Orgelpfeifen.jpg Orgelpfeifen sind die klangerzeugenden Bauelemente einer Orgel. Jede Pfeife kann nur einen bestimmten Ton erzeugen, sodass eine Vielzahl von unterschiedlichen Pfeifen benötigt wird. Um verschiedene Klangfarben zu ermöglichen, verwendet man Pfeifen von verschiedener Bauart. Pfeifen gleicher Klangfarbe werden in Registern zusammengefasst.
Vom Klangerzeugungsprinzip lassen sich zwei Pfeifentypen unterscheiden: Labial- oder Lippenpfeifen, die die große Mehrzahl der Pfeifen einer Orgel stellen, und Lingual- oder Zungenpfeifen.
Zwischen etwa 1850 und 1950 wurde auch Zink verwendet, als Ersatz für zu Kriegszwecken eingeschmolzene Pfeifen. Dieses Material ist jedoch spröder, was sich negativ auf den Klang auswirken kann.
Holzpfeifen können aus unterschiedlichen Holzarten gefertigt sein, aus Eiche, Nadel- oder Obsthölzern, gelegentlich auch aus exotischen Hölzern. Die Holzpfeifen werden innen mit Leim abgedichtet.
Bei Zungenpfeifen sind die Zunge und die Kehle meistens aus Messing. Die Kehle von aufschlagenden Zungen kann aber auch aus Zinn oder Holz sein. Der Rand der Kehle, auf dem das Zungenblatt aufschlägt, kann beledert sein, wodurch der Klang weicher und obertonärmer wird. Die Stimmkrücke ist normalerweise aus harter Kupferlegierung. Für die anderen Teile der Zungenpfeife wird Orgelmetall oder Holz verwendet.
Sehr kleine Pfeifen haben nur eine klingende Länge von wenigen Millimetern. Bei diesen Pfeifen ist jedoch meist der Pfeifenfuß, der nicht zur Klangerzeugung beiträgt, mindestens 15 Zentimeter lang.
Die Länge der Pfeife bestimmt bei den Labialpfeifen direkt die Tonhöhe. Man unterscheidet zwischen offenen Pfeifen und den Gedackten, die oben mit einem Deckel oder Spund verschlossen sind. Gedackte Pfeifen klingen eine Oktave tiefer als gleichlange offene Pfeifen und sind obertonärmer. Ihr Obertonspektrum enthält nur ungerade Teiltöne. Wegen der Platzersparnis werden sie gerne für tiefe Register verwendet.
Eine Pfeife kann auch absichtlich „zu lang“ gebaut werden. Dies geschieht aus optischen Gründen häufig bei Prospektpfeifen, wobei man die effektive Länge der schwingenden Luftsäule durch Ausschnitte an der Rückseite der Pfeife reduziert. Eine Überlänge kann auch aus akustischen Gründen nötig sein, wenn man die Labialpfeife zum überblasen bringen will. Dabei schwingt die Luftsäule auf einem der tiefsten Obertöne. Im Verhältnis zu dem klingenden Oberton ist die Pfeife also zu lang, und könnte im Prinzip auch den Grundton herstellen. In der Regel werden zylindrisch offene Pfeifen überblasend gebaut, sie sind dann doppelt so lang. Gedackte Pfeifen überblasen in den dritten Teilton und sind daher dreimal so lang (also anderthalb mal so lang wie eine offene Pfeife gleicher Tonhöhe). Man erleichtert das Überblasen durch ein kleines Loch in der Pfeifenwand etwa auf halber Höhe.
Labialpfeifen aus Metall sind rund, der Kern ist eine an der Nahtstelle zwischen Fuß und Körper eingelötete Metallplatte. Der Körper kann zylindrisch sein, nach oben spitz zulaufend (konisch), seltener trichterförmig oder eine Kombination, z. B. unten zylindrisch, oben konisch. Der Pfeifenkörper von hölzernen Labialpfeifen hingegen ist in der Regel rechteckig gebaut; ihr Kern ist ein Holzblock, der im unteren Teil der Pfeife befestigt ist. Um die Ansprache der Pfeifen zu verbessern, verwendet man sogenannte Bärte, das sind Metallplättchen, die seitlich oder unter dem Pfeifenmund angebracht sind. Gedackte können im Deckel eine Öffnung oder ein offenes Röhrchen haben; solche Pfeifen bezeichnet man als halb- oder teilgedackt.
Man kann die wichtigsten Labialregister nach der Bauart etwa wie folgt einteilen:
Neben den genannten existieren weitere Sonderformen.
Wenn in der Höhe wenig Platz zur Verfügung steht, können Lingualpfeifen „gekröpft“ ausgeführt werden, d h. dass sie (meist um 90 Grad) geknickt werden und so horizontal weiter verlaufen.
Die Gesamtheit aller Zungenpfeifen einer Orgel wird auch Rohrwerk in Anlehnung an das Rohrblatt bei Holzblasinstrumenten genannt. Die Bezeichnung Schnarrwerk für die Gesamtheit aller Zungenstimmen der Orgel geht auf den schnarrenden Klang der kurzbecherigen Zungenstimmen zurück.
Auch Zungenpfeifen sind zweiteilig aufgebaut: Im unteren Teil (Stiefel) ist die Zunge mit der Stimmvorrichtung untergebracht, der obere Teil (Becher) ist ein Hohlkörper aus Holz oder Metall, der für Resonanz und damit Verstärkung und Färbung des Klanges sorgt. Im Stiefel, der oben durch die Nuss abgedichtet ist, hängt die Kehle, ein Metallröhrchen, das am oberen Ende in den Becher geöffnet ist und das seitlich einen Schlitz hat. Auf diesem Schlitz liegt die Zunge auf. Sie ist am oberen Ende festgeklemmt und am unteren Ende leicht aufgebogen.
Die Zunge wird an einer Stelle durch einen stabilen Draht (Stimmkrücke) auf der Kehle festgedrückt. Verschiebt man diesen Draht, ändert sich der freie Bereich der Zunge und damit die Tonhöhe. Dieser Draht ist oben aus der Nuss herausgeführt, damit Zungenpfeifen von außen stimmbar sind (durch Hoch- oder Niederklopfen mit dem Stimmeisen).
Da die Zunge etwas nach außen gewölbt ist und den Schlitz (längliche Öffnung in der Kehlenwand) nicht völlig schließt, kann die Luft, die in den Stiefel einströmt, unter der Zunge durch in die Kehle und weiter in den Becher gelangen. Durch diese Luftströmung entsteht in der Kehle ein Unterdruck, der die Zunge auf den Schlitz zieht. Da die Zunge den Schlitz geschlossen hat, wird die Luftströmung unterbrochen. Alsbald gleichen sich die Luftdrücke in und außerhalb der Kehle aus, und die Zugkraft auf die Zunge läßt nach. Nun ist die Zunge wieder frei und kann sich in die ursprüngliche Stellung ziehen. Wenn dieser Vorgang sich regelmäßig und schnell genug wiederholt, entsteht dabei eine Luftschwingung, die wir mit dem Ohr als einen Ton wahrnehmen.
Bedingt durch die Art der Tonerzeugung mit einer schwingenden Zunge hat die Länge des Schallbechers – anders als bei den Lippenpfeifen – keinen direkten Einfluss auf die Tonhöhe, wohl aber auf die Klangfarbe und -stärke als auch auf eine gelungene Klangerzeugung. Jedoch hat der Schallbecher, genauso wie der Körper einer Lippenpfeife, eine gewisse maximale Länge für jede Tonhöhe. Deswegen darf er nicht zu lang sein, wenn man eine bestimmte Grundtonhöhe erwünscht. Die Zunge spricht aber auch ohne Schallbecher und im Prinzip mit allen Becherlängen an, die kürzer sind als die maximale Länge.
Einfluss auf den Klang einer Zungenpfeife haben die Gestalt der Kehle, die Dicke und Breite der Zunge und die Form und Mensur des Bechers. Letztere kann sehr unterschiedlich sein. Man unterscheidet zwischen lang- oder vollbechrigen Zungen (d. h. Zungenregistern), bei denen die Becherlänge auf die Tonhöhe abgestimmt ist, und kurzbechrigen Zungen mit deutlich kürzerem Becher.
Die durchschlagenden Zungenstimmen fanden am meisten Verbreitung zwischen 1840 und 1920 und werden erst in den letzten Jahren wieder neu gebaut. Sie unterscheiden sich von den aufschlagenden Zungen vor allem durch eine weichere Ansprache und den starken, durchdringenden Klang. Typische Register sind Bassetthorn, Euphon, Klarinette (oder Clarinet). Auch die Oboe oder Posaune, die normalerweise aufschlagend sind, können als durchschlagende Zungenstimmen gebaut werden.
Register mit Gegenschlagzungen sind im Orgelbau der Neuzeit nicht bekannt. Sie könnten aber in den Orgeln der Antike (Hydraulos) zur Anwendung gekommen sein.
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