Die Anorexia nervosa (ICD 10 F50.0), auch Anorexia mentalis oder Magersucht genannt, ist eine Psychische Störung aus dem Bereich der seelisch bedingten Essstörungen.
Ferner werden zwei Subtypen der Anorexia nervosa unterschieden, und zwar ein restriktiver Typ von einem Binge-purging-Typ. Der Terminus "Anorexia Nervosa" ist in seinen Wortbestandteilen dem griechischen und lateinischen entlehnt und bedeutet "nervlich bedingte Appetitlosigkeit". Menschen mit dieser Erkrankung hungern genau so wie andere Menschen auch, nur versuchen sie ihren Hunger vollkommen unter Kontrolle zu bringen, so dass sie nur noch so wenig wie möglich essen müssen und verlieren bald das Gefühl für Hunger, bzw. lassen das Gefühl von Hunger nicht mehr zu. Magersucht ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten Gewichtsverlust gekennzeichnet. Am häufigsten ist diese Essstörung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen zwischen elf und 40 Jahren, sie tritt aber auch bei Männern immer häufiger auf. In letzter Zeit nehmen auch Berichte über die Zunahme von Anorexie-Erkrankungen bei Frauen über 40 Jahren zu.
Anorexie beginnt meist mit dem Wunsch, schlank zu sein oder zu werden, und einer Diät, um dies zu erreichen. Wird der Schlankheitswunsch zu stark, kann die Diät außer Kontrolle geraten. Im Zentrum der Störung steht dabei das verzerrte Körperbild der erkrankten Menschen Körperbildstörung, das dazu führt, dass sie ihren Körperumfang selbst bei extremer Gewichtsabnahme immer noch als aufgequollen und viel zu dick wahrnehmen.
Die Magersucht bleibt bei Freunden und Verwandten oft lange unbemerkt, anfangs wird sie sogar von ihnen durch positive Äußerungen verstärkt. Die kranke Person zieht sich vollständig zurück und ist nur noch mit ihren Kalorien beschäftigt. Zur Erkennung der Magersucht ist der Brocaindex besser geeignet als der Body Mass Index, wobei der Austausch von Zahlenangaben zum eigenen Gewicht zwischen betroffenen Menschen generell mit Vorsicht handzuhaben ist. Leicht kann das zu schädlichem Konkurrenzdenken („Wer hat das geringste Gewicht?“) führen. Deshalb sind Gewichtsangaben und Indizes in Selbsthilfegruppen tabu.
Einer der Gründe für die Entwicklung einer Magersucht ist sicherlich das aktuell vorherrschende, soziokulturell bedingte Schlankheitsideal und die Einstellung, dass das Aussehen des eigenen Körpers eine fundamentale Bedeutung für den eigenen Selbstwert sowie Erfolg in sozialen Beziehungen und im Beruf hat.
Außerdem stellt die Magersucht ein Kontrollmoment für die jeweilige Person dar. Man kann mit Kalorienzählen seinen Körper beherrschen und bekommt dadurch ein Gefühl der Selbstkontrolle.
In einigen Untersuchungen wurde festgestellt, dass sehr häufig beide eineiige Zwillinge unter Essstörungen leiden. Dabei leiden 50% der eineiigen Zwillinge an Anorexie, wenn der andere Partner auch an dieser Erkrankung leidet, während diese Übereinstimmung nur in 10% zweieiiger Zwillingspaare gefunden wurde. Als biologische Grundlage wird unter Anderem ein Mangel des Nervenbotenstoffs Serotonin vermutet.
Weitere Gründe können – oft zusätzlich zu den obigen sozialen Gründen – tiefe psychische Konflikte, wie Eltern-Kind-Beziehungskonflikte (zb. "die kontrollierende Mutter" oder "der abwesende Vater") oder Traumata wie Vergewaltigung oder Misshandlung sein. Ähnlich wie beim selbstverletzenden Verhalten, das in solchen Fällen u.U. parallel entwickelt werden kann, ist dann die Magersucht ein begleitendes Symptom für ein tieferes psychologisches Problem, welches behandelt werden muss. Die Magersucht kann sich auch zusätzlich zu noch anderen Erkrankung entwickeln. So neigen z.B. auch depressive Persönlichkeiten dazu, eine Esstörung wie die Magersucht zu entwickeln, weil die Kontrolle über den Körper das einzige zu sein scheint, was noch übrig bleibt. Es gibt keine einfache biologische oder psychologische Erklärung für die Entstehung einer Ess-Brech-Sucht. Nach heutigen Erkenntnissen geht man davon aus, dass sie in jedem einzelnen Fall eine Kombination aus unterschiedlichen Bedingungen ist, sie wird daher auch als multifaktorielle Erkrankung bezeichnet.
Soziokulturelle Faktoren:
Ess-Brech-Sucht gibt es ausschließlich in reichen Ländern.
Starke Konsumorientierung, ein Schönheitsideal, das junge, schlanke Menschen als erfolgreich, begehrens- und liebenswert darstellt, fördern die Entstehung dieser Krankheit.
Frauen sind einem größeren Druck ausgesetzt, den gängigen Schönheitsnormen zu entsprechen und setzen sich auch selbst unter einen höheren Erwartungsdruck.
Sie erkranken daher deutlich öfter an Ess-Brech-Sucht als Männer.
Familiäre Faktoren:
Bei Familien von Bulimie-Kranken finden sich des öfteren Beziehungsmuster, die durch wechselseitig anklagende, kontrollierende Äußerungen und wenig Offenheit im Umgang mit Konflikten und Gefühlen gekennzeichnet sind.
Sexualität ist häufig tabuisiert.
Die Rollenverteilung zwischen den Eltern ist in vielen Familien traditionell, der Vater ist für das Familieneinkommen zuständig und die Mutter kümmert sich um Haushalt und Kindererziehung.
Oft besteht sowohl auf seiten der Eltern als auch der Betroffenen das Bedürfnis nach Versorgung, Schutz und einfühlendem Verständnis.
Folgen dieser Ansprüche können sich z. B. darin äußern, dass bei bestehenden Eheproblemen Mütter ihre Töchter als Verbündete gegen den Vater zu gewinnen versuchen. Die Beziehung zu den Vätern wird von Bulimie-Patientinnen häufig als distanziert beschrieben. Oft empfinden sie, dass sie von ihren Vätern nur über ihre erbrachten Leistungen wahrgenommen werden bzw. dass väterliche Zuwendung daran gebunden ist.
Alkoholprobleme des Vaters sind in diesen Familien ebenfalls häufiger. Bei den Müttern lässt sich oft ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Frauen- und Mutterrolle feststellen. Die Tochter kann in diesem Fall einem Wechselbad von Nähe und Distanz, von Zuwendung und Ablehnung ausgesetzt sein. Die Symptomatik von Essen und Brechen spiegelt im Symptom diese widersprüchliche emotionale Erfahrung wider. Die Mutter bietet sich den Ess-Brech-Süchtigen häufig nicht zur Identifikation an, die mit dem - in diesen Familien häufigen - traditionellen Frauenbild der Mutter als Hausfrau und Versorgungsinstanz nichts mehr anfangen können.
Sie wollen mehr, viele sind sehr erfolgreich in Studium und Beruf, haben aber kein sicheres inneres Gefühl dafür, ob ihnen dies wirklich erlaubt ist. Ein häufig beobachtetes Dilemma dieser Familien besteht darin, dass kein Familienmitglied im Stande ist, die Bedürfnisse des anderen zu erfüllen bzw. seine erfüllt zu bekommen. Das führt bei den Beteiligten zu Enttäuschung und Wut auf der einen Seite und Versagens- und Schuldgefühlen auf der anderen.
Zur Lösung dieser unbefriedigenden Situation werden dann die jeweils individuell verfügbaren Strategien eingesetzt. Dabei kann es sich z. B. um ein gestörtes Essverhalten oder auch einen problematischen Umgang mit Alkohol handeln. Im Familienverband erleben sich die Ess-Brech-Süchtigen oft als isoliert, wobei dies von den anderen Familienmitgliedern nicht empfunden wird. Grund für dieses subjektive Isolationsgefühl ist möglicherweise die Verheimlichung der Symptomatik der Erkrankung vor der Familie.
Biologische Faktoren:
Es gibt Hinweise auf eine eventuelle genetische Prädisposition.
Für die Entstehung des Krankheitsbildes ist aber jedenfalls das Zusammenwirken mehrerer Faktoren notwendig.
Krankheitsauslösende Bedingungen:
Am Beginn steht bei vielen Betroffenen die Unzufriedenheit mit ihrem Aussehen.
Sie finden sich zu dick und wollen abnehmen.
Die ersten, zumeist sehr strengen Diäten sind häufig der Einstieg in den Bulimie-Teufelskreis.
Einschneidende Erlebnisse, wie der Auszug aus dem Elternhaus, die Beendigung der ersten Liebesbeziehung, in Extremfällen auch traumatische Erlebnisse, werden mit dem Beginn der Erkrankung in Verbindung gebracht.
Bei Frauen Verzögerung oder gar Ausbleiben der Pubertätsentwicklung (Wachstumsstopp), fehlende Brustentwicklung, Ausbleiben der Periode (außer die Frau nimmt die Anti-Baby-Pille) sowie im Extremfall der Tod durch Versagen lebenswichtiger Organe. Personen, die an Magersucht erkrankt sind, kapseln sich auch sehr häufig von ihrem Umfeld bzw. Freundeskreis ab, daher ist es schwer für Außenstehende an die betroffenen Personen heranzukommen oder ihr Verhalten zu verstehen.
Oft werden systemisch-familientherapeutische Behandlungen empfohlen, die problematische Interaktionen in der Familie der Betroffenen für die Störung als Auslöser und als aufrechterhaltender Faktor als ursächlich ansehen. In diesem Kontext erscheint der anorektische Patient als Symptomträger einer Familie und ist demnach nicht alleine behandlungsbedürftig. Ebenfalls kommen psychoanalytische Behandlungsansätze zum Einsatz. Diese sollen unbewusste Konflikte, die zur Entstehung des Symptoms geführt haben, bewusst machen und so eine weitere Reifung der Persönlichkeit ermöglichen.
Auch kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungen werden oft angewandt, die zum Ziel haben, die verzerrte Körperwahrnehmung der Patienten zu beeinflussen, die Einstellungen zum Essen zu verbessern und Wege für eine bessere Konfliktbewältigung sowie soziale Kompetenzen zu vermitteln.
Psychopharmakologische Therapien zeigten bisher aufgrund der fehlenden Krankheitseinsicht und der daraus resultierenden mangelnden Bereitschaft, an einer Therapie mitzuwirken (Compliance), keine positiven Effekte. Eventuell führen auch die Nebenwirkungen vieler Psychopharmaka, die oft mit Gewichtszunahme verbunden sind, zu einer mangelnden Compliance.
Die fehlende Krankheitseinsicht führt bei vielen Betroffenen zu wiederholten Therapieabbrüchen und eine zu späte Einsicht/Erkenntnis der Krankheit in ca. 5 % aller Fälle zum Tod.
Die Anorexie ist vor allem von anderen Essstörungen abzugrenzen. Dabei ist die Bulimia nervosa von besonderer Bedeutung. Im Gegensatz zu bulimischen Patienten weisen Anorektiker beider Subtypen einen erheblichen, manchmal lebensbedrohlichen Gewichtsverlust auf, auch wenn die Anorexie vom Purging-Typus ähnliche Verhaltensweisen beinhaltet.
Die genaue Abgrenzung verschiedener Essstörungen voneinander macht nur im therapeutischen Kontext, im Rahmen einer aktuellen Therapie und deren momentaner Ziele Sinn, da oft beobachtet wird, dass Patienten während ihrer Entwicklung verschiedene Formen aufweisen. Oft findet man in der Vorgeschichte von Bulimikern eine Episode von Anorexie. Manchmal kommt es auch vor, dass Personen, die unter Adipositas litten, eine Anorexie oder Bulimie entwickeln oder umgekehrt.
Affektive Störungen wie Depressionen oder bipolare Störungen können auch zu erheblicher Gewichtsreduktion führen. Die Betroffenen weisen jedoch keine so verzerrte Körperwahrnehmung auf.
Physiologische Störungen können ebenso zu Gewichtsverlust führen, beispielsweise ein Hirntumor oder Stoffwechselerkrankungen wie die Hyperthyreose.
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