article

Marcellinus Comes († nach 534) war ein spätantiker oströmischer Geschichtsschreiber. Er stammte wie die Kaiser Justin I. und Justinian I. aus dem Illyricum und damit aus einer Region des Oströmischen Reiches, in der Latein noch die Verkehrssprache war. Er diente den beiden genannten Herrschern als hoher Hofbeamter (daher auch der Titel comes) und verfasste um 520 in Konstantinopel eine erste Fassung seiner Chronik, die an die Werke von Eusebius und Hieronymus anknüpfte und in lateinischer Sprache die Ereignisse der Jahre 379 (Thronbesteigung des Theodosius I.) bis 518 (Beginn der Herrschaft Justins) beschrieb. Das Werk ist vollständig erhalten und stellt vor allem für die Geschichte Ostroms eine wichtige und ergiebige Quelle dar. Neben der politischen Geschichte wird am Rande auch die Kirchengeschichte erwähnt. Zudem kann die Chronik, die eindeutig für ein oströmisches Publikum bestimmt war, als ein Beispiel dafür gelten, dass Latein in Ostrom unter Justinian noch immer eine wichtige Rolle spielte – Marcellinus dürfte zur bedeutenden lateinischsprachigen Minderheit in Konstantinopel gezählt haben.

Bemerkenswert ist überdies, dass sich in seiner Chronik erstmals die Ansicht greifen lässt, dass das Jahr 476, in dem der weströmische Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt worden war, das Ende des westlichen Kaisertums bedeutet habe:

Orestem Odoacer illico trucidavit; Augustulum filium Orestis Odoacer in Lucullano Campaniae castello exsilii poena damnavit. Hesperium Romanae gentis imperium, quod septingentesimo nono Urbis conditae anno primus Augustorum Octavianus Augustus tenere coepit, cum hoc Augustulo periit, anno decessorum regni imperatorum DXXII, Gothorum dehinc regibus Romam tenentibus.

Diese Interpretation der Ereignisse sollte sich in der Folgezeit durchsetzen und dann bis in das 20. Jahrhundert hinein anerkannt bleiben. Erst die jüngere Forschung hat sich von dem vermeintlichen Epochenjahr 476 lösen können. Möglicherweise spiegelt die Ansicht des Marcellinus die offizielle oströmische Position wider: Da es im Westen kein Kaisertum mehr gebe, sei er nun direkt dem Herrscher in Konstantinopel unterstellt. Justinian sollte diese Ansprüche dann wenig später mit einigem Erfolg auch durchzusetzen versuchen.

Marcellinus selbst verfasste später dann eine Fortsetzung der Chronik bis ins Jahr 534 (Eroberung des Vandalenreichs durch Justinian); ein Unbekannter (auct. chron. II) führte den Bericht dann noch bis 548 fort. Marcellinus, der offenbar noch mindestens ein weiteres, verlorenes Werk verfasste und zuletzt wohl Geistlicher wurde, dürfte also irgendwann zwischen 534 und 548 gestorben sein.

Textausgabe


  • Brian Croke: The chronicle of Marcellinus, Australian Association for Byzantine Studies, Sydney 1995 (Byzantina Australiensia; Bd. 7), ISBN 0-9593626-6-5. Lateinischer Text, englische Übersetzung und Kommentar.

Literatur


  • Brian Croke: A.D. 476. The manufacture of a Turning Point, in: Chiron 13, 1983, S. 81-119.
  • Brian Croke: Count Marcellinus and his Chronicle, University Press, Oxford 2001, ISBN 0-19-815001-6.

Weblinks


Spätantike | Römer | Mann | Historiker der Antike | Autor | Antike (Literatur) | Literatur (Latein)

Marcellinus Comes | Marcellinus Comes | Conte Marcellino

 

This article is licensed under the GNU Free Documentation License. It uses material from the "Marcellinus Comes".

Home Pageartsbusinesscomputersgameshealthhospitalshomekids & teensnewsphysiciansrecreationreferenceregionalscienceshoppingsocietysportsworld