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Kinderrepubliken sind Heime (im allerweitesten Sinn, vom Ferienzeltlager über Schulinternat und Erziehungsheim bis zum Jugendgefängnis), die von den Kindern und Jugendlichen selbst regiert werden. Diese radikale Selbstregierung der Kinder und Jugendlichen ist das prägende Merkmal dieser durchweg reformpädagogisch orientierten Heime.

Konzepte der Selbstregierung


Es bestehen grundsätzlich drei unterschiedliche, gegensätzliche Konzepte der Selbstregierung:
  • unechte Selbstregierung, bei der erwachsene Erzieher die Entscheidungen der Kinder und Jugendlichen geschickt fernsteuern und manipulieren. Theoretischer Hauptvertreter war der deutsche Pädagogikprofessor und international anerkannten Moralpädagoge Friedrich Wilhelm Foerster (in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts), dem es nicht um Selbstbestimmung, sondern um Charakterformung ging, letztlich um Willensunterwerfung. Der bekannteste Praktiker war A.S.Makarenko.
  • Es wird ein Selbstregierungssystem mit einem auf Geld beruhenden Wirtschaftssystem (mit Währung, Bank, Unternehmen etc.) eingerichtet, das automatisch wirkenden Belohnungen (Geld) und Bestrafungen (Geldverlust) enthält. Danach gilt pädagogische Untätigkeit und radikales Nichteingreifen der Erwachsenen als Konzept. Dies ist als Erziehungskonzept eindeutig unzureichend und hat in der Praxis (bei der George Junior Republic im Staat New York) zum Scheitern der Selbstregierung geführt.
  • das Konzept der zwischen erwachsenen Erziehern einerseits und Kindern und Jugendlichen andererseits geteilten Verantwortung, das vor allem von psychoanalytisch orientierten Heimerziehern in Großbritannien ausgearbeitet und praktiziert wurde. (Homer Lane, David Wills, Alexander Sutherland Neill u.a.; Siegfried Bernfeld und John Patrick Caroll-Abbing arbeiteten ähnlich). Dieses Konzept ist pädagogisch durchdacht, ermöglicht weitestgehende demokratische Selbstregierung der Kinder und Jugendlichen und funktioniert, z.B. seit über 80 Jahren in Summerhill. Vor allem um dieses Konzept geht es hier.

Techniken der Selbstregierung


Die Technik der Selbstregierung ist meist sehr einfach: Sämtliche Heimmitglieder - die Erwachsenen sind eine kleine Minderheit - stimmen in regelmäßigen Vollversammlungen über neu vorgeschlagene Regeln ab. Regelverstöße können bei einer Gerichtsinstanz angezeigt werden und können bestraft oder sonstwie gehandhabt werden. Die Heimleitung erlässt gemäß der geteilten Verantwortung die notwendigsten Sicherheitsregeln einschließlich der dem Heim von außen auferlegten (z.B. gesetzlichen) Regeln (Schulpflicht, Drogenverbote etc.).

Grenzen der Selbstregierung


Auch wenn einige Kinderrepubliken (etwa die George Junior Republics) einen Staat und sein Wirtschaftssystem so genau wie nur möglich nachbilden, und Benposta sogar gelegentlich behauptet, ein eigener Staat zu sein, sind es faktisch immer Heime, d.h. Erziehungseinrichtungen, und Erwachsene bleiben stets letztendlich verantwortlich. Wer alle Entscheidungen an die Kinder und Jugendlichen abgibt, riskiert entweder den raschen Ruin des Heims (unverantwortlich!) oder ist zur geschickten Manipulation der Entscheidungen gezwungen. Gerade die radikalen Befürworter der Selbstregierung betonen klar die Grenzen der Selbstregierung - die allerdings so weit gezogen sind, dass nahezu das gesamte Alltagsleben im Zuständigkeitsbereich der Kinder und Jugendlichen liegt.

Demokratie ist eine höchst künstliche Lebensform, sich selbst überlassene Kinder würden keine demokratischen Musterstaaten bilden, sondern allenfalls Banden. Nur wo erwachsene Erzieher die Selbstregierung sehr bewusst zu ihrem Konzept machen, sie herstellen und tatkräftig unterstützen, kann sie existieren.

Selbstregierung ist kein Selbstzweck, das Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen hat oberste Priorität. Wo Selbstregierung trotz Unterstützung längere Zeit nicht funktioniert, greifen die Erzieher ein, helfen beim Neuaufbau, provozieren u.U. die Abschaffung aller Gesetze per Mehrheitsbeschluss ("Anarchieperioden", die sich nach wenigen Tagen als unerträglich herausstellen und zum Beschluss neuer Regelsysteme motivieren) oder der vorübergehenden (möglichst schlechten und unangenehmen) "Diktatur" der Erwachsenen.

Beispiele


die bekanntesten oder bedeutendsten Beispiele für solche Modelle sind unter anderem:

  • Daneben gab es eine Vielzahl weiterer Einrichtungen in vielen Ländern weltweit.

Gründe für die Schließung


Viele dieser Einrichtungen wurden geschlossen und existieren nicht mehr. Die Kinderrepubliken sind jedoch nicht "wegen interner pädagogischer Probleme mit den Jugendlichen geschlossen *, oder weil die Selbstregierung nicht funktionierte und fehlschlug. Die Republiken scheiterten nicht an pädagogischen Problemen, auch nicht, weil die angeblich unersetzbare geniale Erzieherpersönlichkeit starb, sondern sie scheiterten politisch an veränderten politischen Verhältnissen (Faschismus!) und inszenierten sexuell-politischen Skandalen, sowie organisatorisch, weil sie kein geeignetes ausgebildetes oder befähigtes Personal fanden, oder wirtschaftlich an Geldnot oder Erbschaftsproblemen nach dem Tod des Gründers." (Kamp 1995, S. 78)

Folgerungen


Es fällt auf, dass bis auf das Buch von Kamp (Kinderrepubliken) dieses Thema in der pädagogischen Diskussion wenig beachtet wird. Dieses Schicksal teilen z.B. Summerhill oder Reformschulen um 1920, z.B. die Versuchsschule Telemannstraße in Hamburg, die Schülerselbstregierung praktizierten. Wenn man die Vorlesungsverzeichnisse der deutschsprachigen Hochschulen durchsieht, findet man zu den Kinderrepubliken nichts. In Schulmuseen wird fast ausschließlich der Paukunterricht der Kaiserzeit - vor allem in vorgeführten Schulstunden - in Erinnerung gehalten, während die erfolgreichen Ansätze der Weimarer Republik schlicht nicht vorhanden sind. Ausnahme: Hamburger Schulmuseum.

In der Freinet-Pädagogik ist nicht der Staat, die Republik das Vorbild, sondern die genossenschaftliche, selbstverwaltete Kooperative (aus dem ländlichen Raum in Frankreich).

Die Dissertation von Kamp zeigt, dass es möglich ist, dass Kinder sich selbst regieren. In Deutschland gibt es möglicherweise wieder Ansätze zu Kinderrepubliken: z.B. der Schulstaat Haubinda.

Verwandte Themen


Literatur


deutschsprachig
  • Bohmann, Hans; Posada José: "Benposta, 50 Jahre 'Naçion de Muchachos' - Die Geschichte einer außergewöhnlichen Einrichtung -" Reihe Denken und Handeln. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Ev. Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum 2006 ISBN 3-926013-63-x; 3,50 Euro
  • Kamp, Johannes-Martin: Kinderrepubliken. Geschichte, Praxis und Theorie radikaler Selbstregierung in Kinder- und Jugendheimen. Opladen: Leske+Budrich 1995 (zugleich Universität Essen: phil. diss. 1994) ISBN 3-8100-1357-9.
  • Bernfeld, Siegfried: Antiautoritäre Erziehung und Psychoanalyse. Schriften Bernfelds Frankfurt/M: März Verlag 1969 (3 Bde), später auch Frankfurt u.a.: Ullstein 1974 (3 Bde). Insbes.: Kinderheim Baumgarten - Bericht über einen ernsthaften Versuch mit neuer Erziehung; Die Formen der Disziplin in Erziehungsanstalten; Léonard Bourdons System der Anstaltserziehung; Strafen und Schulgemeinde in der Anstaltserziehung.
  • Gayk, Andreas (Hrsg.): Die rote Kinderrepublik Seekamp. Dokumentation des ersten sozialistischen Kinderlagers 1927. Stuttgart: Falkenbuchverlag 1976 (erstmals: Berlin: Arbeiterjugend-Verlag 1928).
  • Lazarsfeld, Paul Felix; Wagner, Ludwig: Gemeinschaftserziehung durch Erziehungsgemeinschaften. Bericht über einen Beitrag der Jugendbewegung zur Sozialpädagogik. Wien, Leipzig: Anzengruber o.J.*.
  • Lüpke, Friedemann: Pädagogische Provinzen für verwahrloste Kinder und Jugendliche. Eine systematisch vergleichende Studie zu Problemstrukturen des offenen Anfangs der Erziehung. Die Beispiele Stans, Junior Republic und Gorki-Kolonie. Würzburg: Ergon 2004. ISBN 3-89913-350-1.
  • Makarenko, Anton Semjonowitsch: Ein pädagogisches Poem. Der Weg ins Leben. Berlin: Volk und Wissen 1970 (Werke, Bd.1) (Roman; auch viele andere Ausgaben).
  • Möbius, Eberhard: Die Kinderrepublik. Reinbek, 1973. Ein euphorisches Buch über Benposta, teilweise mit Bildern, das für einen regelrechten Benposta-Boom in Deutschland sorgte.
  • Neill, Alexander Sutherland: Selbstverwaltung in der Schule. Zürich: Pan 1950.
  • Neill, Alexander Sutherland: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill. Reinbek 1969. Erstauflage Dezember 1969, bereits im Mai 1970 275.000 Stück in der 8. Auflage. Daher kann man dieses Buch wohl mit Recht als *den* Klassiker in Deutschland zur antiautoritären Erziehung bezeichnen.
  • Papanek, Ernst: Die Kinder von Montmorency. Frankfurt/M: Fischer 1983.
  • Poschkamp, Peter; Schnyder, Urs Bemposta und die Muchachos. Die Kinderrepublik zwischen Traum und Wirklichkeit. o.O. [Selbstverlag 1985. Das Buch enthält schwerpunktmäßig einen ausführlichen Bericht des damals 22 jährigen Studenten Urs Schnyder, der 1978/79 für 1 Jahr in Bemposta lebte, sowie Interviews mit ehemaligen Bempostianern. Das Buch bietet auf 180 eng bedruckten Seiten einen umfassenden und sachlichen Überblick insbesondere auch über die vielfältigen Probleme in Bemposta, die in anderen Büchern ausgespart werden. Ohne ISBN und daher nicht im Buchhandel und nicht in den meisten Bibliotheken, aber immer noch direkt beim Autor für 12 Euro inkl. Versand erhältlich.
  • Sana, Heleno; Drexel, Rainer; Forster, Renate von: Benposta. Eine Stadt für Kinder. Dreieich: Melzer und Gütersloh: Bertelsmann o.J.*. Ein Bildband mit sehr vielen z.T. farbigen Fotos. Recht euphorischer Begleittext.
  • Wilker, Karl: Die George Junior Republic. In: Die Deutsche Schule (Weinheim) 17(1913) H.8 S.464-474.
  • Zielinski, Johannes: Über Selbstverwaltung als Erziehungsmittel in Heimen für entwurzelte und kriegsgeschädigte Jugendliche, dargestellt und erläutert am Beispiel des Jugendselbsthilfewerkes und Erziehungsheimes "Jungenstadt Buchhof". München: phil. diss 1950 (ungedruckt).

englischsprachig
  • Bazeley, Elise T.: Homer Lane and the Little Commonwealth. London: New Education Book Club 1948 (2. Auflage, Zuerst erschienen 1928)
  • Carroll-Abbing, John Patrick: But for the Grace of God. New York: Delacorte 1965.
  • George, William Reuben: The Junior Republic. Its History and Ideals. New York, London: D.Appleton 1909.
  • Holl, Jack M.: Juvenile Reform in the Progressive Era. William R. George and the Junior Republic Movement. Ithaca/N.Y., London: Cornell University Press 1971 (Dissertation).
  • Lane, Homer: Talks to Parents and Teachers. New York City: Schocken 1969 (zuerst London 1928).
  • Wills, William David: The Hawkspur Experiment. An Informal Account of the Training of Wayward Addolescents. London: Allen and Unwin 1941.
  • Wills, William David: The Barns Experiment. London: Allen and Unwin 1945.
  • Wills, William David: Homer Lane, A Biography. London: Allen and Unwin 1964.

Weblinks


existent mit Bezug zur Gründerphase

noch existent aber ohne Bezug zur Gründungsphase
  • http://www.georgejuniorrepublic.com/ - George Junior Republic bei Freeville, New York
  • http://www.boysrepublic.org/history.html - Boys Republic, zuvor California George Junior Republic in Chino Hills, California
  • http://www.gjrinpa.org/ - "George Junior Republic in Pennsylvania" in Grove City, Pennsylvania

  • http://www.girlsandboystown.org/home.asp - Boys Town
  • http://www.mclink.it/n/citrag/boystown/index.htm - Boys Town of Italy/ Girls Town of Italy, Rom

  • Jungenstadt Buchhof

Reformpädagogik

 

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