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Als Lingua Franca (ital. für "fränkische Sprache") bezeichnet man in der Sprachwissenschaft eine bestimmte Pidgin-Sprache auf romanischer Basis, die im Mittelalter durch den Sprachkontakt zwischen Romanen und Sprechern nicht-romanischer Sprachen, insbesondere des Arabischen, entstand und als Handels- und Verkehrssprache bis ins 19. Jahrhundert vorwiegend an der Süd- und Ostküste des Mittelmeers verbreitet war.

In der weiteren, in der Tendenz eher umgangssprachlichen Bedeutung bezeichnet man als Lingua Franca auch jede andere Sprache, die zwischen den Sprechern verschiedener Sprachgemeinschaften als Verkehrssprache verwendet wird und dabei aufgrund ihrer sekundärsprachlichen Verwendungen gewissen Veränderungen und Vereinfachungen, aber nicht notwendig auch einer Pidginisierung im engeren Sinn unterliegt.

Romanisch basierte Lingua Franca


Italienisch "franco, franchi", ursprünglich Bezeichnung für (Nord-) Italiener und Franzosen, wurde durch die Kreuzzüge und das lateinisch-fränkische Reich in Byzanz in der Bedeutung erweitert zu "Westeuropäer, Abendländer, Katholik(en)" und in dieser Bedeutung von Arabern, Türken, Griechen, Persern, Slawen und Rumänen übernommen. Die Bezeichnung "lingua franca" scheint nach dem Arabischen in Andalusien geprägt worden zu sein, wo durch den Geographen Ibn Khurradadbih belegt ist, daß Lingua Franca (al lugha al-lfrajiyya) gegen Spanisch (andalusiyya) und Griechisch (rumiyya) abgegrenzt wurde. Als alternative Bezeichnung ist seit dem 19. Jahrhundert der vermutlich unter französischem Einfluß in Algerien entstandene Ausdruck "(langue) sabir" verbreitet (Erstbeleg 1859, abweichend schon bei Molière) sowie, seltener, "petit mauresque" (Erstbeleg 1830). Bei "lingua franca", "parlare franco", "sapere franco" und den Entsprechungen besonders in griechischen Quellen ist je nach dem Abgrenzungskontext und in Analogie zur allgemeinen Bedeutungsentwicklung von "franco, franchi" auch mit abweichenden Bedeutungen wie "Französisch", "Italienisch" oder "westliche Sprache" zu rechnen.

Bei der Lingua Franca im engeren Sinn handelt es sich nicht um eine Mischsprache oder depravierte Einzelsprache oder individuell variierendes Radebrechen, sondern um ein echtes Pidgin auf romanischer Basis mit arabischen, türkischen, persischen, griechischen und slawischen Einflüssen, das in seinem lexikalischen Grundbestand und seiner grammatischen Struktur trotz seiner weiten Verbreitung und jahrhundertelangen Verwendung eine bemerkenswerte Konsistenz aufweist. Die in mancher Literatur verbreitete Behauptung, daß die Basis ein zwischen Genua und Marseille gesprochenes Provenzalisch gewesen sei, ist linguistisch falsch und auch aus geschichtlich-geographischen Gründen nicht haltbar. Die Lingua Franca ist dabei eine Sekundärsprache geblieben, hat sich also nicht zu einer als Muttersprache übernommenen Kreolsprache weiterentwickelt. Die Bedingungen für den Gebrauch waren Handelskontakte, militärische Kontakte, vermischte Siedlung und -- von nicht zu unterschätzender Bedeutung -- Piraterie und die Präsenz von romanischen Sklaven in arabisch/türkischem und griechischem Sprachgebiet. Ob oder in welchem Maße Romanen die Lingua Franca auch untereinander als Verkehrssprache gebrauchten, ist auf Grundlage der erhaltenen Quellen nicht sicher zu entscheiden.

Die Lingua Franca ist in den Quellen durch metasprachliche Beschreibungen z.B. in Reiseberichten, durch Zitate und durch fachsprachliche Termini z.B. in der nautischen Sprache bezeugt, fand auch vereinzelt für literarische Texte (den anonymen Contrasto della Zerbitana von 1284/1305, Gigio Artemio Giancarlis La Zigana, gedruckt 1548, in geringerem Umfang u.a. auch bei Fazio degli Uberti, Goldoni, Molière, Calderón, Lope de Vega) Verwendung, hat sich jedoch nicht als Schriftsprache etabliert. Entsprechend schwierig sind die Bedingungen für die Untersuchung ihrer genaueren geschichtlichen Entwicklung und geographischen Differenzierung. Bei der letzteren kann man zumindest ansatzweise bei den Belegen für Nordafrika eine dominant spanische Basis im westlichen Nordafrika und eine dominant italienische Basis im östlichen Nordafrika feststellen, die bei Algier zusammentreffen. Im Zusammenhang mit der Eroberung Algeriens durch die Franzosen wurde die dortige Lingua Franca durch den verstärkten französischen Sprachkontakt und durch Manuale wie das Dictionnnaire de la langue franque ou petit mauresque (Marseille 1830) französisiert, blieb jedoch als solche bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch in Gebrauch.

Lingua Franca in der weiteren Bedeutung


Im Altertum fungierte die Akkadische Sprache in ihren babylonischen und assyrischen Dialekten als Lingua Franca zwischen den altorientalischen Kulturen und Ägypten. Später wurde seit dem Hellenismus die Griechische Sprache zur Verkehrssprache im östlichen Mittelmeerraum. Das blieb sie im Byzantinischen Reich bis zu dessem Ende. Im westlichen Mittelmeerraum wurde Latein zur vorherrschenden Sprache, was durch die Karolingischen Reformen erneuert wurde.

In Mitteleuropa, Nordeuropa und Osteuropa diente Mittelniederdeutsch zur Hansezeit als Lingua franca, heute kommt insbesondere der englischen Sprache diese Funktion weltweit zu.

Siehe auch: Pidgin, Kreolsprachen, Lingua Franca Nova, Weltsprache

Literatur


  • Hugo Schuchardt: Die Lingua franca. in: Zeitschrift für romanische Philologie 33 (1909), S.441-461
  • Christian Foltys: Die Belege der Lingua Franca. in: Neue Romania 1 (1984), S.1-37
  • Christian Eggarter: Anglizismen im Deutschen: Zur Integration des englischen Wortgutes ins Deutsche. In: Erziehung und Unterricht, 145 (1995), S.543-549
  • Christian Pirker: Wie die Lingua anglica zur Lingua franca der Wissenschaft geworden ist. In: Bildungsgeschichtliche Forschung und schulmuseale Entwicklung in Österreich I (Retrospektiven in Sachen Bildung, R. 5, Nr. 40), hrsg. von B. Geretschläger u. E. Lechner, Klagenfurt, 2002, S.48-51

Weblinks


Romanische Sprache | Lateinische Phrase | Pidgin- und Kreolsprachen

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