Le Sacre du Printemps (Das Frühlingsopfer) ist ein Ballett von Igor Strawinski, das am 29. Mai 1913 unter der Leitung von Pierre Monteux in Paris uraufgeführte wurde, und beim Premierenpublikum heftige Reaktionen auslöste. Heute gilt es als eine der bedeutendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts und als ein Hauptwerk des Musikalischen Expressionismus. Es ist besonders mit Blick auf die Orchesterbesetzung für die damalige Zeit einmalig, da es bei den Bläsern und im Schlagwerk, im Vergleich zur romantischen Orchestrierung, doppelt so groß besetzt ist und damit auch von anderen Spätromantikern wie Gustav Mahler in seiner Komplexität nicht erreicht wird.
Es gibt zahlreiche Metaphern, die eine bestimmte Vorstellung von der Haltung zur Gesellschaft tragen. Zunächst einmal bildet der primitivistische Hintergrund des Stückes Basis für alle weiteren Metaphern auf inhaltlicher Ebene. Doch allein schon diese Basis ist weit von dem entfernt, was die Ideologie des Bürgertums Anfang des 20. Jahrhunderts ausmacht: Im hoch zivilisierten Paris bleibt nicht viel Verständnis für „Wilde“ die Naturgötter verehren. Und schon diese Verehrung offenbart eine Denkrichtung, die für die „aufgeklärten“ Bürger der Weltstadt als hoffnungslos überholt galt: Gott als personifizierte Übermacht, und ein ganzer Haufen von Göttern macht die Sache nicht besser. Die Verherrlichung einer Macht, gegen die die Menschen, insbesondere der einzelne Mensch, das Subjekt, nichts auszurichten vermag, spiegelt sich auch in folgender Bemerkung Strawinskis über das, was er in Russland am meisten geliebt habe, wieder: „Den heftigen russischen Frühling, er schien in einer Stunde zu beginnen und die ganze Erde schien mit ihm aufzubrechen.“
Ein weiteres Motiv, das eine Unterwerfung des Subjekts zum Ausdruck bringt, ist der Vollzug von Ritualen. Rituale gelten als nicht hinterfragt, von der Gesellschaft auferlegt und von jedem Einzelnen unreflektiert zu befolgen. Das Subjekt wird zu dem gemacht, was es im eigentlichen Sinn des Wortes immer gewesen ist: Zum Unterworfenen. Am stärksten zeigt sich dies in der Opferung des jungen Mädchens, mit der mehrere Fruchtbarkeitsgötter zu ihrem Segen über die nächste Ernte bewegt werden sollen: Die Einzelne opfert sich – ob sie nun will oder nicht bleibt dahingestellt – für das Wohl der Gemeinschaft. Was hier auf inhaltlicher Ebene dargestellt wird, sind im Grunde vorbarocke Formen: Die Unterwerfung des Einzelnen wird gefeiert, dennoch fehlt die für den Barock typische Künstlichkeit. So wird die Unterwürfigkeit als ursprünglich und natürlich dargestellt und als solche gepriesen.
Wird das romantische Schönheitsideal zum Maßstab genommen, sind die Klänge vorerst ungewohnt. Bei harmonischer Analyse der Klänge erkennt man aber an vielen Stellen, dass Strawinski lediglich zwei klassische, aber auf dem Quintenzirkel weit voneinander entfernte Akkorde ineinander verschachtelt, um so einen dissonanten Klang zu erzeugen. Kadenzen gibt es allerdings nicht; die Harmonien stehen in keinem spannungsbezogenen Verhältnis zueinander. Auf rhythmischer Ebene ist festzustellen, dass er „immer noch“ klare, in einfachen Zahlen auszudrückende Gliederungen benutzt hat, obgleich auch des öfteren bewusst gegen den Takt und in unregelmäßigen Abständen betont wird. Diese Unregelmäßigkeit zeigt sich auch bei den häufigen melodischen „Einwürfen“, die nicht selten auf Triolen aufbauen und somit rhythmisch nicht mit dem Rest des Taktes harmonieren. Melodisch betrachtet ergibt sich ein ähnliches Bild: Die meisten Stücke sind auf nur wenigen Phrasen aufgebaut, die zu unvorhersehbaren Zeiten wiederkehren; eine durchgängige Melodie gibt es aber nicht. Alle diese Aspekte zusammengenommen lassen den Verlauf des „Sacre“ mit einem Wort treffend beschreiben: überraschend. Die Mittel, derer sich Strawinski bedient, um seine Stücke zu schreiben, sind seit der Einführung des tonalen Systems gebräuchlich. Die Komposition dieser Mittel ist allerdings neu und anscheinend an kein System gebunden. Versucht Strawinski also, etwas Altes und Abgedroschenes als etwas Neues zu präsentieren?
Adorno bezeichnet Strawinskis Musik als „infantilistisch“, als eine „permanente Regression“, spricht von „Depersonalisierung“. Diese Haltung begründet sich in der romantischen Anschauung, dass Genie hauptsächlich darin bestehe, Regeln zu brechen. Regeln und Konventionen nämlich seien, dieser Anschauung nach, willkürlich, von außen auferlegt. Der Fortschritt des Menschen sei, diese Regeln reflektieren zu können, um die Willkürlichkeit zu erkennen. Nun sei aber die Handlung des „Sacre“ Symbol für die Unterwerfung unter Regeln überhaupt; Zeichen dafür, dass Strawinski, Adornos Ansichten zur Folge, sich bewusst für die Regeln entschieden habe; also nicht fortschrittlich sei, da er auf die Reflexion verzichtet.
Ballett | 1913 | Igor Strawinski
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