Dieser Artikel stellt die Situation in Deutschland dar. Zu den zeitgleichen Ereignissen in der Schweiz siehe Kulturkampf in der Schweiz.
Der Anlass des Kulturkampfes war erstens die Veröffentlichung eines Verzeichnisses moderner theologischer Anschauungen und Lehren durch den Papst Pius IX. im Jahre 1864, die von der Kirche abzulehnen seien (Syllabus Errorum). Dies bedeutete u.a. sowohl die Ächtung philosophischer Vorstellungen, wie die des Naturalismus, Pantheismus und Rationalismus, als auch die Ablehnung von Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus und Liberalismus. Zweitens wurde der Papst im 1. Vatikanischen Konzil 1870, wenn er in Fragen des Glaubens und der Sitte eine Lehre "ex cathedra" verkünde, für unfehlbar erklärt. Viele Religionslehrer protestierten gegen dieses Dogma und spalteten sich ab. Den sogenannten "Altkatholiken" wurde deswegen von der Kirche die Lehrbefugnis entzogen. Da die Professoren aber auch Staatsdiener waren, sah der Staat dies als Eingriff in seine Belange an.
Außerdem erlaubte die katholische Abteilung des (kirchlichen) Kultusministeriums in den polnischsprachigen Gebieten, dass in den Schulen auf Polnisch unterrichtet werde, was gegen das deutsche Staatsverständnis verstieß. Dazu sagte Bismarck:
Dass die Bevölkerung des Reichslands Elsaß-Lothringen vorwiegend katholisch war, und die Kirche auch zum Protest gegen die Besetzung benutzte, unterstrich in Bismarcks Augen noch den staatsgefährdenden Charakter der Kirche.
Als dann am 8. Juni 1871 die katholische Abteilung im Kultusministerium aufgelöst wurde, regte sich Widerspruch von Seiten der Zentrumspartei. Die oppositionelle Zentrumspartei war der politische Arm des Katholizismus. Bismarck, der im Sinne modernen Denkens darauf bedacht war, Staat und Kirche zu trennen, versuchte mit repressiven Mitteln die "Reichsfeinde" zu zerschlagen. Am 10. Dezember 1871 wurde der "Kanzelparagraph" als § 130a in das Strafgesetzbuch aufgenommen, in dem es hieß:
Es kam in der Folge auch zu politisch motivierten Haftstrafen gegen katholische Geistliche wie gegen Mieczyslaw Graf Halka-Ledochowski, den Erzbischof von Posen *. Er wurde zur Höchststrafe von 2 Jahren verurteilt. 1876 wurden in Preußen alle Bischöfe festgenommen oder ausgewiesen.
Es folgten im Jahr 1872 ein Gesetz, das den Jesuitenorden verbot und ein Gesetz, das die Übernahme der Aufsicht über alle Schulen in Preußen durch den Staat vorsah. Außerdem wurden die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan 1872 mit der Reichstagsrede Bismarcks, in der er seiner Absicht, im Konflikt mit der katholischen Kirche "keinen Fußbreit nachzugeben", mit dem Ausspruch "Nach Canossa gehen wir nicht!" Ausdruck verlieh, abgebrochen. Den Höhepunkt des Kulturkampfes markierten die Maigesetze von 1873, die die staatliche Reglementierung der katholischen Kirche gewährleisten sollten. Diese sahen vor:
1874 wurde außerdem die Zivilehe eingeführt. Durch das Brotkorbgesetz von 1875 wurden der Kirche jegliche staatliche Zuwendungen entzogen. Im Mai 1875 folgte das Klostergesetz (Auflösung aller Klostergenossenschaften außer den krankenpflegerischen in Preußen). Die Gesetze verfehlten aber ihre Wirkung, Denn das Zentrum ging aus den Reichstagswahlen 1874 gestärkt hervor und konnte die Zahl seiner Wähler verdoppeln.
Am 13. Juli 1874 verübte der katholische Handwerker Eduard Franz Ludwig Kullmann wegen des Kulturkampfs ein Attentat auf Bismarck, der dabei aber nur leicht verletzt wurde.
Als Pius IX. 1878 starb, folgte ihm Leo XIII. im Amt. In direkten Verhandlungen mit der Kurie wurden die harten Gesetze gemildert. Im Sommer 1882 nahm Preußen wieder diplomatische Beziehungen zum Vatikan auf. Die 1886 und 1887 erlassenen Friedensgesetze führten schließlich zur Beilegung des Konflikts. Leo XIII. erklärte am 23. Mai 1887 öffentlich den "Kampf, welcher die Kirche schädigte und dem Staat nichts nützte" für beendet.
Das Jesuitengesetz wurde erst 1917, der Kanzelparagraph erst 1953 in der Bundesrepublik aufgehoben.
Das Schulaufsichtsgesetz und das Zivilehegesetz blieben jedoch erhalten. Der Kulturkampf war damit ein wichtiger Schritt in Richtung der Modernisierung Deutschlands durch Trennung von Kirche und Staat. Mit der Weimarer Reichsverfassung bekam dann das Verhältnis von Kirche und Staat seine bis heute geltende Fassung.
Die Folge des Kulturkampfes war, dass das Zentrum gestärkt aus der Krise hervorging. Bismarck konnte seinen politischen Gegner nicht zerschlagen und war bereit sich mit den kirchlichen Kräften zu arrangieren, nachdem er wichtige Ziele durchgesetzt hatte.
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