Legislatives Theater dient zur Demokratisierung der Politik durch Theater und wurde aus dem „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal in seiner Zeit als Vereador (Stadtrat oder Senator) der Stadt Rio de Janeiro in Brasilien 1991 - 1996 entwickelt.
Grundform: Das Forumtheater
In
Forumtheater-Stücken ist die Zentralfigur eine unterdrückte Person, die ihre Wünsche nicht verwirklichen kann, weil sie durch eine Figur der Unterdrückung daran gehindert wird. Im ersten Durchlauf soll das Publikum nur zusehen, dann beginnt die Szene von vorne und der
Joker/der Spielleiter bzw. die Spielleiterin regt die Zuschauenden an in die Szene zu gehen und die Zentralfigur zu ersetzen, um einen anderen Ausgang der Situation zu probieren und so viele mögliche Alternativen zu erproben.
Die Szenen werden mit INteressens-Gruppen erarbeitet: Mit der Frage nach dem grössten Druck werden die generativen Themen der Teilnehmenden in Statuen-Bildern sichtbar gemacht, in Galerien versammelt und vorgestellt, um die eigenen Anteile, die Möglichkeiten und Asatz-Punkte der Veränderung sichtbar zu machen.
Das Legislative Theater in Rio de Janeiro
Initiativen und Themen in Rio waren: Umwelt, Altersmedizin, Behindertenrechte, Benachteiligung von Homosexuellen, Landlosenbewegung, Frauenfragen, häusliche Gewalt, Aidsprävention ...
(Unsere Themen hierzulande sind oft zuerst Allein sein, Hilflosigkeit, Depression, berufliche Überlastung, Konkurrenz, schlechte Zusammenarbeit ...)
Das Legislative Theater entsteht im Parlament
Als Theaterleiter verwandelte Augusto Boal die Zuschauer in Schauspielende, als Stadtrat oder Senator verwandelte er die Wähler zu Gesetzgebenden. Seine
Theatergruppe erarbeitete mit den
Bürgerinitiativen in der Stadt die Darstellung der Probleme. In kleinen Festivals tauschten sie diese aus und verbesserten sie, dann stellten sie die Szenen der Bevölkerung zur Veränderung vor. Die Anregungen wurden für Gesetzesvorschläge notiert und weiterverarbeitet.
Das Parlament auf der Straße
Das Projekt bringt nicht nur die Probleme der Bewohnerkreise ins Rathaus, sondern auch das Geschehen in der „Kammer“ in die Aussenwelt: Schauspieler und Schauspielerinnen bringen Szenen und Texte von Sitzungen in den öffentlichen Raum.
Beispiel: Experten Asyl, München, Marienplatz 1998
Parlamentssitzungen werden in gediegener Form als „Der Stadtrat auf den Plätzen“ organisiert.
Legislative Diskussionen über Projekte, die im Stadtrat oder Senat beginnen und auf den öffentlichen Plätzen weitergehen, bekommen dadurch Niveau und Tiefe. Auf diesem Weg kann jeder Vorschlag zur Meinungsbildung und Entscheidung des Parlaments beitragen.
Legislatives Theater in Deutschland?
Zuerst ist es noch schwer vorstellbar, weil hierzulande eher alles zu sehr geregelt ist und wir uns sehr daran gewöhnt haben uns von „Herrschaften“ PolitikerInnen regieren zu lassen. Die Notwendigkeit besteht: Einerseits muss im Rahmen der
Deregulierung auch für eine neue Abstimmung unter den Bürgern gesorgt werden, unser Konsens mit Gesetz und Steuern erzeugt werden, andererseits schwindet das Vertrauen in die Parteienpolitik mit deren Unfähigkeit zu direkter Kommunikation und ihrer Vermischung struktureller und privater Eigeninteressen.
Eine Form des qualifizierten Debattieren, die auch beim legislativen Theater zur genaueren Erarbeitung und internen Abstimmung des Gesetzesvorschlages verwendte wird, verbreitet sich derzeit vor allem an unseren Hochschulen.
Unser Staat? Unser Europa?
Im derzeitigen Abbau des Sozialstaates und vor allem des allgemeinen Gemeinsinns durch die reichen und einflussreichen Schichten wird es immer mehr notwendig, dass die Bürger sich selbst organisieren und für neue Sozialstrukturen sorgen, die auch bis in internationales Denken und solidarisches Handeln reichen.
Folgeprojekte sind der „partizipative Haushalt“, wie er in Porto Alegre erstmals entwickelt wurde, und eine Ästhetik der Unterdrückten in der die Frage einer künstlerischen Arbeit der Bewusstseinsbildung in einer Zeit der reduzierten Bildung und Wahrnehmung des grösseren Bevölkerungsanteils untersucht wird.
Literatur und Weblinks
Theater | Theaterwissenschaft