des Ranges ist der Marschallsstab, der formal mitverliehen wird.
Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte das Amt des Erzmarschalls zu den vier Erzämtern, die mit der weltlichen Kurfürstenwürde verbunden waren. So war der Kurfürst von Sachsen der Erzmarschall des römisch-deutschen Kaisers. All dies waren aber reine Ehrentitel. Die mit den Ämtern verbundenen, tatsächlichen Aufgaben nahmen stellvertretend für die Kurfürsten die Inhaber der sogenannten Reichserbämter wahr. Der Erzmarschall war zuständig für das Schwerttragen am Königshof und er übernahm in der Übergangsphase während einer Königswahl zusammen mit dem Pfalzgrafen bei Rhein (Erztruchseß) kommissarisch die Führung des Reiches. Der Titel Erzmarschall wurde durch die Goldene Bulle 1356 als Kurwürde an die Herzöge von Sachsen verliehen.
Geschichtliche Entwicklung
Der Marschall war im
Mittelalter eines der vier bzw. fünf alten
Hofämter, zunächst im wesentlichen
Stallmeister. Aus der Oberaufsicht über die Pferde und damit über das berittene Gefolge entstand einerseits mit dem Aufkommen der
Ritterheere der Oberbefehl des Marschalls im Kriege und die Führung der Ritterschaft bzw. der Landstände, andererseits eine Oberaufsicht über das gesamte Hofwesen, was endlich dazu führte, dass der Marschall die Obliegenheiten des
Truchsess,
Mundschenks und
Küchenmeisters übernahm.
Vor allem war er auch Reisemarschall und hatte für die Gäste zu sorgen. In den meisten deutschen Territorien wurden im späteren Mittelalter diese Funktionen auf verschiedene Beamte verteilt:
- Oberbefehlshaber wurde der Feldmarschall,
- die Leitung der Hofgeschäfte und die Gerichtsbarkeit erhielt ein Hofmarschall.
- In dieser Funktion stand er auch dem Hofgericht vor. Die landesherrlichen Hofgerichte in Deutschland entstanden teils aus dem vom Landesherrn als Grafen persönlich geleiteten Landgericht, teils aus den Landtagen und Hoftagen. Sie hatten vielfach ständischen Charakter, waren mit adligen Schöffen besetzt und wurden vom Marschall präsidiert.Sie waren vor allem zuständig für Lehnssachen und für Personen ritterlichen Standes.
- die ursprüngl. Funktion ein besonderer Stallmeister.
Der „alte“ Marschall, dessen Amt inzwischen meist erblich geworden war, behielt, außer dass er bei Krönungen usw. noch die alten Dienste tat, in einigen Territorien nur noch den Vorsitz der Landstände bzw. des Landtags.
Später – seit dem 16. Jahrhundert – war Marschall allgemeiner Titel der Oberbefehlshaber eines Heeres.
Der Erzmarschall war eines der Erzämter des Heiligen Römischen Reiches und war mit einer Kurfürstenwürde verbunden, Inhaber war der Herzog von Sachsen. Bei offiziellen Anlässen wurde aber ein Stellvertreter entsandt, dies war der Erbmarschall. Er trug dem neu gewählten römisch-deutschen König das Reichsschwert voran und hatte auch beim anschließenden Krönungsmahl eine symbolische Funktion.
Johann Wolfgang Goethe der am 3. April 1764 Augenzeuge der Krönung Josephs II. zum römisch-deutschen König in Frankfurt war, erwähnt dazu in Dichtung und Wahrheit I,5
- Vor allen schwang sich (...) der schöne schlanke Erbmarschall auf sein Roß; er hatte das Schwert abgelegt, in seiner Rechten hielt er ein silbernes gehenkeltes Gemäß, und ein Streichblech in der Linken, so ritt er in den Schranken auf den großen Haferhaufen zu, sprengte hinein, schöpfte das Gefäß übervoll, strich es ab und trug es mit großem Anstande wieder zurück. Der kaiserliche Marstall war nunmehr versorgt.
Später wurde der Titel eines Marschalls fast nur noch als Ehrentitel für verschiedende Gelegenheiten verliehen. Gutes Beispiel hierfür ist Prinz Philip Battenberg, der Mann der englischen Königin Elisabeth II. Er ist -ehrenhalber- Marschall der Royal Air Force, Feld – Marschall der British Army, Feld – Marschall der Australian Military Forces und Marschall der New Zealand Army. Mit diesem nicht unbedingt militärischen Titel wurden aber auch häufig erfolgreiche militärische Führer geehrt. Am bekanntesten hierbei sind der Marschall von Frankreich und die Verleihung des Titels Reichsmarschall an Hermann Göring durch Adolf Hitler. Weitere Beispiel sind der folgenden Liste zu entnehmen.
Marschälle in verschiedenen Ländern
Im Laufe der Zeit hat sich der Titel des Marschalls von einem höfischen Amtstitel hin zu einem militärischen und Ehrentitel entwickelt, dessen Vergabe kaum mehr mit dessen ursprünglichen Inhalt zu tun hat. Die folgende Übersicht gibt einen Überblick darüber wie dieser Titel in verschiedenen Ländern der Welt verwendet wird bzw. wurde.
Brasilien
In
Brasilien war Marschall
Manuel Deodoro da Fonseca 1889 zum Gründer der Republik geworden, sein Nachfolger wurde Marschall
Floriano Vieira Peixoto (* 1839,† 1895). Weitere Marschälle waren Verteidigungsminister Odílio Denys oder die Präsidenten
Eurico Gaspar Dutra und
Humberto Castelo Branco (1964–67). Der Rang entspricht jedoch etwa nur dem Armeegeneral oder Generaloberst.
Großbritannien
In
Großbritannien,
Australien und
Kanada wird der Dienstgrad Marschall in der
Royal Air Force anstelle des Dienstgrades
General verwendet (
Luftmarschall). Die vier höchsten Dienstgrade lauten (wobei der erste und höchste in Friedenszeiten abgeschafft wurde):
- Marshal of the Royal Air Force
- Air Chief Marshal
- Air Marshal
- Air Vice Marshal
Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es den Rang eines Field Marshal auch in der British Army, dem Heer. Bekannte britische Feldmarschälle waren:
- Arthur Wellesley, 1. Herzog von Wellington
- Fitzroy Somerset, 1. Baron Raglan
- Colin Campbell, 1. Baron Clyde
- Robert Cornelis Napier, 1. Baron Napier von Magdala
- Frederick Sleigh Roberts, 1. Earl Roberts
- Evelyn Wood
- Horatio Herbert Kitchener, 1. Earl Kitchener of Khartoum
- Garnet Joseph Wolseley , 1. Viscount Wolseley of Cairo
- Frederick Rudolf Lambart, 10. Earl of Cavan
- Philip Walhouse Chetwode, 1. Baron Chetwode
- Bernard Law Montgomery, 1. Viscount Montgomery of Alamein
Heute wird dieser Rang in der britischen Armee nur noch ehrenhalber verwendet, eine Beförderung findet nicht mehr statt.
Englische Seite mit der Liste der Britischen Marschalle
Nur als
Generalfeldmarschall:
In der Reichswehr 1920–1935 gab es diesen Dienstgrad nicht. Die Wehrmacht kannte 1938–45 nur Generalfeldmarschälle. In der heutigen Bundeswehr (seit 1955) wird dieser Dienstgrad ebenfalls nicht verwendet.
Weitere Einzelheiten siehe: Generalfeldmarschall und Reichsmarschall
Marschall der DDR
Der Dienstgrad
Marschall der DDR wurde in der
Nationalen Volksarmee am
25. März 1982 (ebenso wie der Dienstgrad
Flottenadmiral parallel zum Dienstgrad
Armeegeneral) eingeführt. Zur Ernennung zum Marschall der DDR wäre es aber nur im Verteidigungsfall oder bei besonderer militärischer Leistungen auf Beschluss des
Staatsrats der DDR durch dessen Vorsitzenden gekommen. Dieser Dienstgrad wäre somit der höchste der DDR gewesen.
Der Dienstgrad Marschall der DDR wurde nie verliehen. Dieser war aber vorgesehen für den verstorbenen Minister für Nationale Verteidigung der DDR, Armeegeneral Heinz Hoffmann. Die posthume Verleihung wurde aber nie vollzogen.
Verteidigungsminister Theodor Hoffmann schaffte 1989 die Dienstgrade Flottenadmiral und Marschall der DDR wieder ab, er selbst war nur Vizedamiral und wurde bei seiner Ernennung zugleich zum Admiral (unterhalb des Flottenadmirals parallel zum Generaloberst) befördert.
Kaiserreich Österreich, Österreich-Ungarn
Im
Kaiserreich Österreich (bis 1867) und in
Österreich-Ungarn (bis 1918) wurde die Bezeichnung
k.u.k. Feldmarschall verwendet.
Weitere Informationen siehe: Feldmarschall
Marschall von Finnland
Am
4. Juni 1942 wurde
Carl Gustaf Emil Mannerheim der Ehrentitel des Marschalls von
Finnland zu seinem 75. Geburtstag verliehen. Zuvor wurde er am
19. Mai 1933 zum
Feldmarschall ernannt. Dies erfolgte im Zusammenhang mit dem 15. Erinnerungsjahr der Beendigung des Krieges für die Unabhängigkeit von Sowjet-Russland im Jahre
1918.
Marschall von Frankreich
Der Rang
Marschall von Frankreich, frz.
Maréchal de France, wurde um
1190 von
Philipp II. für
Albéric Clément geschaffen.
Weitere Einzelheiten siehe: Fünfsternegeneral, Marschall von Frankreich und Ferdinand Foch
Marschall des Irak
Angesichts zahlreicher Militärputsche in der Geschichte des Irak seit den 1930er Jahren und rivalisierender Autoritätsansprüche erschien es Staatspräsident Aref bei seinem Machtantritt notwendig, sich durch einen übergeordneten Dienstgrad der Loyalität des Militärs zu versichern. Er selbst hatte zusammen mit General
Abd al-Karim Qasim 1958 geputscht, war von diesem zum Oberst ernannt worden und hatte dann aber als solcher zunächst vergeblich gegen Kassim geputscht.
1963 gelang schließlich der Sturz Kassims mit Hilfe anderer Militärs, z. B. des baathistischen Majors Ahmad Hasan al-Bakr. der nun ebenfalls zum Obersten bzw. General aufrückte. Arefs Marschallsrang sollte den Vorrang vor beiden herausstellen und wurde in dieser Tradition auch von Bakr übernommen, als er 1968 Aref stürzte. Diese Erhöhungen wurden von der irakischen Armee anerkannt, da beide Amtsinhaber tatsächlich die Militärakademie besucht hatten. Die Selbsternennung von Bakrs Nachfolger und Cousin Saddam Hussein, der keine Offiziersausbildung besaß, jedoch stieß auf Unmut in der Armee. Saddam Hussein ernannt deshalb seinen Cousin, den Offizier bzw. General Ali Hasan al-Madschid ebenfalls zum Feldmarschall und somit zum zweithöchsten Militär des Irak nach sich selbst als Oberbefehlshaber. Seit 2003 gibt es keinen Marschall des Irak mehr.
Der Rang Marschall von Italien, ital.
Maresciallo d'Italia, wurde im
faschistischen Italien bereits vor dem Zweiten Weltkrieg verwendet.
Bekannte Italienische Marschälle:
Es gab auch den Rang eines Maresciallo dell'Aria (Luftmarschall – dieser Titel wurde General Italo Balbo 1933 von Mussolini verliehen) und den des Grande Ammiraglio (Großadmiral).
Heute wird dieser höchste Rang in der italienischen Armee nicht mehr verwendet. Armee und Luftwaffe Portugals aber kennen einen Marschallsrang bis heute, er entspricht dort aber mit vier Sternen nur dem Armeegeneral bzw. Luftmarschall.
Marschall von Jugoslawien
Jugoslawien kannte nur einen einzigen „Marschall von Jugoslawien“:
Josip Broz Tito. Wann und wie Tito allerdings Marschall wurde, ist unklar. Offenbar nahm er im November 1943 den Titel einfach an (anderen Angaben zufolge wurde er ihm bereits im November 1942 auf einem Kongress seiner Partisanen verliehen), die Alliierten aber anerkannten schon 1944 seinen Rang, den der neu gegründete jugoslawische Staat, dem Tito selbst vorstand, schließlich bestätigte. Nach seinem Tod 1980 wurde der Rang faktisch abgeschafft, Jugoslawien brach nach 1991 auseinander.
Marschall von Paraguay
Marschall von Polen
Diesen Titel trug
Józef Klemens Piłsudski seit dem Jahre
1920 in Ausübung seines Amtes als
Staatspräsident. Bereits
Józef Antoni Poniatowski war 1812 Marschall, allerdings „Marschall von Frankreich“ unter Napoleon, geworden. Mit
Ferdinand Foch wurde 1919 ein weiterer französischer Marschall auch Marschall von Polen. Der Rang existiert noch heute in den polnischen Streitkräften, ist aber zur Zeit nicht besetzt und nur für den Kriegsfall vorgesehen.
Weitere polnische Marschälle:
- Edward Rydz-Śmigły – Oberbefehlshaber der polnischen Armee zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls 1939
- Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski, 1944–49 zunächst „Marschall der Sowjetunion“
Marschall von Rumänien
Im Rumänien führte Ion Antonescu den Marschalltitel von 1940 bis 1944.
Marschall der Sowjetunion
Der Titel Marschall wurde bereits im Zaristischen Russland verwendet. In den dreißiger Jahren wurden einige Generäle des Bürgerkrieges von Josef Stalin zum Marschall der Sowjetunion ernannt, einige jedoch 1937/38 hingerichtet.
1943 wurden die Dienstgrade Marschall und Hauptmarschall der Waffengattung, also z.B. Marschall der Panzertruppen, Hauptmarschall der Luftstreitkräfte eingeführt.
Allgemeine Truppenkommandeure wie Armee- und Frontoberbefehlshaber, der Generalstabschef und seine Stellvertreter, der Verteidigungsminister und seine Stellvertreter wurden vom Generaloberst zum Armeegeneral und danach zum Marschall der Sowjetunion befördert.
Kommandeure von Spezialarmeen, wie z.B. Panzer- und Luftarmeen, Chefs von Waffengattungen in Fronten (Militärbezirken) oder im Verteidigungsministerium wurden vom Generaloberst zum Marschall und Hauptmarschall der Waffengattung befördert.
Der Marschall der Waffengattung war also dem Armeegeneral gleichgestellt
Oberhalb des Marschalls der Sowjetunion wiederum wurde für Kriegszeiten für den Obersten Befehlshaber der Rang des Generalissimus geschaffen. Das war im Zweiten Weltkrieg J.W.Stalin.
Bekannte Marschälle der Sowjetunion:
vor 1941:
nach 1941:
nach 1945:
Hauptmarschälle der Waffengattung:
Marschälle der Waffengattung:
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden 1991 alle noch aktiven Marschälle, Hauptmarschälle, Vizemarschälle usw. pensioniert, das Verteidigungsministerium jedoch blieb weiterhin mit einem Militär besetzt. Armeegeneral Gratschow wurde nicht zum Marschall befördert. Erst für einen seiner Nachfolger, Marschall Igor Sergejew (1997–2001) wurde der Rang einmalig wieder eingeführt *. Inzwischen ist jedoch auch Sergejew pensioniert, zur Zeit gibt es daher keinen „Marschall von Russland“.
Marschall in der Türkei und im Osmanischen Reich
Auch das Sultanat und Kalifat der osmanischen Türken kannte einen Dienstgrad oberhalb der Befelshaber selbständiger Armeen (Armeegeneräle) für einen Oberfeldherrn mit dem höchsten militärischen Rang. Dieser wurde jedoch zunächst nicht Marschall, sondern Muschir (aus dem Arabischen, etwa: Berater, Geheimrat) genannt und entsprach etwa dem Feldmarschall bzw. Feldmarschallleutnant (Vizemarschall) oder Waffenmarschall. Im Ersten Weltkrieg gab es mehrere Muschir an den verschiedenen Fronten. Neben dem Militär gab es den Rang auch in der Zivilverwaltung und entsprach etwa einem Vizeminister bzw. Staatsminister bzw. einem Mitglied des Staatsrates.
Nach Gründung der Republik und Verwestlichung der Türkei unter Kemal Atatürk wurde der Rang in Marschall (Mareşal) umbenannt. Das Parlament verlieh ihm als Oberbefehlshaber der Streitkräfte diesen Dienstgrad als Anerkennung. So stehen Marschälle heute oberhalb des Viersterne-Orgenerals (Armeegeneral) an der Spitze von Heer und Luftwaffe und sitzen im Nationalen Sicherheitsrat etwa wie einst die Muschirun im geheimen Staatsrat.
Literatur
(1) Johann Wolfgang Goethe, Dichtung und Wahrheit, Erster Teil, Fünftes Buch, Schilderung der Krönung Josephs II. zum römisch-deutschen könig
Siehe auch:
Generalsdienstgrad | Historisches Amt
Marshal | Maréchal | Marskalk | Marszałek (stopień wojskowy) | Маршал