Le Corbusier (* 6. Oktober 1887 in La Chaux-de-Fonds im Schweizer Kanton Neuenburg; † 27. August 1965 nahe Roquebrune-Cap-Martin bei Nizza; eigentlich Charles Edouard Jeanneret(-Gris)) war ein französisch-schweizerischer Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler und Bildhauer.
Le Corbusier ist einer der bedeutendsten und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, dessen neue Ideen aber auch Kontroversen auslösten und teilweise bis heute umstritten sind. Sein Pseudonym Le Corbusier, der Name seines Großvaters, nimmt er am Beginn der 1920er Jahre in Paris – u.a. in Anlehnung an den Namen seines Lehrmeisters L'Eplattenier – an. Eines seiner Markenzeichen ist seine Hornbrille mit dem dicken, runden, schwarzen Rahmen.
Charles Jeanneret verlegt 1917 Wohnsitz und Arbeitsmittelpunkt endgültig nach Paris. Dort lernt er den Maler Amédée Ozenfant kennen, mit dem sich in den folgenden Jahren eine künstlerische und publizistische Zusammenarbeit ergibt. Anfangs erhält er nur wenige Aufträge als Architekt, beschäftigt sich verstärkt mit zeitgenössischer Malerei, insbesondere kommt es zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Kubismus. 1918 entstehen erste Ölbilder - vor allem Stillleben - und er stellt gemeinsam mit Ozenfant aus. Beide veröffentlichen zu ihrer ersten Ausstellung mit Après le Cubisme (Nach dem Kubismus) ihr Manifest für eine neue Kunst, den Purismus, dessen Prinzipien auch in Le Corbusiers Architektur einfließen: Die rationale Komposition des Bildes/Bauwerkes aus elementaren geometrischen Formen bei Vermeidung rein dekorativer Effekte. Um ihre Ideen zu Malerei und Architektur an die Öffentlichkeit zu verbreiten, gründen sie 1920 gemeinsam mit dem Dichter und Publizisten Paul Dermée die Zeitschrift L’Esprit Nouveau. In diesem Heft beginnt er, um seine Artikel, die 1923 auch unter dem Titel Vers une Architecture als Buch erscheinen, zu signieren, das Pseudonym Le Corbusier zu verwenden. Er beschränkt sich fortan in seiner Arbeit nicht auf das Entwerfen von Bauwerken, sondern bemüht sich um die Verbreitung seiner Ideen durch Ausstellungen, Zeitschriften, Bücher und Vorträge. 1920 entwickelt er die ersten Pläne für die so genannte Maison Citrohan. Dieser Haustyp – dessen Bezeichnung sich bewusst an die Funktionalität der Automobilindustrie, an den Markennamen Citroën anlehnt – sieht die Serienfertigung mit quaderförmigem Baukörper und tragenden Seitenwänden vor und erfüllt bereits einen großen Teil der Fünf Punkte einer neuen Architektur (siehe unten). 1922 gründet Le Corbusier mit seinem Vetter Pierre Jeanneret (* 1896; † 1967) ein Architekturbüro in der Rue d'Astorg 29; 1924 richtet er zusätzlich ein Atelier in einem Gang eines ehemaligen Jesuitenklosters in der Rue de Sèvres 35 ein. Realisiert werden in den 1920er Jahren überwiegend Wohnhäuser nach dem „Dom-ino“-System. Als Stadtplaner tritt er 1922 mit einem Konzept für eine „Zeitgenössische Stadt für drei Millionen Einwohner" (Ville Contemporaine) im Herbstsalon an die Öffentlichkeit. Auf der Internationalen Kunstgewerbeausstellung Exposition Internationale des Arts Décoratifs 1925 in Paris zeigen Le Corbusier/Jeanneret mit dem Pavillon L’Esprit Nouveau einen avantgardistischen Gegenentwurf zum Mainstream der Ausstellung, die im Zeichen des Art Déco steht. Dieser Pavillon besteht aus einer zweigeschossigen Villeneinheit, die als Grundbaustein in seinen damaligen Architekturentwürfen wiederholt auftaucht, entweder zum Wohnblock (immeuble-villas) gestapelt oder zu einer „geschlossenen Siedlung in Wabenform“ gruppiert. Der Pavillon ist eingerichtet mit modernem, funktionalem Mobiliar, an den Wänden hängt puristische und kubistische Malerei von Le Corbusier, Fernand Légers, Jacques Lipchitz, Juan Gris und Ozenfant, vor dem Gebäude steht eine Skulptur von Lipchitz. In einem angeschlossenen Diorama zeigt er seine städtebaulichen Visionen für Paris (Ville contemporaine, Plan Voisin). Bald nach der Ausstellung wird die Zeitschrift L’Esprit Nouveau eingestellt, Differenzen führen zur Trennung von Ozenfant. Le Corbusier und Pierre Jeanneret nehmen 1927 am Wettbewerb für den Völkerbundpalast in Genf teil. Sein Entwurf erhält mit 8 anderen (von 377) einen ersten Preis zugesprochen, vereinigt auf sich die meisten Jurystimmen. Die weitere Berücksichtigung wird aber aus einem formalen Grund - es wurden nicht die geforderten Tuschezeichnungen eingereicht - abgelehnt, obwohl sein Plan der einzige ist, der den Kostenrahmen einhält. Gebaut werden seine nach den Fünf Punkten entworfenen Häuser für die Mustersiedlung „Weißenhof“ in Stuttgart, wovon eines die erste Realisierung eines Hauses des Typs Citrohan darstellt. 1928 reist er nach Moskau, wo er nach dem Gewinn eines internationalen Wettbewerbs den Auftrag zum Bau des Gebäudes für den Zentralverband der Konsumgenossenschaften der UdSSR (Centrosojus) erhält. Im schweizerischen La Sarraz gründet er mit anderen Architekten den Congrès International d’Architecture Moderne (CIAM). Die Gründung dieser Architektenvereinigung ist auch eine Reaktion auf die vielfach als Skandal empfundenen Ereignisse beim Wettbewerb um den Völkerbundpalast. 1929 geht er auf seine erste Südamerikareise, hält dort Vorträge über Architektur. Im Herbstsalon stellen er, Pierre Jeanneret und die Designerin Charlotte Perriand (* 1903; † 1999) gemeinsame Möbelentwürfe aus. Diese werden als Designermöbel bis heute hergestellt und unter der Bezeichnung LC1 bis LC7 vertrieben. Das markanteste und bekannteste Modell dieser Reihe ist vermutlich die Chaise longue LC4. Im September 1930 nimmt Le Corbusier die französische Staatsangehörigkeit an, im Dezember heiratet er das aus Monaco stammende Mannequin Yvonne Gallis (* 1892; † 1957). 1931 nimmt er am internationalen Wettbewerb für den Sowjetpalast in Moskau teil, der Entwurf wird im folgenden Jahr abgelehnt. Im Februar des Jahres erste Reise nach Algier, der weitere folgen. Für diese Stadt entstehen in den folgenden Jahren umfangreiche Stadtplanungen und architektonische Entwürfe, die aber nicht umgesetzt werden. 1933 ist er federführend beteiligt an der Verabschiedung der Charta von Athen auf dem IV. CIAM-Kongreß in Athen. 1935 reist er auf Einladung des Museum of Modern Art zum ersten Mal in die USA, besucht Kongresse und hält Vorträge, Aufträge bleiben aber aus. Unter dem Titel La Ville Radieuse wird ein weiteres städtebauliches Konzept erarbeitet. Auf seiner zweiten Lateinamerikareise entwirft er in Brasilien 1936 zusammen mit den einheimischen Architekten Lucio Costa, Oscar Niemeyer u.a. das Erziehungs- und Gesundheitsministerium für Rio de Janeiro. Auf der Weltausstellung 1937 in Paris ist er mit dem Ausstellungspavillon Temps nouveaux vertreten.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs kommt die Bautätigkeit nahezu zum Stillstand. Ein Auftrag zur Planung einer Munitionsfabrik kann wegen der schnellen Niederlage Frankreichs 1940 nicht mehr ausgeführt werden. Le Corbusier und Pierre Jeanneret schließen das gemeinsame Architekturbüro, er flieht mit Frau und Sohn in die Pyrenäen. 1941 zieht er nach Vichy und knüpft Kontakte zur Petain-Regierung, von der er auch Aufträge erhält und ausführt. Corbusiers politische Haltung in dieser Zeit ist nicht ganz klar: es heißt, er habe in den späten 1930er Jahren Sympathien für die politische Rechte erkennen lassen, was auch dazu führte, dass sich Mitarbeiter von ihm distanzierten, und habe während der Besetzung mit der Vichy-Regierung wenigstens sympathisiert; andere Quellen bringen ihn zumindest in der Zeit nach 1942 mit der Resistance in Verbindung 1942 beginnt er mit der Ausarbeitung seiner Modulor genannten Proportionslehre, die fortan für alle seine folgenden architektonischen Entwürfe grundlegend wird. Er gründet die Assemblée de Constructeurs pour Rénovation architecturale (ASCORAL), die sich mit Wiederaufbauplänen für die Zeit nach dem Krieg beschäftigt. 1943 publiziert er die Charta von Athen. Nach der Befreiung Frankreichs 1944 wird er Vorsitzender der Städtebaukommission des französischen Architektenverbandes Front national des architectes und eröffnet im August wieder in der Rue de Sèvres ein Büro. Er arbeitet 1945/46 an Wiederaufbauplänen für Saint-Dié und La Rochelle-Pallice, die aber eben so wenig realisiert werden wie seine Stadtplanungen zur Erweiterung von Saint-Gaudens. Ende 1945 schifft er sich zu seiner zweiten Reise in die USA ein, wo eine Wanderausstellung sein Werk bekannt macht. Er besucht Albert Einstein in Princeton. 1947 wird er Mitglied der Architektenkommission, die für die Planung des UNO-Hauptquartiers in New York eingesetzt wurde. Von ihm stammt das Grundkonzept und die Pläne für das UNO-Hochhaus (Sekretariat), ausführender Architekt aber wird Wallace Harrison. Zu Beginn der 1940er beschäftigt er sich auch mit der Bildhauerei, zusammen mit dem bretonischen Tischler und Holzschnitzer Joseph Savina vollendet er 1948 erste Holzskulpturen, zeichnet Vorlagen für Gobelins. Die Regierung des indischen Bundesstaates Punjab beruft ihn 1951 als Berater für die Planung der neuen Hauptstadt Chandigarh, nachdem der zunächst beauftragte Stadtplaner Albert Mayer nach dem tödlichen Flugzeugunglück des zum Projekt hinzugezogenen Architekten Matthew Nowicki den Auftrag nicht ausführen kann. Er kann hier seine städtebaulichen Vorstellungen erstmalig in die Realität umzusetzen: bis 1952 stellt er die Raumplanung fertig, danach entwirft er noch einige Regierungsgebäude, von denen der Justizpalast, das Sekretariat und das Parlamentsgebäude gebaut und bis 1961 fertig gestellt werden. Weitere Projekte führt er auf dem indischen Subkontinent in den 1950er Jahren auch in Ahmedabad aus. 1952 wird in Marseille nach sechs Jahren Planung und Bauen die erste Unité d'habitation fertig gestellt. Von diesem Haustyp werden in den folgenden Jahre vier weitere Ausführungen an verschiedenen Orten errichtet. DSC 1425-p01-co-ronchamp-01.jpg Es entstehen zwei repräsentative Sakralbauten: die wegen ihrer Formensprache berühmte Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut bei Ronchamp wird 1955, das Kloster Sainte-Marie-de-la-Tourette bei Éveux-sur-l'Arbresle 1960 fertig gestellt. Für die Firma Philips entwirft er gemeinsam mit Iannis Xenakis einen Pavillon für die Weltausstellung in Brüssel von 1958, der mit seinen parabolisch und hyperbolisch geschwungenen Oberflächen die expressive Formensprache der Kirche von Ronchamp weiterführt und für dessen Innenraum in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Edgar Varèse das Poème électronique, eine Art multimediales Gesamtkunstwerk aus Bild (Dia-Vorführung), Musik und Architektur entsteht. Mit dem Nationalmuseum für westliche Kunst ist er ab 1959 auch in Tokio, im Ueno-Park, vertreten. Der Auftrag für den Bau des Carpenter Center for Visual Arts an der Harvard Universität ermöglicht ihm zwischen 1959 und 1962 auch sein erstes und einziges Projekt in den USA - anders als beim UNO-Gebäude, wo ihm nicht die Verantwortung übertragen wurde - unter eigenem Namen durchzuführen. Mit 78 Jahren stirbt Le Corbusier in Cap-Martin, als er beim Baden im Meer nahe seines Ferienhäuschens La Cabanon einen Herzschlag erleidet und ertrinkt. Am 1. September ehrt Kulturminister André Malraux den Toten mit einer offiziellen Trauerfeier im Carrée-Hof des Louvre. Er ist auf dem Friedhof von Cap-Martin bestattet.
(Jahreszahlen geben den Zeitraum von Planungsbeginn bis Fertigstellung an; Villa = Landhaus, Maison = städtisches Wohnhaus)
Unter anderem:
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