Kaunas (weißrussisch: Коўна, polnisch: Kowno, nicht gebräuchlich deutsch: Kauen) ist Zentrum des Distrikts Kaunas. Mit etwa 360.000 Einwohnern ist es die zweitgrößte Stadt Litauens. Sie liegt am Zusammenfluss von Memel (litauisch: Nemunas) und Neris in der Mitte des Landes – 100 km westlich der Hauptstadt Wilna (litauisch: Vilnius).
Bedeutung
Kaunas, das von
1920 -
1940 die provisorische
Hauptstadt Litauens (
Laikinoji Sostine, siehe Abschnitt 'Neuzeit') war, ist heute in erster Linie Industrie-, Bildungs- und Wissenschaftsstandort. Aufgrund seiner Lage ist es der wichtigste Verkehrsknotenpunkt Litauens. Kaunas besitzt ein attraktives Stadtzentrum mit einer über 2 km langen Fußgängerzone, die, gesäumt von Cafés, Galerien und Boutiquen, die mittelalterliche Altstadt mit der Neustadt des 19. Jahrhunderts verbindet.
Kaunas gilt als die "litauischere" Stadt im Vergleich mit Wilna, wo aufgrund einer gänzlich anderen Stadtgeschichte viele Polen und Russen leben. Nach einer Phase des kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutungsverlustes nach der Unabhängigkeit 1990 hat bereits vor dem EU-Beitritt Litauens ein Aufschwung in Kaunas eingesetzt.
Neben einer breitgefächerten Wirtschaft besitzt Kaunas mehrere Universitäten, enorme Konsummöglichkeiten und ein erstaunliches Kunstangebot mit vielen Galerien. Insbesondere Textilkunst, deren Wurzeln in der traditionell starken Textilindustrie liegen, ist in der Stadt stark vertreten, was sich auch in einer großen, mittlerweile international hochangesehenen Textilkunst-Biennale niederschlägt.
Geschichte
Mittelalter
Erstmals wurde
1361 eine
Burg an der Mündung der
Neris in die
Memel erwähnt. Diese Burg wurde wiederholt von Rittern des
Deutschen Ordens erobert bzw. zerstört, wurde aber stets von den Litauern unverzüglich wieder aufgebaut. Hauptgrund für die fortgesetzten Angriffe des Deutschen Ordens auf Kaunas war der Versuch des Ordens, seine Territorien in
Ostpreußen und in
Livland miteinander zu verbinden, um so einen einheitlichen und kompakten Herrschaftsbereich von Estland über Livland bis nach Ostpreußen zu errichten. Auf dieser Nord-Süd-Achse stellte die Burg in Kaunas ein wichtiges Hindernis für die Ambitionen des Deutschen Ordens dar. Mit der vernichtenden Niederlage des Deutschen Ordens in der
Schlacht bei Tannenberg gegen die vereinigten Litauer und Polen im Juli
1410 wurde dieser Konflikt zugunsten der Litauer entschieden.
Nachdem bereits 1408 die Siedlung die Magdeburger Stadtrechte erhalten hatte, wuchs die Bedeutung der Stadt als Handelszentrum nach 1410 rapide, was sich auch in der Eröffnung eines Hansekontors 1440 äußerte. Zum Handel kam das Handwerk und aus der vormals strategisch wichtigen und hart umkämpften Burgsiedlung wurde eine verkehrsgünstig gelegene, reiche und große Stadt im polnisch-litauischen Staat.
Neuzeit
1732 zerstörte ein Brand die Stadt. Nachdem Kaunas im Zuge der Dritten Polnischen Teilung (1795) an Russland gefallen war, wurde die Stadt
1831 russische Gouvernementshauptstadt (auf russisch
Kowno). Nach der Wiedererlangung der litauischen Unabhängigkeit
1918 eroberten
polnische Truppen die traditionelle litauische Hauptstadt Wilna und gliederten sie in das polnische Staatsgebiet ein. Daher war Kaunas zwischen den Weltkriegen von 1920 bis 1940 die provisorische Hauptstadt Litauens (
Laikinoji Sostine). Damit ging ein beträchtlicher Entwicklungsschub einher: neue Stadtviertel wurden angelegt, Industrie und Infrastruktur profitierten von der neuen Hauptstadtfunktion und
1922 wurde die
Vytautas-der-Große-Universität eröffnet.
1940 besetzten sowjetische Truppen Kaunas.1941 marschierte die Wehrmacht ein, die bis 1944 als Besatzungsmacht in der Stadt blieb. In dieser Zeit wurde die jüdische Bevölkerung in das neugeschaffene Ghetto Slobodka auf der anderen Seite der Neris (heute: Stadtteil Vilijampole) gepfercht und sukzessive in dem nahe gelegenen IX. Fort (aus der napoleonischen Zeit, heute Gedenkstätte) ermordet oder in andere Konzentrationslager deportiert. Von 1944 bis zur erneuten Wiedererlangung der litauischen Unabhängigkeit gehörte Kaunas zur Litauischen Sowjetrepublik, deren Hauptstadt erneut Wilna wurde.
Sehenswürdigkeiten
KaunasTownHall.jpg
Kaunas liegt sehr malerisch an der Mündung der Neris in die Memel, die in zahlreichen Windungen die Stadt durchfließt. Sehenswert ist die Altstadt (lit.
senamiestis) mit vielfältiger
Gastronomie und vielen gut erhaltenen Bauwerken. Am Hauptplatz, dem Rathausplatz, liegen die
Kathedrale, die Jesuitenkirche und das historische
Rathaus, das wegen seiner hohen, weißen Gestalt in der Umgangssprache "Weißer Schwan" genannt wird und jeden Samstag von Hochzeitspaaren belagert wird, da es aufgrund seiner schönen Lage ein äußerst beliebter "Hochzeitspalast" ist.
An der Nordseite des Rathausplatzes befindet sich die Galerie "Meno Parkas" der Litauischen Künstlervereinigung, in der regelmäßig Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst präsentiert werden.
Unweit des Rathausplatzes liegen an der Neris die Ruine der Burg von Kaunas und die St. Georgs-Kirche, die auch in unrenoviertem Zustand durchaus sehenswert ist. In einer Seitengasse des Rathausplatzes zur Memel hin liegt das Perkunas-Haus, ein spätgotisches Bürgerhaus, in dem die Schüler des nahegelegenen Jesuiten-Gymnasiums während des Sommers kurzweilige Führungen veranstalten.
Auf die Hochterrassen oberhalb des Memeltales fahren bis heute zwei Standseilbahnen aus der Zwischenkriegszeit.
Kaunas' bekanntestes Museum ist das Ciurlionis - Museum, gewidmet dem großen Komponisten und Maler des Landes. Hier kann man nicht nur die Gemälde des Künstlers betrachten, sondern in einem extra dafür eingerichteten Raum auch seine Musik hören.
Wenige Schritte vom Ciurlionis - Museum entfernt auf der anderen Straßenseite liegt das einzigartige Teufelsmuseum mit einer weltweit einmaligen Sammlung von Teufelsfiguren. In der Zilinskas-Galerie unweit des "Sobor", der neobyzantinischen Kirche am östlichen Ende der Fußgängerzone, wird u.a. westeuropäische Malerei ausgestellt wie z.B. Bilder von Max Liebermann und Franz Marc.
Am östlichen Stadtrand von Kaunas, nahe dem Stausee Kaunasser Meer (Kauno marios), liegt das Kloster Pažaislis, das nach seiner Renovierung zu den schönsten und ungewöhnlichsten Sakralbauten Litauens gehört.
An ein dunkles Kapitel der litauischen Geschichte erinnert die Gedenkstätte im IX. Fort am nördlichen Stadtrand, wo während der deutschen Besatzung zahlreiche jüdische Menschen aus ganz Europa ermordet wurden (siehe Abschnitt 'Neuzeit').
Universitäten und Hochschulen
Kaunas ist Sitz mehrerer Universitäten und Hochschulen.
Die größte davon ist die Technische Universität Kaunas KTU Kauno technologijos universitetas. Des Weiteren gibt es die allgemein ausgerichtete VDU Vytauto Didžiojo universitetas, die Medizinische Universität Kauno medicinos universitetas, die Litauische Landwirtschaftsuniversität Lietuvos žemės ūkio universitetas und die Veterinärakademie Lietuvos veterinarijos akademija. Hinzu kommen einige Fachhochschulen.
Sport
Zalgiris-jpg.jpg
Mag Kaunas wirtschaftlich und kulturell auch hinter der Hauptstadt herhinken, im Sport ist die Stadt ebenbürtig. Kaunas hat das einzige größere Stadion des Landes (Fassungsvermögen: 20.000 Besucher) und neben der besten Fußballmannschaft ist in Kaunas auch der
BC Žalgiris zu Hause, der in der
Nationalsportart
Basketball in den 80er Jahren dreimal sowjetischer Meister werden konnte, in den 90er Jahren litauischer Serienmeister war und auch international große Erfolge erzielte. Er gehört heute dem nationalen Sportidol
Arvydas Sabonis.
Verkehr
Straße
Ein Standortvorteil von Kaunas ist die Lage als der zentrale (Straßen-)Verkehrsknotenpunkt des Landes. Von Nord nach Süd verlaufend trifft hier die sogenannte
Via Baltica, die von
Warschau über
Riga und
Tallinn nach
Helsinki führt, auf die Ost-West-Hauptroute, die als
Autobahn ausgebaute Strecke von
Klaipėda nach Wilna, die in der Fortsetzung über Minsk weiter nach Moskau führt.
Kaunas liegt damit wesentlich verkehrsgünstiger als die litauische Hauptstadt Wilna, welche sich sehr nahe der
EU-Außengrenze zu
Weißrussland und damit verkehrstechnisch in einer Art "totem Winkel" befindet.
Fernbusse
Fernbus-Verbindungen gibt es in alle größeren litauischen Städte sowie in sehr viele Kleinstädte, außerdem in sämtliche Nachbarländer und viele größere Städte in anderen Ländern der
Europäischen Union.
Die
Busse nach Vilnius fahren tagsüber in einem 30-Minuten-Takt.
Der Busbahnhof befindet sich nur wenige Gehminuten vom Bahnhof der litauischen Eisenbahn entfernt.
ÖPNV
Kaunas besitzt ein
Omnibus - und ein
Trolleybusnetz. Die
Lietuvos Gelezinkeliai (
Eisenbahn) betreibt ein nicht sehr bedeutendes
S-Bahn-ähnliches System von Vorortzügen. Hervorzuheben ist die Existenz eines sehr ausgedehnten
Linientaxinetzes mit über 130 Linien, das die Masse des ÖPNV bewältigt. Diese sogenannten Mini-Busse zeichnen sich zwar nicht durch übermäßigen Luxus aus, fahren jedoch zügig und in kurzen Abständen nicht nur innerhalb der Stadt, sondern auch zu zahlreichen Zielen in der Umgebung von Kaunas.
Eisenbahn
Auch im Eisenbahnnetz des Landes hat der
Bahnhof Kaunas einen Standortvorteil gegenüber der Hauptstadt Wilna. Es bestehen Verbindungen nach Wilna,
Šiauliai und
Warschau. Die Korridorzüge nach
Kaliningrad passieren zwar den Bahnhof Kaunas, es besteht aber weder eine Zu- noch Ausstiegsmöglichkeit.
Eine von der EU geförderte Hochgeschwindigkeits-Bahnverbindung
Warschau-Kaunas-
Riga-
Tallinn, das Project
Rail Baltica, ist in der Planungsphase (geplante Fertigstellung im Jahr
2016). Im Gegensatz zu den sehr gut ausgebauten litauischen Schnellstrassen haben die Eisenbahnen, die auf sowjetischen Gleismaßstab fahren, noch starken Nachholbedarf.
Flugverkehr
Kaunas hat einen modernen
Flughafen (
IATA-Code: KUN), der zur Zeit noch wenig genutzt wird, da der
Flughafen Vilnius, der 100 km entfernt ist, den Hauptteil des litauischen Flugverkehrs abwickelt. Seitdem der Flughafenbetreiber jedoch ein neues Gebührensystem eingeführt hat, beleben
Billigflieger seit Herbst
2005 das Angebot:
Ryanair fliegt täglich direkt nach
London-Stansted, sowie nach
Dublin und
Stockholm-Skavsta, und ab Herbst 2006 auch nach
Frankfurt-Hahn und
Liverpool.
Wizz Air fliegt nach
Warschau, wo z.B. Anschlussflüge nach
Dortmund angeboten werden.
Schifffahrt
Kaunas ist für Binnenschiffe vom
Kurischen Haff (
Klaipėda) her über die
Memel erreichbar. Die Binnenschifffahrt spielt allerdings bislang (anders als in sowjetischen Zeiten) keine nennenswerte Rolle. Problematisch dabei ist auch, dass der Unterlauf der Memel die EU Grenze zu Russland darstellt. Es gibt Pläne, den (sommerlichen) Personenverkehr auf einem Schnellboot von Kaunas nach
Nidden auf der
Kurischen Nehrung, der vor einigen Jahren eingestellt worden war, wieder aufzunehmen.
Söhne und Töchter der Stadt
- Valdas Adamkus, dritter und sechster Präsident von Litauen
- Mosche Arens, Israelischer Politiker und ehemaliger Verteidigungs - und Außenminister
- Auschra Augusta, Psychologin und Ökonomin sowie Gründerin der Sozionik
- Donatas Banionis, litauischer Schauspieler
- Vytautas Barkauskas, litauischer Komponist
- Emma Goldman, US-amerikanische Anarchistin und Friedensaktivistin
- Władysław Komar, polnischer Leichtathlet
- Vytautas Landsbergis, litauischer Politiker
- Emmanuel Lévinas, französischer Philosoph
- George Maciunas, US-amerikanischer Künstler litauischer Abstammung
- Jāzeps Mediņš, lettischer Komponist
- Oskar Minkowski, bedeutender Mediziner
- Victor Palciauskas, Schachspieler
- Marius Sabaliauskas, Radrennfahrer
- Arvydas Sabonis, litauischer Basketball-Spieler
- Ben Shahn, US-amerikanischer Maler und Grafiker
- Nina Gräfin Schenk von Stauffenberg, Witwe des NS-Widerstandskämpfers Claus Graf Schenk v. Stauffenberg
Weblink
Ort in Litauen | Kaunas | Hanse
Kauns | Коўна | Каунас | Kaunas | Kaunas | Kaŭnaso | Kaunas | Kaunas | Kaunas | Kaunas | קאונאס | Kaunas | カウナス | 카우나스 | Kaunas | Kauņa | Каунас | Kaunas | Kaunas | Kaunas | Kowno | Каунас | Kaunas | Kaunas | 考那斯