Marcel Lefebvre (* 29. November 1905 in Tourcoing, Diözese Lille, Frankreich; † 25. März 1991 in Martigny, Schweiz) war katholischer Erzbischof und ein Führer von Katholiken, die sich den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965), insbesondere der Überarbeitung des Missale Romanum und der Verwendung von Volkssprachen als Liturgiesprache, entgegenstellten. Lefebvre gründete die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X.. Er wurde von Papst Paul VI. suspendiert und zog sich unter Papst Johannes Paul II. wegen unerlaubter Bischofsweihen die Tatstrafe der Exkommunikation zu.
Erzbischof Lefebvre war neben Kardinal Ottaviani und Kardinal Spellman ein Führer der Vereinigung von konservativen Konzilsvätern, des Coetus Internationalis Patrum. Nach Abschluss des Konzils, dessen Beschlüsse er in fast allen Fällen unterzeichnet hatte, trat Lefebvre zunehmend in Opposition zu den postkonziliaren Entwicklungen innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche. Er gab nach und nach die Ämter auf, die er in der Kirche innehatte.
Kurz nach seinem Rücktritt als Generaloberer der Väter vom Heiligen Geist (1968) wurde Lefebvre von Seminaristen des Französischen Seminars in Rom angesprochen, die laut Lefebvre wegen des Festhaltens an traditionellen Glaubensvorstellungen und Doktrinen belangt wurden. Diese suchten ein konservatives Seminar, um ihre Studien zu beenden. Er verwies sie an die Universität im schweizerischen Freiburg.
Die normale Entwicklung einer solchen Vereinigung innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche ist, dass der Diözesanbischof, nach einer langen Periode konkreter Erfahrungen mit der pia unio und nach Beratung mit dem Heiligen Stuhl der Vereinigung einen offiziellen, dauerhaften Status auf diözesaner Ebene verleiht. Lefebvre versuchte, die diözesane Ebene zu umgehen und kontaktierte verschiedene Abteilungen des Heiligen Stuhls mit der Absicht, sofort eine Anerkennung auf päpstlicher Ebene zu erhalten. Die zuständige Kongregation stimmte dem Ansinnen von Lefebvre nicht zu.
Am 24. Januar 1975 schrieb Bischof Pierre Mamie, der Nachfolger von Bischof Charrière, an die Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gemeinschaften des apostolischen Lebens, dass er nach der sorgfältigen Studie der Erklärung Mgr. Lefebvres die traurige, aber dringliche Notwendigkeit sehe, der FSSPX die von seinem Vorgänger gewährte Anerkennung wieder zu entziehen. Kardinal Arturo Tabera Araoz, Präfekt der Kongregation, antwortete am 25. April. In dem Schreiben drängte er Bischof Mamie dazu, der FSSPX die Anerkennung mit sofortiger Wirkung zu entziehen. Bischof Mamie informierte Erzbischof Lefebvre am 6. Mai in diesem Sinne. Der FSSPX fehlte nun insbesondere die kirchenrechtliche Grundlage, um ein Priesterseminar zu betreiben.
Lefebvre ignorierte sowohl die Weisungen des Diözesanbischofs als auch die Weisungen Roms und schloss das Priesterseminar in Ecône nicht. Nachdem er am 29. Juni 1976 ohne Erlaubnis FSSPX Seminaristen zu Priestern geweiht hatte, wurde er von Papst Paul VI. suspendiert. Ihm wurden damit alle Vollmachten seines Priester- und Bischofsamtes entzogen.
Nachdem Lefebvre am 30. Juni 1988 Bischofsweihen gegen die ausdrückliche Anweisung des Papstes vollzog, veröffentlichte Papst Johannes Paul II. am 2. Juli das Apostolische Schreiben Ecclesia Dei, in dem er die Bischofsweihen als schismatischen Akt verurteilte. Nach katholischem Kirchenrecht (Codex des Kanonischen Rechtes, Canon 1382 *) hatten die unerlaubten Bischofsweihen die Exkommunikation Lefebvres und der von ihm zu Bischöfen geweihten Priester zur Folge (siehe: unerlaubte Bischofsweihen im Artikel FSSPX). Allerdings berührte dies die Gültigkeit der von Lefebvre vorgenommenen Bischofsweihen nicht.
25. März 1991 starb Erzbischof Lefebvre in Martigny. Er wurde in Ecône beigesetzt.
In Deutschland war Pfarrer Hans Milch, Gründer der actio spes unica, Lefebvres Sprecher.
Lefebvre äußerte in seinem Manifest vom 21.11.1974, dass jeder Katholik sein Seelenheil riskiere, der die Messe nach Maßgabe der Liturgiereform feiere. Es sei für gewissenhafte, gläubige Katholiken unmöglich, sich der Liturgiereform "auch nur im geringsten" zu unterwerfen.
Er sah sich konsequenterweise auch nicht sich als Schöpfer einer neuen Theologie:
In einer seiner letzten Predigten fasste Lefebvre abermals seine Position zusammen (1.11.1990 in Ecône):
Kritiker der Priesterbruderschaft St. Pius X unterstellen dieser weltanschauliche Motive, da seit 1984 der Gebrauch des Römischen Meßbuchs in der Editio typica von 1962 seitens des Vatikans unter bestimmten Bedingungen wieder gestattet sei. Die Priesterbruderschaft stehe in einer großen geistigen Nähe zum politischen Konzept der Action française, deren Lehrmeinungen Papst Pius X. 1914 verurteilt hatte (das Urteil wurde erst 1926 von Papst Pius XI. veröffentlicht und bestätigt). Die dadurch 1926 ausgelöste schwere Krise im französischen Katholizismus endete damit, dass fast alle Bischöfe, Theologen und Intellektuellen sich von dieser von Charles Maurras geprägten Geisteshaltung distanzierten, da sie — insbesondere nach den humanitären Katastrophen des Zweiten Weltkriegs — darin die Gefahr einer katholisch gefärbten Variante des modernen Totalitarismus in Frankreich (Pius XI. bezeichnete es als "sozialen Modernismus") erblickten.
Von Seiten Lefebvres und der Priesterbruderschaft St. Pius X wurde eine derartige Kritik stets zurückgewiesen. So erklärte Lefebvre in einer Pressekonferenz am 15. September 1976, er habe Charles Maurras nicht gekannt, habe seine Bücher nicht gelesen, stehe mit der 1944 verbotenen Action française in keiner Weise in Verbindung, er lese ihre Zeitung Aspects de la France nicht, ihm seien ihre Redakteure nicht bekannt und er bedauere die Tatsache, dass diese Zeitschrift vor einer Halle, in der er in Lille die Messe zelebriert hatte, verkauft wurde. Es ist auch nicht gerade schlüssig zu begründen, warum eine Gemeinschaft, die nach Meinung der Kritiker in der spirituellen Nachfolge von Charles Maurras steht, ausgerechnet den Namen desjenigen Papstes (Pius X.) annehmen sollte, welcher Charles Maurras verurteilte. Allerdings hatte bereits der positivistische Agnostiker Maurras sich mit dem Namen Pius X. geschmückt, den er im Blick auf dessen Ablehnung der französischen Laizität (1905) zum "Retter Frankreichs" ausgerufen und bei diesem auch zwischenzeitlich Sympathien erworben hatte. Pius X. ist jedoch nicht von der Lehre seiner Vorgänger abgewichen, dass auch eine gerechte Demokratie eine für Christen akzeptable Staatsform sein kann. Hierzu meint Lefebvre allerdings, dass die derzeit real bestehenden Demokratien allesamt inakzeptabel seien, da sie in der Tradition der Ideale der Französischen Revolution stünden.
Er verkennt, nach Meinung der Kritiker, die Differenz zwischen der Menschenrechtserklärung im Umfeld von 1789, die mit religiösen Überzeugungen in einen aggressiven Konflikt eintrat, mit jener auf rechtliche und politische Erfahrungen gestützten UN-Menschenrechtserklärung von 1948, die ihre Wertungen keineswegs absolut setze. Jedenfalls greife, so seine Kritiker, eine rein "dogmatische", unpolitische Interpretation der integralistischen Revolte gegen das moderne Papsttum zu kurz. Denn um eine solche Revolte gehe es bei der von Lefebvre geschaffenen Bewegung.
Mann | Franzose | Römisch-katholischer Theologe (20. Jh.) | Römisch-katholischer Bischof (20. Jh.) | Geboren 1905 | Gestorben 1991
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