Die Kinetik ist wie die Thermodynamik ein Teilbereich der physikalischen Chemie. Sie beschäftigt sich mit dem zeitlichen Ablauf chemischer Reaktionen (Reaktionskinetik) oder physikalisch-chemischer Vorgänge (z.B. Diffusion, Stoffabscheidung an Oberflächen). Die Kinetik unterteilt sich in zwei Teilbereiche; die Mikrokinetik und die Makrokinetik. Während die Mikrokinetik sich lediglich mit dem zeitlichem Ablauf einer Reaktion beschäftigt, wird in der Makrokinetik der Einfluss von makroskopischem Wärme- und Stofftransport mit einbezogen. In diesem Artikel soll nur auf die Mikrokinetik eingegangen werden.
Mikrokinetik
Die grundlegende Größe, mit der in der Kinetik gearbeitet wird, ist die Reaktionsgeschwindigkeit. Sie gibt an, wieviele Teilchen pro Zeit in einer chemischen Reaktion umgesetzt werden. Diese Geschwindigkeit hängt dabei von vielen Faktoren ab. Je nach zugrunde liegendem Modell gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die Reaktionsgeschwindigkeit zu betrachten.
Ein wichtiger Faktor, der zu berücksichtigen ist, ist die Konzentration der vorliegenden Stoffe. Je mehr Teilchen in einem Volumen vorliegen, desto mehr Kollisionen werden pro Zeiteinheit vorkommen. Da eine Reaktion aber nur stattfinden kann, wenn zwei Teilchen miteinander kollidieren, steigt die Reaktionsgeschwindigkeit mit der Konzentration der Edukte.
Wenn eine Reaktion folgenden Typs vorliegt
so gilt für die Hinreaktion das Geschwindigkeitsgesetz
wobei die Reaktionsgeschwindigkeit, die Abnahme der Konzentration des Stoffes A und die verstrichene Zeit ist. Diese Reaktionsgeschwindigkeit ist die Durchschnittsgeschwindigkeit der Reaktion, da einzelne Moleküle unterschiedliche lange Zeitintervalle benötigen, bevor sie in ein Reaktionsereignis eintreten.
Da die Abnahme der Edukte der Zunahme der Produkte entsprechen muss, gilt außerdem
Dieses stark vereinfachte Modell bedarf noch einiger Verfeinerungen bezüglich:
Für jede Reaktion lässt sich eine Reaktionsgleichung formulieren, die beschreibt, wieviele Edukt-Teilchen miteinander reagieren, um eine bestimmte Anzahl Produkt-Teilchen zu bilden.
Läge z. B. folgende Reaktionsgleichung vor
würde dies bedeuten, dass zwei Teilchen A mit einem Teilchen B, einem Teilchen C und einem Teilchen D kollidieren müssten, um das Produkt E zu bilden.
Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass fünf Teilchen gleichzeitig und zudem mit ausreichender Energie kollidieren, äußerst gering.
Viel wahrscheinlicher ist, dass zunächst zwei oder drei Teilchen zusammen treffen, ein Zwischenprodukt bilden, dieses Zwischenprodukt kollidiert dann mit weiteren Teilchen ggf. unter Bildung weiterer Zwischenprodukte und zuletzt bildet sich das Produkt E, z.B.:
Die Zerlegung der Gesamtreaktion in einzelne Schritte, in Elementarreaktionen, und deren Untersuchung zeigt, wie die Reaktion genau abläuft.
Experimentell oder auf der Grundlage modellhafter Annahmen kann ermittelt werden, wie die Reaktionsgeschwindigkeiten der Elementarreaktionen von den jeweiligen Konzentrationen der Komponenten A, B, C und D abhängen.
Die Abhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit vom Exponenten mit dem die Konzentration eines bestimmten Reaktanden in das Geschwindigkeitsgesetz eingeht, wird als Reaktionsordnung im Bezug auf diesen Reaktanden bezeichnet.
Die Gesamtordnung einer Reaktion ist die Summe der Reaktionsordnungen aller an ihr beteiligten Reaktanden.
Die Reaktionsgeschwindigkeitskonstanten der einzelnen Elementarreaktionen ergeben miteinander multipliziert die Geschwindigkeitskonstante der Gesamtreaktion.
Beispiel
Angenommen, die Reaktionsgeschwindigkeit der ersten obigen Elementarreaktion hängt quadratisch von der Konzentration der Komponente A ab, ist diese Reaktion 2.Ordnung im Bezug auf die Komponente A. Da keine sonstigen Teilchen an dieser Reaktion beteiligt sind, ist die Gesamtordnung der Reaktion ebenso 2.
Angenommen, die Reaktionsgeschwindigkeit der zweiten obigen Elementarreaktion hängt linear von der Konzentration von A2 ab, linear von der Konzentration von B und gar nicht von der Konzentration von C ab. Dann ist die Reaktion 1.Ordnung im Bezug auf A2, 1.Ordnung im Bezug auf B und 0.Ordnung im Bezug auf C. Die Gesamtordnung ist auch hier 2.
Angenommen, die Reaktionsgeschwindigkeit der dritten Elementarreaktion hängt linear von der Konzentration von A2BC, aber nicht von der Konzentration von D ab, so liegt eine Reaktion 1.Ordnung im Bezug auf A2BC und eine 0.Ordnung im Bezug auf D vor. Die Gesamtordnung ist 1.
Die drei häufigsten, weil wahrscheinlichsten, Reaktionsordnungen sind:
Derartige Reaktionen sind unabhängig von der Konzentration der Reaktanden. Hier ist die Reaktionsgeschwindigkeit konstant.
wobei
Beispiele sind photochemische Reaktionen.
Hier handelt es sich um katalytische oder radioaktive Zerfallsprozesse. Die Reaktionsgeschwindigkeit ist abhängig von der Konzentration des zerfallenden Stoffes.
integriert
mit
In diesem Falle reagieren zwei Reaktanden zu einem oder mehreren Produkten. Die Reaktionsgeschwindigkeit ist abhängig von den Konzentrationen der Ausgangsstoffe.
oder bei nur einem Stoff
integriert
wobei
Die meisten bimolekularen Reaktionen in flüssigem oder festem Medium folgen dieser Kinetik. Allerdings gibt es einen Sonderfall, bei dem einer der Reaktanden in einem sehr hohen Überschuss vorliegt, so dass die Konzentrationsänderung über die Zeit der Reaktion verschwindend gering ist. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Wasser sowohl Reaktionspartner als auch das Lösungsmittel darstellt (z.B. bei einer Esterhydrolyse). In diesem Fall folgt die Reaktionsgeschwindigkeit den Gesetzmäßigkeiten einer Reaktion erster Ordnung. Da es sich aber trotzdem um eine bimolekulare Reaktion handelt, spricht man von Reaktionen pseudoerster Ordnung.
Mathematisch und physikalisch wird dies mit dem Ansatz von Arrhenius begründet. Nach diesem kann die Temperaturabhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit mit einer Exponentialfunktion beschrieben werden. Wie oben schon beschrieben lautet die Bestimmungsgleichung für eine Reaktion zweiter Ordnung:
Die Temperaturabhängigkeit ist in dem so genannten Geschwindigkeitskoeffizienten enthalten, denn es gilt hier die Arrhenius-Gleichung. Der Geschwindigkeitskoeffizient ist nur dann eine Konstante, solange die Temperatur nicht verändert wird und kann dann auch als Geschwindigkeitskonstante bezeichnet werden.
| Reaktionstyp | Berechnung der Momentan- geschwindigkeit v | Berechnung der Halbwertszeit |
|---|---|---|
| 0. Ordnung | ||
| 1. Ordnung | ||
| 2. Ordnung |
Zur Untersuchung der Kinetik chemischer Reaktionen steht eine Vielzahl von Verfahren zur Verfügung.
Diese ermöglichen die Bestimmung der
Aus der Vielzahl der Messverfahren sollte natürlich immer dasjenige ausgewählt werden, das die zuverlässigsten Ergebnisse liefert und am einfachsten durchzuführen ist. Dazu muss man die physikalischen Eigenschaften der Reaktionskomponenten berücksichtigen, sowie die Reaktionsbedingungen und vor allem die Geschwindigkeit/Halbwertszeit der zu untersuchenden Reaktion.
Generell gilt:
Man unterscheidet:
Diskontinuierliche Messverfahren sind nur bei langsamen Reaktionen (Minuten- bis Stundenbereich) zu empfehlen. Außerdem muss hier darauf geachtet werden, dass die Messung unmittelbar nach der Probenentnahme erfolgt, damit die Konzentration/Stoffmenge der weiterhin reagierenden Substanzen nicht verfälscht wird.
Um diesen Effekt zu senken, kann man die Probe stark kühlen (Absenkung der Reaktionsgeschwindigkeit), oder eine der reagierenden Komponenten aus der Probe entfernen, z.B. durch Fällung.
Bei schnellen Reaktionen (Minuten- bis Sekundenbereich) ist ein kontinuierliches Messverfahren notwendig. Oft werden hier spezielle Strömungsapparaturen verwendet.
Bei extrem schnellen Reaktionen (Millisekundenbereich) werden Spezialverfahren angewendet, z.B. Relaxationsverfahren oder die Blitzlichtphotolyse.
Zur Messung des Umsatzes einer Komponente sollte eine Messgröße verwendet werden, die möglichst eindeutig und proportional mit der Konzentration/Stoffmenge einer Komponente in Verbindung gebracht werden kann. Dazu ist eine Kalibrierung notwendig.
Weiterhin ist wichtig, unter welchen Bedingungen die Reaktion durchgeführt wird, also isobar bei konstantem Druck, isotherm bei konstanter Temperatur oder isochor bei konstantem Volumen.
Die am häufigsten genutzten Messgrößen sind:
All diese Messgrößen können sowohl kontinuierlich als auch diskontinuierlich beobachtet werden und eignen sich damit für schnelle und langsame Reaktionen.
Bei langsamen Reaktionen kann man außerdem messen:
Da alle Messgrößen temperaturabhängig sind, sollte isotherm gearbeitet werden, d.h. die Kalibrierung sollte bei einer definierten Temperatur vorgenommen werden, die für die Messung beibehalten werden muss.
Bei langsamen bis schnellen Reaktionen werden hauptsächlich Mischverfahren eingesetzt. Hierbei werden definierte Stoffmengen der Reaktanden möglichst augenblicklich miteinander vermischt unter Verwendung einfacher Rührer, Strömungsrohre oder hochpräziser Mischkammern.
Die Konzentrationsänderungen werden kontinuierlich oder diskontinuierlich beobachtet.
Bekannt sind dann:
Im Folgenden sollten die Prinzipien der kinetischen Untersuchungen mit Hilfe der Mischverfahren vereinfacht dargestellt werden.
Bei der Methode der variierten Ausgangskonzentrationen werden die Anfangskonzentrationen der verschiedenen Reaktanden in mehreren Reaktionsansätzen variiert bei sonst gleich bleibenden Reaktionsbedingungen.
Pro Ansatz sollte am besten die Anfangskonzentration nur eines Reaktanden variiert werden, damit der Effekt eindeutig zugeordnet werden kann. Weiterhin müssen die Mischvolumina genau berechnet werden.
Bei allen Ansätzen wird nach einer definierten Reaktionszeit der Umsatz eines Eduktes oder Produktes bestimmt und daraus die Reaktionsgeschwindigkeit berechnet:
Nun ergeben sich verschiedene Möglichkeiten:
usw.
Die Gesamtordnung ergibt sich aus der Summe der Einzelordnungen.
Es wird eine definierte Ausgangskonzentration des Reaktanden A gewählt und dessen Konzentration wird mehrmals oder kontinuierlich bei der Reaktion beobachtet. Die Reaktionsordnung bzgl. A muss bekannt sein.
Zu verschiedenen Zeitpunkten , , usw. erhält man unterschiedliche Konzentrationen
Diese Wertepaare und die Ausgangskonzentration kann man in das umgeformte Zeitgesetz der entsprechenden Reaktionsordnung einsetzen und beispielsweise graphisch auftragen:
In allen Fällen erhält man
Bei Reaktionen 0. Ord. gibt es einen linearen Zusammenhang zwischen und der Zeit t, bei Reaktionen 1. Ord. zwischen ln * und der Zeit t. Indem man experimentell bestimmt, welche Funktion linear mit der Zeit läuft (man setzt die erhaltenen Konzentrationswerte in die verschiedenen Gleichungen der linearen Beziehungen ein), kann man die Ordnung einer Reaktion ermitteln.
Nach obigem Verfahren bestimmt man
Durch Umformen der Arrhenius-Gleichung erhält man:
Bei Einsetzen der Wertepaare
Bei Reaktionen mit Halbwertszeiten im Millisekundenbereich oder weniger lassen sich nur schwer beobachten; auf Mischverfahren wird hier deswegen ganz verzichtet.
Bei Relaxationsverfahren werden Reaktanden miteinander vermischt. Die Reaktion lässt man ablaufen, bis sich ein Reaktionsgleichgewicht eingestellt hat.
Dann wird das Gleichgewicht sprungartig gestört und man beobachtet, wie schnell sich das Gleichgewicht wieder einstellt, die Relaxation.
Nach der neuen Gleichgewichtseinstellung werden die Konzentrationen wieder bestimmt und die neue Gleichgewichtskonstante wird berechnet.
Die Relaxation, also die Herstellung eines neuen Gleichgewichtes, läuft nach einer Exponentialfunktion ab, sofern die Abweichung von dem Gleichgewicht gering ist, der "Sprung" also nicht zu groß war.
mit
Die Relaxationszeit ist die Zeit bis die Abweichung vom Gleichgewicht
Je nach Anzahl der Reaktanden und Reaktionsordnung, sowie bei Kenntnis der Gleichgewichtskonstanten des neu eingestellten Gleichgewichtes kann man aus
Um ein chemisches Gleichgewicht zu stören, bieten sich viele Variabeln an. Wichtig jedoch ist, dass der "Sprung" augenblicklich erfolgt und nicht zu groß ist.
Bewährt haben sich:
Hierbei wird mit einer Blitzapparatur zunächst ein starker Lichtblitz erzeugt, der zur Photolyse einer chemischen Verbindung führt. Kurze Zeit später erfolgt ein zweiter, schwächerer Blitz, der der spektrophotometrischen Messung eines Reaktanden dient.
Dieses Verfahren eignet sich besonders für radikalische Prozesse.
W. Forker, Elektrochemische Kinetik, Akademie Verlag, Berlin 1966
W. Vielstich, W. Schmickler, Elektrochemie II: Elektrochemische Kinetik, Dr. Dietrich Steinkopff Verlag, Darmstadt 1976
K. Vetter, Elektrochemische Kinetik, Springer Verlag, Berlin 1961
P. W. Atkins, Physikalische Chemie, WILEY-VCH Verlag, Weinheim 2001
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