Laplacescher Dämon bezeichnet die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Auffassung, dergemäß es möglich sei, unter der Kenntnis sämtlicher Naturgesetze und aller Initialbedingungen jeden vergangenen und jeden zukünftigen Zustand zu berechnen. Der metaphysische Unterbau dieser Haltung ist der Gesetzesdeterminismus: für Laplace ist die Welt durch Anfangsbedingungen und Bewegungsgesetze vollständig determiniert, so dass die Aufgabe der Naturphilosophie, die in der Himmelsmechanik ihr Vorbild besitzt, ausschließlich in der Integration von Differentialgleichungen besteht. Das wäre die Aufgabe des Dämons, den Laplace im Vorwort des Essai philosophique sur les probabilités von 1814 entwirft; er spricht dort jedoch weniger effektheischend von einer Intelligenz (une intelligence). Dass das ein nicht zu erreichendes wissenschaftliches Ziel darstellt, war Laplace selbst bewusst. Gegenargumente sind die empirische Unzugänglichkeit des Kleinen und die Unzugänglichkeit sehr großer Massen im Kosmos. Laplace kannte schon 'Vorläufer' von schwarzen Löchern und stellte sich Sterne vor, die so große Massen besitzen, dass die Lichtmaterie von den Sternen gravitativ festgehalten wird.
In der modernen Physik gibt es drei grundsätzliche Einwände gegen die Vorstellung vom Laplaceschen Dämon (in der Reihenfolge ihrer Entdeckung):
1. Die Relativitätstheorie (1905)
Nach der Relativitätstheorie ist es nicht möglich, den ganzen Kosmos zu erfassen, da Informationen maximal mit Lichtgeschwindigkeit transportiert werden können. D.h. es bildet sich ein "Horizont" über den der Dämon nicht hinaus blicken könnte. Er kann also nicht alle Zustände des Universums erfassen und folglich auch nicht vorhersagen.
2. Die Unschärferelation auf Quantenebene (um 1920)
In der Quantenphysik lassen sich keine deterministischen, genauen Voraussagen treffen, es sind nur Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich. Nach den am weitesten verbreiteten Interpretationen der Quantenmechanik, ist dies nicht durch die Unkenntnis verborgener Variablen bedingt, sondern spiegelt einen auf Quantenebene existierenden absoluten Zufall wider. Gemäß dieser, von den meisten Physikern vertretenen Ansicht ist also nicht nur der Laplacesche Dämon unmöglich (wie nach den beiden anderen Einwänden), sondern auch der Determinismus an sich falsch. Die Quantenmechanik kann allerdings auch deterministisch interpretiert werden.
3. Berechnungsgrenzen (1960er)
Auch die Phänomene der Chaosforschung stellen den Dämon vor eine unlösbare Aufgabe. Letztlich gilt, dass die Anzahl der für so eine Berechnung benötigten Werte exponentiell anwächst. Deshalb würde der Dämon für Vorhersagen sehr lange Zeit benötigen, letztlich so lange, dass er für eine Berechnung des Zustandes des Universums üblicherweis mindestens so lange benötigt, wie das Universum benötigt um den Zustand einzunehmen (NP-harte Berechnung). Seine Vorhersage (als eine vom System entkoppelte Aussage) käme also zu spät. Und ein vorausplanendes Handeln wäre erst recht unmöglich, da dazu ja verschiedene Zukunftsberechnungen verglichen werden müssten.
Hinzu kommt, dass der Dämon mit seiner (sicher sehr anstrengenden) Berechnung, d.h. mit dem physikalischen Hin- und Herschieben von Elektronen in seinem Gehirn oder Computer seinerseits das Universum verändert, er müsste sich also gleichzeitig selbst mitberechnen. So eine Berechnung könnte also nur einem Beobachter 2ter Ordnung (Systemtheorie) gelingen, der nicht Teil des von ihm betrachteten Systems ist. Wenn er aber nicht Teil des Systems ist, hat er keine Einflussmöglichkeit auf das System, er hätte also nichts von seinem Wissen.
siehe auch: Prädestination (Religion), Unschärferelation (Physik), Absolutes, Chaosforschung
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