LTI – Die unbewältigte Sprache ist der Titel eines Buches von Victor Klemperer. Die Abhandlung trägt den Untertitel Aus dem Notizbuch eines Philologen und wurde 1947 veröffentlicht. Das Buch steht unter dem Motto Sprache ist mehr als Blut von Franz Rosenzweig. Es beginnt statt eines Vorworts mit dem Kapitel Heroismus, in dem sich der Autor gegen die maßlose Verwendung der Begriffe Heldentum und heldenhaft im Nationalsozialismus wendet.
Das Kürzel LTI, von Klemperer selbst erfunden, dient ihm zunächst als Parodie auf die ungezählten abkürzenden Bezeichnungen aus der Zeit des Nationalsozialismus: BDM, HJ, DAF usw. Er erklärt es im ersten Kapitel: Lingua Tertii Imperii, Sprache des Dritten Reichs und erläutert weiter: Ein schönes gelehrtes Signum, wie ja das Dritte Reich von Zeit zu Zeit den volltönenden Fremdausdruck liebte: Garant klingt bedeutsamer als Bürger und diffamieren imposanter als schlechtmachen. (Vielleicht versteht es auch nicht jeder, und auf den wirkt es dann erst recht.) Er kommt zum Ergebnis, dass weniger einzelne Reden, Flugblätter oder ähnliches den größten Eindruck hinterließen, sondern vielmehr die stereotypen Wiederholungen zu einer ständigen Beeinflussung führten.
Klemperer war seit jeher ein eifriger Tagebuchschreiber. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sah er sich als Jude zunehmendem Verfolgungsdruck ausgesetzt. Nachdem er 1935 auf Grund des nationalsozialistischen Berufsbeamtengesetzes aus seiner Professur an der TH Dresden entlassen worden war, konzentrierte er sich zunächst auf seine 1933 begonnene „Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“. Als jedoch den Juden der Zugang zu Bibliotheken und das Abonnieren von Zeitungen und Zeitschriften verboten wurde, musste er auch diese Arbeit aufgeben. So wurde die Niederschrift seiner Tagebücher und die Arbeit an "LTI" zu seiner Hauptbeschäftigung. Diese Tagebuchnotizen führte Klemperer als lose Blattsammlung, die er in regelmäßigen Abständen durch seine Frau Eva bei einer Freundin verstecken ließ. Vor allem dank der Tatsache, dass seine Frau Nichtjüdin war und stets treu zu ihrem Mann hielt, konnte Klemperer die zwölf Jahre der Naziherrschaft relativ unbehelligt überstehen.
Das Buch enthält 36 Kapitel.
Die Vorzüge und Qualitäten von Klemperers Buch zeigen sich vielleicht am deutlichsten im Vergleich mit einer ganz ähnlich gelagerten Unternehmung: den von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind zwischen 1945 und 48 für die Zeitschrift Die Wandlung geschriebenen und 1957 zum ersten Mal in Buchform erschienenen Betrachtungen Aus dem Wörterbuch des Unmenschen.
Sowohl Klemperer als auch Sternberger, Storz und Süskind geht es darum, den Einfluss sichtbar zu machen, den die nationalsozialistische Ideologie auf das Denken der deutschen Bevölkerung gerade über die gleichgeschaltete Alltagssprache erhielt, die in ihren unbewusst in Fleisch und Blut übergehenden Wendungen die Denk- und Sichtweise der sich ihrer Bedienenden weitaus mehr prägte, als jede Hetzrede eines Goebbels oder Hitler. Klemperers Analysen sind stets in konkrete Alltagssituationen eingebunden, und die SprecherInnen, die er beobachtet, spezifische Individuen: jüdische Schicksalsgenossen ebenso wie Gestapobeamte, zur Partei übergelaufene Freunde in gleichem Maße wie er selber, da Klemperer auch sich selbst immer wieder dabei ertappt, in die Sprachfalle der LTI zu geraten.
Es ist gerade nicht die bewusste Manipulation der Sprache durch einen stets anonym bleibenden Unmenschen, sondern der alltägliche und unbewusste Sprachgebrauch, in dem Klemperer das Gift der NS-Ideologie immer wieder dingfest macht. So kann der Leser in den beschriebenen Verblendungen auch die eigenen entdecken. Wirken die Texte Sternbergers, Storz' und Süskinds trotz ihrer berechtigten Sprachkritik oftmals eher wie eine Vorbereitung auf die neue sprachliche Ideologie der Nachkriegszeit, demonstriert Klemperers Buch einen mutigen Umgang mit der eigenen Sprache. Nichts könnte dies besser illustrieren, als die von Klemperer selbst als Nachwort gewählte Episode, in der ihm in den Wirren des Kriegsendes eine aus Berlin geflüchtete Arbeiterin auf die Frage, wieso sie denn im Gefängnis gesessen habe, schlicht antwortet: "Na wejen Ausdrücken ..."
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"LTI - Lingua Tertii Imperii".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world