Kleinlitauen (im Deutschen überwiegend Preußisch-Litauen, litauisch Mažoji Lietuva oder Prūsų Lietuva, englisch Lithuania Minor oder Prussian Lithuania) bezeichnet litauischen Siedlungsraum im Nordosten Ostpreußens (heute Oblast Kaliningrad) einschließlich des Memellands (heute in Litauen). Der Name Kleinlitauen wird teilweise auch ausschließlich auf letzteres angewendet.
Seit dem Frieden vom Melnosee (1422) bis zur Vertreibung der Bevölkerung 1945 gehörte das Gebiet zunächst dem Deutschen Orden, nach dessen Säkularisierung 1525 zum Herzogtum bzw. Königreich Preußen - daher rührt auch die Bezeichnung "Preußisch-Litauen" - , und ab 1871 zum Deutschen Reich. Das Memelland stand von 1923 bis 1939 unter litauischer Kontrolle.
Der preußisch-litauische Ethnos ist heute erloschen. Aus Preußisch-Litauen stammen u.a. die - vermutlich kurischen - väterlichen Vorfahren des Philosophen Immanuel Kant und der Dichterpfarrer Christian Donelaitis (Kristijonas Donelaitis), der im heutigen Litauen als Nationaldichter Anerkennung findet. In dem bis 1918 zu Russland gehörenden Staat versucht man, an das preußisch-litauische Erbe anzuknüpfen.
Um 1400 ist das Gebiet des späteren Kleinlitauen Wildnis und bis auf Siedlungsreste von prußischen Schalauern und Nadrauern sowie Kuren (am Kurischen Haff und bei Memel) in der Nähe der Ordensburgen unbewohnt.http://www.istorija.net/forums/thread-view.asp?tid=204&mid=1850#M1850 Nach der Niederlage des Deutschen Ordens in der Schlacht bei Tannenberg (1410) und der Festlegung einer Grenze zu Polen-Litauen (1422) beginnt die Neubesiedlung des Wildnisgebiets. Zunächst lassen sich dort vereinzelt Prußen (auch Pruzzen oder Altpreußen genannt) und Deutsche http://www.istorija.net/forums/thread-view.asp?tid=1480&mid=17363#M17363 nieder, an der Ostseeküste siedeln kurische Fischer. Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts beginnt die Einwanderung von Litauern, vor allem aus Schamaiten, bzw. die anzunehmende Rückwanderung nach Litauen geflohener Prußen, die sich in freier Landnahme unter Duldung des Ordens niederlassen. Ihre Einwanderung gilt um 1550 als abgeschlossen. Die Bevölkerungszahl in dieser Zeit wird auf etwa 30.000 Menschen geschätzt. Die weitere Erschließung der Wildnis geschieht nun hauptsächlich durch Binnenwanderung und erstreckt sich bis ins erste Viertel des 17. Jahrhunderts.
Bei der Großen Pest von 1709/10 sterben ca. 160.000 der insgesamt 300.000 Bewohner der so genannten "Litauischen Provinz", von der Epidemie weniger betroffen ist das Memelgebiet. Im Laufe des von König Friedrich Wilhelm I. durchgeführten "Retablissement" übernehmen etwa 23.000 angeworbene Neusiedler (Glaubensflüchtlinge aus Salzburg http://www.dhm.de/ausstellungen/zuwanderungsland-deutschland/migrationen/rooms/0104.htm, deutsch- und französischsprachige Schweizer und Pfälzer) die wüst gewordenen Höfe, vorwiegend im Hauptamt Insterburg. Begünstigt durch die bis 1800 vollzogene landesweite Alphabetisierung beginnt eine Assimilierung an das Deutschtum. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wandern viele Ostpreußen in andere Landesteile Preußens (Berlin, Ruhrgebiet) aus.
Friedrich Kurschat beschreibt 1876 die Grenze des litauischen Siedlungsraums wie folgt:
Durch Flucht und Vertreibung und dezentrale Ansiedlung im Westen Deutschlands wird die Sprachgemeinschaft nach 1945 zerstört. Eine Pflege dieses kulturellen Erbes wird in Deutschland nicht unternommen.
Die litauische Siedlung spiegelt sich in vielen ostpreußischen Orts- und Flussnamen http://home.arcor.de/fritigern/onfenster.htm. Dorfnamen enden häufig auf "-kehmen" (wie in Walterkehmen), von kiemas (preußisch-litauisch "Hof, Dorf"), Flüsse auf "-uppe", von litauisch upė ( "Fluss, Strom") wie in "Szeszuppe". 1938 werden unter den Nationalsozialisten viele dieser baltischen Namen durch deutsche ersetzt (Walterkehmen etwa wird in Großwaltersdorf umbenannt). Nach 1945 wird von den neuen Machthabern die gesamte historische Namenslandschaft in dem nun Kaliningrad Oblast genannten Gebiet russifiziert http://pirmojiknyga.mch.mii.lt/Leidiniai/Prusviet.en.htm.
Über das Schicksal eines der letzten, nach dem 2. Weltkrieg in der Heimat verbliebenen Preußisch-Litauer, des Landwirtes Jan Birschkus, der eine der größten litauischen Büchersammlungen aufgebaut hatte, schreibt A. Hermann: "Die Sammlung des Landwirtes Birschkus (1870-1959) mit insgesamt ca. 1300 Bänden ist bei der Eroberung des Memellandes durch die Rote Armee 1945 verbrannt. Bezeichnend für das sowjetische Litauen ist das Schicksal dieses bedeutenden preußisch-litauischen Aktivisten. Birschkus hat noch bis 1959 im Memelland gelebt, jedoch kann man heute nicht mehr ermitteln, wo und wie. Niemand hat sich nach 1945 für ihn interessiert. Sein Grab wurde vor kurzem zerstört. Das ist ein Zeichen mehr, wie die Preußisch-Litauer zwischen alle Stühle gerieten: Die Nazis haben sie wegen ihrer litauischen Sprache und Gesinnung verfolgt, die Sowjets sahen in ihnen Deutsche, die Großlitauer verstanden ihre Andersartigkeit nicht und kümmerten sich nicht um sie. So ist ihre einzigartige Kultur nach dem Ersten Weltkrieg nach und nach untergegangen und muß heute mühsam rekonstruiert werden."
"Die Kleinlitauer haben gesprochen, sprechen noch, werden aber nicht mehr sprechen."
Zur Durchsetzung der protestantischen Lehre ließ der letzte Ordenshochmeister als weltlicher Herzog Albrecht I. von Preußen kirchliche Schriften ins Litauische (und Prußische http://www.uni-klu.ac.at/eeo/Altpreuszisch.pdf) übersetzenhttp://www.hab.de/ausstellung/postille/einleitung.htm. Hiermit begann eine lange Tradition der Förderung der litauischen Sprache durch Kirche und Staat. Die Übersetzung des lutherischen Katechismus durch Martin Mosvid (Martynas Mažvydas; 1547)http://www.istorija.net/lituanistica/catechismusa1547.htm, eines gebürtigen Schamaiten, ist das erste Buch in litauischer Sprache überhaupt - im benachbarten Großherzogtum Litauen verwendete man als Schriftsprachen Polnisch und Kanzleislawisch, das erste litauische Buch erschien dort erst ca. 50 Jahre später.
Der wichtigste Text des Altlitauischen aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist die Bibelübersetzung (1579-1590) des deutschstämmigen Pfarrers Johannes Bretke http://www.uni-greifswald.de/~baltist/br-einleitung.htm. Bretkes am Text immer wieder vorgenommenen Korrekturen erlauben wichtige Einblicke in die Sprachgeschichte des Litauischen und seiner Mundarten. Bretke beherrschte in einer einzigartigen Kombination die drei in Ostpreußen gesprochenen baltischen Sprachen, neben dem Litauischen die Sprache seiner Mutter, einer Prußin, und das Kurische, einen an der ostpreußischen Küste gesprochenen lettischen Dialekt. Seine hinterlassenen litauischen Schriften alleine stellen ein Drittel des erhaltenen altlitauischen Sprachkorpus dar. Die Forschungen an seiner Bibelübersetzung an der Universität Greifswald sind noch nicht abgeschlossen. http://www.uni-greifswald.de/~baltist/comp-bretke.htm Bretkes Bibel wurde nie gedruckt. Sie hätte die Entwicklung der litauischen Sprache entscheidend beeinflussen können.
Eine erste Normierung des Litauischen auf preußischem Boden erfolgte durch die vom Großen Kurfürsten in Auftrag gegebene litauische Grammatik des Tilsiter Pastors Daniel Klein (lateinische Fassung 1653, deutsche Fassung 1654).
Das erste schöngeistige Werk in litauischer Sprache, "Metai" http://anthology.lms.lt/texts/6/turinys_l.html(Jahreszeiten), entstand in dem ostpreußischen Dorf Tollmingkehmen in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts. Verfasser des in Hexametern geschriebenen epischen Gedichts ist der Pfarrer Christian Donelaitis (Kristijonas Donelaitis), Absolvent des Litauischen Seminars in Königsberg. Das auf Anregung des preußischen Kultusministers Wilhelm von Humboldt 1818 posthum veröffentlichte Werk ist Gelegenheitsdichtung und schildert - manchmal sehr drastisch - in vier den Jahreszeiten gewidmeten Gesängen - Leben und Umwelt ostpreußisch-litauischer Scharwerksbauern.
Im Lauf des 19.Jahrhunderts werden Sprachforscher aus ganz Europa auf die archaische Sprache im östlichsten Teil Deutschlands aufmerksam. Die Königsberger Professoren Rhesa digitalisiertes Buch, Nesselmann digitalisiertes Buch und Kurschat publizieren die ersten wissenschaftlichen Arbeiten zum Litauischen. Nach einem längeren Studienaufenthalt in Ostpreußen veröffentlicht August Schleicher sein zweiteiliges Handbuch der Litauischen Sprache (1. Teil Grammatik digitalisiertes Buch, 2. Teil Lesebuch digitalisiertes Buch). Friedrich Kurschat, selbst preußischer Litauer, veröffentlicht neben einer Grammatik ein umfangreiches deutsch-litauisches Wörterbuch. Von Kurschat (1806-1884) wird auch die erste litauische Zeitung überhaupt, "Keleiwis" (Wanderer, 1849-1880)), herausgegeben. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ist das preußische Litauisch "die einheitlichste, am besten durchgebildete litauische Schrift-, Literatur- und Amtssprache" (Erich Hoffmann).
Der Rückgang der Zahl der Litauischsprecher lässt sich jedoch nicht aufhalten. Trotz ihres protestantischen Glaubens und ihrer Loyalität zum preußischen Königshaus werden die preußischen Litauer Leidtragende des Bismarckschen Kulturkampfes. In Petitionen an den Kaiser http://www.istorija.net/forums/thread-view.asp?tid=1015&mid=9792#M9792 wenden sie sich gegen den Abbau des muttersprachlichen Unterrichts. Die bedrohte Sprache findet noch einmal Förderung in der 1879 gegründeten Litauischen Literarischen Gesellschaft (aufgelöst 1923), die Sammlungen volkstümlicher Dichtungen wie Volkslieder (Dainos), Fabeln, Märchen, Sprichwörter und Rätsel veröffentlicht. Ihr letzter Vorsitzender, Alexander Kurschat (1857-1944), rettet das Manuskript zu einem vierbändigen litauisch-deutschen Großwörterbuch trotz Krieg und Vertreibung in den Westen. Der 1973 erscheinende vierte Band ist das letzte Zeugnis des Preußisch-Litauischen.
Sie entstehen im 16. Jahrhundert, und damit ein Jahrhundert früher als im benachbarten Polen-Litauen. Die ursprünglichen Namen zeigen ein komplexes System von Ableitungen. Der Name Adomeit z.B. geht zurück auf die Form Adomaitis. Sie entsteht durch Anfügung des Suffix -aitis an den Vornamen Adomas. Dieses hatte ursprünglich die Bedeutung "Sohn des ...". Die Ehefrau des Adomeit heißt Adomaitiene, die Tochter Adomaitike.
Als Memelland wurde zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg der Landesteil des damaligen Ostpreußens bezeichnet, der nördlich der Memel gelegen ist und 1923 von Litauen annektiert wurde - wie man heute weiß mit Billigung der deutschen Regierung http://www.annaberg.de/aa/vareikis. Von 1939 bis 1945 kam es wieder zu Deutschland und wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Teil der neu entstandenen Republik Litauen. Die größte Stadt des Memellands ist Memel. Von der heutigen litauischen Bevölkerung wird das Umland von Memel/ Klaipėda meistens als integraler Bestandteil Niederlitauens angesehen. Heute bildet die Region einen Schwerpunkt der russischen Minderheit in Litauen.
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