Kolonisation bezeichnet den Prozess der Gründung und Entwicklung von Kolonien. Kolonisation beginnt stets mit einer Landnahme im Gebiet einer/eines anderen
und hat drei weitere Grundvoraussetzungen, die in teilweise sehr unterschiedlichem Grad erfüllt wurden/werden, um das oder die angestrebten Ziele zu sichern:
Für die Besiedlung Kanaans durch die Israeliten und die Expansion der Wikinger und Normannen im nordeuropäischen Raum ist auch der Ausdruck Landnahme in Gebrauch. Landnahme bezeichnet hier aber unterschiedliche Vorgänge. In Europa ist damit die Besiedlung von zuvor unbewohntem Gebiet gemeint.
Diese frühe Kolonisation ist nicht an den neuzeitlichen Begriff der Schaffung eines überseeischen Gebietes eines zentralistischen Staates gebunden, sondern war mit sehr unterschiedlichen Begleiterscheinungen verbunden. Kolonisation ist grundsätzlich von Kolonialismus als Herrschaftsprinzip zu unterscheiden. Die Kolonisation aus Expansionsstreben bezeichnet man als Imperialismus. Kolonisation hat, auch wenn offiziell andere Gründe genannt werden oder in der Diskussion sind, primär wirtschaftliche Gründe. Man sicherte sich z.B. den Zugriff auf Ressourcen (Menschen, Waren) in einem fremden Gebiet oder Staat. Damit ging mitunter eine Entvölkerung des eroberten Landes (z.B. durch Zwangsumsiedlung) einher. Anlass war die Absicherung der Macht und des Wohlstandes. Schließlich erhielt oder erschloss man (sogar schon in römischer Zeit) durch Kolonien einen Absatzmarkt, sowie billige Arbeitskräfte in Form von Sklaven und wichtige Rohstoffe. Dabei spielt die Tatsache, dass sich viele als Kolonien eroberte Gebiete, oft sogar sehr schnell, verselbständigen in Bezug auf die Ausgangsmotivation keine Rolle. Kolonien wurden, obwohl mitunter eingegliedert erscheinen, aber nicht wirkliche Teile des Mutterlandes sind, auch verpfändet (Orkney), verkauft (Estland) oder getauscht (Helgoland/Sansibar).
Die Geschichte der Kolonisation unter der Beteiligung von europäischen oder zirkum-europäischen Mächten hat 3 Phasen.
Die ältesten belegten Beispiele für die Schaffung abhängiger Gebiete stammen vom Ende des 3. und der Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends und zwar aus Hochkulturen rund um die Levante. Vermutlich erobert bereits Sargon von Akkad ganz Mesopotamien. Sowohl Sargon als auch das minoische Kreta (1. Thalassokratie) und Ägypten unter Pharao Thutmosis III., der als 1. Feldherr in die Geschichte einging und in 20 Jahren 16 Kriege geführt haben soll, schafften sich Vasallenstaaten.
In der Antike gab es als Europa tangierende Kolonialmächte: Die Minoer, die Phönizier, die Griechen und die Römer evtl. auch die Etrusker. Die Art der Kolonisation war unterschiedlich.
Die "ionische Kolonisation", bei der - nach antiken Quellen - ab ca. 1050 v. Chr. die Städte an der Westküste Kleinasiens von Ioniern (wieder-)besiedelt wurden, ist eine Landnahme. Dass sie stattgefunden hat, gilt als wahrscheinlich, wann genau und aus welchen Motiven ist umstritten. Das früheste Datum ist 1053 v. Chr. für Milet. Dieses wurde - nach Angaben des Ausgräbers Wolf-Dietrich Niemeier - um 1100 zerstört. Funde protogeometrischer Keramik, scheinen griechische Präsenz um 1000 v. Chr. zu belegen. Möglicherweise wurde Milet um 1100 v. Chr. von Griechen verlassen und einige Jahrzehnte später von Ioniern wiederbesiedelt.
Bei den antiken Griechen gab es nach dem Ende der Dunklen Jahrhunderte mehrere Kolonisationswellen. Die erste wurde wahrscheinlich als Spätfolge der Dorischen Zuwanderung, durch eine demographische Verdrängung ausgelöst.
Die "Große Griechische Kolonisation" zwischen ca. 750 und 550 v. Chr. In ihrem Verlauf verlassen Griechen insbesondere den Peloponnes und gehen nach Nordafrika (Tripolis/Tripolis Libyen, Epta Aderfia/Ceuta), Kleinasien (Byzantion/Byzanz, Trapezus/Trabzon), in die nordpontischen Gebiete (Odessos/Warna, Dioskurias/Sochumi), nach Spanien (Saguntum/Sagunt), Südfrankreich (Massillia/Marseilles, Nikaia/Nizza), Dalmatien (Aspalatos/Split, Faros/Hvar, Yvis/Insel Vis), Sizilien und Süditalien (Kyme/Cumae, Neapolis/Neapel, Posaidinia/Paestum, Rhegion/Reggio, Kroton und Tarent), Vorderer Orient (Tripolis/Tripolis Libanon). Die Besonderheit dieser Kolonien war, dass Planstädte nach griechischem Muster dauerhaft bewohnt wurden. Die ersten Siedler fühlten sich als Griechen bzw. als Angehörige ihrer Heimatpolis. Es gab Konflikte mit den Einheimischen, die Kolonien waren aber nicht auf Ausbeutung angelegt, so dass auch hier primär Landnahme vorliegt. Die griechischen Kolonisten standen im Wettstreit mit den Phöniziern. Auf Korsika vereitelten die Phönizier zusammen mit den verbündeten Etruskern griechische Kolonisationsversuche, dafür drangen die Griechen an die Rhône-Mündung und nach Spanien vor.
Das früheste Datum, das der griechische Historiker Thukydides nennt, ist 735 v. Chr. In diesem Jahr soll Naxos auf Sizilien durch Chalkidier von Euböa aus gegründet worden sein. Bereits ein Jahr später gründete Korinth die Kolonie Syrakus. In den folgenden Jahrzehnten wurden in Unteritalien und auf Sizilien durch unterschiedliche griechische Poleis weitere Kolonien gegründet. Die archäologische Forschung konnte die Angaben des Thukydides im Großen und Ganzen bestätigen. Zwar ist die griechische Keramik jener Zeit nicht auf das Jahr genau zu datieren und die zeitliche Einordnung ist zudem dünn und strittig; jedoch ist sicher, dass die frühesten griechischen Ansiedlungen in Unteritalien und Sizilien auf jeden Fall noch in die 2. Hälfte des 8. Jh. entstanden.
Hervorgetan bei der planvollen Kolonisation haben sich Milet (etwa ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. Kolonien im Schwarzmeergebiet und Naukratis in Ägypten) sowie kleinere Poleis des griechischen Festlandes. Die milesischen Kolonien am Südrand des Schwarzen Meeres sind bis auf Sinope kaum erforscht. Am Nordufer wurde 1999 Histria am Sinoë-See entdeckt. Die Keramik aus Milet war minoisch, mykenisch oder rhodisch geprägt, so daß man dem milesischem Handwerk keine Eigenart zusprechen kann. In diesem Sinn wird die Keramik als Rhodische Tonware charakterisiert.
Durch Sparta nur eine Tochterstadt (Tarent) belegt und Athen beteiligte sich erst spät an der Kolonisation. Als Grund dafür, dass die beiden "Großen" unter den Polis erst spät aktiv wurden, wird vermutet, dass Athen zuerst die "Binnenkolonisation" in Attika betrieb und Sparta durch kriegerische Mittel (s. Messenische Kriege) sein Gebiet ausdehnte.
Die Kolonisation unter den Nachfolgern von Alexander dem Großen ab dem letzten Drittel des 4. Jh. v. Chr. entstand in der Folge der Eroberungen Alexanders des Großen und betraf neue Gebiete in Vorderasien, Nordafrika und reichte im Westen wiederum bis nach Spanien. Diese Kolonien haben durch ihre stärkere militärische Absicherung den neuzeitlichen Charakter von Kolonien. Sie werden von einer griechischen Oberschicht beherrscht, es gibt wesentlich mehr Spannungen zwischen Besatzern und der einheimischen Mehrheit als in den frühen Siedlungen.
Die Gründe für die "Große Griechische Kolonisation" waren mannigfaltig und müssen differenziert betrachtet werden. Vereinfacht lässt sich sagen, dass folgende Komponenten - in unterschiedlicher Gewichtung - eine Rolle spielten:
Vielfach scheinen Orakel, insbesondere das Orakel zu Delphi, eine wichtige Rolle bei der Gründung einer Kolonie gespielt zu haben. Oftmals gaben die Orakelpriester Rat, wann und wo genau eine Kolonie zu gründen sei. Wenngleich die Kolonien von einer Mutterstadt gegründet wurden, stammten in der Regel nicht alle Siedler aus dieser Stadt. Es haben sich meist Menschen aus anderen Städten auf der Suche nach einer neuen Heimat angeschlossen. Oft wurde die erste Siedlung in der Fremde auf einer küstennahen Insel oder auf einer Halbinsel errichtet. Hatte die Kolonisten ihre Stellung gesichert, dehnten sie sich auf das Festland bzw. Hinterland aus.
Um das Jahr 1000 n. Chr. wurde unter der Führung des verbannten Eriks des Roten Grönland in Besitz genommen und nach wenigen Jahrhunderten vermutlich als Folge eines Klimaeinbruchs wieder aufgegeben. Sein Sohn Leif Eriksson drang sogar nach Nordamerika, das er Vinland nannte, vor. Der Widerstand der Indianer stoppte aber diese Expansion.
Die in Nordfrankreich (Normandie) im Jahre 911 n. Chr. durch Rollo erfolgte Landnahme, führte 1066 n. Chr. zur Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer. Der Charakter der irischen Stadtgründungen durch Normannen in Dublin (841 gegründet), Limerick (922 gegründet), Waterford (914 gegründet) und Wexford (im 9. Jh. gegründet), basiert wohl auch auf Landnahmen, die aber ähnlich wie in der Normandie zu vom Mutterland unabhängigen Gebieten führten. Zunächst werden aber fasst jährliche Raubzüge vorgenommen (Lindisfarne 793, Jarrow 794, Iona 795, Rechru und Kintrye auf Man 797, Monkwearmoth 798, St. Philibert 799, Sliesthorp/Schleswig 804).
Als die Normannen im Jahr 999 n. Chr. in Unteritalien in Erscheinung traten, durchkreuzen sie die Interessen langobardischer Fürstentümer, der Byzantiner, Araber, Päpste und der deutschen Kaiser. Im 11. Jahrhundert gelang es den Normannenführen, nach und nach Apulien, Kalabrien (auf Kosten von Byzanz), das übrige Festland und schließlich das arabische Sizilien zu erobern.
Anders verlief die Kolonisation der von den Pikten bewohnten Shetlandinseln und der Orkney. Zwar besetzten unabhängig operierende Normannen etwa ab 780 n. Chr. die Inseln, aber bereits im Jahre 876 n. Chr. kam der Norwegerkönig Harald Schönhaar nach einem Überfall in Irland auf die Orkney und setzte mit Rognvald von Möre einen norwegischen Earl ein, dessen Nachfolger ebenfalls Lehnsherren waren, die der Krone verantwortlich blieben. Ab 954 n. Chr. betreibt der aus Yorck vertriebene Erik Blutaxt von den Orkney aus die Kolonisation von Westschottland. 995 n. Chr. stellt der norwegische König Olaf Tryggvasson den Earl Sigurd Hlodvirson (den Starken) auf Hoy (Orkney) vor die Wahl Enthauptung oder Taufe und leitet die Christianisierung der Inseln ein. Die größte Ausdehnung haben die englisch, irisch, schottischen Besitzungen Norwegens unter Earl Thorfinn dem Mächtigen, der als Schwiegersohn des schottischen Königs Malcolm II. die Shetlands, Caithness, Sutherland und Ross beherrscht und die Hebriden, die Isle of Man und Teile von Wales und Nordirland tributpflichtig macht. Im Jahre1195 werden die Shetlands vorübergehend direkt der norwegischen Krone unterstellt. 1263 unterliegen die Normannen in der Schlacht von Largs den Schotten unter Alexander III., König Haakon IV. stirbt in Kirkwall. Das Königreich Dänemark/Norwegen verpfändet die Krongüter auf Orkney und den Shetlands an Schottland. Im Jahre 1470 bzw. 1472 n. Chr. endet die Fremherrschaft über die Inseln nach etwa 700 Jahren.
Schwedische Wikinger greifen 860 und 865 n. Chr. Byzanz an und gründet auch in der heutigen Ukraine und Russland (Kiewer Rus) Kolonien, die aber bald in den bestehenden Kulturen aufgingen (Slawisierung). Einem schwedischen Königshaus (Olaf) scheint eine Eroberung von Schleswig gelungen zu sein. Zumindest sind die Namen Gnupa und Sygtrygg aus der Zeit vor 915 n. Chr., während der Herrschaft eines Dänenkönigs Hardeknud überliefert, der der Vater des Reichseinigers Gorm gewesen sein dürfte.
Die primäre Kolonisation der Wikinger ging jedoch von Dänemark aus und betraf England. Während es zunächst Raubzüge waren, die mit Lindisfarne begannen, aber besonders den Überfällen auf Handelsstädte wie Dorestad (Niederlande) im Jahre 834 und Quentovic (Pas de Calais) 842 n. Chr. oder Metropolen wie Hamburg und Paris 845 n. Chr., aber ihre Bekanntheit auf dem Kontinent verdanken überwintern die Dänen 850 n. Chr. nach ihrem Überfall auf London auf der Themseinsel Thanet. Die Wikinger wollen England ab 866 n. Chr., als ein dänisches Heer übersetzt erobern und gründen ein Königreich in Yorck. Sie werden aber 878 n. Chr. von Alfred dem Großen geschlagen und der Wikinger Guthrum (nicht identisch mit dem dänische König Gorm) schließt einen Friedensvertrag in dem das Danelaw festgelegt wird. Es gelingt daher erst Sven Gabelbart, dänischer König von 987 - 1014 n. Chr. England erobern. Sein Sohn Knut gründet 1016 n. Chr. das Großdänische Reich, das 50 Jahre besteht.
sh. auch *
Ab etwa 900 n. Chr. wird Norwegen unter Harald Schönhaar, ab 950 n. Chr. Dänemark unter Gorm dem Alten zu einem Königreich geeint. In Schweden bleibt das mittelschwedische Gebiet der Svea und der Süden bis noch bis 1350 n. Chr. getrennt. Die schwedischen Wikinger (Wäräger) verlieren weitgehend durch Verselbständigung ihre Kolonien in Russland und Schleswig-Holstein. Dänemark verliert 1066 n. Chr. jede Herrschaft in England. Die Normannen gehen nach 1014 n. Chr. allmählich in der irischen Bevölkerung bzw. im Pale (Irland) auf und behalten von den im Norden Britanniens eroberten Gebieten im wesentlichen Orkney und die Shetlands.
Eine neue Kolonisationswelle geht mit dem Regierungsantritt Waldemar I. 1157 n. Ch. primär von Dänemark aus, das 1168 n. Chr. das ranische Rügen erobert. 1219 landet Waldemar II. (der Sieger) in Estland und besetzt ein Land, das 1346 n. Chr. an den Orden verkauft wird. Auch das erste der christianisierten Teilreiche in Schweden betreibt schnell Expansionspolitik. So wird von Erik IX. (der Heilige) 1154 n. Chr. den Süden und von anderen Königen 1239 bzw. 1293 weitere Teile Finnlands erobert, was zum Streit mit dem bereits 859 n. Chr. von Kiewer Rus gegründeten griechisch orthodoxen Fürstentum von Nowgorod führt. Die Schweden verlieren 1240 n. Chr. gegen Alexander Newski die Schlacht an der Newa und erst 1322 n. Chr. ist der Besitz Finnlands gesichert.
Zunächst wird Landnahme, die auch als Ostkolonisation bezeichnet wird, von Heinrich dem Löwen betrieben, der 1147 n. Chr. die slawischen Gebiete an der Ostsee im Zuge des Wendenkreuzzuges in sein Herzogtum einverleibt und 1164 n. Chr. Pommern erobert. Später waren es die deutschen Ordensritter und der Schwertbrüder Orden, die im Baltikum Städte gründeten und die deutsche Sprache und Kultur in den Osten trugen. Alexander Newski stoppte 1242 n. Chr. den Vormarsch auf Nowgorod mit seinem Sieg auf dem Eis des zugefrorenen Peipussees. Siehe auch unter Deutsche Ostsiedlung.
Bereits 1169 n. Chr. nutzte Heinrich II. das Hilfeersuchen des Königs von Leinster Diarmuid MacMurrough, der im Kampf um das Hochkönigtum in Irland unterlegen war, um mit normannischen Truppen des Earl of Pembroke, Richard Fitz Gilbert de Clare (genannt Strongbow) die Osthälfte der Insel zu besetzen. 1171 n. Chr. unterwarfen sich, anlässlich des Besuchs Heinrichs II. viele der irischen Königreiche der englischen Krone, die zunächst über relativ unabhängige normannische Fürstentümer herrscht (den Pale genannten Teil, der im 14. und 15. Jahrhundert stark schwindet). Später werden Statthalter eingesetzt.
Im Jahre 827 n. Chr. wird das byzantinische Sizilien erobert und 999 n Chr. an die Normannen verloren. Im Jahre 904 n. Chr. erobern die Sarazenen das byzantinische Malta, das sie aber 1090 n. Chr. wiederum an die Normannen verlieren.
Um den Streit zwischen Portugal und Spanien über die Vorherrschaft in den überseeischen Gebieten zu schlichten, kam auf Vermittlung von Papst Alexander VI. 1494 der Vertrag von Tordesillas zustande, der die Gebiete westlich 46° 37' West (370 spanische Leguas westlich der Kapverden) Spanien zusprach, die Gebiete östlich davon Portugal. 1499 wurde die Küste Brasiliens entdeckt und durch Amerigo Vespucci erforscht; da diese östlich der Trennlinie lag, erlaubte der Vertrag Portugal, hier eigene Kolonien in Südamerika zu gründen. 1529 wurde im Vertrag von Saragossa eine zweite Trennlinie im Pazifik festgelegt, durch die die Molukken als wichtige "Gewürzinseln" in den portugiesischen Raum fielen.
Siehe auch: Mondkolonisation, Marskolonisation
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