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Die Lebenserwartung ist die zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod verbleibt. Diese Spanne wird in der Regel aufgrund empirischer Daten berechnet. Grundsätzlich kann jeder beliebige Zeitpunkt gewählt werden, ab dem die restliche Lebenszeit ermittelt werden soll.

Die meistermittelte Lebenserwartung ist die ab Zeitpunkt des Eintritts in das Leben, bei Menschen also die Lebenserwartung bei der Geburt. In diesem Fall fällt die Lebenserwartung mit dem durchschnittlichen Todesalter der betrachteten Gruppe zusammen. Die Lebenserwartung bei der Geburt ist bestimmt durch die Anzahl der Jahre, die ein Neugeborenes durchschnittlich leben würde, wenn die bei seiner Geburt herrschenden Lebensumstände und Sterblichkeitsraten während seines gesamten Lebens konstant blieben.

Menschliche Lebenserwartung


Die menschliche Lebenserwartung ist im allgemeinen Sprachgebrauch diejenige ab der Geburt und wird in dieser Eigenschaft als wichtige soziodemographische Kennzahl verwendet: Je höher sie für eine bestimmte Gruppe ist, desto höher ist in der Regel deren Lebensstandard, beispielsweise medizinische Versorgung, Hygiene, Trinkwasserqualität und Ernährungslage. Unterschieden wird die Lebenserwartung häufig nach Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Berufszugehörigkeit, aber auch nach speziell ausgewiesener Risikogruppe. Während die Statistiken, die sich auf Staaten oder Regionen beziehen, vorwiegend volkswirtschaftliche Indikatoren ausweisen, wird die Unterscheidung nach bestimmten Bevölkerungsgruppen insbesondere in der Versicherungswirtschaft auch zur Berechnung von Risiken und der Bemessung von Prämien oder Renten herangezogen.

Die Berechnung der Lebenserwartung erfolgt anhand von Sterbetafeln, welche die exakte Zahl der Überlebenden und Gestorbenen pro 100.000 Einwohner nach Lebensalter in Jahren ausweisen.

Zusammenhang von Lebenserwartung und sozioökonomischen Status

Nach einer Studie von Karl Lauterbach (Febr. 2006, Köln, Gesundheitsexperte und SPD-Bundestagsabgeordneter) haben Menschen mit hohem Einkommen (mehr als 4500 Euro) eine sieben Jahre höhere Lebenserwartung als Menschen einer Vergleichsgruppe mit niedrigem Einkommen (unter 1500 Euro). Wäre das durchschnittliche Renteneintrittsalter beider Gruppen gleich, so würden die Vertreter der Gruppe mit hohem Einkommen ihre (höheren) Renten sieben Jahre länger beziehen können. Diese Ungerechtigkeit ist systembedingt (Vgl. Generationenvertrag, Rentenversicherung). Die Rentenhöhe ist abhängig von den im Berufsleben geleisteten Versicherungsbeiträgen. Der typische Vertreter der Gruppe mit niedrigem Einkommen hat eine geringere formale Bildung, lebt weniger gesund (Ernährung, Bewegung, Rauchen) und hat ein höheres Risiko, einen schweren Arbeitsunfall zu erleiden. Der exakte Zusammenhang im Sinne einer Kausalkette zwischen den genannten Faktoren und der geringeren Lebenerwartung lässt sich aber nicht wissenschaftlich seriös angeben. Die Konsequenz daraus ist ähnlich wie bei den Rauchern, die Renten-Beiträge für die nichtrauchenden und länger lebenden Bevölkerungsteile leisten. Geringverdienende finanzieren aufgrund ihrer geringeren Lebenserwartung die Rente von Besserverdienenden mit.

Genauso finanzieren Männer die Rente der deutlich länger lebenden Frauen mit.

Lebenserwartung von Pflanzen und Tieren


Die Lebenserwartung kann auch für Tiere und Pflanzen ermittelt werden. Die Lebenserwartung von Tieren unterscheidet sich vor allem nach dem Leben in freier Wildbahn oder in Gefangenschaft. Häufig erreichen Tiere in Gefangenschaft ein sehr viel höheres Alter als in der Wildnis. Dies zumindest in artgerechter Tierhaltung, wo sie vor Fressfeinden, extremen Wetterverhältnissen und Nahrungsknappheit geschützt sind.

Geschichtliche Entwicklung der menschlichen Lebenserwartung


Die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung hat sich in vorhistorischer Zeit nicht, in historischer Zeit zunächst kaum geändert, stieg tendenziell und von Rückschlägen durch Epidemien und Kriegen begleitet sehr langsam, ab dem 19. Jahrhundert immer schneller an. Durch die verschieden ausgeprägten groß- und kleinräumigen Entwicklungen ist sie daher heute weltweit sehr unterschiedlich ausgeprägt: Während in den Staaten Schwarzafrikas, die von der AIDS-Pandemie am stärksten betroffen sind, die Lebenserwartung oft unter 40 Jahre gefallen ist, beträgt sie in Island und Japan etwa 80 Jahre.

Vor allem in den Industrieländern klafft die Lebenserwartung von Frauen und Männern deutlich auseinander. Frauen erreichen dort um drei bis sechs Jahre höhere Werte, was zumeist auf ein risikoreicheres Leben der männlichen Bevölkerung zurück geführt wird. Die amerikanische Feministin Betty Friedan hat die These aufgestellt, dass auch ein Wandel der Geschlechtsrollen zu einer verlängerten Lebenserwartung für Frauen geführt habe. Betty Friedan: Mythos Alter, Hamburg 1995

Für die Vermutung, dass die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen in größerem Maße die Lebensumstände und die gewählte Lebensweise als die biologische Disposition (die genetische Veranlagung) widerspiegelt, sprechen unter anderem die Ergebnisse der "Klosterstudie". Hier wurde festgestellt, dass die Lebenserwartung von Nonnen annähernd gleich der der Frauen der Gesamtbevölkerung ist und Mönche im Schnitt nur 1-2 Jahre jünger als Nonnen sterben.

Es scheinen somit nur bestimmte Gruppen der männlichen Bevölkerung für die geringere Lebenserwartung von Männern verantwortlich zu sein. Dr. Paola Di Giulio vom Max Planck Institute For Demographic Research identifizierte u.a. die Gruppen der "Active Bon-Vivants" (häufig übergewichtige Vielarbeiter und Raucher; überwiegend Männer) und der "Nihilists" (korpulente Nichtsportler und Gesundheitsvorsorge-Vermeider - in dieser Gruppe zu gleichen Teilen Männer und Frauen). Auf der anderen Seite finden sich in der Gruppe der "Interventionists" (Nicht-Raucher, Nicht-Trinker mit gesunder Ernährung und ohne Stress-Job) hauptsächlich Frauen.

Begriffsabgrenzung und Missverständnisse


Die unterschiedliche Verwendung des Begriffes Lebenserwartung führt häufig zu unklaren Formulierungen und Missverständnissen. Diese liegen insbesondere darin begründet, dass die Lebenserwartung nur ein Schätzwert ist, der sich in der Zeit verändert: Eine wichtige Ursache ist, dass bei der Betrachtung der Lebenserwartung häufig übersehen wird, dass diese mit zunehmendem Alter der noch Lebenden steigt. Beispiel: Ein Jahrgang hat bei der Geburt eine Lebenserwartung von 75 Jahren. Nach 60 Jahren ist jedoch ein Teil bereits verstorben, der in der ursprünglichen Erwartung enthalten war. Die noch lebende Gruppe der 60-Jährigen hat nun noch eine Lebenserwartung von über 25 Jahren, womit sie im Durchschnitt ein Lebensalter von 85 Jahren erreichen wird. Ein 80-Jähriger hat mit derselben Berechnung eine Gesamtlebenserwartung von über 90 Jahren. Bei demografischen Vorhersagen, beispielsweise zur Berechnung der Renten ist dies von entscheidender Bedeutung.

Ein ähnlicher Trugschluss kann bei der Lebenserwartung bestimmter Berufsgruppen auftreten. So ist die Lebenserwartung von Bischöfen deutlich höher als von Automechanikern. Dies liegt in erster Linie nicht an der gesünderen Lebensweise, sondern daran, dass Bischöfe nicht mit 25 sterben können, da sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht Bischof sind.

Auf gleiche Weise kann die Kindersterblichkeit die Lebenserwartung ab Geburt unverhältnismäßig verzerren. So wird für den Großteil des Mittelalters eine Gesamtlebenserwartung der Bevölkerung von dreißig Jahren und weniger angenommen. Betrachtet man die Lebenserwartung derer, die das erste Lebensjahr überlebt haben, steigt diese jedoch auf über vierzig Jahre an.

Häufig werden zudem Lebenserwartung, Durchschnittsalter und Höchstalter begrifflich nicht getrennt. Beispielsweise gilt der Kaukasus als Heimat besonders vieler sehr alter Menschen, die hundert Jahre und älter werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung in diesen Ländern liegt jedoch signifikant unter dem Niveau westlicher Industrieländer. Auch auf die Tier- und Pflanzenwelt bezogen werden häufig Rekordalter mit Durchschnittsalter verwechselt: Elefanten können beispielsweise ein Alter von 70 Jahren und mehr erreichen, sterben aber in freier Wildbahn oft bedeutend früher. Hier wird das Rekordalter häufig mit der Lebenserwartung gleichgesetzt.

Literatur


  • Flindt: Biologie in Zahlen. Frankfurt am Main 1988. ISBN 3-437-30592-1
  • Schlag nach! 100000 Tatsachen aus allen Wissensgebieten. Mannheim 1976. ISBN 3-411-02430-5, S.134, 148

Siehe auch

Weblinks


Leben | Demografie | Zeitbegriff

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