In der Zeit vom 6. Juli 1938 bis zum 15. Juli 1938 trafen sich im französischen Evian-les-Bains am Genfersee die Vertreter von 32 Nationen auf Initiative des US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, um über das Schicksal der Juden in Deutschland und die Möglichkeit des Asyls für diese Menschen zu beraten.
Die praktische Flüchtlingshilfe dieser Jahre lag weitgehend in den Händen des so genannten Nansen-Büros (Internationales Büro für Flüchtlingsangelegenheiten), das 1931 vom Völkerbund eingerichtet worden war. Speziell für die deutschen Emigranten wurde 1933 in Lausanne das Hochkommissariat für Flüchtlinge aus Deutschland eingerichtet. Da 1938 die Flüchtlingsströme jüdischer Auswanderer aus Deutschland erneut anstiegen - seit März waren auch die österreichischen Juden den Verfolgungsmaßnahmen der deutschen Regierung ausgesetzt, im April wurden alle Juden in Deutschland gezwungen, ihr Vermögen anzumelden -, war bald klar, dass es hier einer internationalen Vereinbarung bedurfte, um die immer unerträglicher werdende Situation in den Griff zu bekommen. In dieser Lage übernahm die USA die Initiative und schlug eine Konferenz vor; als Ort war zunächst Genf, der Sitz des Völkerbundes vorgesehen, doch befürchtete die Schweiz eine Beeinträchtigung ihres Verhältnisses zum deutschen Nachbarn, sodass sich schließlich Frankreich bereiterklärte, die Konferenz auf seinem Territorium in Evian stattfinden zu lassen.
Ursprünglich war nur daran gedacht, die Situation der aus Deutschland auswandernden Juden zu regeln. Schnell erkannten aber insbesondere nationalistische und antisemitische Vertreter osteuropäischer Nationen die Gelegenheit, auf ihr jeweiliges „Judenproblem” hinzuweisen. Damit standen die möglichen Zielländer vor der Perspektive, nicht mehr lediglich 500.000 deutsche Juden, sondern möglicherweise zusätzlich mehrere Millionen Juden aus Osteuropa aufnehmen zu müssen. Der anfängliche humanitäre Impuls geriet so in den Hintergrund und die Juden wurden nunmehr weitgehend nur noch als „Problem” betrachtet. Nachteilig wirkte sich für die Juden außerdem aus, dass keiner der führenden Vertreter der Zionistischen Weltorganisation anwesend war; dies lag offenbar darin begründet, dass man von der Konferenz die Anerkennung der britischen Einreisebeschränkungen für Palästina befürchtete.
Bald wurde klar, dass sich die Aufnahmebereitschaft der meisten Länder in engen Grenzen hielt. So erklärten mehrere Konferenzteilnehmer, ihr Land sei grundsätzlich kein Einwanderungsland, andere wiesen darauf hin, dass sie lediglich den Transit von jüdischen Flüchtlingen zulassen könnten; im Übrigen würde eine weitere Zuwanderung lediglich dem Antisemitismus weiteren Auftrieb geben. Die USA hielt an ihrer Quote von 157.000 Einwanderern pro Jahr fest.
Zwar gab es diverse Pläne zur Ansiedlung jüdischer Siedler, so im von der Sowjetunion eingerichteten Autonomen Gebiet Birobidschan oder in der portugiesischen Kolonie Angola. Eine unautorisierte Zeitungsmeldung aus Südafrika nannte Madagaskar als mögliche Zufluchtstätte. Tatsächlich waren diese Projekte, die darauf abzielten, die Juden möglichst weit aus dem Blickfeld der Industrienationen nach Sibirien oder Afrika „abzuschieben”, kaum praktikabel. Der Versuch des Diktators der Dominikanischen Republik, Trujillo, sich dadurch zu profilieren, dass sein Land die Einwanderung von 100.000 Juden zugestand, reiht sich in diese Projekte wegen seiner mehr als fragwürdigen Motive ein: Man warf ihm vor, er wolle dadurch von seiner Terrorherrschaft ablenken, außerdem würden rassistische Motive hinter der Entscheidung stehen, da es Trujillo darum gehe, das „weiße” Element in seinem Land durch die Einwanderung zu stärken (tatsächlich gelangten lediglich 600 Juden in die Dominikanische Republik). 15.000 Juden retteten sich nach China, ehe auch dieses Land seine Türen vor den Juden verschloss.
Letztlich war das einzige konkrete Ergebnis die Gründung des Intergovernmental Committee on Refugees (IGC), das künftig in Kooperation mit Deutschland die Modalitäten der jüdischen Auswanderung regeln sollte. Dessen Erfolge hielten sich wegen der Weigerung der Völkergemeinschaft, die Juden aufzunehmen, in engen Grenzen. Zudem wurden bereits im nächsten Jahr durch den Kriegsausbruch die Auswanderungsmöglichkeiten erneut drastisch eingeschränkt.
Die moralische Katastrophe, die der Ausgang dieser Konferenz bedeutete, wird deutlich, wenn man zwei Aussagen dazu gegenüberstellt. Im „Völkischen Beobachter” stand nach Abschluss der Konferenz der hämische Kommentar zu lesen, Deutschland biete der Welt seine Juden an, aber keiner wolle sie haben. Auf der anderen Seite schrieb Golda Meïr später über die Konferenz: Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich Leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. * Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wißt ihr denn nicht, dass diese verdammten ,Zahlen’ menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?
Konferenz | Nationalsozialismus | Jüdische Geschichte | Antisemitismus | 1938
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"Konferenz von Evian".
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