Die Konstruktivistische Didaktik versteht das Lernen als einen Prozess der Selbstorganisation von Wissen, das sich auf der Basis der Wirklichkeits- und Sinnkonstruktion jedes einzelnen lernenden Individuums vollzieht und damit relativ, individuell und unvorhersagbar ist. Bei der konstruktivistischen Didaktik ist zu beachten, dass es unterschiedliche Begründungen gibt. Waren zunächst eher radikal-konstruktivistische Denkweisen dominant, so hat sich in neuerer Zeit ein eher sozial und kulturell orientierter Konstruktivismus durchgesetzt, wie er vor allem von Kersten Reich vertreten wird.
Ein Lehrer sollte möglichst reichhaltige, multimodale, interessante und kommunikationsorientierte Umgebungen schaffen, welche die subjektiven Erfahrungsbereiche ansprechen und gleichzeitig neue 'Rätsel' beinhalten, die pragmatisch, interaktiv und kreativ zur Selbstorientierung einladen. Die Kunst des Lehrens besteht darin, zwischen der ursprünglichen Wirklichkeitskonstruktion des Lerners und derjenigen, die wissenschaftlich und gesellschaftlich gerade als konsensfähig gilt, eine Kette von optimalen Diskrepanzen vorzusehen, die von den Lernern als Erwartungswiderspruch erlebt und durch Versuch und Irrtum produktiv überwunden werden. Unterrichtsmethodische Ansätze, die dem Konstruktivismus nahestehen, sind z.B. die Projektarbeit und die Storyline-Methode. Unterrichtsmethoden im Sinne der konstruktivistischen Didaktik werden ausführlich in Kersten Reichs Methodenpool dargestellt.
Thesen für eine konstruktivistische Didaktik nach Kersten Reich
- Didaktik ist nicht mehr Theorie der Abbildung, Erinnerung und richtiger Rekonstruktion von Wissen und Wahrheit, sondern konstruktiver Ort möglichst eigener Weltfindung
- Didaktik als offenes Verfahren inhaltlicher und beziehungsmäßiger Vermittlungsperspektiven
- Unverfügbarkeit von Lernen
Zehn Grundannahmen nach Klaus Müller
Zehn Grundannahmen der modernen Wissenspsychologie
- Wissenserwerb erfolgt konstruktiv in Abhängigkeit von Vorwissen, Wahrnehmung, Handlungskontext und Affektlage.
- Wissenserwerb verläuft individuell unvorhersehbar entlang eines unabgeschlossenen Kontinuums von Stadien des Interimswissens.
- Wissenserwerb kann nicht determiniert, sondern nur gelenkt werden; daher ist Wissen selbstorganisierend und emergent.
- Wissen ist im Idealfall miteinander vernetzt und daher produktiv, flexibel und fachübergreifend transferfähig.
- Wissen ist seinem Wesen nach sinn- und bedeutungsstiftend, also sprachlich fundiert und als Deutungswissen rekonstruierbar.
- Wissen ist dynamisch und befindet sich progressiv wie regressiv in ständigem Umbau, der auch träges und fossiliertes Wissen erzeugt.
- Wissen ist sozial ausgehandelt und situiert.
- Wissen erwächst aus Problemlösesituationen und führt zu routinierten Lösungsstrategien wie zu einer allgemeinen, kreativen Problemlösekompetenz in jenen Domänen, für die der Lerner zu einem Experten wird, der funktional handeln kann.
- Wissen hat eine anthropologische Dimension, die sich etwa in einer Ethik, Wahrnehmungsfähigkeit und Gedächtnisbildung niederschlägt, die nicht mit der Computermetapher der Kognition oder des 'programmierten Lernens' in Einklang steht.
- Wissensvermittler verstehen sich daher als Gestalter effektiver Lernumgebungen und versuchen, die Lerner in bestimmte Domänen der Expertenkultur einzuführen.
Siehe auch
Vgl. auch die Wikipedia-Beiträge zu den Themen
Situiertes Lernen und
Konstruktivismus.
Literatur
- Müller, Klaus (Hrsg.) (1996): Konstruktivismus. Lehren. Lernen. Ästhetische Prozesse. Neuwied. Luchterhand.
- Meixner, Johanna/Müller, Klaus (Hrsg.)(2001): Konstruktivistische Schulpraxis. Beispiele für den Unterricht. Neuwied. Luchterhand.
- Meixner, Johanna/Müller, Klaus (2004): Angewandter Konstruktivismus. Ein Handbuch für die Bildungspraxis in Schule und Beruf. Aachen. Shaker.
- Mietzel, Gerd (2001): Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens. Hogrefe-Verlag Göttingen, ISBN: 3-8017-1436-5, Broschiert, 494 Seiten
- Reich, Kersten (2006): Konstruktivistische Didaktik - Ein Lehr- und Studienbuch mit Methodenpool auf CD. Beltz und Gelberg, W. ISBN: 3-4072-5410-5
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