Wladímir Iljítsch Uljánow (russisch , genannt Lenin, russisch ; * 10. April / 22. April 1870 in Simbirsk; † 21. Januar 1924 in Gorki bei Moskau, war führender Kopf der Oktoberrevolution 1917 in Russland, Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, Autor zahlreicher theoretischer und philosophischer Schriften. Er gilt neben Karl Marx und Friedrich Engels als einer der Schöpfer des wissenschaftlichen Sozialismus.
| Wladímir Iljítsch Uljánow | |
Als Marxist war Lenins Ziel die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Wichtig dabei war Lenin die unbestrittene Führungsrolle einer kommunistischen Partei, welche die Vorhut des Proletariats (Arbeiterklasse) darstelle und die von ihm ausgearbeitete Organisationsform des Demokratischen Zentralismus. Die Sozialdemokratie lehnte er ab 1914 wegen ihrer Burgfriedenspolitik als reformistisch und opportunistisch ab.
Lenins deutsch erzogene Mutter, Maria Alexandrowna Blank (* 22. Februar 1835 in Sankt Petersburg; † 1916), heiratete 1863 den kalmückischen Mathematik- und Physiklehrer Ilja Nikolajewitsch Uljanow (* 19. Juli 1831 in Astrachan; † 12. Januar 1886), welcher als Inspektor von Volksschuleinrichtungen tätig war. Die Eltern lebten in Simbirsk.
Der Großvater mütterlicherseits, Dr. Alexander Dimitrijewitsch Blank (* 1799 in Staro Konstantinowa (Wolhynien) als Srul Blank; † 17. Juli 1870 in Kokuschkino), war seiner Herkunft nach Jude, der während seines Medizinstudiums zum orthodoxen Glauben bekehrter Christ wurde. Dessen Ehefrau Anna (* 1799 in Sankt Petersburg; † 1838) war deutschbaltischer Herkunft und lutherischer Konfession, deren familiäre Ursprünge sich nach Lübeck zurückverfolgen lassen. Beide heirateten sich etwa 1828 in St. Petersburg. Die Erziehung der Kinder übernahm nach dem Tod der Mutter deren Schwester Katharina Eleonore Grosschopff, verwitwete Katharina von Essen (* 3. April 1801 in St. Petersburg; † 1863). Günter Kruse: Die St. Petersburger Familie Grosschopff und ihre deutschbaltischen Angehörigen und Verwandten. In: Ostdeutsche Familienkunde. Band 57 Heft 1/2004 S. 1-32
1887 wurde Lenins älterer Bruder Alexander, der damals Student in Sankt Petersburg war, wegen Verschwörung und versuchten Mordes an Zar Alexander III. an der Lena hingerichtet. Dies hatte großen Einfluß auf Lenin, der nun stärker politisch engagiert war.
Im selben Jahr wurde Lenin von der Universität in Kasan verwiesen, nachdem er an einem Studentenprotest teilgenommen und die Polizei die Verbindung zu seinem Bruder aufgedeckt hatte. Nach einem Gnadenerweisen konnte Lenin 1891 sein Jurastudium beenden. Seine Arbeit als Rechtsanwalt beschränkte sich auf einige wenige Fälle.
Als er im Begriff war, eine illegale Zeitung Die Sache der Arbeiter herauszugeben, wurde er im Dezember 1895 verhaftet (Anklage: Agitation). Im Untersuchungsgefängnis richtete er sich eine Bibliothek in seinem „Studierzimmer“ ein und verbrachte dort 14 Monate. 1897 wurde er im Februar für drei Jahre nach Schuschenskoje in Ostsibirien verbannt, wo er unter Polizeiaufsicht leben musste. In Ufa traf er auch wieder Nadjeschda Krupskaja, die er 1898 in der Verbannung heiratete.
Sofort nach der Rückkehr aus der Verbannung im Februar 1900 suchte Lenin nach einer Möglichkeit, eine von der Zensur unabhängige Zeitung herauszugeben. In Russland war das nicht möglich, und so verließ er am 29. Juli 1900 Russland für über fünf Jahre. Nach einem kürzeren Aufenthalt in Genf, wo er sich mit Plechanow über die Herausgabe der Zeitung Iskra ("Der Funke") einigte, ließ sich Lenin unter dem Namen Meyer bei dem sozialdemokratischen Gastwirt Rittmeyer in der Kaiserstraße 53 in München illegal nieder. 1902 verfasste er in der bayerischen Landeshauptstadt die programmatische Schrift Was tun?, in der er die These verwarf, dass die Arbeiter von sich aus Klassenbewußtsein entwickeln würden. Nach Lenins Ansicht bräuchten sie stattdessen die Führung durch eine gut organisierte Partei (Avantgardetheorie). Das entsprechende Organisationsmodell stellte der Demokratische Zentralismus dar.
Siehe auch Leninismus.
Ab Dezember 1900 verwendete er den Decknamen beziehungsweise das Pseudonym „Lenin“. Eine Erklärung besagt, dass er sich dabei auf den sibirischen Strom Lena bezog (Lenin bedeutet russisch: „Der vom Fluss Lena Stammende“) – nach Sibirien verbannt zu werden bedeutete damals praktisch, dass man im zaristischen Russland als anerkannter Oppositioneller galt. Eine andere plausible Erklärung besagt, dass er mehr an sein Kindermädchen Lena dachte, und dass er bereits als kleiner Junge auf die Frage, „wessen * er sei“ zu antworten pflegte: „Lenin!“ (russisch: „Lenas!“).
Die Ansichten und Absichten von Lenin führten 1903 auf dem zweiten Parteitag (in London) zur faktischen Spaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) in die Fraktionen der eher reformorientierten Menschewiki einerseits und in der von Lenin angeführten, revolutionsorientierte Bolschewiki andererseits.
Im Unterschied zu den theoretischen „legalen Marxisten“ und den politisch gemäßigten sozialreformistischen Menschewiki (russisch: „Minderheitler“), die auf eine längere kapitalistische Evolution Russlands setzten, sah Lenin das Land als das rückständigste Land im modernen Kapitalismus und die proletarische Revolution als nahe bevorstehend. Das untersetzte er durch politökonomische, politische und philosophische Studien.
In der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1905 bis 1907 vertraten die Bolschewiki die Position einer Radikalisierung der Umwälzung, hin zur Machtübernahme durch Sowjets (Räte) der Arbeiter und Bauern. Im Januar 1907 floh Lenin aus Sicherheitsgründen nach Finnland, ein Jahr später zog er nach Genf.
Bis 1912 wurden die Unterschiede zwischen den beiden Fraktionen immer größer, weswegen bei der sechsten Gesamtrussischen Parteikonferenz in Prag die Menschewiki ausgeschlossen wurden. Sie bildeten daraufhin eine eigene Partei, während die SDAPR nun die Erweiterung (Bolschewiki) trug.
Im April 1912 veröffentlichte Lenin zum ersten Mal die Prawda. In der Folgezeit widmete sich Lenin im Schweizer Exil wieder marxistischen Studien, es entstand vor allem seine bekannte Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (Januar bis Juni 1916), die die Grundlage der marxistischen Theorie des Imperialismus sowie der darauf basierenden Stamokap-Theorie bildete.
1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Die Bolschewiki waren international die einzige sozialdemokratische Parteiorganisation, die von Anfang an gegen die Kriegspolitik der eigenen Regierung mobilisierte. Dennoch gelang es der Partei nicht, sich einen nennenswerten Rückhalt in der Bevölkerung zu verschaffen. Ihre Mitgliederzahl, ihre Akzeptanz und ihr Einfluß blieben gering.
Im weiteren Verlauf der Geschichte nach der Oktoberrevolution benannten sich die Bolschewiki 1918 in Kommunistische Partei Russlands (B) um. 1922 folgte die Umbenennung in Kommunistische Partei der Sowjetunion (B). (Später, 1952 fiel der Zusatz (B) weg, KPdSU.)
Nach weiteren militärischen Fehlschlägen der gemäßigt sozialistisch-liberalen „Provisorischen revolutionären Regierung“ gelang es den Bolschewiki und den neu gegründeten Sowjets im November 1917 (nach dem in Russland noch geltenden julianischen Kalender im Oktober) die bürgerliche Regierung zu stürzen (Oktoberrevolution). Der sofortige Friedensschluss, die Verteilung des Bodens an die Bauern und die Übernahme der Fabriken durch die Arbeiter waren die unmittelbar wirkenden Losungen. Bei der letzten freien Wahl zur Konstituierenden Versammlung im November 1917 erlitten die Bolschewiki eine schwere Niederlage. Als sich die gewählte Versammlung im Januar 1918 konstituieren wollte, ließ Lenin dies mit Gewalt verhindern und zahlreiche Abgeordnete verhaften. Die Partei etablierte unter Lenins Vorsitz die bolschewistische Regierung (Rat der Volkskommissare). Im Februar 1918 entstand auf ihre Veranlassung die Rote Armee unter der Leitung von Leo Trotzki. Am 5. März 1918 beendete das Abkommen von Brest-Litowsk den Krieg mit Deutschland.
Bereits kurz nach der Oktoberrevolution versuchte Lenin die russische Wirtschaft per Dekret in eine zentrale Planwirtschaft umzuwandeln. Als erstes wurden bis Anfang 1918 die Banken verstaatlicht. Gemäß des Parteiprogramms der Bolschewiki sollte das Geld als Zahlungsmittel komplett abgeschafft werden. Da das Geld nicht per Dekret abgeschafft werden konnte, ließ die Regierung durch zusätzliches Gelddrucken bis 1922 eine Hyperinflation herbeiführen, die alle umlaufenden Geldmittel entwertete. Lenin beauftragte 1918 den Journalisten Jurij Larin damit, eine zentrale Planungsinstanz für die Verstaatlichung der Industrie zu schaffen. Hieraus ging der Oberste Wirtschaftsrat hervor, der die Enteignung der privaten Unternehmen umsetzte, deren Eigentümer in der Regel ihre Betriebe entschädigunglos abtreten mussten. Das Firmenvermögen wurde vom Staat eingezogen.
Gegen die bolschewistische Regierung formierte sich in vielen Landesteilen Widerstand. Um ihre Macht zu sichern und den Widerstand zu brechen, setzte die Regierung die vom Volkskommissar für Kriegswesen Leo Trotzki im Jahre 1918 gegründete Rote Armee ein. So entwickelte sich ein Bürgerkrieg, in den sich die USA, Großbritannien und zahlreiche andere Staaten durch die Unterstützung der weißen Truppen einmischten. Dieser Bürgerkrieg war durch große militärische Härte geprägt und dauerte bis zur Niederlage der weißen Truppen Ende 1921 an. Für die Bolschewiki war es zudem ein Grund, in den eigenen Reihen gegen potentielle Kollaborateure vorzugehen, speziell nach dem Anschlag von Kaplan auf Lenin. Lenin3.jpg Im Sommer 1920 unternahm Lenin nach innerparteilichen Auseinandersetzungen den Versuch, den Kommunismus im Ausland zu etablieren. Nachdem im April polnische Einheiten und ukrainische Nationalisten vergeblich versucht hatten die Ukraine zu besetzen und aus dem sowjet. Staatenbund zu lösen, ließ die Partei die Rote Armee in Polen einmarschieren (Polnisch-sowjetischer Krieg). Die Hoffnung auf eine einsetzende Revolution dort erfüllten sich indes nicht. Die Polen kämpften, unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit, gegen den russischen Einmarsch. Die Rote Armee wurde von polnischen Truppen unter Marschall Pilsudski vernichtend geschlagen.
Auf dem 8. Gesamtrussischen Sowjetkongress, der vom 22. - 29. Dezember 1920 stattfand, gab Lenin die berühmte Losung aus: Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. (Werke, Bd. 31, S. 513). Damit wollte er erreichen, dass Russland von einem kleinbäuerlich geprägten Land zu einer großindustriellen Macht wird.
Aufgrund des Bürgerkrieges kam es zu einer Versorgungskrise. Einen teilweisen Anteil an dieser Krise hatte auch die Agrarpolitik der Bolschewiki. Für sie als Marxisten gehörten die selbstständigen Bauern zur kleinbürgerlichen Klasse und waren somit ein zu überwindendes Subjekt. Im Zuge der Zentralisierung der Landwirtschaft sollten die Bauern ihre Erträge zu niedrigen Festpreisen an die staatlichen Behörden abgeben. Als die Bauern dies verweigerten, ließ Lenin die Erträge durch bewaffnete Kommandos aus den Städten einsammeln. Dieser Konflikt wurde ebenfalls mit großer Härte ausgetragen und forderte zahlreiche Menschenleben. Die Bauern reagierten auf die Zwangsmaßnahmen mit der Verkleinerung der Anbauflächen, was wiederum zu noch geringeren Erträgen und vor allem in den Städten zu Hungersnöten führte. Verschärft wurde die Ernährungslage noch durch den andauernden Bürgerkrieg. Aufgrund der schlechten Versorgungslage kam es zum Aufstand der (teilweise anarchistischen) Matrosen von Kronstadt („Für Sowjets ohne Kommunisten!“). Der politische Zündstoff der Zwangrequirierungen ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass derlei Maßnahmen auch durch die antirevolutionären Weißgardisten durchgeführt wurden und die Bevölkerung somit an zwei Seiten abgeben musste. Unter den Bolschewiki kam es zur Einrichtung von Zwangs-Arbeitslagern für vorgebliche oder echte Regimegegner, die sein Nachfolger Stalin ausweitete, auch als Gulag bezeichnet.
Zudem benutzten die Bolschewiki die durch den Bürgerkrieg und die Agrarpolitik entstandene Hungersnot dazu, gegen die russisch-orthodoxe Kirche vorzugehen. Unter dem Vorwand die Wertgegenstände zur Linderung der Not einzusetzen, wurde im Februar 1922 ein Dekret erlassen, welches die Beschlagnahme des kirchlichen Inventars regelte. Die Erlöse daraus kamen aber nicht den Hungernden zu Gute, sondern allein dem Staatshaushalt. Bereits im Januar 1918 hatten die Bolschewiken per Dekret die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt und den Religionsunterricht aus der Schule verbannt.
Im Mai 1922 erlitt Lenin seinen ersten Schlaganfall, im Dezember des selben Jahres den zweiten. Daraufhin wurde Lenin vom Politbüro von der Außenwelt abgeschirmt, um seine Genesung zu begünstigen. Am 30. Dezember 1922 wurde die UdSSR gegründet. Im März 1923 erlitt Lenin seinen dritten Schlaganfall, er verstarb am 21. Januar 1924 gegen 4.23 Uhr im Alter von 53 Jahren. Die genaue Todesursache blieb der Öffentlichkeit jahrzehntelang verborgen. Während die von der KPdSU „kanonisierte“ Biographie sowie das auch im Westen allgemein anerkannte Werk Dmitri Wolkogonows von massiven Durchblutungsstörungen oder von einem weiteren Schlaganfall sprechen, vermuten andere Quellen einen letalen Status epilepticus infolge einer fortschreitenden Syphilis-Erkrankung (Neurolues). Nach Lenins Tod entbrannte ein Machtkampf in der KPdSU zwischen Anhängern des Lagers um Josef Stalin und der Linken Opposition um Leo Trotzki.
Über Trotzki urteilte Lenin: Persönlich ist er wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK, aber auch ein Mensch, der ein Übermaß von Selbstbewusstsein und eine übermäßige Vorliebe für rein administrative Maßnahmen hat. (Werke, Band 36, S. 579 f.)
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