Living History ist die englische Bezeichnung für ein Nachleben von historischen Zeiten. Der englische Begriff ist absichtlich doppeldeutig; die deutschen Übersetzungen "Lebendige Geschichte" sowie "Geschichte erleben" vermögen ihn nur gemeinsam wiederzugeben. Dennoch wird erstere bisweilen synonym für Living History verwendet. Ein verwandter Begriff ist ferner Reenactment; Personen, die Living History betreiben, werden auch als Reenactor bezeichnet.
Hauptsächlich wird Living History von Laien betrieben. Sie stellen einen frei gewählten Zeitraum dar, den sie mehr oder weniger fest umreißen. Das Ziel ist es dabei, die vergangene Epoche zu begreifen und sie Dritten begreifbar zu machen. Living History wird in der Regel in Gruppen verschiedener Größe betrieben. Die Gruppen versuchen einen bestimmten Grad von Authentizität zu erreichen. Dabei reicht die Skala von sehr billigen Kleidern (die Szene spricht oft von "Gewandung") zu Gegenständen, die mit höchster Akribie nach originalen Vorbildern gefertigt werden. Als Vorlage für solche Arbeiten dienen gleichermaßen Museumsstücke, archäologische Ausgrabungsfunde und historische Bilder und Abbildungen. Schwächer kommen schriftliche Quellen zum Zug. Manche Gruppen versuchen für die Dauer der zeitlich beschränkten Veranstaltungen eine möglichst dichte Atmosphäre zu schaffen, die ohne Unterbrechungen aufrecht erhalten werden soll.
Living History ist im deutschsprachigen Raum eine seit Jahren wachsende Bewegung, deren Wurzeln vornehmlich in England liegen, die aber auch durch amerikanische Soldaten in Deutschland gefördert wurde. Nach Anfängen in den 1970er und 1980er Jahren setzte der Boom in Deutschland in den 1990er Jahren richtig ein und hält bis heute an. In der Schweiz ist Living History schwächer vertreten. Man schätzt die Anhängerschaft in Deutschland auf mehrere zehntausend Personen, wobei ein Überblick nur sehr schwer zu erhalten ist und die Ränder stark verwischt sind.
Als bevorzugte Epochen der historischen Darstellung erweisen sich die römische Spätantike, das frühe Mittelalter (oft in der Form von Wikingern, zum Teil auch keltisch inspirierten Gruppen; wobei die zeitliche Distanz ignoriert wird). Das hohe Mittelalter dürfte am meisten Anhänger und Anhängerinnen besitzen, wobei hier Anspruch und Qualität der Darstellung bei der Mehrzahl der Gruppen am tiefsten liegt. Das späte 15. Jahrhundert ist ein weiterer Schwerpunkt, an dem sich die englischen Wurzeln ablesen lassen, da in England die Rosenkriege gerne nachgestellt werden. Die Zeit der Landsknechte wird ebenfalls dargestellt, wie sich einzelne Gruppen auch der Zeit des Dreißigjährigen Krieges widmen. Die Zeit der Befreiungskriege (sogenannte Napoleonik-Veranstaltungen) sowie das Nachstellen des amerikanischen Bürgerkrieges sind die späteren dargestellten Epochen. Im Gegensatz zum englischsprachigen Raum wird das 20. Jahrhundert, unter anderem auch wegen politisch bedingter Probleme, kaum dargestellt.
Living History kann als Subkultur gesehen werden, die sich insbesondere durch die Kleidung von der Gesellschaft abhebt. Living History wird von vielen jungen Menschen betrieben, wobei die Altersgruppen breiter gestreut sind als bei anderen vergleichbaren Subkulturen (wie etwa dem Liverollenspiel). Living History besitzt ein eigenes Vokabular und definiert sich immer wieder neu. Typisch sind auch die Konflikte in und zwischen verschiedenen Gruppen über den gewünschten oder angestrebten Grad der Authentizität.
Neben der Freizeitbeschäftigung für Laien dient der Begriff Living History allerdings auch als Benennung für Methoden der Museumspädagogik in Museen und an historischen Stätten vor allem in England, den USA und skandinavischen Ländern. Living History als professionelle Vermittlungsarbeit birgt große Möglichkeiten für umfassende Lernerfahrungen bei den Besuchern von Museen, sofern sie wissenschaftlich fundiert und von hierfür ausgebildeten Personal betrieben wird. Die Anforderungen an professionelle Living History sind weitaus strenger und vielgestaltiger als im Laien-Bereich. Die große Verwechslungsgefahr mit Hobby-Gruppen und nicht zuletzt der finanzielle Mehraufwand hat zur Folge, dass in Deutschland die Akzeptanz von Living History im Museum nur langsam wächst.
Auf Living History-Veranstaltungen wird dem Schaukampf oftmals ein gewichtiger Anteil eingeräumt, der von professionellen Darstellern mit manchmal bis zu mehreren tausend Teilnehmern vorgeführt wird Living_history_moesgard_2005.jpg. Dieser Teil von Living History ist ein eigener Unterbereich der jeweiligen Darstellung aus international organisierten Gruppen mit festen Kampfregeln.
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