Der Lebensborn e.V. war im nationalsozialistischen Deutschen Reich ein staatlich geförderter Verein, der auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassen- und Gesundheitsideologie der Erhöhung der Geburtenrate zur Zucht einer reinen, „arischen Elite“ dienen sollte.
Der vor allem durch den Ersten Weltkrieg bedingte Frauenüberschuss betrug über 2 Millionen. 1937 schätzte der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, die Zahl der Abtreibungen auf 600.000 bis 800.000 jährlich und damit deutlich über der Geburtenrate. Pro Jahr würden etwa 30.000 bis 40.000 Frauen an den Folgen einer Abtreibung sterben, in Folge unsachgemäßer Eingriffe würden etwa 300.000 Frauen pro Jahr auf Dauer unfruchtbar. Um diesen Entwicklungen entgegen zu steuern, hatte im März 1934 die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) das Hilfswerk Mutter und Kind gegründet, das enorme finanzielle Mittel, nämlich mehr als die Hälfte des gesamten Spendenaufkommens des Winterhilfswerks, erhielt. Das Deutsche Institut für Jugendhilfe e.V. betreute uneheliche Kinder, deren Väter die Alimente verweigerten. Eheschließungen wurden mit Darlehen in Form von Bedarfsdeckungsscheinen für Möbel und Hausrat bis zu 1.000 RM gefördert.
In diesem sozialpolitischen Kontext ist auch die Einrichtung des „Lebensborn e.V.“ als konkurrierende SS-eigene Organisation zu sehen.
Mit der Vereinsgründung wurde auch eine entsprechende Satzung mit rassistischen Vereinszielen verabschiedet.
Am 15. August 1936 eröffnete der „Lebensborn“ sein erstes Heim „Hochland“ in Steinhöring bei Ebersberg in Oberbayern. Das Heim verfügte anfangs über 30 Betten für Mütter und 55 für Kinder. Bis 1940 verdoppelte sich in etwa die Bettenzahl.
Geschäftsführer des „Lebensborn e.V.“ waren zunächst SS-Sturmbannführer Guntram Pflaum und ab dem 15. Mai 1940 bis Kriegsende SS-Standartenführer Max Sollmann; ärztlicher Leiter war von Anfang an SS-Oberführer Dr. med. Gregor Ebner.
Im Laufe des Krieges wurden die stark ausgrenzenden Aufnahmekriterien ziemlich reduziert, so dass schließlich etwa 75% der Anträge bewilligt wurden. Die enormen Menschenverluste im Krieg und das wachsende Geburtendefizit bewogen dazu, auf Kosten der „rassischen Auslese“ „zwischen der notwendigen Quantität und der bestmöglichen * Qualität“ Kompromisse zu schließen.
War die Aufnahme bewilligt, konnte die Frau die Zeit der Schwangerschaft auf Wunsch auch weit entfernt vom Heimatort, bis einige Wochen nach der Geburt des Kindes in einem Heim des „Lebensborn e.V.“ zubringen. Bei ledigen Müttern übernahm der „Lebensborn e. V.“ die Vormundschaft.
Die Lebensborn-Heime waren während des Krieges beliebt, weil sie meist außerhalb von Bomberangriffen bedrohter Gebiete lagen und besser versorgt waren als die restliche Bevölkerung. Dank guter ärztlicher Betreuung meldeten sich immer mehr Ehefrauen von SS-Führern in den Heimen nur für die Entbindung an. Gegen Kriegsende lebten dort etwa gleichviel ledige Mütter wie Frauen von SS-Angehörigen. Zwischen den beiden Gruppen kam es verschiedentlich zu erheblichen Spannungen.
Die im Lebensborn geborenen Kinder konnten in den Heimen erzogen und gegebenenfalls – soweit sie den „Rasseanforderungen“ genügten – zur Adoption freigegeben werden. Bevorzugt wurden sie an Familien von SS-Angehörigen vermittelt.
Nach dem Krieg wurden vor allem in Norwegen eine große Anzahl Lebensbornkinder misshandelt, sexuell missbraucht, psychiatrisiert und zwangsadoptiert, was nicht wenige in den Suizid getrieben hat. In Norwegen attestierte ein Oberarzt allen "Deutschkindern" aus den Lebensbornheimen nach Ende der Okkupation kollektiv die Diagnose "schwachsinnig und abweichlerisches Verhalten". Die Begründung: Frauen die mit Deutschen fraternisiert hätten, seien im allgemeinen "schwach begabte und asoziale Psychopathen, zum Teil hochgradig schwachsinnig". Es sei davon auszugehen, dass ihre Kinder dies geerbt hätten. "Vater ist Deutscher" genügte zur Einweisung. Teilweise waren sie auch medizinischen Versuchen mit LSD und anderen Rauschgiften ausgesetzt. Ihre Ausweispapiere wurden vernichtet, gefälscht oder bis 1986 als "Geheimmaterial" zurückgehalten.
Nach jahrzehntelanger weitgehender Tabuisierung des Themas in der norwegischen Öffentlichkeit wurden seit Mitte der 80er Jahre immer mehr Bücher und Berichte über die Behandlung der Kriegskinder veröffentlicht. Zu den Nachkommen von deutschen Besatzungssoldaten mit Norwegerinnen gehört auch die frühere Sängerin der schwedischen Popgruppe ABBA, Anni-Frid Lyngstad.
Zuletzt 1998 lehnte eine Mehrheit des norwegischen Parlaments die Einsetzung einer Untersuchungskommission als "unnötig" ab. Zwar wurden 1996 Opfer von Lobotomieversuchen entschädigt und 1999 von Norwegen enteignetes jüdisches Eigentum ersetzt, doch eine Entschädigung der "Deutschenkinder" wurde abgelehnt.
Sieben "Kriegskinder" verklagten 2001 die norwegische Regierung. Sie unterlagen aber, da die Verjährungsfrist in den 80-er Jahren abgelaufen war. Das Parlament wies die Regierung jedoch 2002 an, sich mit den Betroffenen zu einigen. Tatsächlich hat Norwegen mehr als 59 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erstmals Entschädigungszahlungen an so genannte Kriegskinder angekündigt. Die bis zu 12.000 Kinder von norwegischen Müttern und deutschen Besatzungssoldaten sollten 20.000 bis 200.000 Kronen (bis zu 23.600 Euro) erhalten, schlug der norwegische Justizminister Odd Einar Dørum in Oslo vor. Entschädigt werden sollen sie für ihre nach Kriegsende erlittene Diskriminierung. "Kriegskinder", die Dokumente über besonders schwere Misshandlungen vorlegen können, sollen die Höchstsumme von 200.000 Kronen bekommen. Wer keine Papiere dieser Art vorzuweisen hat, wird die Mindestsumme erhalten.
Bis zum 31. Dezember 1939 wurden in den Heimen etwa 770 uneheliche Kinder geboren, davon befanden sich noch 354 in Lebensbornheimen.
Belgien
Frankreich
Niederlande
Norwegen
Bis zum 30. September 1944 wurden 6.584 Norwegerinnen in den dortigen völlig überbelegten Lebensborn-Entbindungsheimen aufgenommen.
Im Laufe des Kriegs wurden insgesamt 200-250 norwegische Kinder in fünf Lufttransporten in die Heime Kohren-Sahlis, Hohehorst und Bad Polzin gebracht. Sie wurden entweder von ihren Vätern aufgenommen oder kamen in Pflege mit dem Ziel einer späteren Adoption.
In Lebensbornheimen in Norwegen wurden bis Kriegsende ungefähr 12.000 Kinder geboren. In Steinhöring, wo alles begann, endete auch der Lebensborn. Als die amerikanischen Truppen gegen Steinhöring anrückten, verbrannten die Angestellten die Originalpapiere und ließen die aus allen Heimen hierher evakuierten Kinder zurück. Bei vielen Kindern konnte die Identität nicht geklärt werden.
Für die Diskriminierung der „tyskerbarn“ und ihrer Mütter in Norwegen entschuldigte sich Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik 1998.
„Aus dem Beweismaterial geht klar hervor, daß der Verein Lebensborn, der bereits lange vor dem Krieg bestand, eine Wohlfahrtseinrichtung und in erster Linie ein Entbindungsheim war. Von Anfang an galt seine Fürsorge den Müttern, den verheirateten sowohl wie den unverheirateten, sowie den ehelichen und unehelichen Kindern. Der Anklagevertretung ist es nicht gelungen, mit der erforderlichen Gewißheit die Teilnahme des Lebensborn und der mit ihm in Verbindung stehenden Angeklagten an dem von den Nationalsozialisten durchgeführten Programm der Entführung zu beweisen * Der Lebensborn hat im allgemeinen keine ausländischen Kinder ausgewählt und überprüft. In allen Fällen, in denen ausländische Kinder von anderen Organisationen nach einer Auswahl und Überprüfung an den Lebensborn überstellt worden waren, wurden die Kinder bestens versorgt und niemals in irgendeiner Weise schlecht behandelt. Aus dem Beweismaterial geht klar hervor, daß der Lebensborn unter den zahlreichen Organisationen in Deutschland, die sich mit ausländischen nach Deutschland verbrachten Kindern befassten, die einzige Stelle war, die alles tat, was in ihrer Macht stand, um den Kindern eine angemessene Fürsorge zuteil werden zu lassen und die rechtlichen Interessen der unter seine Obhut gestellten Kinder zu wahren“
Trotz der eindeutigen Beweislage wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in zahlreichen pseudowissenschaftlichen Büchern und einigen tendenziösen Filmen (u.a. „Lebensborn“, BRD 1961, „Pramen Života/Der Lebensborn“, Tschechien 2000) die Legenden von den „Zuchtfarmen der SS“ in denen sich „fanatische BDM-Mädchen“ von „reinrassigen SS-Zuchtbullen“ begatten lassen weitergesponnen. Obwohl alle Behauptungen dieser Art eindeutig widerlegt sind und auch Legenden über zigtausende von verschleppten und teilweise ermordeten Kindern aus besetzten Gebieten reine Fantasieprodukte sind, bestimmen diese Behauptungen in der Öffentlichkeit immer noch das Bild vom Lebensborn.
Siehe auch: Erziehung im Nationalsozialismus
Erziehung im Nationalsozialismus | Rassismus im Dritten Reich
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