Schlemihl.JPG - Peter Schlemihls wundersame Geschichte; Radierung von G. Cruikshank, 1827]] Kunstmärchen sind eine spezielle Ausprägung der Literaturgattung Märchen.
Merkmale: Das Kunstmärchen geht in seiner einmaligen Gestalt auf einen namentlich bekannten Autor zurück. Es ist seit der Antike verbreitet (Apuleius: ,Amor und Psyche`, 2.Jh.n.Chr.) und gewann durch Goethe (Märchen, zur Fortsetzung der Unterhaltung deutscher Ausgewanderten`,1795) sein weltanschauliche Ausprägung. Das Oppositionsverhältnis zwischen poetischer Märchen-und prosaischer Alltagswirklichkeit thematisiert E.T.A.Hoffmanns „Märchen Aus der neuen Zeit“ ,Der Goldne Topf`(1814). Unter dem Einfluss der Romantik stehen die Kunstmärchen H.Ch.Andersens. Die Entwicklungslinie reicht bis zu den „aufgeklärten Märchen“ von P.Rühmkorf (,Der Hüter des Misthaufens`,1983). Das Märchendrama verarbeitet Stoffe des Volksmärchens (L.Tieck) oder gestaltet eine märchenhaft-traumhafte Gegenwelt zur Wirklichkeit (H.v.Kleist, G.Hauptmann).
Gleichwohl sind Kunstmärchen in der Regel umfangreicher und literarisch anspruchsvoller konzipiert, arbeiten insbesondere häufiger mit Metaphern und liefern detaillierte Beschreibungen von Personen und Ereignissen. Anders als Volksmärchen enden sie auch nicht immer glücklich (vgl. Andersens Die kleine Meerjungfrau). Eine weiteres Hauptmerkmal von Kunstmärchen ist, dass sie nicht ausschließlich für Kinder bestimmt sind, was sich schon an dem zuweilen hohen sprachlichen Niveau erkennen lässt. Im Vorwort zu Der kleine Prinz wird deutlich hervorgehoben, dass sich das Buch sowohl an Kinder als auch an Erwachsene richtet.
Daneben habe auch zahlreiche Autoren der deutschen Romantik Kunstmärchen geschrieben, so etwa E.T.A. Hoffmann (Der goldene Topf), Adalbert von Chamisso (Peter Schlemihl), Ludwig Tieck (Der Runenberg, Der blonde Eckbert), Novalis (Atlantismärchen in Heinrich von Ofterdingen) oder Clemens Brentano (Gockel, Hinkel und Gackeleia). Zu nennen ist auch das berühmte Märchen von Goethe sowie Oscar Wildes Der glückliche Prinz und Der Geburtstag der Infantin.
Im 20. Jahrhundert wurde Manfred Kyber durch seine Tiermärchen bekannt, Hermann Hesse schrieb oft satirische Märchen. Auch J. R. R. Tolkien verfasste mehrere humorvolle Märchen (z. B. Bauer Giles von Ham).
Die scheinbare Ausblendung der äußeren Wirklichkeit im Kunstmärchen ermöglicht es, sozialkritische Inhalte zu transportieren, z.B. in Goethes Märchen (1795) die symbolisch vermittelte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen im nachrevolutionären Frankreich und in Gerhart Hauptmanns Märchen (1941) an Rassenhygiene und der nationalsozialistischen 'Euthanasie' (Aktion T4).
Das Kunstmärchen kann sich zum Märchenroman oder zur Märchenoper auswachsen. Diese längere Form hat sich seit der Popularisierung der Fantasyliteratur zu einem verbreiteten Genre entwickelt.
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