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Der Kritische Rationalismus ist eine von Karl R. Popper begründete philosophische Denkrichtung, die in enger Verbindung mit seinem Modell für den wissenschaftliche Erkenntnisgewinn, dem sog. Falsifikationismus, steht. Ein weiterer wichtiger Vertreter ist Hans Albert, der den Kritischen Rationalismus für die Sozial- und Geisteswissenschaften weiterentwickelt hat.

Grundgedanken


Rationalismus im Sinne von Popper bedeutet, dass der Wissenszuwachs - im Streben nach Wahrheit - vor allem aus vernünftigen Diskussionen und Argumentationen entsteht. Dies steht im Gegensatz zu anderen philosophischen Richtungen wie z. B. dem Idealismus oder dem Empirismus.

Wahrheit wird als höchster Wert betrachtet und - in relativer Übereinstimmung mit der Alltagsvorstellung - als Übereinstimmung von theoretischen Aussagen mit der objektiv existierenden Realität gesehen. In diesem Sinne ist der kritische Rationalismus ganz wesentlich auch ein Realismus. Er steht in scharfem Gegensatz zum Relativismus.

Kritisch heißt dieser Rationalismus deshalb, weil er meint, dass man zwar der Wahrheit näher kommen, sie unter Umständen auch erreichen kann, darüber jedoch nie Sicherheit erlangt. Auch die beste Theorie kann jederzeit durch neue Fakten in Widersprüche kommen (Falsifikation) und muss dann in Frage gestellt und eventuell revidiert oder durch eine bessere Theorie ersetzt werden.

Der Kritische Rationalismus ist aus eigener Sicht eine Lebenseinstellung: "... die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du Recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden." (Originalzitat)

Der Kritische Rationalismus ist also keine Theorie, denn er macht keine überprüfbaren Vorhersagen. Man kann ihn als metaphysisches Forschungsprogramm bezeichnen. Er ist eine Methode um Probleme zu lösen, Wissen zu gewinnen und der Wahrheit planmäßig näher zu kommen. Da nur Theorien falsifiziert werden können, ist die Frage nach seiner Falsifizierbarkeit falsch gestellt.

Falsifikationismus


Der Falsifikationismus ist eine Position der Wissenschaftstheorie. Der Falsifikationismus geht davon aus, dass Hypothesen in empirischen Wissenschaften niemals verifiziert, sondern immer nur falsifiziert werden können. Bei der bis dahin vorherrschenden Art der Theorienbildung versucht der Wissenschaftler induktiv, aus Daten eine Theorie abzuleiten. Er stellt also eine Hypothese auf, wie die Realität in Bezug auf eine bestimmte Fragestellung aufgebaut sein könnte. Dann macht er Experimente und Analysen, um die Theorie zu bestätigen. Hier sieht Popper grundsätzliche Gefahren: Keine noch so große Zahl von Messungen und Bestätigungen ermögliche eine sichere Erkenntnis der Wahrheit einer Theorie.

Den Falsifikationismus sollte man nicht mit dem Fallibilismus verwechseln. Das ist eine weitere wichtige Position des Kritischen Rationalismus und bedeutet die grundsätzliche Fehlbarkeit des Menschen: Alles Wissen und Handeln kann sich als falsch erweisen.

Prägend ist für Popper die Newtonsche Physik, die vielfach bestätigt wurde und als Musterbeispiel für gesichertes, naturgesetzliches Wissen galt. Gleichwohl entspricht sie nicht der Wahrheit, sondern ist lediglich eine Annäherung an die Einsteinsche Physik. Durch bestimmte Beobachtungen lassen sich auf Newton beruhende Sätze widerlegen. Man kann also durch die genauere Prüfung von Theorien, z. B. mit empirischen Daten, die bessere von zwei Theorien erkennen.

Der Kritische Rationalismus betrachtet nur solche Theorien als wissenschaftlich, zu denen Experimente mit Ergebnissen denkbar sind, die sie widerlegen könnten (vgl. Positivismus). Überleben sie die Experimente, so haben sie sich bewährt. Wenn nicht, so ist ein Widerspruch im Gesamtsystem entstanden, für den Popper den Namen "Falsifikation" eingeführt hat. Er hält jede Behauptung für „unwissenschaftlich“, die keine Aussagen macht, die sich nicht prüfen und wenigstens prinzipiell widerlegen lassen. Nur falsifizierbare (angreifbare) Aussagen sind „empirisch“, alle anderen gelten als „metaphysisch“ und sind somit kein Teil der empirischen Wissenschaft.

Im Gegensatz zum logischen Positivismus hält Popper solche Sätze allerdings nicht für sinnlos, sondern weist insbesondere ihrer schöpferischen Kraft eine wichtige Rolle bei der Ersinnung von Theorien zu. Zum Beispiel war die Atomvorstellung der griechischen Philosophen 2300 Jahre lang eine metaphysische, unprüfbare Behauptung, bevor sie im 19. Jahrhundert experimentell geprüft werden konnte und sich bewährte. Auch der Kritische Rationalismus selbst ist ein metaphysisches Forschungsprogramm.

Dabei stellt Popper fundamentale Fragen zur Wissenschaftstheorie und hinterfragt die Art und Weise der Theorien- und Methodenbildung in den Wissenschaften. Ziel ist dabei, den erkenntnistheoretischen Wert von Theorien, Methoden und Fortschritt in der Wissenschaft analysierbar und zugänglich zu machen. Daraus sollte schließlich zu lernen sein, wie man es, falls nötig und möglich, besser machen kann.

Mit Hilfe der Widerlegung soll jede aufgestellte Theorie aktiv angegriffen werden, und dies intensiv und immer wieder. Wird die Theorie nicht erfolgreich widerlegt, so heißt das nicht zwingend, dass sie wahr ist, sondern nur, dass sie eher der Wahrheit entspricht oder ihr näher kommt als eine vorherige und bereits widerlegte Theorie. In diesem erkenntnistheoretischen Prozess tastet man sich also förmlich an die Wahrheit heran. Man kann sie laut Popper eventuell auch erreichen, jedoch ohne sich je sicher sein zu können. In diesem Sinne ist das Streben nach Wahrheit und Erkenntnis ein dynamischer Prozess.

Fallibilismus und die Konsequenzen der Fehlbarkeit des menschlichen Wissens


Die grundsätzliche Fehlbarkeit des menschlichen Wissens wird Fallibilismus genannt (von fallible, engl.: fehlbar) und geht laut Popper auf Charles Sanders Peirce zurück. Karl Popper und Hans Albert gelten heute als die beiden Hauptvertreter dieser Ansicht, weil ihre Philosophie besonders viele Konsequenzen aus dieser Ansicht zieht.

Nach dieser Auffassung gibt es keine absolute Sicherheit, eine "statische Wahrheit" vollständig erkannt zu haben, sondern nur die heute am besten haltbare "vermutete Wahrheit". Einige Forscher glauben, dass man sich damit auf dem ihrer Meinung nach selbstwidersprüchlichen Boden des Skeptizismus bewegt.

Dabei hält Popper, trotz seiner Schlussfolgerung, dass man nie wissen kann, ob man die absolute Wahrheit gefunden hat, an ihrer Existenz fest und lehnt den Relativismus, also die Abhängigkeit der Wahrheit von den Umständen, ab. Man kann also die Wahrheit gefunden haben und einen wahren Satz aussprechen, aber man kann sich nie sicher sein, dass man sie gefunden hat. Viele Theorien der Wissenschaften können wahr sein, aber wir können niemals wissen und nicht beweisen, dass sie wahr sind.

Relevanz für die Gesellschaft und deren Entwicklung


Der Kritische Rationalismus befürwortet, notwendige und drängenden Probleme systematisch zu lösen. Es sei nicht sinnvoll, nach einer irgendwie als "ideal" anzusehenden Gesellschaftsform oder einem Idealzustand zu suchen. Man solle also die akuten Probleme analysieren und sie durch Reformen Schritt für Schritt so gestalten, dass eine "eingebaute" (systemimmanente) Kontrolle Missbrauch verhindern kann (Checks and Balances). In dieser Hinsicht ergänzt der Kritische Rationalismus auch den Liberalismus.

Popper, der in seiner Jugend Sozialist war, machte sich einen Namen, indem er versuchte zu zeigen, dass viele Kernaussagen des Marxismus bzw. Kommunismus nicht-angreifbar und damit nicht wissenschaftlich seien bzw. wichtige Voraussagen des Marxismus über die Zukunft (z.B. Form der sozialistischen Revolution) nicht eintrafen und damit den Marxismus falsifiziert hätten. Deshalb wird er von Teilen der Linken gerne als konservativ beurteilt. Weil mit seiner Methodik viele populäre (religiöse) Überzeugungen hinterfragt werden können, wurde Popper auch von deren Verfechtern kritisiert. Insbesondere die Rechte lehnt den Kritischen Rationalismus oft ab, weil es ihm an Werten und Orientierungsmöglichkeiten mangele. Auch seine Forderung nach schrittweisen Reformen wird von vielen besonders weit nach rechts oder links tendierenden Kritikern abgelehnt.

Vertreter des Kritischen Rationalismus dagegen meinen, sein philosophischer Analyseprozess könnte zu einem Paradigmenwechsel, also einer neuen Grundlage für die Art und Weise des Erkennens und Gewinnens von Wissen führen: Dass die Methoden der Wissenschaft und Philosophie ein wenig verbessert werden und sich damit auch politische Verfahren und religiöse Vorstellungen Schritt für Schritt ändern. Zuweilen wird diese Neuerung als vergleichbar mit Anpassungen zu Zeiten der Renaissance und der Aufklärung angesehen, wenn auch nicht der Anspruch erhoben wird, dass sie ebenso umwälzend sei.

Kritik


Einer der einflussreichsten Kritiker des Kritischen Rationalismus war der Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn, welcher in seinem Werk "The Structure of Scientific Revolutions" einwendete, dass die von ihm beobachtete Entwicklung der Wissenschaften kaum in der von Popper angegebenen Art ablaufe. Dem entgegnen Vertreter des Kritischen Rationalismus, dass die Kuhnsche Vorstellung der Wissenschaftentwicklung dem kritischen Rationalismus nicht wirklich widerspreche. So hat beispielsweise Imre Lakatos den Begriff des "Forschungsprogrammes" entwickelt in dem er versucht beide Ansichten zu vereinbaren. Zudem werden der Kuhnschen Kritik und ähnlichen Kritiken, etwa aus den Reihen der heutigen Wissenschaftsoziologie, Inkonsistenzen vorgeworfen. So sei es beispielsweise selbst bereits eine Anwendung der Falsifikationsmethode, wenn versucht wird, Beobachtungsdaten über das Verhalten von Wissenschaftlern zu benutzten um die Hypothese zu widerlegen, dass Falsifikation eine in der Wissenschaftspraxis angewendete grundlegende Methode sei.

Es muss beachtet werden, dass Popper das Falsifaktionskriterium zur Abgrenzung der empirischen Wissenschaften von den reinen Wissenschaften wie Mathematik und Logik einerseits und der Metaphysik andererseits vorschlägt. Die Annahme des Kritischen Rationalismus als wissenschaftliche Methode ist nach Popper eine Festsetzung bzw. eine (moralische) Entscheidung zwischen rationalem und irrationalem Vorgehen und nicht weiter begründbar. Da der Kritischer Rationalismus sich selbst also nicht empirisch begründet (nicht zuletzt deswegen auch der Namensbestandteil "Rationalismus"), sondern eine bewusste Festsetzung ist was Wissenschaft sein soll, ist der Versuch einer empirischen Widerlegung (Falsifikation) des Kritischen Rationalismus als solchen sinnlos. Es kann aber empirisch überprüft werden - und wie oben bereits erwähnt finden solche Überprüfungen tatsächlich statt - inwieweit Wissenschaftler aus den verschiedenen Disziplinen nach der Methode welche Popper vorgibt arbeiten. Eine Falsifikation bedeutet hier aber keine Widerlegung des Kritischen Rationalismuses an sich. Einerseits kann man in diesem Fall zwar versuchen andere adequatere Definitionen von Wissenschaft zu suchen, oder den Kritischen Rationalismus zu modifizieren, wie dies Imre Lakatos tat. Andererseits besteht auch die Möglichkeit die Wissenschaftlichkeit derjenigen Disziplinen zu bestreiten, welche nicht dem Falsifikations-Kriterium des Kritischen Rationalismus entsprechen.

Kritikern wie z.B. dem Jesuit Walter Brugger wird vorgeworfen, dass sie von falschen Unterstellungen ausgehen und ihre Kritik mehr missionarischen Charakter habe, weswegen sie in der Forschung nur eine geringe Rolle spielt. So sei W. Bruggers Argumentation, dass die von Popper entworfene, (Meta-)Theorie nur dann gültig sein könne, wenn sie auch für sich selbst gelte, da auch sie beanspruche, eine wissenschaftliche Theorie zu sein, schlichtweg falsch. Nicht nur gibt es keine Textstelle, an der Popper behauptet hätte, dass der Kritische Rationalismus eine wissenschaftliche Theorie sei, vielmehr sieht Popper den Kritischen Realismus explizit als eine Festsetzung die selbst weder empirisch noch rational begründet werden kann, sondern auf einer freien Entscheidung zwischen rationalem oder irrationalem Vorgehen beruht.

Eine Kritik an den Grundannahmen des Kritischen Rationalismus stammt von David Stove. Da Falsifikation nichts anderes ist, als die Verifikation der verneinten Aussage, ist Poppers Behauptung, er habe das Problem der Induktion gelöst, falsch. Dieses - David Hume zugeschriebene - Problem, ist jedoch in der Wissenschaftspraxis ein Scheinproblem, da es nur aussagt, dass durch Induktion keine absolut sicheren Schlüße möglich sind, was ohnehin klar ist. Unsichere Schlüße sind jedoch möglich und durchaus nützlich, wie insbesondere die Wahrscheinlichkeitstheorie zeigt.

Siehe auch


Literatur


  • Karl Raimund Popper: Objektive Erkenntnis, 2. Aufl., Hamburg 1974, ISBN 3-455-09088-5
  • Karl Raimund Popper: Logik der Forschung. 11. Auflage, ISBN 3-161-48410-X
  • Karl R. Popper, Hubert Kiesewetter: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I. Studienausgabe. Der Zauber Platons., 8. Aufl. 2003, ISBN 3-161-48068-6
  • Karl R. Popper, Hubert Kiesewetter: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II. Studienausgabe. Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen., 8. Aufl. 2003, ISBN 3-161-48069-4
  • Hans Albert: Traktat über Kritische Vernunft, 5. Aufl. Tübingen 1991 ISBN 3-16-145710-2
  • Herbert Keuth, Die Philosophie Karl Poppers, UTB, Stuttgart 2000, ISBN 3-8252-2156-3
  • Hans-Joachim Niemann, Lexikon des Kritischen Rationalismus, Tübingen (Mohr-Siebeck) 2004, 423 + XII S., ISBN 3-16-148395-2.
  • Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 2.Aufl., 2002 , ISBN 3-51827-625-5
  • Walter Brugger: Philosophisches Wörterbuch, 19. Aufl., Freiburg 1988, ISBN 3-451-20410-X

Weblinks


  • Einführungskurs (24 kurze Lektionen) in das kritisch-rationale Denken:
Erkenntnistheorie | Wissenschaftstheorie

Critical rationalism | Krytyczny racjonalizm | Racionalismo crítico | Kritický racionalizmus

 

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