Konrad Zacharias Lorenz (* 7. November 1903 in Wien; † 27. Februar 1989 in Wien) war einer der wichtigsten Vertreter der so genannten klassischen vergleichenden Verhaltensforschung. Er selbst nannte dieses Forschungsgebiet bis 1949 „Tierpsychologie“ und wird im deutschsprachigen Raum als dessen Gründervater angesehen. Der „Spiegel“ bezeichnete ihn einmal als den „Einstein der Tierseele“. Ihm wurde 1973 gemeinsam mit Karl von Frisch und Nikolaas Tinbergen der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für ihre Entdeckungen betreffend den Aufbau und die Auslösung von individuellen und sozialen Verhaltenselementen (im Original: „for their discoveries concerning organization and elicitation of individual and social behaviour patterns“) zugesprochen.
1928 folgte, gleichfalls in Wien, die Promotion zum Doktor der Medizin (Dr. med.univ.). Im selben Jahr und - nach einer Unterbrechung - von 1931 bis 1935 war er als Assistent bei Prof. Ferdinand Hochstetter am II. Anatomischen Institut der Universität Wien beschäftigt, der ein Magnet für deutsch-nationale und völkisch gesinnte Studenten war. 1931 begegnete Konrad Lorenz in Berlin erstmals persönlich den Ornithologen Oskar Heinroth und Erwin Stresemann - ein entscheidendes Ereignis für seine gesamte folgende wissenschaftliche Laufbahn. 1933 folgte in Wien eine zweite Promotion, diesmal zum Dr. phil. im Fach Zoologie.
1935 erschien im Journal für Ornithologie der epochemachende Aufsatz: „Der Kumpan in der Umwelt des Vogels“. 1936 wurde Lorenz habilitiert, so dass ihm ab 1937 die Lehrbefugnis für „Zoologie mit besonderer Berücksichtigung der vergleichenden Anatomie und Tierpsychologie“ an der Universität Wien erteilt werden konnte; es war dies die erste akademische Lehrbefugnis ihrer Art in Österreich . Ebenfalls 1937 forschte Lorenz erstmals und mehrere Monate gemeinsam mit Nikolaas Tinbergen (an Graugänsen), und zwar in Lorenz' Heimatort Altenberg bei Wien.
1940 verwirklichte sich für Konrad Lorenz die seit Jahren angestrebte Berufung zum ordentlichen Professor; er erhielt den Lehrstuhl für Psychologie in Königsberg und wurde dort zugleich Leiter des Instituts für vergleichende Psychologie. Bereits 1941 wurde er aber als Soldat eingezogen (bis 1944). Nach kurzer Grundausbildung kam er 1942 als Heerespsychiater in ein Lazarett in Posen. Dort wurden ihm bis heute nicht völlig geklärte Aufgaben übertragen; er selbst hat sich über diese Zeit nie geäußert. Belegt ist lediglich seine Mitarbeit an einer rassekundlichen Studie an „Posener deutsch-polnischen Mischlingen und Polen“, als deren Erkenntnis von den Hauptautoren u. a. eine „vitale Triebhaftigkeit“ der Polen im Gegensatz zu typisch deutschen Charakterzügen wie „Gründlichkeit“ festgestellt wurde.
1944 geriet Lorenz in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1948 nach Österreich entlassen wurde. In Altenberg bei Wien gründete er 1949 ein „Institut für vergleichende Verhaltensforschung“, das zur Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehörte. Ebenfalls 1949 veröffentlichte er sein bis heute populäres Buch „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“ - zwecks Finanzierung seines Lebensunterhalts und seiner Forschung. Wegen seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus blieb ihm in Österreich aber eine neuerliche Professur versagt.
Stattdessen richtet 1950 die deutsche Max-Planck-Gesellschaft in Buldern / Westfalen eigens für Konrad Lorenz eine „Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung“ ein, als Außenstelle des Max Planck-Instituts für Meeresbiologie Wilhelmshaven, u. a. um Abwerbeversuche aus England zu kontern. 1953 folgte die Ernennung zum Honorarprofessor an der Universität Münster / Westfalen.
1955 begann die Max-Planck-Gesellschaft den Bau des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie am Eßsee in Oberbayern; später erhielt diese Örtlichkeit den Namen Seewiesen. Dort wurde Lorenz stellvertretender Direktor unter Erich von Holst und nach dessen frühem Tod ab 1961 und bis 1973 Direktor. 1957 folgte die Ernennung zum Honorarprofessor für Zoologie an der Universität München.
Im Jahr 1963 erschien sein Bestseller „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“, zehn Jahre später (1973) kamen zwei weitere Bestseller von ihm heraus: „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ und das philosophische Hauptwerk „Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens“. 1973 wurde ihm zusammen mit Karl von Frisch und Nikolaas Tinbergen der "Nobelpreis für Physiologie oder Medizin" für Entdeckungen zur Organisation und Auslösung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern verliehen.
Seine Bekanntheit steigerte sich 1978, als Konrad Lorenz unmittelbar vor seinem 75. Geburtstag zur Galionsfigur des erfolgreichen österreichischen Volksbegehrens gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerk Zwentendorf wurde. 1988 erschien dann sein letztes großes Werk: „Hier bin ich - wo bist Du?“, eine genaue ethologische Beschreibung von Graugänsen als Zusammenschau von rund 60 Jahren intensiver Verhaltensbeobachtung.
Bekannte Lorenz-Schüler sind der Verhaltensforscher und Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der Wildbiologe Antal Festetics, der Verhaltensforscher Otto König und Wolfgang Wickler.
Jede Berufung von Hochschullehrern war um 1940 ein Politikum, aber bei Lorenz paarten sich fachliche Kompetenz und „politische Qualifikation“ nachgerade optimal, da Lorenz gegenüber dem NS-Regime genügend große Vorleistungen erbracht hatte und auch in Biologenkreisen anerkannt war. Bereits am 28. Juni 1938 hatte Lorenz einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt, in dem er handschriftlich vermerkte:
Aus Lorenz' Berufungsakten geht hervor, dass er „Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes mit Redeerlaubnis“ war. 1939/40 hatte er zudem mehrere Aufsätze geschrieben, deren ideologische Nähe zum rassistischen Gedankengut des NS-Regimes derart auffällig war, dass sie schon damals von seinen Fachkollegen als bewusste Anbiederung und als „Selbstgefährdung als Wissenschaftler“ empfunden wurden. So beklagte Lorenz in der vor allem von Lehrern herangezogenen Zeitschrift „Der Biologe“:
Eine weitere Veröffentlichung von 1940 kann noch eindeutiger als wissenschaftliche Unterfütterung der rassistischen Gesetze der deutschen Nazi-Regierung gelesen werden. In dieser erörtert Lorenz u. a. die Notwendigkeit einer „Ausmerzung ethisch Minderwertiger“ und sagt voraus:
Diese Wortwahl griff Lorenz 1973 wieder auf:
Die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Theodora Kalikow hat 1980 Lorenz' ideologische Nähe zum NS-Regime als „bewussten Opportunismus“ bezeichnet und deren fachlich-biologisierende Basis so beschrieben:
Die daraus von ihm abgeleitete Schlussfolgerung, krankes Erbmaterial müsse zur Erhaltung einer lebenstüchtigen Zivilisation ausgesondert werden, bildeten bis zu seinem Tode den Kern seines biologisch determinierten Gesellschaftsverständnisses - erkennbar u. a. daran, dass seine 1943 veröffentlichte, umfangreiche Begründung dieser Anschauung noch in den 1960er Jahren auf der Einbandrückseite seiner populärwissenschaftlichen dtv-Bücher als "Hauptwerk" bezeichnet wurde. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP leugnete er mit dem naiven Hinweis, er habe nie einen Mitgliedsausweis besessen und räumte allenfalls ein, sich in seinen Aufsätzen der 1940er-Jahre „in der uns heute mit Recht verhaßten Sprache des Naziregimes“ ausgedrückt zu haben. In einem Gespräch mit der Wiener Abendzeitung betonte er 1973 aber zugleich die Kontinuität seiner Grundüberzeugungen: „Es ging mir darum zu zeigen, daß die zunehmende Domestikation des Menschen seine Menschlichkeit bedroht. Dieses Problem, das mich auch heute noch intensivst beschäftigt, hat sich mir damals zum erstenmal aufgedrängt.“ (nach Taschwer/Föger 2003, S. 234) Die von ihm beobachtete wachsende Jugend-Kriminalität deutete er in seinem Buch Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit als Zeichen eines genetischen Verfalls (siehe Zitat oben). 1988 zeigte Lorenz gar eine offenbar evolutionsbiologisch motivierte „Sympathie für Aids":
Auch die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Theodora Kalikow kam zu dem Schluss, dass die grundlegenden ideologischen Elemente von Lorenz ungebrochen in die Nachkriegszeit transferiert wurden: „Somit haben jene Ethologen, Soziobiologen und populärwissenschaftlichen Autoren, die sich Lorenz‘ biologistische Anschauung der Gesellschaft zunutze gemacht haben, auch – bewusst oder unbewusst – ihre totalitaristischen Implikationen akzeptiert, daß nämlich die erfolgreiche Gesellschaft genetisch und politisch manipuliert werden muß.“ (Kalikow 1980, S. 210)
Lorenz' Bedeutung liegt ferner darin, dass er, deutlicher als andere Forscher vor ihm, in seinen wissenschaftlichen Arbeiten den Blick auf zwei genetische Besonderheiten gelenkt hat: auf angeborene Auslöser für Verhaltensweisen ("Schlüsselreize" und "angeborene Auslösemechanismen", AAM) sowie auf eine bei diversen Tierarten nachweisbare Entwicklungsphase, in der eine gleichsam unwiderrufliche "Prägung" möglich ist.
Zur Veranschaulichung seiner Grundüberzeugung, das Verhalten der Tiere werde vor allem durch innere Instinkte und weniger durch äußere Auslöser gesteuert, entwickelte Konrad Lorenz ein (gegen Reflex-Theoretiker und gegen behavioristische Anschauungen opponierendes) anschauliches und daher Jahrzehnte lang akzeptiertes psychohydraulisches Instinktmodell: Instinktenergien können sich diesem Modell zufolge - ähnlich wie das Wasser in einem Wasserleitungsnetz - in bestimmten Bahnen ausbreiten, aufstauen und überlaufen. Heute gilt diese Theorie unter Verhaltensforschern allerdings als überholt und wurde u. a. ersetzt durch soziobiologische, verhaltensökologische und an der Computertechnik orientierte Modelle.
Lorenz' wissenschaftliche Bedeutung liegt aber mindestens ebenso darin begründet, dass er ganz wesentlich dazu beitrug, die Verhaltensbiologie (er selbst nannte das Gebiet bis 1949 oft auch "Tierpsychologie") als eigenständiges Forschungsgebiet an den deutschen Hochschulen zu etablieren und diese Fachrichtung überdies ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Hierzu trugen vor allem seine diversen, seit 1949 erschienenen und auch heute noch gut lesbaren Tiergeschichten bei, in denen er versuchte - anders als die meisten Sachbuchautoren vor ihm - das Verhalten der Tiere aus ihrer jeweils eigenen Sichtweise zu schildern, statt ihr Verhalten aus dem Blickwinkel des Menschen zu schildern. Seine Instinkttheorie des Verhaltens regte zwischen 1935 und 1970 zudem zahlreiche Wissenschaftler zu Forschungsarbeiten an, da diese Theorie ein Erklärungsmodell bot, das man in empirischen Studien überprüfen konnte. Sein früher Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeldt wurde zu einem der weltweit meistgeachteten Forscher auf dem Gebiet der Humanethologie.
Lorenz' Instinkttheorie des Verhaltens entstand in den 1930er-Jahren auf der Basis relativ weniger und zudem anfangs eher anekdotisch interessanter Tierbeobachtungen. Es fehlte - vergleichbar mit den Theorien Sigmund Freuds - von Beginn an eine breite empirische Unterfütterung. Daher wurde die Instinkttheorie zu einem herausragenden Beispiel für das Erzeugen von Pseudoerklärungen innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin: So ist beispielsweise die so genannte Übersprungbewegung eine unmittelbare Folge der Lorenzschen Grundannahme, im Konfliktfall setze sich jeweils der "stärkere" von zwei gleichzeitig aktivierten Instinkten im Verhalten durch; da jedoch der Fall zweier genau gleich stark aktivierter Instinkte denkbar ist, musste der Instinkttheorie eine Art Kompromiss für diesen Spezialfall beigegeben werden - die "Übersprungbewegung" ist somit eher eine Konsequenz der Theorie als das Ergebnis empirischer Befunde. Die sehr wenigen "empirischen Belege" wurden dann rasch "entdeckt", oder genauer gesagt: Bestimmte Beobachtungen wurden im Licht der theoretischen Annahmen entsprechend gedeutet.
Obsolet geworden ist die Lorenz'sche Instinkttheorie allerdings nicht in erster Linie aufgrund solcher wissenschaftstheoretischer Mängel, sondern weil die moderne Hirnforschung keinerlei physiologisches Korrelat zu den unterstellten Instinkten auffinden konnte. Wie seine Biographen K. Taschwer und B. Föger hervorheben, kamen seine Untersuchungsmethoden "aber auch deshalb aus der Mode, weil sie jahrelange Beobachtungen voraussetzten - im Zeitalter des publish or perish ein Ding der Unmöglichkeit."
Konrad Lorenz wurde in den 1950er Jahren weit über die Grenzen seines Fachgebietes hinaus bekannt, als er seine Studien (u. a. an Graugänsen), verpackt in unterhaltsame und anekdotenreiche Tiergeschichten, auch für naturwissenschaftliche Laien, ja sogar für Kinder zugänglich machte. Seit den 1960er Jahren stieg seine Bekanntheit durch diverse engagierte populärwissenschaftliche Publikationen - u. a. "Das sogenannte Böse" (1963) und "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" (1973) - weiter an: mit der Folge, dass er in der Öffentlichkeit zunehmend als Kulturpessimist und Philosoph wahrgenommen wurde; geprägt sind diese Schriften von seiner tiefen Überzeugung, dass auch das Verhalten des Menschen sehr weitgehend durch biologische, stammesgeschichtliche Vorgaben bestimmt wird. Immer wieder und heftig kritisiert wurde Konrad Lorenz, weil er häufig einzelne Phänomene aus der Tierwelt unmittelbar auf menschliche Handlungsweisen übertrug und gleichzeitig menschliche Eigenschaften in Analogie zu einzelnen Phänomenen aus dem Tierreich gesetzt habe ("Anthropomorphismus"). Kritisiert wurde auch, dass seine zahlreichen humananethologischen Veröffentlichungen nicht durch eigene Experimente unterfüttert waren.
Mann | Österreicher | Biologe | Zoologe | Verhaltensforscher | Nobelpreisträger für Medizin | NSDAP-Mitglied | Erkenntnistheoretiker | Geboren 1903 | Gestorben 1989
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