Kultiviertheit bezeichnet eine verfeinerte Lebensweise.
1. Hinter den Begriffen "Kultiviertheit" und "kultiviert" steht ein Denkmodell, das kultivierte Lebenssweisen als höherwertig, edler oder "feiner" versteht, als von der Lebensweise der meisten Menschen positiv abgehoben.
Sie beschränkt sich in der Regel (im Gegensatz zum Begriff "zivilisiert") auf die äußeren Lebensumstände, also zum Beispiel eine besonders feine Art des Verbrauchs von Gütern oder eine vornehme Art von Tätigkeiten (Esskultur der fine cuisine, Umgangsformen, Künste und Musik).
Die Unterscheidung beruht dabei einerseits zum Teil auf einer willkürlichen, nicht objektiv begründbaren Definition der "höherwertigen" Lebensweise, z. B. dass Leberpastete "besser" sei als Pommes Frites, oder dass der Opernbesuch einen höherwertigen Kunstgenuss darstelle als beispielsweise das Betrachten eines Fußballspieles. Andererseits ist eine als "kultiviert" oder "kultivierter" bezeichnete Lebensweise allerdings teilweise in der Tat durch objektivierbare Unterschiede geprägt, z.B. vorsichtigere Handlungsweisen, weniger drastische Äußerungen, sensibleres Reagieren und feiner bzw. differenzierter abgestimmte Art zu kommunizieren. Abwertend wird solches Verhalten zum Teil auch als "manieriert" oder "verkünstelt" bezeichnet.
Die höfische Kultur des Rokoko gilt als Epoche stark ausgeprägter Kultiviertheit in diesem Sinne.
2. Verwandt aber weniger auf einen bestimmten Habitus bezogen ist der Begriff "kultiviert" im anderen Sinne, abgeleitet von Kultivierung. Der Kulturphilosoph und Soziologe Georg Simmel bezeichnete einen Zustand dann als kultiviert, wenn er seine durch natürliche Entwicklung erreichbare Vollendung übersteigt und von einem auf ein Ziel ausgerichteten Willen geformt wird. Von Kultivierung kann nach Simmel aber nur gesprochen werden, wenn dieser Eingriff des Willens ein bereits im Naturzustand inhärentes Strukturprinzip aufgreift bzw. weitertreibt. So fällt die Züchtung der essbaren Birne aus der ursprünglichen (natürlichen) Holzbirne unter Kultivierung, die Umarbeitung des Baumes in einen Segelmast aber nicht.
3. "Kultivieren" bedeutet noch weiter gefasst : "(etwas) zu einer Kultur oder zu einem Kult machen, entwickeln oder erheben", "(etwas) als einen Kult bzw. eine Kultur zelebrieren". Das, was in diesem Sinne kultiviert worden ist, muss nicht im Sinne von Punkt 1 oder 2 kultiviert sein.
Beispiel: "Die Skinheads kultivieren das Proletarische und Nicht-Kultivierte (im Sinne von Punkt 1)." Die Skinheads entwickeln und zelebrieren also eine Kultur des Proletarischen, sie entwickeln einen Zustand, in dem sie das Proletarische pflegen, zelebrieren und hochhalten.
4. Im technischen Bereich hat der Begriff Kultiviertheit ebenfalls an Bedeutung gewonnen. So wird zum Beispiel der Verbrennungsmotor eines Automobils als kultiviert angesehen, wenn er sich durch gleichmäßigen und ruhigen Lauf auszeichnet.
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Kultiviertheit".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world