Der Begriff Literalität (von lateinisch littera – „Buchstabe“) bezeichnet meist das mediengenealogische Entwicklungsstadium der Schriftlichkeit, das gekennzeichnet ist durch eine literale Manuskript- und Inschriften-Kultur, also die handschriftliche Speicherung und Weitergabe von kulturellen Inhalten in textlich fixierter Form (Literatur, Liturgie, Rechtsdokumente, Geschichtsschreibung etc.). Allerdings wird im Zuge der Beschäftigung mit mündlicher Literatur auch allgemeiner die Literaturkompetenz darunter gefasst.
Den terminologischen Gegensatz und den mediengenealogischen Vorläufer bildet die Oralität (Mündlichkeit), den Anschluss das Typographeum bzw. die Gutenberg-Galaxis. Die Epoche der Literalität dauerte bis einschließlich des mittelalterlichen Skriptographeums an.
McLuhan nennt die Literalität auch literale Manuskript- und Inschriftenkultur, sie bedeutete die handschriftliche Speicherung und somit die wortwörtliche Weitergabe von kulturellen Inhalten in textlich fixierter Form. Schreiben, Schrift und Rechnen bilden die Grundlage von Tradition, Kultur und Bildung. Die Literalität bedeutete noch keinen harten Bruch der gesprochenen Rede, da Manuskripte laut vorgelesen wurden, allerdings bedeutete die Literalität eine steigende Dominanz optischer Reize, die eher als andere Sinneswahrnehmungen eine Grundlage für das Erkennen von Regeln und Gesetzmäßigkeiten liefern, was einen Vorschub leistete für kausale Zusammenhänge und mathematisches Denken. Die literale Manuskriptkultur war von Skriptorien gekennzeichnet, wodurch die Informationssammlung sehr zentralistisch war, da sie gebunden war an Bibliotheken und Klöster.
Untersuchungen zur Literalität stammen u.a. von Milman Parry, Eric A. Havelock, Jan Assmann und Walter Jackson Ong sowie Jack Goody und Ian Watt.
Stadtrecht.von.Górtys_asb_2004.jpg]] Nach dem Ethnologen Jack Goody hatte die Erfindung der Schrift eine bisher nicht gekannte Auswirkung auf den menschlichen Geist; er spricht in The Domestication of the Savage Mind (1977), wo er die Auswirkungen der grafischen Repräsentation von Sprache auf kognitive Prozesse untersucht, von einer schriftinduzierten "Domestizierung des Geistes":
Havelock weist dagegen bereits in Preface to Plato (1963) und vor allem in Origins of Western Literacy (1976) sowie The Literate Revolution in Greece and its Cultural Consequences (1982) darauf hin, dass nicht die Schrift an sich den entscheidenden Entwicklungsschritt darstellt, sondern vielmehr die Alphabetisierung der Schrift; dies führt ihn dann zu seiner These von der "Geburt der Philosophie aus dem Geiste der Schrift". Das wesentliche Charakteristikum der griechischen Alphabetschrift stellt nach Havelock deren Abstraktheit dar: Sie sei als einzige in der Lage, mündliche Rede unverkürzt, vollständig und fließend wiederzugeben.
Nach Goody und Watt war daher Griechenland "die erste Gesellschaft, die man als ganze mit Recht als literal bezeichnen kann" (Goody/ Watt/ Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, 1986, S. 83).
Diese moderne Wertschätzung der Leistungen der griechischen Alphabetschrift mag überraschen, da die gesellschaftliche Bewertung der Schrift und des Schreibens in der griechischen Antike alles andere als positiv war: Platons Verdikte im Phaidros und im Siebten Brief sind ebenso vernichtend wie die des Aristoteles; man betrachtete die Schrift gegenüber der Sprache als etwas Äußerliches und damit von Wahrheit und Tugend noch weiter entferntes als die Sprache. Dennoch ermöglichte die griechische Schriftultur beispielsweise in der Zeit um 500 v. Chr. bis 450 v. Chr. in Górtys das älteste Stadtrecht Europas.
Diskos.von.Phaistos_Seite.A_11-Aug-2004_asb_PICT3371.JPG, Seite A (Original)]] Umstritten ist dagegen die Einschätzung des bisher nicht entzifferten Diskos von Phaistós aus der kretominoischen Kultur, der auf das 17. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, also aus einer Epoche stammt, die fast ein Jahrtausend vor der Entwicklung der griechischen Schrift liegt.
Jack Goody untersucht in Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft (1990; engl. Ausg. The Logic of Writing, 1986) die "langfristigen Wirkungen der Schrift auf die Organisation von Gesellschaft" (a.a.O., S. 17):
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