Kelsterbach ist eine Stadt im hessischen Kreis Groß-Gerau. Sie liegt am südwestlichen Stadtrand von Frankfurt am Main in einem Flussbogen am linken Mainufer, unmittelbar an der Mündung des gleichnamigen Bachlaufs. Nach dem Bau der Bahnlinie Frankfurt–Mainz wandelte sich das ursprünglich weitgehend landwirtschaftlich geprägte Dorf durch die Ansiedlung großer Fabriken, was einen großen Bevölkerungszuwachs mit sich brachte. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Unternehmen hinzu, die mit dem nahe gelegenen Rhein-Main-Flughafen in Beziehung stehen. Heute leben in Kelsterbach 15.089 Einwohner (Stand: 30. Juni 2005). Der Ort ist bedeutender Standort für Logistikdienstleister und chemische Produktion. 1952 wurde er zur Stadt erhoben.
Geografie
Mainufer Kelsterbach.jpg Mainufer aus]]
Geografische Lage
Die Stadt liegt an der Südseite des
Mains und westlich des
Frankfurter Stadtwalds. Der allgemein als
Unterdorf bezeichnete ursprüngliche Ortskern grenzt sich scharf von dem wesentlich größeren, allgemein
Oberdorf genannten Siedlungsbereich ab, der erst mit dem Bau der Bahnlinie und der Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts oberhalb der etwa 17 Meter hohen
Kelsterbacher Terrasse entstand, die sich vom Frankfurter Stadtwald 8 Kilometer nach Westen zieht. Der Ort ist Teil der
Stadtregion Frankfurt sowie der
Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main.
Nachbargemeinden
Kelsterbach grenzt im Westen an
Okriftel, einem Stadtteil von
Hattersheim am Main (
Main-Taunus-Kreis), im Norden an die Stadtteile
Sindlingen,
Höchst und
Schwanheim der kreisfreien Stadt
Frankfurt am Main, im Osten und Süden an das Areal des
Flughafen Frankfurt am Main sowie im Südwesten an die Stadt
Raunheim.
Stadtgliederung
Kelsterbach besteht nur aus einem Stadtteil.
Geschichte
Steinzeit
Bis vor kurzer Zeit wurde Kelsterbach als der Ort geführt, bei dem der älteste anatomisch moderne Mensch Europas gefunden wurde. Der als
Dame von Kelsterbach bekannt gewordene und auf ein Alter von 32.000 Jahren datierte angebliche Schädel eines
Cro-Magnon-Menschen verschwand jedoch spurlos im Zusammenhang mit dem Skandal um den
Anthropologen
Reiner Protsch und war wohl eine Fälschung.
Aus der
Mittelsteinzeit wurden im Bereich der
Kelsterbacher Terrasse Mikrolithen gefunden. Ob es sich dabei um Siedlungsspuren handelt, muss dahingestellt bleiben.
Auch aus zahlreichen in alle Epochen der
Jungsteinzeit datierten
Keramikfunden kann nicht unbedingt auf eine dauerhafte Besiedelung geschlossen werden.
Bronze- und Eisenzeit
Eine Besiedelung ist dagegen für die
Bronzezeit wahrscheinlich. Erste wertvolle Funde aus der Frühzeit dieser Epoche wurden bereits im Jahr
1937 gemacht.
1972 wurden dann beim Bau der
Kelsterbacher Spange an der Kante der Kelsterbacher Terrasse zwischen
Römerschneise und
Schwedenschanze mehrere bronzezeitliche Fundkomplexe angeschnitten. Aus dem Gesamtbild der archäologischen Auswertungen ergibt sich die Annahme einer mittel- bis spätbronzezeitlichen Ansiedlung etwa 10–15 Meter oberhalb des
Mains.
Aus der älteren
Eisenzeit (700–450 v. Chr.) liegen ebenfalls verschiedene Siedlungsspuren vor.
Die Römer
Frühere Funde gaben bereits Veranlassung, eine
römische Ansiedlung des 3. Jahrhunderts in der Kelsterbacher Mainniederung zu vermuten.
1970 im nordöstlichen Gemarkungsbereich gefundene Ziegelteile und Münzen waren Anlass,
2004 und
2005 umfangreiche Grabungen durch das Institut für archäologische Wissenschaften der
Goethe-Universität Frankfurt auszuführen. Dabei kam mit zahlreichen Nebenfunden ein Gebäude mit Brunnen zu Tage, das als
Kleinvilla angesprochen wird. Die Datierung konnte auf
200–
220 n. Chr. vorgenommen werden.
Mittelalter
Wegen des Ortsnamens wird eine
fränkische Gründung
Gelsterbach vermutet (
gelster = laut rauschend). Als Grundlage dieser Bezeichnung kann der namensgebende, als spärliches Rinnsal dahin ziehende Bach, der im
Frankfurter Stadtwald entspringt, aber kaum gelten, selbst wenn er früher deutlich mehr Wasser geführt hat.
Die erste urkundliche Erwähnung fand
Gelsterbach, wie unzählige andere Orte, im
Lorscher Kodex (ca.
850 n. Chr.). Über viele Jahrhunderte gehörte Kelsterbach dann zum
Wildbann Dreieich, dessen zentrale Verwaltung auf der
Burg Hayn ansässig war. Auch nach dem Übergang der Territorialherrschaft an
Katzenelnbogen bestand das königliche Jagdrecht weiter.
1479 fiel Kelsterbach mit der gesamten Grafschaft Katzenelnbogen an die
Landgrafschaft Hessen und bei der Erbteilung
1567 an
Hessen-Darmstadt, dessen Geschichte der wenig bedeutsame Bauernort fortan teilte.
Neuzeit
Herz-Jesu-Kirche Kelsterbach.jpg katholische
Herz-Jesu-Kirche]]
Landgraf Ernst-Ludwig plante ob der verkehrsgünstigen Lage, Kelsterbach zu einer Handwerkerstadt auszubauen. Von
1699 bis
1712 wurde dazu die großzügig angelegte
Neukelsterbacher Straße mit zweigeschossigen Wohn- und Arbeitshäusern errichtet, in der
calvinistische Flüchtlinge angesiedelt werden sollten. Vielfältige Probleme führten zum Scheitern dieses Vorhabens. Mitte des 18. Jh. übernahm
Landgraf Ludwig VIII. eine zuvor private
Fayence-Fabrik, um daraus eine
Porzellanmanufaktur zu machen. Der in
Meißen ausgebildete Porzellanmaler
Christian D. Busch wurde mit deren Leitung beauftragt. Namhaftester in Kelsterbach arbeitender Porzellankünstler war
Carl Vogelmann. Die Manufaktur bestand nur für wenige Jahre.
St. Martin evangelisch Kelsterbach.jpg
Im 1821 gegründeten Darmstädtischen Verwaltungsbezirk Groß-Gerau, der schon 1832 als Kreis Groß-Gerau institutionalisiert wurde, war Kelsterbach Sitz eines Amtmannes.
Fortan teilte Kelsterbach bis heute die Geschichte und territoriale Zuordnung des Kreises Groß-Gerau.
Einen großen Entwicklungsschritt bedeutete 1904 die Umwandlung der im Jahr 1899 gegründeten Waggonfabrik in die Vereinigte Kunstseidenfabrik, später Vereinigte Glanzstoff AG. Dieses Werk bestimmte sodann für nahezu einhundert Jahre wesentlich die weitere Entwicklung des damals etwa 3.000 Einwohner zählenden Ortes, ehe es im Jahr 2000 der Globalisierung zum Opfer fiel. Großes Kopfzerbrechen bereitet derzeit die weitere Verwendung des riesigen, mitten im Ort gelegenen Areals.
Erhebliche Gemarkungsflächen gingen ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die zunehmende Ausdehnung des südlich angrenzenden Rhein-Main-Flughafens verloren. Diese Entwicklung dauert weiterhin an und stellt die kommunale Selbständigkeit zunehmend in Frage, da Kelsterbach mehr und mehr vom übrigen Gebiet des Kreises Groß-Gerau abgeschnitten wird.
Im Jahr 1974 konnte durch den Beitritt zum Umlandverband Frankfurt die im Zuge der hessischen Kreisreform drohende Eingemeindung nach Frankfurt noch einmal abgewendet werden.
Kelsterbach erhielt die Stadtrechte 1952, gemeinsam mit Raunheim.
Politik
Stadtverordnetenversammlung
Die Stadtverordnetenversammlung in Kelsterbach setzt sich aus 37 Ratsfrauen und Ratsherren zusammen.
- CDU 10 Sitze
- SPD 20 Sitze
- WIK 5 Sitze (grün orientierte Wählerinitiative)
- EUK 2 Sitze (Wählerinitiative von EU-Ausländern)
(Stand:
Kommunalwahl am
26. März 2006)
Bürgermeister
Hauptamtlicher Bürgermeister ist der ehemalige Verwaltungsangestellte Erhard Engisch. Er wurde am 2. März 1997 als erster Bürgermeister der Stadt direkt gewählt und trat das Amt am 1. September 1997 an. Bei der Wahl am 30. März 2003 wurde er in seinem Amt bestätigt.
Städtepartnerschaften
Seit dem 31. August 1979 verbindet Kelsterbach eine Städtepartnerschaft mit der westfranzösischen Kleinstadt
Baugé im Departement
Maine-et-Loire.
Wirtschaft und Infrastruktur
Verkehr
Kelsterbach hat eine
Anschlussstelle an die
A3, über die
B40a und einen
Autobahnzubringer ist man schnell auf der
A66. Durch Kelsterbach führt zudem die
B43. Mit den S-Bahn Linien S8 und S9 gelangt man innerhalb einer Viertelstunde zum Frankfurter Hauptbahnhof und in 3 Minuten zum
Flughafen Frankfurt.
Infrastruktur
Feuerwache Kelsterbach 1.jpg
Im Jahr 1926 entstand im Zuge des Baus der
Nord-Süd-Leitung in der Nähe von Kelsterbach eine große Umspannanlage. Heute verfügt dieses
Umspannwerk, welches der
RWE AG gehört, über die Spannungsebenen 380, 220 und 110 kV.
Wegen des Ausbaus des Frankfurter Flughafens mussten die zu diesem Umspannwerk von südlicher Richtung kommenden Hochspannungsleitungen mehrfach neu verlegt werden. Sie werden heute auf Masten mit niederer Bauhöhe in Einebenenanordnung westlich des Frankfurter Flughafens vorbeigeführt.
Wegen des geplanten Baus der Landebahn Nordwest wird das Umspannwerk derzeit (Stand
2006) verlegt und modernisiert.
Kelsterbach verfügt über ein großes kombiniertes Hallen- und Freizeitbad. Ein Umbau mit Modernisierung ist für 2007 geplant. Außerdem sind eine der größten und modernsten Stadtbüchereien im Kreis Groß-Gerau sowie eine Integrierte Gesamtschule, mehrere Grundschulen und eine Sonderschule vorhanden. Als einzige kreisangehörige Kommune in Hessen hat Kelsterbach noch selbst die Schulträgerschaft.
Die sieben Kindergärten unter kirchlicher Leitung werden von der Stadt koordiniert und finanziell unterstützt. Im ehemaligen Schloss ist ein Jugendzentzrum untergebracht.
In den Sportstätten und den städtischen Räumlichkeiten findet ein reges Vereinsleben (ca. 90 Vereine und Organisationen) statt. Nicht umsonst wird Kelsterbach auch als "Stadt der Vereine" bezeichnet. Neben vielen kulturellen Veranstaltungen ist Kelsterbach weit über die Stadtgrenzen hinaus für seine traditionelle Kerb am ersten Sonntag im September und das Altstadtfest eine Woche später bekannt.
Ausgeprägte Einkaufsmöglichkeiten sind - abgesehen von Lebensmittelmärkten - vor Ort kaum vorhanden.
Zur Naherholung stehen das schön angelegte Mainufer, der im Sommer stark frequentierte Südpark und ein ausgedehnter Stadtwald mit See und Wildgehege zur Verfügung. Abgesehen vom Mainufer werden diese Flächen aber weitgehend von der Fraport AG für die vorgesehene Erweiterung des Frankfurter Flughafens beansprucht (Stand April 2006).
Ansässige Unternehmen
Kelsterbach profitiert von und leidet gleichzeitig an der Nähe zum
Rhein-Main-Flughafen, das Gewerbegebiet Kelsterbach-Süd grenzt direkt an den Flughafen an. Zahlreiche
Logistik-Dienstleister haben hier Niederlassungen, unter anderem
Kelsterbach ist Sitz der Fluggesellschaft Condor.
Größter Arbeitgeber mit rund 1.100 Beschäftigten ist die Ticona AG, ein führendes Unternehmen für die Herstellung von HighTech-Kunststoffen. Im Zusammenhang mit der geplanten Flughafenerweiterung muss der derzeitige Standort dieses Unternehmens aufgrund von Sicherheitsrisiken möglicherweise aufgegeben werden (Stand Mai 2006).
Persönlichkeiten
Aus Kelsterbach stammen unter anderem
Weblinks
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