Kulturkritik im weitesten Sinne ist die Kritik der Entfremdung menschlicher Kultur von ihrem gesellschaftlichen Sinn. Dieser besteht aus der menschlichen Lebensgestaltung, wie sie sich im Laufe der Geschichte durch die Arbeit der Menschen aus der Natur heraus zu menschlichen Lebensverhältnissen (Zivilisation) entwickelt hat. Kulturkritik bezieht sich allgemein auf Phänomene der Zivilisation, welche sich gegen menschliches Leben richten.
Ein wesentliches Problem der Kulturkritik ist die Bestimmung dessen, was unter einem nicht entfremdeten menschlichen Leben zu verstehen ist. Dieses Verständnis impliziert immer ein Menschenbild, das sich je nach Geisteshaltung und politischer Position gerade in dem sehr unterscheiden kann, was Entfremdung bedeutet. Konservatives Denken beharrt auf der Bewährung der gegebenen Kultur und misstraut den Zeiterscheinungen, die "alte Zöpfe" abschneiden, um sich für neue Entwicklungen zu öffnen. Da es im Traditionellen das Wesentliche der Geschichte bewahrt sieht, sieht es in der Überwindung von überkommenen Lebensformen schnell auch eine Entfremdung von diesem, eine Irritation des "Eigentlichen". Fortschrittliches Denken sucht eine Lösung der kulturellen Probleme in der Überwindung der Beschränkungen der Gegebenheiten, in der Aufhebung formeller Gepflogenheiten, welche die Macht überkommener, längst toter Verhältnisse über ihre Zeit hinaus fortbetreiben, z. B. indem sie die Gestaltungs- und Arbeitskräfte einer Kultur beherrschen (vgl. Positiver Frieden). In der Kulturkritik sind diese Gegensätze nicht vereinbar und so gibt es extreme Unterschiede zwischen rechter und linker Kulturkritik.
Rechte Kulturkritik beruht vor allem auf einem Sicherungs- und Stabilisierungsinteresse der "Seinsnotwendigkeit" von Kultur und wendet sich gegen Verhältnisse und Menschen, die sich hiervon entfernen oder sich hiergegen richten (vergl. Martin Heideggers Begriff der Seinsvergessenheit der Modernen). Kultur gilt für Konservative als das Reservoir des bewährten Lebens, als Besitzstand der eigenen Geschichte. Hier werden Missstände der eigenen Kultur erklärlich gemacht durch Miskreditierung und Verfälschungen, welche den Einwirkungen des Zeitgeistes oder fremder Kulturen entspringen sollen. Solche Kulturkritik wendet sich gegen das Fremde im Fremden, durch welche das Eigene bedroht erscheint, und speist sich hierbei aus einer Ursprungssehnsucht des Eigentlichen, das sich durch unzivilisierte Begierden überwältigt sieht, durch das sogenannte Böse, durch Unordnung einer "Horde" oder durch Un- bzw. Untermenschen. Dem wird das Heile, das Gesunde der eigentlichen und "bewährten" Kultur entgegengehalten (siehe Heilsprinzip). In diesem Sinne haben Kulturkritiker und Kulturpessimisten wie etwa Spengler und Klages einflussreiche Zivilisationskritik im Sinne einer Demokratiekritik geübt und haben damit totalitäres Denken begünstigt.
Das logische Resultat des Heilsprinzips ist Rassismus, die Vorkehrung der "eigenen Art" gegen die fremde, gegen die "Abart". Tatsächlich hat der deutsche Faschismus sich hiermit als kulturkritische und antikapitalistische politische Position entwickelt, die ihren Totalitarismus mit Rassismus und Antisemitismus popularisierte. Es wurden Volkstümeleien bei der Suche nach den Schuldigen der eigenen Wirtschafts- und Kulturmisere zu einer Politik gewendet, die sich vor allem aus ökonomischen Interessen im Sinne eines wirtschaftlichen Krisenmanagements totalitär zur Bevölkerung verhielt, um den niedergegangenen Kapitalismus zu restaurieren. Die gegensätzlichen Zeitströmungen wurden von einer reaktionären kulturkritischen Intelligenz versöhnt, die sich freiwillig in den Dienst eines faschistischen Kulturstaates stellte, weil sie darin ihr elitäres Interesse nach Volksführung im Sinne eines platonischen Staats verwirklichen wollte. Die Bücherverbrennung und die Hatz gegen Andersdenkende war im wesentlichen ihr Werk, wenn auch tatkräftig von Goebbels unterstützt. Das alles entsprach aber durchaus dem Entwicklungsstand der deutschen Geistesgeschichte.
Mit seiner zynischen Haltung zur gesellschaftlichen Zivilisation hielt Friedrich Nietzsche die Menschen grundsätzlich für unfähig, eine freie und schöpferische Gesellschaft zu bilden und verstand seine Kulturkritik als Anstachelung, als objektive Notwendigkeit eines Stachels, welchen eine geistige Elite zu setzen habe, um die Menschenherde anzutreiben und zu bändigen. Das Gesellschaftsverständis von Nietzsche beruhte nicht auf einem Staatsverständnis nach Platon, sondern auf einem Verständnis von Kulturbildung überhaupt, aus der sich die entsprechende Gesellschaftsform erst abzuleiten hätte. Kulturentwicklung ergibt sich hiernach aus dem Wechsel, aus dem Aufstieg und Fall der jeweils herrschenden Kulturklasse (z. B. Wissenschaftler, Künstler, Politiker), die durch ihre Macht nach ihrem Höhepunkt zwangsläufig dekadent und immer wieder durch kräftigere Kulturprotagonisten abgelöst werden müsse. Kultur ist demnach das Werk von Übermenschen, die als Elite ihrer Zeit sie vorangebracht haben, und hat immer eine Art Führerschaft nötig, um im verzehrenden Kampf gegen das Böse den menschlichen Adel voranzubringen. Diese Führerschaft ergebe sich aus der Reife ernsthafter Menschen im Kampf um die Kultur. In dieser Position ließ sich Nietzsche durch Martin Heidegger mit rechter Kulturkritik verbinden und wurde entsprechend von den Nazis zitiert.
Von linker Seite richtet sich Kulturkritik im Wesentlichen gegen die Ästhetik der Herrschaftssicherung, welche bis in die Lebenspraxis der bürgerlichen Kultur vordringt und diese selbst den ökonomischen Notwendigkeiten der Kapitalverwertung unterwirft. Theodor W. Adorno sprach von einer Kulturindustrie, die in der Lage sei, das Bewusstsein der Menschen so zu "verdinglichen", dass sie in der Abspeisung mit sinnentleerten Produkten zur Affirmation des Bestehenden vermittelst des "Verblendungszusammenhangs" ihrer Kulturerfahrungen gebracht würden. Seine "Ästhetik" wollte die hiergegen sensible Empfindung ansprechen und ihre Verwundung in der Kunst aufzeigen; seine "Negative Dialektik" wollte das Denken zu einen grundsätzlichen Zweifel gegen jede Totalität, gegen die totalitären Gedankenformationen der bürgerlichen Kultur und des etablierten Geistes befördern (Adorno: "Das Ganze ist das Unwahre"). Dies war die Grundlage der Kritischen Theorie, welche sich unter anderem in der Studentenbewegung in aktiver Kulturkritik umsetzte (z. B. Antiautoritarismus, Kunst als "politische Aktion", Hochschulkritik). Von dieser Praxis jedoch distanzierte sich Adorno und verblieb als Theoretiker der Ästhetik zugleich theoretischer Ästhet. Seine ästhetische Kulturkritik erwies sich letztlich als klassische Kulturempfindung, die erkenntnistheoretisch unterlegt worden war. Als solche stellte sie sich gegen jede Unterhaltungskultur, z. B. auch gegen Jazz überhaupt, und verwarf die Probleme der Postmodernen durch Rückgriff auf die "wahre" Kunst.
Ein neuerer Ansatz der Kulturkritik hat sich einerseits aus der psychologischen Analyse des deutschen Faschismus und andererseits als Kritik an der globalen Politik mit Kultur entwickelt (vergl. Samuel Huntingtons Buch "Kampf der Kulturen"). Wieder wird das Krisenmanagement des Kapitals mit der zivilisatorischen Gefahr für die eigene Kultur begründet ("Clash of Civilizations") und wieder werden kulturpolitische Machtinteressen zur Verschleierung ihrer ökonomischen Substanz installiert. Dieses Werk ist inzwischen die Standardargumentation der Neocon für ihre "Weltordnungskriege" ("Achse des Bösen"). Hinter solcher Politik stecken ökonomische Interessen, die sich als Kulturnotwendigkeit darzustellen und durchzusetzen versuchen. Dem entspricht zugleich die Ökonomisierung der Kulturen und der Staaten, wie sie durch die Globalisierung des Kapitals zum Zweck der Optimierung von Verwertungslagen betrieben wird. Die weltweiten Krisen der Kapitalverwertung verlangen nach weiterer Funktionalisierung von Arbeit und Konsum zu deren Lösung. Die Kapitalmanager sehen diese in einer Kultur des "Tittytainments", worin die Menschen als stumpfe Konsumenten und Freizeitjobber - im Prinzip als Süchtige und Arbeitstiere - angesehen werden.
Kulturkritik wird mit der Kritik solcher Entwicklungen unmittelbar auch zu einer Kritik der politischen Ökonomie, wie sie sich in den Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen der Menschen niederschlägt. Von daher werden die bisherigen Grundlagen linker Kulturkritik vertieft und von ihrem zum Teil konservativen Gehalt befreit. Diese Kulturkritik versteht sich als "Kritik der politischen Ästhetik" (siehe http://www.kulturkritik.net/systematik/kultur/) und arbeitet den globalen Kapitalismus als Identitätsverlust des menschlichen Lebens heraus, wie er sich sowohl individuell, als auch gesellschaftlich in der Kultur der Zwischenmenschlichkeit herausstellt.
Sieh auch: Kulturphilosophie, Gesellschaftskritik, Konservative Revolution
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