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Carthage_column.JPG CarthageMapDe.png Karthago (lat. Carthago, griech. Καρχηδών Karchēdōn; aus dem phönizischen Qart-Hadašt, deutsch „neue Stadt“) war eine antike Stadt in Nordafrika nahe dem heutigen Tunis in Tunesien. In der Antike war Karthago Hauptstadt der gleichnamigen See- und Handelsmacht. Die Einwohner Karthagos bezeichnete man auch als Punier. Nach dem Untergang des karthagischen Reiches wurde aus Karthago eine römische Stadt. Heute ist Karthago (franz. Carthage, arab. قرطاج Qartādsch) ein Vorort von Tunis. Das archäologische Ausgrabungsgelände von Karthago wurde 1979 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen und ist eine touristische Attraktion.

Geographie


Situationsplan_von_Karthago.jpg Karthago liegt an der Küste des Mittelmeers rund 10 km östlich des heutigen Tunis im Norden Tunesiens. Durch seine Lage an der Straße von Sizilien konnte Karthago den Seehandel zwischen dem östlichen und dem westlichen sowie dem nördlichen und südlichen Mittelmeer kontrollieren. Dies war ein Hauptgrund für die spätere wirtschaftliche und militärische Dominanz der Stadt. Karthago befand sich in der Mitte der wichtigsten phönizischen Handelsroute zwischen der Levante und Gibraltar. Zugleich bestand über Sizilien eine Verbindung zum Tyrrhenischen Meer und zum nördlichen Mittelmeerraum.

Die Stadt selbst liegt auf einer Halbinsel, die im Osten vom Golf von Tunis, im Norden von der Lagune Sebkhet Ariana und im Süden vom See von Tunis begrenzt wird. Die Lage war strategisch günstig, weil sich die Stadt so zur Landseite hin leicht verteidigen ließ. Der Byrsa-Hügel war das Zentrum sowohl des punischen als auch des römischen Karthago. Nördlich des eigentlichen Stadtgebiets, aber noch innerhalb der Stadtmauern, befand sich in der Antike das landwirtschaftlich genutzte Gebiet von Megara.

Geschichte


Dieser Abschnitt behandelt die Geschichte der Stadt Karthago. Zur Geschichte des karthagischen Reiches siehe Geschichte Karthagos.

Gründung

Karthago wurde im 8. oder 9. Jahrhundert v. Chr. von phönizischen Siedlern aus Tyros gegründet. In Abgrenzung zur älteren Kolonie Utica nannten sie die Stadt Qart-Hadašt, was „neue Stadt“ bedeutet. Die antike Überlieferung datiert die Gründung Karthagos auf das Jahr 814 v. Chr. Die ersten archäologischen Funde lassen sich auf die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. datieren. Die Gründungslegende Karthagos berichtet, wie die phönizische Prinzessin Elissa (Dido bei den Römern), die Schwester des tyrischen Königs Pygmalion, vor ihrem machtgierigen Bruder floh und an der afrikanischen Küste landete. Der ortsansässige Häuptling versprach ihr soviel Land, wie sie mit einer Kuhhaut umspannen konnte. Dido schnitt daraufhin die Kuhhaut in hauchdünne Streifen, legte sie aneinander und konnte so ein großes Stück Land markieren. Dieser Küstenstreifen bildete (so die Legende) die Byrsa, die Keimzelle Karthagos. Nach der Gründung Karthagos habe sich Elissa selbst auf einem Scheiterhaufen geopfert, um der Stadt Wohlstand zu garantieren. Eine abgewandelte Form dieser Legende findet sich in Vergils Aeneis.

Punische Zeit

In den ersten beiden Jahrhunderten seines Bestehens war Karthago noch von seiner Mutterstadt Tyros abhängig. Als das phönizische Mutterland im 6. Jahrhundert v. Chr. von den Persern erobert wurde, löste sich Karthago vom tyrischen Einfluss. In der Folgezeit entwickelte sich Karthago zu einer bedeutenden See- und Handelsmacht und gründete Kolonien auf Sizilien, Sardinien, Korsika, den Balearen, an der nordafrikanischen Küste und an der südlichen Mittelmeerküste Spaniens. Auch andauernde Konflikte während des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. mit den griechischen Kolonien Siziliens, vor allem Syrakus, taten dem Aufstieg keinen Abbruch. Während dieser Zeit war Karthago einem starken Einfluss der griechischen Kultur ausgesetzt.

Die Stadt prosperierte durch den Aufschwung des Seehandels. Im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. war Karthago zur reichsten Stadt des Mittelmeerraums geworden. In der Stadt wohnten 400.000 Menschen, weitere 100.000 lebten in der angrenzenden landwirtschaftlichen Nutzfläche der Megara.

Die drei Punischen Kriege gegen das aufstrebende Rom führten zu einem Niedergang Karthagos.

Römische Zeit

Od ruinen-von-karthago-enhanced 1-800x536.jpg Nach dreijähriger Belagerung eroberten die Römer unter Scipio Aemilianus Karthago 146 v. Chr. zum Ende des Dritten Punischen Krieges. Während der sechstägigen Eroberung plünderten und brandschatzten die römischen Truppen die Stadt. Die Verteidiger unter Hasdrubal leisteten erbitterten Widerstand. 50.000 der Einwohner ergaben sich den Römern und wurden in die Sklaverei verkauft. Die berühmte Forderung des älteren Cato (Ceterum censeo Carthaginem esse delendam – „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“) wurde umgesetzt und die Stadt systematisch bis auf die Grundmauern geschleift. Die Überlieferung, dass auf Karthagos Boden Salz gestreut wurde, um die Gegend unfruchtbar zu machen, stammt dagegen aus dem 19. Jahrhundert und ist durch antike Quellen nicht belegt. Jedenfalls lag die Stadtfläche ein Jahrhundert lang brach.

122 v. Chr. versuchte der Reformer Gaius Sempronius Gracchus im Rahmen seiner Sozialpolitik Karthago als Colonia Iunonia Carthago wiederzugründen. Damit stieß er jedoch auf den Widerstand des Senats. Nach Gracchus’ gewaltsamem Tod wurde das Vorhaben wieder aufgegeben. Schließlich war es Julius Caesar, dem Karthago seine Auferstehung verdankte. Nach seinem Sieg über Pompeius im Jahr 46 v. Chr. entschloss sich Caesar, Karthago wieder aufbauen zu lassen. Verwirklicht wurde dieses Vorhaben erst unter Augustus, der 29 v. Chr. 3000 Siedler in Karthago ansiedelte. Die Stadt trug nun den Namen Colonia Iulia Concordia Carthago.

Es erfolgte – insbesondere aufgrund des Handels mit Getreide und Töpferware – ein rascher Aufschwung. Im 2. Jahrhundert war Karthago mit über 300.000 Einwohnern nach Rom und Antiochia die drittgrößte Stadt des römischen Reiches. 238 wurde hier der kaiserliche Statthalter von Rebellen als Gordian I. zum Gegenkaiser ausgerufen – die Revolte wurde zwar niedergeschlagen, markierte aber für Kaiser Maximinus Thrax den Anfang vom Ende.

Bereits Ende des 2. Jahrhunderts bestand in Karthago eine große christliche Gemeinde; die Stadt war aufgrund ihrer Größe neben Rom der wichtigste Bischofssitz in der westlichen Reichshälfte. Die Akten der Scilitanischen Märtyrer, die 180 in Karthago hingerichtet wurden, stellen das älteste christliche Dokument in lateinischer Sprache dar. Wichtige Kirchenväter wie Tertullian und Cyprian wirkten in Karthago und prägten die christliche Literatur in lateinischer Sprache. Cyprian konnte in seiner Zeit als Bischof (248–258) die Christengemeinde von Karthago durch zahlreiche Synoden afrikanischer Bischöfe als führende Gemeinde der prokonsularischen Provinz Africa etablieren, deren Autorität auch nach Spanien, Gallien und Italien ausstrahlte. Zugleich nahmen die Christenverfolgungen zu: Cyprian starb 258 den Märtyrertod. Ende des 4. Jahrhunderts studierte der Kirchenvater Augustinus von Hippo in Karthago.

Spätantike und islamische Expansion

Im Jahr 439 wurde Karthago von den germanischen Vandalen unter König Geiserich erobert, die im Zuge der Völkerwanderung 429 von Spanien nach Afrika übergesetzt waren und schließlich die römische Provinz Africa eroberten. Karthago blieb während des 5. und frühen 6. Jahrhunderts Hauptstadt des Vandalenreiches, bevor es 533/534 von oströmischen Truppen unter dem Feldherrn Belisar erobert wurde. In der Folgezeit war Karthago Sitz eines oströmischen Statthalters sowie eines Heermeisters und Sitz der Verwaltung für das kaiserliche Nordafrika, das dann unter Kaiser Maurikios als Exarchat reorganisiert wurde. Kaiser Herakleios (610–641) war durch einen Putsch seines Vaters, des Exarchen von Karthago, gegen Phokas an die Macht gekommen und zog kurzzeitig in Betracht, die Hauptstadt des Reiches aufgrund der Bedrohung Konstantinopels durch die persischen Sassaniden und die Awaren nach Karthago zu verlegen.

Ab dem Jahr 647 stießen die Araber im Zuge der Islamischen Expansion nach Nordafrika vor. Der kaiserliche Statthalter Gregorios, vom Nachschub aus dem Mutterland abgeschnitten, erlag nach kurzem Widerstand der Übermacht der Araber, die bald die Provinz Ifriqiya mit der Hauptstadt Kairouan gründeten. Das stark befestigte Karthago fiel aber erst 698 endgültig und wurde von den Arabern zerstört. Damit endete für Afrika die Spätantike. Fortan übernahm die nahegelegene Stadt Tunis die Rolle eines Verwaltungszentrums. Die Ruinen Karthagos dienten jahrhundertelang als Steinbruch für die Bauten in Tunis, Kairouan, Sousse und in anderen arabischen Städten.

Staatswesen Karthagos in punischer Zeit


Verfassung

Das Wissen über die Verfassung Karthagos beruht neben der punischen Epigraphik auf den antiken Autoren Aristoteles, Polybios, Diodor, Livius und Justinus. Aristoteles untersucht in seinem staatsphilosophischen Werk Politik verschiedene bestehende Staatsformen, darunter auch die karthagische. Aristoteles vergleicht die Verfassung Karthagos mit der von Sparta und schätzt sie durchaus positiv ein. Ein Problem bei der Rekonstruktion der karthagischen Staatsverfassung ist, dass in den lateinischen und griechischen Quellen die karthagischen Staatsämter oft ungenau bezeichnet werden.

Anfangs standen Könige an der Spitze des karthagischen Staatswesens, ganz nach dem Vorbild der Mutterstadt Tyros. In späterer Zeit war der karthagische Staat eine Oligarchie mit demokratischen Elementen, ähnlich der Römischen Republik.

An der Spitze des karthagischen Gemeinwesens standen zwei Sufeten, von römischen und griechischen Autoren als „Könige“ bezeichnet, die jährlich neu gewählt wurden. Ihre Rolle entspricht etwa der der Konsuln in Rom oder den Dogen in Venedig. Sie leiteten den Magistrat, zu dem weitere Ämter gehörten, etwa das Amt des „Großen“ (punisch rab, möglicherweise verantwortlich für die Staatsfinanzen) und ein eigenes Feldherrnamt. Das wichtigste politische Organ war der Senat, der über politische Fragen zu entscheiden hatte. Er wurde von einem Ausschuss von 30 Senatoren geleitet. Ein zusätzlich gewähltes Richtertribunal setzte sich aus 100 Senatoren zusammen und fungierte als oberster Gerichtshof. Daneben gab es eine Volksversammlung, in der alle Bürger stimmberechtigt waren.

Verwaltung

Der Stadtstaat Karthago beherrschte ein großes Imperium im westlichen Mittelmeerraum. Dabei gewährten die Bewohner Karthagos den eroberten Gebieten relativ viel Autonomie und beschränkten sich auf die Verwaltung, das Eintreiben von Steuern und die Rekrutierung von Streitkräften. Die karthagisch kontrollierten Gebiete wurden in Verwaltungsbezirke aufgeteilt, die von Beamten kontrolliert wurden. Alte phönizische Gründungen wie Utica sowie griechische Kolonien auf Sizilien durften ihre lokale Administration beibehalten.

Militär

Das karthagische Heer bestand hauptsächlich aus Rekruten aus unterworfenen Gebieten und Söldnern, hauptsächlich Numidern, daneben Sarden, Iberern, Kelten, Elymern und Sikuler, Galliern und Hellenen. Die ausländischen Kontingente waren relativ autonom. Sie wurden nach ihrer militärischen Ausbildung eingesetzt, z.B. die Numider als Reiter und die Einwohner der Balearen als Schleuderer, und durften ihre einheimische Kleidung und Bewaffnung beibehalten. Die Bürger Karthagos waren vom Militärdienst befreit. Sie bekleideten nur die oberen Ränge des Militärs und bildeten eine Elitetruppe von 2500 Mann, die sogenannte „Heilige Schar“.

Die Generäle stammten aus dem karthagischen Adel und wurden von der Volksversammlung gewählt. Ihr nur waren sie auch Rechenschaft schuldig. Die Größe des Heeres schwankte zwischen 25.000 und über 100.000 Mann. Das Kernstück der Armee war die leichte und die schwere Infanterie. Daneben gab es die Kavallerie, die hauptsächlich aus Numidern bestand. Bis zu den Punischen Kriegen wurden Streitwagen verwendet. Später wurden diese durch Kriegselefanten ersetzt.

Die Marine rekrutierte sich aus Bürgern Karthagos. Anfangs war die Trireme mit drei Ruderbänken der wichtigste Schiffstyp. Später entwickelten die Marine Karthagos die Quinquereme mit je fünf Ruderern. Eine Quinquereme konnte etwa 40 m lang sein und eine Mannschaft von 300 Mann aufnehmen.

Wirtschaft


Handel

Die Punier waren ausgezeichnete Seefahrer. Deshalb verwundert es nicht, dass der Seehandel für die Wirtschaft Karthagos eine zentrale Rolle spielte. Am Kreuzungspunkt der Handelsrouten zwischen dem östlichen und westlichen sowie dem nördlichen und südlichen Mittelmeer gelegen, war Karthago zudem einer der Hauptumschlagplätze für ausländische Güter.

Das wichtigste kommerzielle Interesse der Karthager war der Erwerb von Metall. Silber importierten sie vor allem aus Südspanien, wo sich in der Nähe der Stadt Carthago Nova (heute Cartagena) ertragreiche Bergwerke befanden, daneben auch aus Sardinien und Etrurien. Gold kam wahrscheinlich durch direkten oder indirekten Handel aus Westafrika. Der Bedarf an weniger wertvollen Metallen wie Kupfer und Eisen konnten wohl durch heimische Vorkommen in Nordafrika gedeckt werden. Das zur Bronzeherstellung notwendige Zinn importierte man über die Atlantikküste aus Galicien oder aus Südspanien. Unter dem Seefahrer Himilkon unternahmen die Karthager sogar eine Expedition nach Britannien, um die dortigen Zinnvorkommen zu erschließen.

Landwirtschaft

Nordafrika war in der Antike ein landwirtschaftlich sehr produktives Gebiet. In römischer Zeit galt die Provinz Africa als „Kornkammer Roms“; das Gebiet war zu jener Zeit teils noch bewaldet und hielt die Bodenkrume. Die Punier hatten fortschrittliche landwirtschaftliche Techniken entwickelt. Der karthagische Schriftsteller Mago verfasste im 2. Jahrhundert v. Chr. eine Agrar-Enzyklopädie, die nicht erhalten ist, aber oft von römischen Autoren zitiert wurde. In Byzacena, einem Gebiet, das in etwa dem heutigen tunesischen Sahel entspricht, und im Medjerda-Tal erzielten die Punier hervorragende Ernten. Neben Getreide wurden intensiv Ölbäume, Weinreben, Feigenbäume und Dattelpalmen angebaut.

Die Fischerei war ein lukrativer Wirtschaftszweig. Vor der Küste Karthagos wurden Thunfische gefangen. Vor allem aber betrieb man Fischfang vor der Atlantikküste Spaniens und des heutigen Marokko, von wo aus der eingesalzene Fisch nach Karthago und in andere Orte des Mittelmeers exportiert wurde.

Handwerk

Die Produktherstellung in der Stadt Karthago bestand vor allem aus Webereien und Färbereien, daneben auch Betriebe zur Keramikproduktion. Abgesehen von Textilien wurden die Produkte aber nicht exportiert, sondern waren vorrangig auf den heimischen Markt ausgerichtet. Ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig war der Schiffbau. Das dafür benötigte Holz konnte in den damals noch in der Umgebung Karthagos vorhandenen Eichen- und Kiefernwäldern gewonnen werden. Unter Verwendung des Zuschlagstoffes Kalk wurde in einem mehrstufigen Verfahren hochwertiges Eisen erzeugt. Aus Zinn und Kupfer wurde Bronze hergestellt und zu Gefäßen und anderen Gegenständen verarbeitet. Vor allem in Kriegszeiten florierte die Waffenproduktion.

Kultur


Religion

Karthago_Tophet.JPG Hauptartikel: Karthagische Religion

Anfangs wurden in Karthago, wie im phönizischen Mutterland üblich, Astarte und Melkart als Hauptgötter verehrt. Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. entwickelten sich Tanit und Baal Hammon zu den Hauptgöttern Karthagos. Tanit wurde als Schutzpatronin der Stadt verehrt. Ihr Gemahl Baal Hammon galt als Fruchtbarkeitsgott. Eine weitere bedeutende Gottheit im Pantheon der Karthager war Eschmun. Auch fremde Kulte wie der der ägyptischen Göttin Isis wurden in Karthago praktiziert.

Es gilt als wahrscheinlich, dass die Karthager Menschenopfer praktizierten. Antike Autoren wie Diodor und Plutarch berichten, wie Kinder, vornehmlich Erstgeborene aus wohlhabenden Familien, einer Molochstatue in die Arme gelegt und durch einen Mechanismus in ein Feuer fallengelassen wurden. Der Schriftsteller Gustave Flaubert übernahm diese Schilderung in seinem 1888 erschienenen Roman Salammbô. Die Annahme von Menschenopfern wird neben den antiken Überlieferungen durch Funde von Knochen kleiner Kinder auf dem Tophet von Karthago gestützt. Die Interpretation der Menschenopfer ist jedoch umstritten.

Kunst

Head man Carthage Louvre AO3783.jpg Die punische Kunst lehnte sich anfangs noch an ihre phönizischen Vorläufer an. Über die griechischen Kolonien auf Sizilien wurden die Karthager schon früh griechischem Einfluss ausgesetzt. Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. war der Einfluss des Hellenismus besonders stark.

Die zahlenmäßig am meisten vertretenen Beispiele punischer Kunst sind die Votivmonumente aus den Grabbezirken (Tophets). Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. treten hohe, mit Reliefs verzierte Kalksteinstelen auf. Das häufigste Motiv ist das Tanit-Zeichen und die Halbmondscheibe. Seltener kommen auch Darstellungen von Menschen oder Tieren vor.

Sprache und Literatur

Siehe auch: Punische Sprache

Die Einwohner Karthagos sprachen Punisch, eine Abart der phönizischen Sprache. Damit gehört das Punische zu den semitischen Sprachen und ist mit dem Hebräischen verwandt. Die punische Schrift ist eine kursive Variante des phönizischen Alphabets und war bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. in Verwendung.

Überliefert ist die Sprache der Punier nur durch Inschriften, von denen fast alle einen religiösen Inhalt haben. Meistens handelt es sich um Widmungen auf Gedenk- oder Grabsteinen auf den Kultstätten oder Nekropolen. Die Inschriften sind meist kurz und formelhaft. Zu den wenigen Texten mit nicht-sakralem Charakter gehört eine Inschrift aus Karthago, die die Einweihung einer Straße oder eines Tores (die Übersetzung des punischen Begriffs ist nicht gesichert) behandelt. Kürzere Inschriften finden sich auf Keramikfragmenten oder Schmuckstücken.

Die Literatur der Punier, deren Existenz durch antike Autoren bestätigt wird, ist nicht erhalten. Die Bibliothek von Karthago wurde während der Zerstörung der Stadt 146 v. Chr. vernichtet. Der Periplus von Hanno, der Bericht über eine Seereise entlang der afrikanischen Westküste, ist in einer griechischen Übersetzung überliefert. Der Schriftsteller Mago verfasste im 2. Jahrhundert v. Chr. ein bedeutendes Werk über die Landwirtschaft, das nicht erhalten ist, aber von römischen Autoren zitiert wird. In Plautus' Komödie Poenulus kommen punischsprachige Passagen vor.

Die Stadt Karthago


Das punische Karthago

Quartier_Punique.JPG | Karthago Tophet 2.JPG Die Kenntnis über das Karthago der punischen Epoche ist recht beschränkt, da durch die Zerstörung der Stadt im Dritten Punischen Krieg nur wenige Überreste aus dieser Zeit erhalten geblieben sind. Man geht davon aus, dass die Stadt eine Siedlungsfläche von mehr als 24 Hektar und eine Ausdehnung von 800 m entlang der Küstenlinie hatte. Die Einwohnerzahl Karthagos wird auf 400.000 geschätzt. Das Straßennetz von Karthago war rechtwinklig angelegt. Die Stadt war sowohl zum Land als zur See hin durch Befestigungsanlagen geschützt. Die 13 m hohe und 40 km lange Mauer umschloss ein größeres Areal, zu dem auch die landwirtschaftliche Nutzfläche von Megara gehörte. Bei Ausgrabungen konnten Fundamente einer Seemauer freigelegt werden.

Das Zentrum des punischen Karthago war der Byrsa-Hügel, die Akropolis von Karthago. Man geht davon aus, dass sich hier eine Zitadelle und ein großer Tempel des Eschmun befand. Da der Hügel aber durch die römische Bautätigkeit eingeebnet wurde, lassen sich diese nicht nachweisen. An der Südostflanke des Hügels wurde ein punisches Wohnviertel ausgegraben. Die aus Lehmziegeln auf Steinfundamente errichteten Häuser waren mehrstöckig (der Historiker Appianus berichtet von sechsstöckigen Häusern) und waren um einen Innenhof angelegt. Sie verfügten über Mosaikfußböden, Badebecken und unterirdische Zisternen zum Auffangen von Regenwasser. Ein weiteres erhaltenes punisches Wohnviertel ist das aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammende sogenannte Magonidenviertel (Quartier Magon) nahe dem Ufer.

An der Küste befanden sich die Hafenanlage, die aus einem Handels- und einem Kriegshafen bestand. Der Handelshafen war ein 456 m × 356 m großes rechteckiges Becken, das durch einen Kanal mit dem offenen Meer verbunden war. Ein zweiter Kanal verband den Handelshafen mit dem Kriegshafen oder Kothon, einem kreisrunden Becken mit einem Durchmesser von 325 m. Er bot Platz für 220 Kriegsschiffe. In der Mitte des Kriegshafens befand sich eine künstliche Insel mit dem Gebäude der Admiralität. Die Hafenbecken sind bis heute erhalten.

Antike Autoren wie Appianus erwähnen einen unweit vom Hafen gelegenen zentralen Platz (Agora) und öffentliche Gebäude, die jedoch nicht archäologisch nachgewiesen sind.

Der heiligste Ort des punischen Karthago war der Tophet, eine Begräbnis- und Kultstätte und die Stelle, wo der Sage nach Elissa gelandet sein soll. Bei Ausgrabungen legte man zwölf Gräberschichten, die aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. bis in frühchristliche Zeit reichen, frei und fand über 1500 beschriftete und mit religiösen Symbolen verzierte Stelen. Auf dem Tophet wurde zunächst Baal Hammon, später die Stadtgöttin Tanit verehrt. Zum Kult gehörten auch die berüchtigten Kinderopfer der Karthager, die hier ausgeführt wurden.

Das römische Karthago

Karthago_Antoninus-Pius-Thermen.JPG Die Topographie des rund ein Jahrhundert nach der Zerstörung der punischen Metropole wiederaufgebauten römischen Karthago ähnelt der aus der punischen Zeit. Das Forum und Kapitol lagen auf dem Byrsa-Hügel. Die Stadt wurde durch Villenviertel und einen neuen Hafen erweitert.

Eines der prächtigsten römischen Bauwerke in Karthago waren die 162 fertiggestellten Antoninus-Pius-Thermen. Das Badehaus lag direkt am Meer und war mit einer Ausdehnung von ca. 200 m die größte Thermenanlage außerhalb von Rom. Das Gebäude überstand die arabische Eroberung und wurde erst im 11. Jahrhundert durch den Einfall des Nomadenstammes der Beni Hilal zerstört. Heute gehören die Ruinen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Karthagos.

In der Umgebung der Antoninus-Pius-Thermen lag ein Villenviertel. In der Nähe befanden sich das römische Theater und die Gallienus-Thermen, in denen 411 das Konzil von Karthago abgehalten wurde. Landeinwärts befinden sich das heute nur spärlich erhaltene Amphitheater von Karthago, das einst 50.000 Zuschauern Platz bot, und die Zisternen von La Malga, die die Trinkwasserversorgung der Stadt sicherten. Im nördlichen Teil von Karthago stand eine neunschiffige frühchristliche Basilika aus dem 5. Jahrhundert.

Das moderne Karthago

Tunesien_24.jpg gesäumte Küstenstraße in Karthago mit Blick auf das Mittelmeer]] Heute ist Karthago ein nobler Villenvorort von Tunis und Standort des tunesischen Präsidentenpalastes.

Auf dem Byrsa-Hügel thront die Kathedrale des Heiligen Louis. Die Kathedrale wurde 1890 von den französischen Kolonialherren an der Stelle errichtet, die als Ort des Grabes von Ludwig IX. angenommen wurde. Dieser starb 1270 in Karthago im Laufe des siebten Kreuzzuges. Bis 1965 war die größte Kirche Nordafrikas Sitz des Erzbischofs von Karthago, heute dient sie als Kulturzentrum. In dem ehemaligen Kloster neben der Kathedrale befindet sich heute das archäologische Nationalmuseum.

Die elektrische Schnellbahn TGM verbindet Karthago mit der Innenstadt von Tunis. Westlich von Karthago, am Nordufer des Sees von Tunis, liegt der Flughafen Tunis-Carthage. Nördlich von Karthago reihen sich die Vororte Sidi Bou Said, La Marsa und Gammarth an der Mittelmeerküste.

Die Ausgrabungen von Karthago gehören zu den bedeutendsten touristischen Attraktionen Tunesiens. Die meisten Reiseveranstalter bieten Tagesausflüge von den Badeorten an der Mittelmeerküste nach Tunis, Karthago und Sidi Bou Said an.

Literatur


  • Collette und Gilbert Charles-Picard: Karthago. Leben und Kultur. Reclam, Stuttgart 1983, ISBN 3-15-010316-9.
  • Winfried Elliger: Karthago. Stadt der Punier, Römer, Christen. Kohlhammer, Stuttgart 1990, ISBN 3-17-010185-4.
  • M’hamed Hassine Fantar: Carthage. La cité punique. Alif – Les éditions de la Méditerranée, Tunis 1995, ISBN 9973-22-019-6.
  • Werner Huß: Karthago. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39825-1.
  • Jürgen Süß u.a.: Karthago – Macht und Reichtum der antiken Großmacht. MediaCultura, Brühl 2004, ISBN 3-00-014215-0 (CD-ROM).
  • Friedrich Rakob: Die deutschen Ausgrabungen in Karthago, Bd. 1–3, Zabern, Mainz 1994ff.

Weblinks


Siehe auch


Geschichte (Tunesien) | Weltkulturerbe (Afrika) | Karthago | Archäologischer Fundplatz in Tunesien | Phönizische Stadt | Karthagische Stadt | Römische Geschichte | Ort in Tunesien

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