Kirchenslawisch ist die Liturgiesprache der slawisch-orthodoxen Kirchen, die seit der Slawenmission durch Kyrill und Method bis heute verwendet wird und bis in die Neuzeit die wichtigste slawische Literatursprache war. Die am besten untersuchte Variante des Kirchenslawischen ist das Altkirchenslawische.
Redaktionen
Doch ist das Altkirchenslawische lediglich die „Spitze des Eisbergs“ an kirchenslawischer Literatur, ein klar abgegrenztes Handschriftenkorpus, das sich durch
orthographisch-
phonologische Charakteristika als archaisch auszeichnet. Der überwiegende Großteil der kirchenslawischen Literatur, der bis in die
Neuzeit entstand und tradiert wurde, erfuhr eine sprachliche Beeinflussung durch die lokalen
volkssprachlichen Idiome und unterschied sich dadurch von den altkirchenslawischen
kanonischen Texten. Man spricht in diesem Zusammenhang von
Redaktionen des Kirchenslawischen.
Bulgarisch-Kirchenslawisch
Nachdem die Schüler Methods aus
Großmähren vertrieben worden waren, fanden sie – und mit ihnen die kirchenslawische Literatur – im
bulgarischen Reiche die so genannte „zweite Heimat“. Unter dem
Zaren
Simeon I. entstand eine Vielzahl an vorwiegend aus dem
Griechischen übersetzten Texten, deren älteste sie überliefernde
Handschriften zum Teil noch zum altkirchenslawischen Kanon zählen.
Später, ab etwa 1200, unterscheiden sich die Texte von den altkirchenslawischen durch den Einfluss der lokalen Dialekte, zum Beispiel durch die Verwechslung der Nasalvokale. Dieses Textkorpus wird als Bulgarisch-Kirchenslawisch oder Mittelbulgarisch bezeichnet.
Die immer weiter tradierten Bücher wurden im 14. Jahrhundert einer Revision unterzogen (Ewtimi, Orthographie von Tarnowo), wobei Überlieferungsfehler ausgemerzt wurden und die Orthographie archaisierend vereinfacht wurde. Eine wichtige Rolle spielten hierbei die slawischen Klöster auf dem Athos, in welchen fleißig an und mit der Überlieferung gearbeitet wurde. Mit dem Vordringen der Osmanen auf den Balkan wurde die Blüte der kirchenslawischen Schriftkultur in Bulgarien beendet.
Serbisch-Kirchenslawisch
In Serbien wurde das Kirchenslawische vom
štokavischen
Substrat beeinflusst. Auch dort wurde die Überlieferung als Folge des
Traktats „Über die Buchstaben“ von
Konstantin von Kostenec auf Grundlage der Schule von Tarnowo archaisiert, wodurch das
Prestige der Sprache gesteigert werden sollte.
Russisch-Kirchenslawisch
Als wichtigste Redaktion kann das auf dem Boden der
Kiewer Rus entstandene so genannte
Russisch-Kirchenslawisch gelten, dessen erstes datiertes
Denkmal das
Ostromir-Evangelium von 1056 ist, welches offenbar von einer
südslawischen Vorlage, die nicht erhalten ist, abgeschrieben wurde. Das Ostromir-Evangelium zeigt im Gegensatz zu den altkirchenslawischen Denkmälern die Verwechslung der Nasalvokale ǫ und ę mit den oralen Vokalen u und ‘a, wobei allerdings in der Gesamtschau sprachlich nur geringe Unterschiede zum Altkirchenslawischen festzustellen sind.
Auch nicht explizit liturgisch eingesetzte Denkmäler der frühen Zeit, wie die Nestorchronik, zeigen sich abseits der genannten (und weiteren) orthographisch-phonetischen Besonderheiten sowie vereinzelten lexikalischen Ostslawismen weitgehend in kirchenslawischer Gestalt. Die Weiterentwicklung der ostslawischen Idiome und die selbständige Tradierung der Literatur auf ostslawischem Boden führte jedoch dazu, dass bis zum 14. Jahrhundert sich die russische Redaktion zumindest orthographisch recht deutlich von den altkirchenslawischen Texten unterschied.
Zweiter Südslawischer Einfluss
Eine Re-Archaisierung der orthographischen Gestalt der Texte erfolgte, als infolge des Vordringens der Osmanen auf den Balkan viele slawische Gelehrte (wie zum Beispiel der spätere
Metropolit Kiprian) ab dem Ende des 14. Jahrhunderts in der mittlerweile erstarkten
Moskauer Rus Zuflucht fanden. Man spricht in diesem Zusammenhang vom
Zweiten Südslawischen Einfluss (, wobei als Erster Südslawischer Einfluss die Übernahme der bulgarischen kirchenslawischen Literatur im Zusammenhang mit der
Christianisierung der
Kiewer Rus unter
Wladimir I. im Jahre
988 zu gelten hat). Ergebnis dieser Re-Archaisierung war unter anderem der Versuch einer
etymologisch korrekten Nasalenschreibung, wie sie beispielsweise in Ansätzen in der ersten kirchenslawischen Voll
bibel, der
Gennadiusbibel von
1499, anzutreffen ist.
Der Weg zum Neukirchenslawischen
Im 16. Jh. wurde die Rus als mittlerweile führende Vertreterin der slawischen Orthodoxie mit vielfältigen kulturellen Herausforderungen konfrontiert. Infolge der
Reformation und vor allem der von den
Jesuiten in den seit
1569 unter der polnischen Krone vereinten (süd)westlichen ostslawischen Gebieten (heute
Weißrussland und die West
ukraine) vorangetriebenen
Gegenreformation wurde die Orthodoxie und damit das Kirchenslawische bedroht. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des theologisch unterschiedlichen Gedankenguts spielte der
Buchdruck, der im Laufe des
16. Jahrhunderts auch in den östlichen Gebieten Europas Verbreitung fand. Die
konfessionell-theologischen Herausforderungen und das Bedürfnis der Drucker nach Einheitlichkeit führten zur ersten gedruckten kirchenslawischen Bibel, der
Ostroger Bibel von
1581, sowie zu Kodifikationsversuchen des Kirchenslawischen in
Grammatiken und
Wörterbüchern, die aufgrund dessen, weil sie gedruckt waren, eine hohe Verbreitung erfuhren und damit normative Kraft entfalten konnten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang unter anderem die Grammatik von
Meleti Smotryzky (
1619) sowie das Wörterbuch von
Pamwo Berynda (
1627), Werke, die allesamt im von Kulturkontakten geprägten Raum der (süd)westlichen Rus entstanden. Das hiermit normierte und kodifizierte System des Neukirchenslawischen fand in der Mitte des
17. Jahrhunderts mit ukrainischen Gelehrten seinen Weg nach
Moskau. Dieser Kulturimport wird als Dritter Südslawischer Einfluss bezeichnet, auch wenn der südslawische Raum hier kaum eine Rolle spielte, sondern stattdessen das Geistesleben in der (südlich Moskaus liegenden) Ukraine; von Moskau strahlte das Neukirchenslawische nach der
Revision der liturgischen Bücher anhand griechischer Texte unter
Nikon und dem Druck weiterer Bibelausgaben in die anderen Gebiete der orthodoxen Slawia und wird in annähernd dieser Form noch heute im orthodoxen Gottesdienst verwendet.
Kroatisch-Kirchenslawisch
Eine Sonderstellung innerhalb der Geschichte des kirchenslawischen Schrifttums nimmt das
Kroatisch-Kirchenslawische ein. Dem
katholisch-
lateinischen Kulturkreis zugehörig, bewahrte es dennoch die kyrillomethodianische Tradition in der Textüberlieferung auch nach dem
Schisma von
1054, wobei zur Texterstellung die eckige
Glagoliza verwendet wurde. Da keine permanenten Kulturkontakte mit dem Ostbalkanraum bzw. der Rus vorhanden waren, durch die die Überlieferung beeinflusst worden wäre, lassen sich in kroatisch-glagolitischen Handschriften oftmals archaische Lesarten bezeugen.
Tschechisch-Kirchenslawisch
Die frühen Bezeugungen des Kirchenslawischen in der westlichen Peripherie, namentlich das
Tschechisch-Kirchenslawische, spielten in der weiteren Überlieferungsgeschichte des Kirchenslawischen nur eine geringe Rolle.
Weblinks
Literatur
- August Schleicher: Die Formenlehre der kirchenslawischen Sprache erklärend und vergleichend dargestellt. Nachdruck H. Buske Verlag, Hamburg (1998), ISBN 387118540X
- Nikolaos H. Trunte: Ein praktisches Lehrbuch des Kirchenslavischen in 30 Lektionen. Band 2: Mittel- und Neukirchenslavisch. Verlag Otto Sagner, München 2001, ISBN 3-87690-716-0
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