Kurgankultur ist ein Begriff, den die Archäologin Marija Gimbutas 1956 prägte, um archäologische Kulturen des späten Neolithikums und der frühen Bronzezeit in Russland bzw. in der Ukraine und in Moldawien aufgrund der Merkmale ihrer Bestattungen zusammenzufassen (Ockergrabkultur, Grubengrabkultur).
Außerdem nahm Marija Gimbutas mit ihrer Kurgan-Hypothese, in welcher sie ihre archäologischen Arbeiten mit der Sprachforschung verband, Position in der Diskussion um eine vermutete proto-indoeuropäische Ursprungskultur bzw. eine proto-indogermanische Bevölkerung ein.
Von den meisten Archäologen werden Begriffe wie „Kurganvolk“ und „Kurgankultur“ jedoch ebenso abgelehnt wie der Sammelbegriff „Megalithkultur“, da er den kulturellen Verschiedenheiten und Entwicklungen innerhalb eines weiträumigen Gebietes während einer Dauer von rund 2000 Jahren nicht gerecht wird und einen so jedenfalls nicht bestehenden Kontext suggeriert.
Unter den Grabfunden Südosteuropas finden sich bis etwa 4.300 v. Chr., abgesehen von Gerätschaften zur Jagd, keine Waffen und keine Hinweise auf Befestigungen. So waren lt. Gimbutas die friedfertigen Ackerbauern eine leichte Beute für die kriegerischen Reitervölker, die sie überrannten. Die Eindringlinge waren mit Stich- und Hiebwaffen ausgerüstet: mit langen Dolchen, Speeren, Lanzen, Pfeilen und den typischen Kurgan-Bögen.
kurgan_kultur.pngAls Folge langer Dürreperioden, die moderne Geologen erst jüngst durch das Ende des bis dahin unbekannten ostmediterranen Monsun, von 7.000 bis etwa 4.500 v. Chr. nachweisen konnten, schwappten die Kurganeinflüsse in drei Wellen auf die Gebiete des Alten Europa über:
Diese Gimbutas-Chronologie bezieht sich nicht auf die Entwicklung einer einzigen Kulturgruppe, sondern auf eine Reihe von Steppenvölkern mit einer gemeinsamen Tradition, die sich über sehr weite Zeiträume und Gebiete ausdehnte.
Die Völker der so genannten Kurgan-I-Gruppe stammten aus der Wolgasteppe und entflohen der Trockenheit nach Westen, in den Westteil der heutigen Ukraine, weiter bis zu den Mündungen der Flüsse Dnjestr und Donau und am Unterlauf dieser beiden Flüsse aufwärts.
Die russischen Archäologen bezeichnen Kurgan-I als frühes Jamna, wobei das Wort Jamna soviel wie „Grube“ bedeutet und die Erdgrube unter dem Grabhügel bezeichnet.
Die russ. Archäologie bezeichnet Kurgan II als „Michajlowka I“ oder „Maikop-Kultur.
Schmoeckel und Wolf versichern, so genannte Kurgangruppen seien bis nach Syrien, Palästina und bis nach Ägypten vorgedrungen . Ausgrabungen und die Mythologie zeigen die Verschiebungen der matriarchalen Lebensweise der Urbevölkerung hin zu den Sitten, die ihnen von den patriarchalen Eroberern aufgezwungen werden (Vgl. für Ägypten Doris Wolf: ’’Was war vor den Pharaonen’’, Zürich, 1994). Kurgan III wird bei der russ. Archäologie als „spätes Jamna“ bezeichnet (s.o.).
Archäologische Funde, untermauert durch eine vergleichende indoeuropäische Sprach- und Mythologieforschung, sprächen für eine die kulturellen Grundfesten erschütternde Kollision zweier Ideologien, Gesellschaftssysteme und Wirtschaftsformen. Durch diesen Zusammenprall der Kulturen veränderte sich das Alte Europa, und in der späteren europäischen Vorgeschichte und Geschichte gingen vorindoeuropäische und indoeuropäische Elemente ineinander über. Beispielsweise blieb in Sprache und Mythologie ein starkes nichtindoeuropäisches Fundament erhalten.
Im krassen Gegensatz zum ausgeglichenen Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Bestattungen auf den zeitgleichen Friedhöfen des Alten Europa, waren die Kurgangräber fast ausschließlich für männliche Leichname ausgelegt. Während zu dieser Zeit im Alten Europa einfache Erdgruben üblich waren, bedeckten die Kurganstämme ihre Gräber mit einem Erd- oder Steinhügel und bestatteten darin ausschließlich ihre "Krieger"-fürsten zusammen mit deren bevorzugtem "Kriegs"-werkzeug, dem Speer, Pfeil und Bogen und Feuersteindolch oder Langmesser.
Cmentarzysko Jacwingow, Suwalszczyzna, Aug 2004 B.jpg Die Grabfunde enthüllen zwei Charakteristika des indoeuropäischen Weltbildes, wie sie sich in Ostmitteleuropa zum ersten Mal in den beiden Grabstätten Suvorovo (Rumänien) und Casimcea (Donautal) manifestierten. Die Fundorte bezeugen, dass die so genannten Kurganvölker das Pferd als heiliges Tier verehrten (was sich durchaus mit den vom Perma-Frost konservierten Hügelgräbern der Skythen am Hindukusch vergleichen lässt) und dass die Frau oder Gefährtin eines Stammeshäuptlings nach dessen Tod geopfert wurde.
Angebliche Bevölkerungsverschiebungen im alten Mitteleuropa nach Norden und Nordwesten weisen indirekt auf eine Katastrophe von so gewaltigem Ausmaß hin, dass sie für Gimbutas nicht mit klimatischen Veränderungen oder Epidemien erklärbar sind (für die ohnehin aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausends keinerlei Hinweise vorliegen). Dagegen ist angeblich belegt, dass berittene Krieger in diese Landstriche einfielen, nicht nur durch die Funde von Hügelgräbern, die für einen einzigen Mann angelegt waren, sondern weil zu diesem Zeitpunkt ein ganzer Komplex von gesellschaftlichen Zügen hervortrat, der für die Kurgankultur charakteristisch war: Höhensiedlungen, Haltung von Pferden, eine auf Weidewirtschaft ausgerichtete Ökonomie, Hinweise auf Gewaltbereitschaft und Patriarchat sowie religiöse Symbole, die auf einen Sonnenkult hinweisen. Radiokarbondaten siedeln diese Periode zwischen 4.400 und 3.900 an.
In Gegensatz zu den massiven, oberirdisch gebauten Langhäusern der vorhergehenden Zeitspanne, entstehen die kleinen Trichterbecherhäuser. Sie enthalten Keramik, die mit Furchenstichtechnik angebrachten Sonnensymbolen, Fischgräten- und Stichmustern verziert sind. Die eindrucksvollsten Höhensiedlungen stammen aus der Salzmünder Gruppe, einer Untergruppe der Trichterbecherkultur, die in die erste Hälfte des 4. Jahrtausends datiert wird. Eine solche Siedlung liegt auf einer Hochfläche bei Halle an der Saale. Höhensiedlungen sind an der höchsten Stelle der Umgebung erbaut und von zwei oder drei Seiten durch Wasser oder steile Felshänge auf natürliche Weise geschützt. Auf der Dölauer Heide wurden fünf kleine rechteckige Häuser, deren Wände aus je drei Holzpfosten mit Füllungen aus lehmbeworfenem Flechtwerk bestanden, freigelegt. In der gleichen Region wurden etwa zwanzig Erdhügel ausgegraben; jeder von ihnen enthielt ein zentrales Grab in einer Vertiefung unter der Erdoberfläche und einen gewöhnlich aus Steinblöcken erbauten Totenschrein. Aus dieser Phase gibt es Hinweise auf Gewalttätigkeiten – Anzeichen dafür, dass Menschen mit Speeren oder Äxten getötet wurden -, die sich auch in den nächsten Jahrtausenden fortsetzten. Man fand Gräber mit Skelettresten von Frauen, Männern und Kindern in wüstem Durcheinander. Auch in Ostirland und Mittelengland steht das glockenbecherzeitliche Auftauchen von Grabmonumenten für einzelne Personen um die Mitte des 4. Jahrtausends in extremem Gegensatz zur vorhergehenden Tradition der Gruppenbestattungen.
Pferdeknochen zeigen keine eindeutigen Domestikationsmerkmale, daher ist die Datierung der Nutzung des Pferdes als Reittier schwierig. Pferdeknochen sind in Zentraleuropa jedoch seit der Bandkeramik belegt.
Hauptartikel: Kurgan-Hypothese
Eine grundlegende Kritik des Kurgan-Konzepts findet sich u. a. bei Alexander Häusler, dessen Ansichten zur Indoeuropäisierung allerdings außerhalb Deutschlands nicht beachtet werden.
Als die Philologen vor 200 Jahren anfingen, die Sprache der Indoeuropäer zu erforschen, war die wissenschaftliche archäologische Forschung noch völlig unbekannt. Man war damals allein auf ’’sprachliche Indizien’’ angewiesen. In dem vermuteten Herkunftsland der Indoeuropäer, Südrussland und der Ukraine, waren noch zu wenige wissenschaftlich korrekte Ausgrabungen vorgenommen und veröffentlicht worden. Aus sprachlichen wie politischen Gründen fanden die dort durchgeführten archäologischen Forschungen nicht den Weg in die westliche Welt. Das hat sich seit etwa 1950 geändert.
Inzwischen liegt eine Fülle interessanter Bodenfunde russischer und anderer Archäologen vor, die von Sprachforschern genutzt werden, um ihre Vermutungen über die materielle Kultur der "frühen Indoeuropäer" abzugleichen (Schmoekel 1999). Leider ist Bodenfunden jedoch nicht zu entnehmen, welche Sprache ihre Benutzer sprachen.
Der Archäologe Colin Renfrew, Marija Gimbutas schärfster Kritiker, behauptete, dass die proto-indoeuropäische Sprache nicht durch Einwanderung von Hirten aus den eurasischen Steppen in das Europa der Kupferzeit hineingetragen wurden, sondern viel früher, zu Beginn des Neolithikums durch Bauern, die aus Anatolien nach Europa einwanderten. Allerdings kann Renfrew weder den Wandel der Begräbnissitten, das Verschwinden des so genannten Symbolsystems der Vinca-Kultur, die Altspracheninseln auf der Apenninen- und der Iberischen Halbinsel (Baskische Sprache), auf Kreta (Linear A) und Zypern (Eteo-zypriotisch) (ab 8.200 v. Chr. neolithisiert) noch das Auftreten von Erdwerken erklären, ein Thema, das er nicht behandelt, da es ihm um das Altneolithikum geht. Seine Gegentheorie missachtet auch gegenteilige sprachwissenschaftliche Belege; die Sprachwissenschaft und die Mitteleuropäische Archäologie beurteilt deswegen seine Beweisführung im Allgemeinen als „nicht evident“.
Ungeachtet dessen bezweifelt die Mehrheit der Archäologen die Thesen von Gimbutas. Bestattungssitten haben sich in Europa auch vor und nach der so genannten Kurganexpansion grundlegend verändert. So tauchen die Erdwerke um 5.500 v. Chr., also weit vor Kurgan I mit der Expansion der Bandkeramik auf und waren keine Befestigungen bzw. Fluchtburgen.
Des Weiteren lässt sich auch die These der matriarchal friedfertigen sowie patriarchal militanten Aufteilung der Kulturen nicht erhärten. Diese soll primär anhand ihrer gesellschaftlichen Praxis, sowie der Nahrungsbeschaffung bzw. der Ernährung festgemacht werden. Folgt man dieser Theorie bis zum Ende, müssten paläolithische Kulturen, die ähnliche Ernährungsgewohnheiten wie Hirten hatten, kriegerisch patriarchal gewesen sein.
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