Marienverehrung bezeichnet die Verehrung von Maria, der Mutter des Jesus von Nazaret im Christentum, die in den unterschiedlichen Konfessionen eine höchst unterschiedliche Stellung einnimmt.
Bezüglich der immerwährenden Jungfrauenschaft Mariens urteilen die Kirchen der Reformation in ihren Bekenntnisschriften unterschiedlich - die meisten haben jedoch eine ablehnende Haltung eingenommen. Die lutherischen Bekenntnisschriften (BSLK) als verbindliche Lehrgrundlage der lutherischen Kirchen sprechen beispielsweise in der Konkordienformel Artikel 8 (Von der Person Christi S. 1024) wie folgt: „Darum sie (Maria) wahrhaftig Gottesmutter und gleichwohl eine Jungfrau geblieben ist.“ Jedoch ist die Konkordienformel nicht Bestandteil aller lutherischen Kirchen.
Andere reformatorische Kirchen sind der Auffassung, die neutestamentliche Erwähnung von vier Brüdern und wenigstens zwei Schwestern Jesu bedeute, dass Josef und Maria nach der Geburt Jesu Geschlechtsgemeinschaft gehabt und noch gemeinsame Kinder bekommen hätten. (u.a. ((Matthäus 12, 46), (Matthäus 1, 24)). Sie beziehen sich dabei auf das Prinzip Sola scriptura. Die Reformatoren selbst waren allerdings teilweise von der Jungfräulichkeit Marias überzeugt, wobei dies größtenteils auf Ihren theologischen Hintergrund bzw. die Vorprägung in der damaligen Zeit zurückzuführen sein dürfte.
Die katholische Kirche lehrt, dass der Mensch bei der Taufe von der Erbsünde und bei der zweiten Auferstehung am Ende seines Lebens von den Folgen dieser Erbsünde befreit wird und so zu einer vollkommenen Gemeinschaft mit Gott gelangen kann (biblisch: Himmel). Dieses Erlösungswerk habe Gott bei Maria schon im Moment ihrer eigenen Empfängnis im Leib ihrer Mutter Anna (hebr. Hannah) vollzogen. Das heißt, Maria, die Frau, die Gott als Mensch geboren hat, habe zu Lebzeiten an der Erbsünde keinen Anteil gehabt. Diese Auffassung feiert man am 8. Dezember am Fest der unbefleckten Empfängnis oder Empfängnis Mariae (Maria immaculata). Bouguereau The Virgin With Angels.jpg]]
Verwechselt wird diese Thematik fälschlicherweise oft mit der Jungfräulichkeit Mariens bei der Geburt Jesu. Maria selbst hatte einen gewöhnlichen menschlichen Vater, nach der Tradition hieß er Joachim (hebr. Jehojakim).
In der katholischen Kirche nimmt die Verehrung Mariens eine wichtige Rolle ein, die Dogmen der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel und der unbefleckten Empfängnis gibt es ausschließlich in der römisch-katholischen Kirche, auch wenn orthodoxe und syrische Kirchen ähnliche Auffassungen vertreten.
Die Kirche vertritt den Standpunkt, die Mariendogmen seien in ihrem Kern Aussagen zu Jesus Christus. Sie erklärt damit, dass Maria bereits bei Gott vollendet ist, so wie alle Menschen bei Gott vollendet werden sollen. Maria sei quasi der „Prototyp“ des durch Jesus Christus erlösten Menschen.
Maria hat seit dem Konzil von Ephesus 431 deshalb eine Sonderrolle, weil sie Jesus Christus geboren hat („Gottesgebärerin“). Die Verkündigungszene wird häufig auf dem Tabernakel abgebildet: Im Tabernakel ist Jesus Christus, nach katholischer Auffassung, in den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig. Durch die Jungfrau Maria wird Gott in der Gestalt eines Menschen, Jesus Christus, gegenwärtig. Maria wird deshalb in einigen Marienliedern und in der Lauretanischen Litanei als „der Gottheit Tabernakel“ bezeichnet.
Innerhalb der katholischen Kirche, insbesondere in Deutschland, divergieren die Ansichten über dieses Thema zum Teil erheblich: In der Volksfrömmigkeit ist Maria stark präsent, während sich in Intellektuellenkreisen viele mit diesem Thema schwer tun. Zeitgenössische Betrachtungen betonen gern Marias Stärke, wie sie sich vor allem in ihrem Jubellied, dem Magnificat (Lukas 1,46-55), widerspiegelt.
Manche Gruppen tendieren dahin, Maria auf eine Stufe mit Jesus Christus zu stellen, so z.B. die „Marienkinder“. Die katholische Kirche hat solche Tendenzen immer abgelehnt. Im Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ wird Maria als Mutter und Schwester der Glaubenden bezeichnet, die den Weg des Menschen zu Gott bereits gegangen ist. Deshalb kann sie, nach katholischer Auffassung, auch Vorbild sein und um Hilfe auf dem Weg zu Gott angerufen werden. Dem entgegen steht die neutestamentliche Aussage, „dass nur ein Mittler zwischen Gott und den Menschen sei, der Mensch Christus Jesus“ (1. Timotheus 2, 5; auch: „Hebräer-Brief“ in den jeweiligen Kapiteln 8, 9, 12). Maria ist daher nach katholischer Auffassung keine Mittlerin zwischen Gott und Mensch, sondern kann (näher) zu Jesus Christus führen.
Katholische Ausdrucksformen der Marienverehrung sind Marien-Wallfahrtsorte, wie Lourdes, Fátima, Tschenstochau, Kevelaer, ihre Verehrung als Schutzheiliger wie in der Patrona Bavariae, zahlreiche Marienfeste, die Maiandachten, Litaneien, (v.a. die lauretanische Litanei und als zentraler Punkt das Rosenkranzgebet.
Berichte von Marienerscheinungen, auch dort, wo sie von der Kirche nach kritischer Prüfung als echt anerkannt sind, sind nicht Bestandteil des katholischen Glaubens, da nach katholischer Auffassung die Offenbarung mit den Aposteln abgeschlossen ist und solche Privatoffenbarung der Lehre der Kirche nichts hinzufügen. Jeder Katholik ist darum frei, an Marienerscheinungen zu glauben oder nicht.
In jüngerer Zeit gibt es von einigen Gruppierungen in der katholischen Kirche vermehrt Bestrebungen, ein weiteres (und letztes) Mariendogma zu konstituieren: Maria soll als Miterlöserin (Coredemptrix) eine tragende Rolle im Erlösungswerk zugesprochen werden. Das Lehramt hat sich zu dieser Frage nicht geäußert, allerdings hat sich Papst Benedikt XVI. zu seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation privat gegen ein solches Dogma geäußert.
Die Marienverehrung ganz allgemein wurden in den letzten Jahrzehnten sehr befördert, da der verstorbene Papst Johannes Paul II. ein sehr starker Marienverehrer war und dies auch in die kirchliche Lehre hat einfließen lassen. Besonders in der Volksfrömmigkeit wurde dies - teilweise mit offener Begeisterung - angenommen.
In den lutherischen Kirchen spielt die Marienverehrung in der Praxis kaum eine Rolle. Luther wandte sich entschieden gegen die römisch-katholische Vorstellung von Maria als „Himmelskönigin“ sowie gegen landläufige Vorstellungen von Maria als Mittlerin, die Christus erst gnädig stimmen müsse. Hiergegen betonte Luther, dass durch den Opfertod Christi das Erlösungswerk vollkommen ist und keiner Ergänzung bedürfe. Dabei berief er sich auf die Bibel. Christen bräuchten keinerlei Fürsprache und Vermittlung durch Menschen, sei es Maria oder seien es Heilige. Aber Luther hielt auch Marienpredigten und schätzte in seinen Auslegungen (etwa des Magnificats) Maria als Beispiel menschlicher Demut und Reinheit. Darum wird eine gewisse Form von Marienverehrung in manchen lutherischen Kirchen geübt. Maria gilt als Vorbild des Glaubens.
Die Lutherische Kirche kennt traditionell drei Marienfeste (dies gilt zumindest für die SELK), die aber genau genommen Christusfeste sind:
In der Reformierten Kirche akzeptierte Zwingli die Marienverehrung, so weit sie biblisch begründet ist. Calvin lehnte dann jegliche evangelische Marienverehrung ab, da sie immer in der Gefahr sei, zum Götzendienst zu werden. Mit ihm stimmen auch die Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden überein. Maria ist zwar - wie viele andere biblische Personen auch - ein Vorbild des Glaubens und der Hingabe, kann und darf aber nicht im Gebet angerufen werden. Sie wartet (1. Thessalonicher 4,16f) mit allen in Christus Entschlafenen auf den Tag der sichtbaren Wiederkunft Jesu, an dem die verstorbenen und die zu diesem Zeitpunkt lebenden Christen gemeinsam Jesus Christus „entgegen geführt“ werden. Außerdem ist aus freikirchlicher Sicht nach Deuteronomium 18, 10f die Kontaktaufnahme zu Verstorbenen verboten. Das gilt auch im Blick auf Verstorbene, die im Glauben Außergewöhnliches geleistet haben (siehe dazu 1. Samuel 28)
Auch die Zeugen Jehovas und die Siebenten-Tags-Adventisten üben scharfe Kritik an allen Formen der Marienverehrung, lehnen sie als unbiblisch ab und sehen seine Praktizierung als Götzendienst an.
Ein Beispiel für die Unterschiede in der Haltung zur Marienverehrung in katholischer und evangelischer Tradition bietet die zweite Strophe des Weihnachtsliedes „Es ist ein Ros entsprungen“. Das Lied, dessen Ursprung vermutlich in einem Eifeler Kartäuserorden im 15./16. Jahrhundert liegen und dessen erste beide Strophen erstmals bei Frater Conradus, der von 1582-1588 Prokurator der Mainzer Kartause war, bezeugt sind, findet sich heute im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ und im „Evangelischen Gesangbuch“ in zwei Versionen.
Die ursprüngliche Fassung lautet:
In Bezug auf Maria klingt in der im Gotteslob gebotenen Version die gleiche Tendenz an:
Deutlich anders hingegen ist der Text im Evangelischen Gesangbuch, der Michael Praetorius’ im Jahr 1609 veröffentlichter Textfassung im Wesentlichen folgt:
Maria wird in der ursprünglichen Textfassung mit dem Rosenstock (lat.: virga) verglichen, aus dem das Blümlein Jesus hervor ging. Das Besondere dieser Geburt ist, dass die Mutter „reine Magd“ war und auch jungfräulich blieb (lat. für Jungfrau: virgo). Dem Theologen und Musiker Michael Praetorius ist dieser Gedanke ob seines lutherischen Schriftverständnisses fremd, er lehnt ihn ab. Er sieht die Gefahr, dass hier Marienverehrung einziehen könnte. Und so steht das „Röslein“ – im Original statt „Blümlein“ – nicht für Maria, sondern Jesus wird, wenn es auch profanem Denken unlogisch ist, mit Rosenstock und Blume zugleich verglichen. Die Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut fand für dieses Lied einen Kompromiss, der vielleicht die Richtung für eine akzeptable Mittelposition zur Wertschätzung Mariens für zumindest alle westkirchlichen Konfessionen weist:
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