Wényánwén (chinesisch: 文言文, wörtliche Übersetzung: Literatursprache) oder klassisches Chinesisch ist die Bezeichnung für die bis ins 20. Jahrhundert in China geschriebene chinesische Sprache.
Sie unterscheidet sich vom heute gebräuchlichen modernen Chinesisch in
Im Gegensatz dazu ist das baihua (eigentlich báihuàwén, 白话文/白話文) die Sprachform des Volkes. Das Verhältnis zwischen baihuawen und wenyanwen ist vergleichbar dem Verhältnis zwischen Italienisch und Latein.
Früher (bis ca. Anfang des 20. Jh.) wurde das wenyanwen als Schriftsprache für Literatur und amtliche Dokumente verwendet. Heute wird hauptsächlich baihua benutzt, d.h. dass man in seinen in baihua verfassten Text Auszüge in wenyan integrieren kann, vergleichbar den juristischen Texten im Deutschen, denen lateinische Phrasen beigefügt werden. Auch kennt der Volksmund viele Anekdotenwörter, die meist aus 4 Zeichen bestehen und grammatische Strukturen des wenyan aufweisen.
Wenyanwen wird zwar an den Schulen gelehrt, die Kompetenz der Schüler umfasst jedoch meist nur das Leseverständnis, nicht das Verfassen von Texten in der wenyan-Sprachform. Der Gebrauch des wenyanwen wird von vielen geschätzt. So kann man beispielsweise durch Einfügung von wenyan-Sätzen in seinen ansonsten in baihua verfassten Brief eine gewisse Ernsthaftigkeit zum Ausdruck bringen. Die Lesekompetenz (von der Schreibperformanz ganz zu schweigen) in wenyan nimmt immer weiter ab. Wenyan ist heute kaum noch allgemein verständlich.
Man nennt zwar die alte Sprachform pauschal wenyanwen, es existieren aber aufgrund der langen Zeit verschiedene wenyan Sprachformen, die der Kenner ihrer jeweiligen Epoche zuordnen kann (Altchinesisch, Mittelchinesisch etc.). Das Gemeinsame an ihnen ist die sehr kompakte Schreibweise. So kann in Wenyanwen ein kurzer Satz von wenigen Zeichen eine Entsprechung in der baihua-Form haben, die über ein vielfaches der Zeichen verfügt. Die vorwiegende Verwendung von einsilbigen Wörtern (eine Silbe entspricht einem Schriftzeichen) ist ein weiteres Merkmal. wenyan hat sehr komplexe (und von der Forschung bis heute unzureichend verstandene) grammatische Strukturen. Hauptsächlich werden grammatische Konstruktionen durch Partikel gebildet. Syntaktisch ist das wenyan eine Subjekt-Verb-Objekt Sprache, die aber stark zum topikalisieren (Thema-Rhema-Struktur) und zur prosodisch bedingten Verschiebung syntaktischer Elemente neigt. Die Grammatik des klassischen Chinesisch muss, trotz Versuche systematischer Grammatiken (z.B. von Robert Gassmann), bis heute als unvollständig verstanden und unsystematisch beschrieben gelten. Häufig gleicht die Interpretation schwieriger Textstellen eher einem Ratespiel denn einer grammatischen Analyse. Dennoch ist es möglich, die meisten Texte mit relativ hoher Sicherheit zu übersetzen.
Nicht nur China, sondern auch Korea, Vietnam und Japan verfügen über die Tradition des wenyan, wobei anzumerken ist, dass jeweils eine unterschiedliche Lesung der Silben der Schriftzeichen tradiert ist. Grund dafür ist die Anpassung der jeweils übernommenen Sprachentwicklungsstufe des Chinesischen und dessen Anpassung an die phonetische Struktur der Zielsprache. Besonders chaotisch ist diese Situation in Japan, in der zu verschiedenen Zeiten aus dem Chinesischen Aussprachen entlehnt wurden und so im modernen Japanisch verschiedene Stadien des Chinesischen konserviert sind. Koreanisch und Vietnamesisch haben eigene, komplette Aussprachesysteme. So liest z.B der Koreaner die Schriftzeichen für WEN YAN als MUN ÔN.
Siehe auch: Kanbun