Kurt Ernst Carl Schumacher (* 13. Oktober 1895 in Culm, Westpreußen; † 20. August 1952 in Bonn) war ein deutscher Politiker.
Er war Parteivorsitzender der SPD von 1946 bis 1952 und SPD-Fraktionsvorsitzender im ersten Deutschen Bundestag von 1949 bis 1952.
Kurt Schumacher war in der Zeit von 1945 bis 1949 maßgeblich am Wiederaufbau der SPD in Westdeutschland beteiligt. In den ersten Jahren der Bundesrepublik war Schumacher der große Gegenspieler Konrad Adenauers. Auch wenn Schumacher langfristig mit seinen politischen Vorstellungen zum größten Teil scheiterte, gehörte er doch zu den Gründervätern der Bundesrepublik Deutschland. 2_DM_Kopseite_Kurt_Schumacher.jpg
Schumacher stellt nach seiner Promotion in Rechtswissenschaften sein gesamtes Leben aktiv in den Dienst der SPD. Vor 1933 ist er zunächst Redakteur einer Parteizeitung, dann Landtags- und Reichstagsabgeordneter. Den größten Teil der Zeit des Nationalsozialismus muss er im KZ verbringen. Nach 1945 wird er unumstrittener Parteiführer und eine der prägenden Gestalten der frühen Bundesrepublik.
Im Gegensatz zum Fuchs Adenauer beschreibt sein Biograf Peter Merseburger ihn in Anlehnung an Machiavellis Terminologie als Löwen. Ausgesprochen willensstark, polemisch und scheinbar unbeirrbar in seinen Vorstellungen bildet er das in der Wahrnehmung der Zeitgenossen ebenso charismatische Gegenbild zum ersten Kanzler. Der preußische Sozialist Schumacher ist in den ersten Jahren der Bundesrepublik in der öffentlichen Meinung der klar dominierende Politiker Westdeutschlands. Erst durch die Wahl des rheinischen Katholiken Adenauer zum Kanzler und den fast zeitgleich einsetzenden endgültigen körperlichen Verfall Schumachers wandelt sich dieses Bild.
Seine Forderungen trägt Schumacher mit leidenschaftlicher Radikalität vor. Einen Arm verliert er im Ersten Weltkrieg, sein linkes Bein muss 1948 amputiert werden; die Zeit im Konzentrationslager schadet seiner Gesundheit schwer. Ausgemergelt und körperlich geschädigt, ist der Kettenraucher doch mit einem scheinbar bis zum Starrsinn reichenden unbeugsamen Willen versehen und wirkt auf viele seiner Zeitgenossen und Gesprächspartner wie ein lebendes Symbol moralischer Aufrichtigkeit und des unbeugsamen Kampfes für einen freiheitlichen Sozialismus.
Schumacher-geburtshaus-20.10.2002.jpg (heute Chełmno)]] Schumacher wird als viertes Kind und einziger Sohn des evangelischen Kaufmanns Carl Schumacher und seiner Frau Gertrud geb. Meseck am 13. Oktober 1895 geboren. Der Eintrag im Standesamt lautet auf Curt Ernst Carl Schumacher. Sein Vater Carl ist nicht nur geschäftlich erfolgreich, sondern auch politisch aktiv. Der Anhänger des linksliberalen Freisinns übt für viele Jahre das Amt des Culmer Stadtverordnetenvorstehers aus; höchstwahrscheinlich (genaue Daten sind nicht überliefert) unterstützen ihn dabei auch die polnischen Abgeordneten. Die Schumachers haben weitverzweigte verwandtschaftliche Beziehungen in die Führungselite der Stadt.
Seit 1911 ist Carl auch Kreistagsabgeordneter, 1914 und 1917 vertritt er Culm bei den Verhandlungen des Reichsverbandes deutscher Städte. Kurt Schumacher liest in dieser Zeit die Sozialistischen Monatshefte – die Zeitschrift des revisionistischen Flügels der SPD und den März, eine linksliberale von Hermann Hesse und Ludwig Thoma herausgegebene Zeitschrift. Der Junge aus gutbürgerlichem Haus gilt in der Schule als überzeugter Sozialdemokrat, leidet aber unter der Vereinsamung, die eine solche Haltung innerhalb der westpreußischen Gesellschaft mit sich bringt. Kurt_Schumacher1.JPG]] In einem Selbstporträt, das Schumacher 1924 zur Bewerbung bei einem Doktorvater anfertigt, schreibt er: „Mein Interesse für historische und politische sowie philosophische Dinge brachte mich sehr frühe dem Sozialismus nahe. Die üble und ungünstige Umgebung, die eine ostmärkische Kleinstadt für solche Interessen nun einmal ist, hat mich notgedrungen sehr frühzeitig zu einer Schablonisierung meiner Ansichten gebracht – spätestens seit meinem 15. Jahre zählte ich mich innerlich zur Sozialdemokratischen Partei. Allerdings fehlte diesen „Schablonen“ dadurch manches ihrer Gefährlichkeit, dass ich durch die Lektüre Bernsteins (was mir heute etwas sehr sonderbar vorkommt) Sozialdemokrat im Parteisinn geworden bin.“ Die Prägung durch Bernstein und dessen Stellung gegen den orthodoxen Marxismus begleitet Schumacher sein ganzes Leben lang.
Culm liegt nur 30 Kilometer von der Grenze des damals zaristischen Russlands entfernt. Seine Mitschüler sind zum größten Teil Polen, in seiner Abschlussklasse befinden sich acht Deutsche und 14 Polen. Am Gymnasium in Culm war einige Jahre vor Schumachers Schulbeginn der Gebrauch der polnischen Sprache verboten worden; ein Verbot, das jährlich rituell in einer großen Versammlung wiederholt wurde. Durch seinen Mitschüler und Freund Franciszek Raszeja wird Schumacher in die traditionsreiche aber verbotene Philomatenvereinigung der Polen aufgenommen und lernt so deren Einstellungen, die polnische Kultur und ihr ausgeprägtes Nationalbewusstsein kennen.
Bei der ersten möglichen Gelegenheit meldet sich Schumacher am 2. August 1914 – kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs – als Kriegsfreiwilliger, ohne zu ahnen, wie sich dies auf seine Schullaufbahn auswirken wird. Sein Entschluss fällt unter anderem aus der Überlegung, dass für die Grenzstadt Culm die akute Gefahr besteht, zur Frontstadt und Opfer einer Belagerung zu werden. Er kehrt noch einmal kurz zur Schule zurück, um das Notabitur abzulegen. Sein (nicht selbst gewähltes) Aufsatzthema im Abitur bezieht sich zeitgemäß auf das Schiller-Thema. Will, ruf' ich aus, das Schicksal mit uns enden, So stirbt sich's schön, die Waffe in den Händen. Schumacher ist noch Jahrzehnte später tief beeindruckt davon, dass sich in den darauf folgenden Tagen auch die meisten seiner polnischen Mitschüler auf deutscher Seite als Kriegsfreiwillige melden - vor allem aus der Motivation heraus, gegen Russland zu kämpfen.
Als Soldat im Infanterie-Regiment Nr. 21 wird er bereits am 2. Dezember 1914 bei Bielawy (westlich Łowicz/ Polen) schwer verwundet. Schumacher, getroffen durch zwei Querschläger durch den Oberarm und zwei Schüsse durch die Hand, bleibt 26 Stunden auf dem Feld liegen; in dieser Zeit wird er von weiteren Granatsplittern am Oberschenkel getroffen, bevor er auf einem Holzwagen ins 50 km entfernte Feldlazarett geschleppt wird. Ihm wird der rechte Arm amputiert. Der 1,85 m große Schumacher fällt in den folgenden Monaten, zusätzlich auch noch von der Ruhr befallen, von 72 kg auf 43 kg Gewicht. Am 10. Oktober 1915 wird Schumacher offiziell aus dem Militär entlassen. Dafür, seinen rechten Arm im Krieg gelassen zu haben, erhält er eine monatliche Rente von 33,75 Mark zuzüglich einer Kriegszulage von 15 Mark und der einfachen Verstümmelungszulage von 27 Mark sowie das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
Culm fällt nach dem ersten Weltkrieg an Polen. Die Entscheidung ist von heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Stadt begleitet. Teile seiner Familie ziehen ins verbleibende Deutsche Reich, andere bleiben in Polen. Er erlebt die Ereignisse zum größten Teil vor Ort, da er gerade sein Referendariat am Amtsgericht Culm ableistet.
Er beendet sein Studium 1919 mit dem juristischen Staatsexamen. Er wird Mitarbeiter im Reichsarbeitsministerium. Da er in Berlin keinen Doktorvater findet, promoviert er 1926 an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster zum Dr. jur. Sein Doktorvater war der bekannte Staatsrechtler Johann Plenge, der während des Ersten Weltkrieges der nationalkonservativen Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe innerhalb der SPD nahestand. Das Thema seiner mit magna cum laude abgeschlossenen Dissertation lautet: Der Kampf um den Staatsgedanken in der deutschen Sozialdemokratie. Über Plenge und Schumacher ergibt sich eine Kontinuitätslinie konservativ-nationalen Denkens innerhalb der SPD von der Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe bis hin zum heutigen, von Schumachers Mitarbeiterin Annemarie Renger mitbegründeten Seeheimer Kreis.
Die Dissertation ist von vielen Kommentatoren als inhaltliche Bekenntnisschrift Schumachers aufgefasst worden. Nach der Novemberrevolution war die SPD zur tragenden Partei im Staat geworden. Wurde sie von diesem bis 1918 vor allem bekämpft, musste sie nun mit dem Staatsapparat arbeiten. Schumacher versucht das Problem in seiner Dissertationsarbeit anzugehen. Darin stellt er die beiden bedeutenden Theoretiker der Sozialdemokratie Ferdinand Lassalle und Karl Marx nebeneinander, die für Schumacher Haupttypen aller sozialistischen Politiker darstellen: Marx, der „den Staat aus dem Endziel hinwegphilosophiert“ habe, um den „Mythus des emanzipierten Individuums“ zu schaffen, während Lassalle im Arbeiterstaat das „höchste Menschheitsideal“ sieht. Schumacher entscheidet sich in der Situation eindeutig für die Sozialdemokratie als Staatspartei – er beschreibt die seiner Ansicht nach bestehende Notwendigkeit der Eingliederung der Arbeiter in das Staatsganze, er fordert die Notwendigkeit „der Festigung der Staatsgesinnung und der Stärkung des Abwehrwillens, vor allem gegen Russland.“
In seiner Leipziger und Hallenser Zeit hält Schumacher zur Partei Abstand. Die Städte sind Hochburgen der USPD, der damalige außerparlamentarische und auf den politischen Streik hin ausgelegte Politikstil stößt ihn ab.
1917 tritt er in den SPD-nahen Bund der Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigten ein. Sein Mitgliedausweis trägt die Nummer 116 einer Organisation, die bereits 1920 über 650.000 Mitglieder hat. Nach dem für Schumacher äußerst ungewöhnlichen mehrjährigen Zögern tritt er am 8. Januar 1918, also noch zu Zeiten des Kaiserreiches und Monate vor der Novemberrevolution, in die SPD ein. Als Akademiker in der SPD gehört er somit sowohl bei den Sozialdemokraten als auch in akademischen Kreisen einer deutlichen, und auf beiden Seiten nicht eben beliebten, Minderheit an. Während der Revolution ist er, unter anderem zusammen mit Otto Braun, Mitglied des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates. 1920 wird die SPD auch sein Arbeitgeber: er wird politischer Redakteur der sozialdemokratischen Stuttgarter Zeitung Schwäbische Tagwacht. In Stuttgart fällt Schumacher als leidenschaftlicher Redner und früher Gegner der Nationalsozialisten auf. 1924 wird er Stuttgarter Vorsitzender des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. 1930 wird er Vorsitzender der SPD in Stuttgart, dem mitgliederstärksten Kreisverband der Württembergischen SPD.
Schon früh beginnt Schumacher sich sowohl mit Kommunisten als auch Nationalsozialisten – die er beide gleichermaßen entschieden ablehnte – auseinanderzusetzen. Schumachers Einschätzung nach hatten die Aktionen der späteren KPD – und die dadurch verursachten Reaktionen der politischen Rechten – maßgeblich dazu beigetragen, den Spielraum für eine wirkliche demokratische Revolution verhängnisvoll einzuengen. Er hält die in seinem Stuttgarter Wahlkreis vergleichsweise starke KPD für eine vollkommen aus Moskau gesteuerte Partei – die KPD verfüge über keinerlei innerparteiliche Demokratie, ihr Verhältnis zur Demokratie und zur Gewalt sei dem der NSDAP gleich. Eine Zusammenarbeit mit der KPD war für Schumacher zu keiner Zeit auch nur vorstellbar.
Mit der NSDAP setzt sich Schumacher erstmals 1923 näher auseinander. Seiner Auffassung nach ist der Antisemitismus das einzige Band, das die Bewegung zusammenhalte, der Nationalsozialismus glaube allein an die Gewalt und das postulierte Selbstbestimmungsrecht des Volkes werde dadurch zur Farce.
1924 wird er Mitglied des Landtages von Württemberg. Hier ist er seit 1928 Mitglied im Vorstand der SPD-Fraktion. 1931 scheidet er aus dem Landtag aus. Schumacher gehört damit zu den wenigen führenden Politikern in der SPD, deren sozialdemokratische Sozialisation primär in der Weimarer Republik stattfindet; er zieht in der politischen Beurteilung der Situation weniger Parallelen zum Kaiserreich als die meisten seiner Kollegen und hat dadurch ein offeneres Auge für die neuen Entwicklungen in der Weimarer Zeit.
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Er gehört auch dem nach der Machtergreifung Hitlers unter erschwerten Bedingungen gewählten Reichstag an. Er gehört zu den wenigen Parlamentariern, die mit an der Rede Otto Wels' arbeiten, mit der dieser das Nein der SPD zum Ermächtigungsgesetz formuliert. Die Kernaussage Freiheit und Leben könne man den Sozialdemokraten nehmen, nicht aber ihre Ehre bestimmt Schumachers gesamtes Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus. Am 10. Juni plädiert er auf einer Sitzung der SPD-Reichstagsfraktion für die illegale Arbeit der Partei, ebenso am 19. Juni auf einer SPD-Reichskonferenz. Er ist im Gegensatz zur Parteiführung, die glaubt, es könne nicht schlimmer als zu Zeiten von Bismarcks Sozialistengesetzen werden, Vertreter einer unnachgiebigen Haltung gegenüber den Nationalsozialisten. Vom 13. Juni 1933 an wird Schumacher steckbrieflich gesucht.
Am 6. Juli 1933, gut zwei Wochen nach dem Verbot der SPD, wird Schumacher in Berlin verhaftet, nachdem er an einem geheimen sozialdemokratischen Treffen im Schwarzwald teilgenommen hat. Schumacher bekommt die Chance, eine Verzichtserklärung auf politische Betätigung zu unterschreiben und sich damit seine Freiheit zu erkaufen. Er lehnt ab. Daraufhin wird er über einen Zeitraum von neun Jahren, neun Monaten und neun Tagen in verschiedenen Konzentrationslagern gefangen gehalten, zunächst bis Dezember 1933 im KZ Heuberg, danach bis Juli 1935 im KZ Oberer Kuhberg in Ulm, anschließend im KZ Dachau und zeitweilig im KZ Flossenbürg.
Schumacher kann zwar als Weltkriegsveteran auf eine leichte Rücksichtnahme hoffen, riskiert aber durch mehrfachen Widerspruch und sogar einen Hungerstreik mehrfach sein Leben. Er lehnt im Konzentrationslager jeglichen Kontakt zu kommunistischen Gefangenen ab, da er sie für mitschuldig an der Machtübernahme der Nazis hält.
Am 16. März 1943 wird er als schwerkranker Mann nach Hannover entlassen, wo er sich zwangsweise bis zur Befreiung am 10. April 1945 aufhalten muss. Nach dem Attentat am 20. Juli 1944 wird er vom 24. August bis 20. September 1944 im KZ Neuengamme erneut inhaftiert.
Unmittelbar nach Kriegsende und der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus beginnt Kurt Schumacher mit dem Wiederaufbau der SPD. Wie August Bebel auch, wird Schumacher als wahrer Volkstribun, mitreißender Redner, Führer, an den glaubte, wer zur SPD gehörte (Peter Lösche) beschrieben. Seine Genossen spornte er immer an, weiterzumachen, auch wenn es sich nicht mehr zu lohnen scheint. Zu der Jugend in der SPD hat er ein gutes Verhältnis, da ihn diese wegen seiner Anti-Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus bewundert.
Bereits am 6. Mai 1945, zu einem Zeitpunkt als die Bildung politischer Parteien von der britischen Besatzungsmacht noch verboten ist, wird Schumacher von etwa 130 sozialdemokratischen Funktionären in Hannover zum lokalen Vorsitzenden gewählt.
Schumacher beweist im Nachkriegschaos großes organisatorisches Geschick und steigt in kurzer Zeit zur unangefochtenen Führungsfigur der Sozialdemokratie in den westlichen Besatzungszonen auf. Im Juli 1945 beauftragen elf westdeutsche Parteibezirke „den früheren Reichtagsabgeordneten Dr. Kurt Schumacher mit der organisatorischen und politischen Führung der Partei im gesamten Reich“. Am 10. Mai 1946, vier Wochen nach der von ihm heftig bekämpften Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED in der sowjetischen Zone wird Schumacher schließlich mit 244 von 245 Stimmen zum Parteivorsitzenden der SPD in den drei westlichen Besatzungszonen gewählt. Das Büro Dr. Schumacher in Hannover entwickelt sich zur faktischen Parteizentrale, seine Mitarbeiter wie Erich Ollenhauer, Annemarie Renger, Egon Franke, Alfred Nau, Herbert Kriedemann und Herta Gotthelf bilden das organisatorische Grundgerüst der SPD.
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Schumacher sah die Partei als wichtigste Trägerin des politischen Systems an. Im Nachkriegschaos, angesichts der großen Aufgaben, denen sich die frühe bundesdeutsche Politik stellen muss, sicher aber auch persönlichkeitsbedingt, ist für ihn die Einheit der Partei eines der wichtigsten Ziele.
Zu den oft kritisierten Eigenschaften Kurt Schumachers gehört sein autoritärer Führungsstil. Der in seinem Führungsstil vollkommen gegensätzlich gelagerte Willy Brandt charakterisiert ihn in seinem Buch Links und frei so: „Ich begriff – etwas widerstrebend – die magnetische Wirkung, die er auf viele ausübte. Er bat nicht, er forderte. Er wog nicht Argumente gegeneinander ab, sondern schleuderte das Ergebnis seines Nachdenkens in den Zuhörerkreis – und dies mit erheblichem Stimmaufwand.“
Schumacher verlangt von den Mitgliedern der SPD eine eiserne Parteidisziplin und ist Verfechter des Fraktionszwangs. SPD-Politiker, die öffentlich eine abweichende Meinung vertraten, wurden von ihm scharf angegriffen (zum Beispiel Wilhelm Hoegner und Wilhelm Kaisen). Im Fall Hoegner gerät der fast schon militante Zentralist mit dem ebenso vehementen bayerischen Föderalisten aneinander. Während Hoegner Schumachers „Diktator-Allüren“ kritisiert, sieht Schumacher in Hoegner nicht ganz zu unrecht einen Separatisten, der mit der Bayernpartei darüber wetteiferte, wer der überzeugtere Bayer sei. Mit Hilfe seines Büros, der bayerischen SPD, die Hoegners Positionen ebenfalls für weit übertrieben hält, und des ehemaligen Londoner Emigranten Waldemar von Knoeringen gelingt es Schumacher schließlich, Hoegner innerhalb der SPD zu isolieren.
Im Fall Paul Löbe begründet Schumacher: „Die individuelle Meinungsfreiheit ist auch in der Öffentlichkeit gesichert. Wenn aber einmal Entschlüsse vorliegen, dann müssen sie auch respektiert werden. Es kann auch nicht nach Beschlussfassung die Diskussion in jedem Moment von neuem beginnen.“ Die „demokratische Freiheit“ liegt für Schumacher „in der Einordnung in die große Idee, deren praktische Gestaltung demokratisch fixiert ist.“
Innerhalb der SPD gibt es wenige, die widersprechen, geschweige denn seinen Führungsanspruch in Frage stellen. Das Fraktionsmitglied Heinrich Ritzel erklärt die Tatsache, dass Schumacher auch in parteiinternen Diskussionen kaum Widerspruch erntete, mit der scharfen Art der Schumacherschen Argumentation, die viele bereits „frühzeitig verstummen ließ“; andere „schwiegen gegenüber dem Mann, der durch seine physischen Leiden so etwas wie Unantastbarkeit ausstrahlte.“ Einer der wenigen, die Schumachers Stil offen kritisieren, ist Paul Löbe. In einem Brief an Schumacher schreibt er: "... Du weißt wie sehr wir Dich alle schätzen ... daß aber nun überhaupt keine andere Meinung in der Partei laut werden soll als die Deine, scheint mir etwas zu viel verlangt ... wohl zehnmal haben Genossen mich schon gefragt, ist denn niemand da, der Kurt das einmal offen sagt. Ja, ja, es gibt Leute, die sich davor zu fürchten scheinen. Schließlich aber kann eine gesunde Politik nicht nur dadurch betrieben werden, daß man die anderen rechts und links dreimal täglich vor den Kopf stößt.“
Im Gegensatz aber zu möglichen Kontrahenten hat Schumacher die Vorteile klar auf seiner Seite. Er besitzt ein kohärentes politisches Konzept für die Nachkriegszeit, er hat die Achtung und den Respekt der Parteimitglieder, den politischen Durchsetzungswillen und eine Organisation, um diesen Willen auch durchzusetzen – alles Faktoren, die den anderen fehlen.
Schumacher lehnt 1946 das Angebot der Alliierten ab, Ministerpräsident Württemberg-Badens zu werden, da er sich nicht regional in seinen Aktionen beschränken will. Er wird stattdessen im selben Jahr zum Vorsitzenden des Zonenbeirats in der Britischen Besatzungszone gewählt.
Bei der Bundestagswahl 1949 wird Kurt Schumacher in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Die SPD unterliegt nach anfänglich gegenteiligen Prognosen mit 29,2 % der Stimmen gegenüber CDU/CSU, die 31,0 % der Stimmen auf sich vereinigen können.
Im Gegensatz zu vielen anderen in der SPD, namentlich den Landespolitikern Wilhelm Kaisen (Bremen), Max Brauer (Hamburg) und Hermann Lüdemann (Schleswig-Holstein) spricht er sich entschieden gegen eine Große Koalition und damit für eine Oppositionsrolle der SPD aus. Die beiden unumstrittenen Parteiführer der großen Parteien sind gegen starke innerparteiliche Opposition für eine klare Richtungsentscheidung durch die Wahlen. Auch persönlich wäre sowohl ein Minister Schumacher in einem Kabinett Adenauer als auch die umgekehrte Konstellation nur schwer vorstellbar gewesen. Bereits auf einer Wahlversammlung im Oktober 1946 sieht Schumacher die Rolle der SPD in der Opposition als Möglichkeit. Die Sozialdemokraten fürchteten sich „auch nicht vor einem gefährlichen Leben in der Opposition, denn wir Sozialdemokraten sagen uns, es ist besser für uns und die Welt, wenn die Opposition einmal von einer internationalistischen demokratischen Partei als von Chauvinisten und Nationalisten und allen Reaktionären, die ja augenblicklich bei der CDU untergekrochen sind, soweit sie nicht im Osten des Reiches bei der SED sind.“
Konrad Adenauer wird erster Bundeskanzler, Kurt Schumacher wird als erster Oppositionsführer sein Gegenspieler im Bundestag. Im Gegensatz zur Praxis in der Weimarer Republik begreift er die Oppositionsrolle stets als konstruktiv. Die Opposition soll nach Schumachers Meinung nicht in erster Linie die Regierung kritisieren, sondern selbst in der Lage sein, bessere oder zumindest gleichwertige Konzeptionen zu liefern. Mit dieser parlamentarischen Stiländerung hinterlässt er vielleicht sein wichtigstes Vermächtnis für das Politische System der Bundesrepublik.
Schumacher ist unumstrittener Führer der SPD-Fraktion; obwohl er mit dem Plan scheitert, den Fraktionszwang in die Geschäftsordnung schreiben zu lassen, übt er ihn praktisch konsequent aus. Er ist, auch aus der Weimarer Erfahrung heraus, der Ansicht, dass das Parlament ebenso wie eine handlungsfähige Regierung eine geschlossene Opposition benötigt, die auch in der Lage wäre, die Regierung zu übernehmen. In der deutschen Tradition schafft er so erst das Amt des Oppositionsführers.
1949 kandidiert Schumacher bei den Wahlen zum Amt des Bundespräsidenten, unterliegt aber dem FDP-Kandidaten Theodor Heuss, der auch von den Unionsparteien mitgetragen wird (siehe Bundespräsidentenwahl 1949). Dieses Verhalten Schumachers ist aber nicht im Sinne eines Rückzuges aus der aktiven Politik hin zur Übernahme einer repräsentativeren Aufgabe zu verstehen. Dadurch, dass er sich selbst zur Wahl stellt, beugt Schumacher immer lauter werdenden Forderungen aus Koalitionskreisen, einen SPD-Politiker an die Spitze des Staates zu wählen, vor.
Am 20. August 1952 stirbt der schwerkranke Schumacher an den Spätfolgen der langen KZ-Haft in Bonn.
Beigesetzt wird er in Hannover auf dem Stadtfriedhof Ricklingen. An den Straßen zwischen Bonn und Hannover stehen Hunderttausende Menschen und geben ihm die letzte Ehre. Die Süddeutsche Zeitung schreibt in ihrem Nachruf: „Wir brauchen Dich, obwohl Du unser Gegner bist, und wir wissen es. ... Und das weitere Tröstliche ist darin enthalten, daß es hier keiner mittelmäßigen und mittellauwarmen Persönlichkeit entgegenwallte, keinem 'Wirte wundermild', sondern einem Strengen, Abweisenden, Unerbittlichen.“
Zentral für Schumachers politische Vorstellungen ist der Begriff des Volkes in seinen beiden Bedeutungsebenen, sowohl als Begriff für den dritten Stand der französischen Revolution, die ausgebeuteten und unterdrückten Massen, als auch im Sinne eines Staatsvolkes. Kurt Schumacher will ein demokratisches und sozialistisches ungeteiltes Deutschland, möglichst in den Grenzen von 1937; Deutschland soll möglichst schnell seine Souveränität wiedererlangen und seinen Platz unter den freien Völkern Europas einnehmen. Er steht in der Tradition der Revolution von 1848 und 1918, er kämpft für einen unitarischen Verfassungsstaat, freie Wahlen, Parteiendemokratie, Parlamentarismus, die Überwindung des Obrigkeitsstaates und der kapitalistischen Klassengesellschaft. Für ihn ist die SPD die einzige Partei, die weder durch den Nationalsozialismus noch durch den Stalinismus belastet ist; die Sozialdemokraten seien deshalb als einzige in der Lage, ein freies Deutschland in ein freies Europa zu leiten und so zum Spannungsabbau zwischen den Großmächten beizutragen.
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Schumacher ist vom programmatischen Erbe der Bebelschen SPD geprägt: Für ihn ist die Überwindung des Klassenkampfes eines der zentralen Politikziele. Seiner Meinung nach kann dies nur durch die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien geschehen. Ebenso tief ist er vom Scheitern der Weimarer Republik beeinflusst und meint, eine der Ursachen dafür in der mangelnden Demokratisierung der Wirtschaft zu sehen. Insbesondere im Nachkriegschaos plädiert er, ähnlich wie die Labour-Party in Großbritannien, aber auch bedeutende Teile der CDU, für eine Planwirtschaft, um die Versorgung der Bevölkerung mit dem Notwendigsten sicherzustellen.
Demokratie und die Beteiligung des Volkes an der Macht lässt sich für Schumacher am besten durch freie und allgemeine Wahlen durchsetzen. Durch die zahlenmäßige Überlegenheit des Volkes gegenüber den traditionellen Funktionseliten, sind Wahlen der sicherste Weg, die Privilegien der Funktionseliten zu beseitigen. Konzeptionen wie die der Bolschewiki, die die Volksherrschaft erst nach einer Zeit der Diktatur des Proletariats anvisieren, lehnt er ab. Für ihn führen nur demokratische Verfahrensweisen auch zu einer Volksherrschaft.
Bekannt ist Kurt Schumacher wohl vor allem durch seine Äußerung, dass Kommunisten nichts anderes als rotlackierte Faschisten seien. Schumacher warf der KPD „Klassenverrat“ vor, da sie die Weimarer Republik nicht nur nicht verteidigt, sondern auch aktiv zu ihrem Untergang und damit zum Aufstieg der Nationalsozialisten beigetragen habe. Für ihn war die KPD ein willenloses Vollstreckungsorgan der sowjetischen Außenpolitik; in ihren Beschwörungen von Demokratie und Deutscher Einheit sah er bloße Taktik. Mit einer neo-nationalistischen Sprache, die „gleich der des alten Nazismus“ sei, betreibe die KPD und später die SED eine „nationalrussische Politik mit nationaldeutschen Phrasen.“ Auf ein Verhandlungsangebot der Volkskammer reagierte er am 30. Januar 1951 im Bundestag mit seiner üblichen ätzenden Schärfe: „Die deutschen Demokraten können nur mit Deutschen über Deutschland verhandeln, aber nicht mit Gesinnungsrussen, deren Deutschtum eine bloße Äußerlichkeit ist.“
Obwohl es in der SPD Stimmen gab, die ein Zusammengehen mit den Kommunisten befürworteten, und auch in anderen Ländern (zum Beispiel Italien und Frankreich) eine gemeinsame Antifaschistische Front von Kommunisten und Sozialdemokraten gebildet wurde, vollzog Schumacher bereits im Sommer 1945 eine klare Trennung von der SPD in der sowjetischen Besatzungszone unter Otto Grotewohl. Die von ihm durchgesetzte Abgrenzung der SPD zum Kommunismus bestimmte die Partei bis in die 1970er hinein; erst diese Abgrenzung isolierte den organisierten Kommunismus von seinen wichtigsten Ansprechpartnern (SPD und die von ihr dominierten Gewerkschaften) und verhinderte so deren Einfluss auf die gesellschaftliche Mitte.
Der Politologe Hans-Peter Schwarz beschreibt Schumacher als „mit Getöse national.“ In einem Aufruf aus dem Jahr 1945 schreibt Schumacher: „Mag das Verbrechen des deutschen Nazismus an der Welt noch so schwer sein, das deutsche Volk kann und darf nicht darauf verzichten, sein Reich ... als nationales und staatliches Ganzes zu behaupten. Für die arbeitenden Massen sind Idee und Tatsache des Deutschen Reiches nicht nur nationalpolitisch, sondern auch klassenpolitisch eine Notwendigkeit. Ihr politischer und wirtschaftlicher Befreiungskampf ist ohne diese Grundlage zur Erfolglosigkeit verurteilt.“
Der gebürtige Preuße ist fest davon überzeugt, dass es einer der schwersten Fehler der Weimarer Linken gewesen sei, die nationale Idee den Konservativen und Nationalsozialisten zu überlassen. Nie wieder soll die SPD als national illoyal diskreditiert werden können. Mit Leidenschaft allerdings greift er Kräfte an, die seiner Überzeugung nach mit dem Nationalsozialismus paktiert hatten. Für ihn verlief der Gegensatz nicht zwischen national und international, sondern zwischen national und nationalistisch. Nationalismus war 1947 für ihn „die heutige Form des Nihilismus in der Welt“ und damit zutiefst abzulehnen. Die Rolle der SPD sah er 1950 in den Verhandlungen zum Europarat darin, „durch Wahrung der nationalen Rechte den Nationalismus unmöglich zu machen und ihn unter Zustimmung des ganzes Volkes zerschlagen zu können.“
Seine Art, dem Patriotismus Ausdruck zu verleihen, machte es allerdings seinen Gegnern leicht, ihn außenpolitisch als linken Nationalisten zu isolieren. Insbesondere da Schumacher als aktiver Widerstandskämpfer bereits im KZ sitzt, während viele westliche Staatsmänner Adolf Hitler noch hofieren, meint er es sich leisten zu können, auf Augenhöhe, wenn nicht sogar aus einem Gefühl moralischer Überlegenheit heraus gegenüber den Siegermächten auftreten zu können. Deren Wahrnehmung, dass Schumacher zwar als Individuum Widerstand geleistet hatte, damit jedoch keineswegs ein typischer Deutscher ist, kann oder will er nicht sehen. Auch nach dem Krieg arbeiten die westlichen Staaten mit den Repräsentanten der Klassen und Schichten zusammen, die nach Schumachers Meinung die Republik nur ungenügend verteidigten. Er kommt in die Situation, im Ausland als deutscher Nationalist verschrien zu sein, während die seiner Meinung nach Steigbügelhalter des Nationalsozialismus schon wieder hofiert wurden. Kurt_Schumacher8.JPG Aus den Erfahrungen mit dem Vertrag von Versailles und der deutschen Erfüllungspolitik meint Schumacher, dass Härte allein nötig wäre, um wieder eine nationale Gleichberechtigung Deutschlands auf internationaler Bühne zu erreichen. Schumachers Position zur Europäischen Einigung und zur Westbindung der Bundesrepublik bleibt inkohärent. Einerseits legt ihn seine leidenschaftliche Ablehnung der Sowjetunion und des dort praktizierten Realsozialismus in der Situation des beginnenden Kalten Krieges faktisch auf eine Westbindung fest. Andererseits widersetzt er sich den Schritten, die diese Festlegung praktisch unterstützen: Europarat, Montanunion und EVG. Diese erschweren seiner Auffassung nach die deutsche Wiedervereinigung dauerhaft oder machen sie ganz unmöglich. Kritisch gegenüber Frankreich, Großbritannien und erst recht der von ihm als kapitalistische Vormacht empfundenen USA verweigert er sich den Schritten, die eine Westbindung konkretisiert hätten. Verglichen mit den Werten der Aufklärung und eines freiheitlichen Sozialismus empfand er die faktische Situation in diesen Ländern als zutiefst unbefriedigend und kann sich zu einer echten Zusammenarbeit mit ihnen nicht überwinden.
Schumacher profiliert sich im Bundestag als scharfer Gegner der Politik der Westeinbindung durch Konrad Adenauer. Er sieht hierin die Gefährdung einer baldigen Wiedervereinigung. Im Zuge der Auseinandersetzungen um das Petersberger Abkommen bezeichnet er Adenauer in der Nacht vom 24. November auf den 25. November 1949 als den „Bundeskanzler der Alliierten“ und wird daraufhin für mehrere Sitzungstage aus dem Bundestag ausgeschlossen. Später nimmt er dieses Zitat zurück. Er ist der Urheber der von Adenauer übernommenen Magnet-Theorie.
Es gibt keinen gesammelten Nachlass Schumachers. Der allergrößte Teil seiner älteren Unterlagen und persönlichen Dokumente wurde von den Nationalsozialisten vernichtet.
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