Karl W(olfgang) Deutsch (* 21. Juli 1912 in Prag; † 1. November 1992 in Cambridge, USA) war ein bedeutender Politikwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Bekannt ist er für seine breit angelegten vergleichende Analyse politischer Prozesse, wie seine Analysen zum "nation building". Besonders analysiert er dabei die Nationalisierungsprozesse immer größer werdender Gemeinschaften.
Deutsch war zudem Unitarier.
Seine Mutter, eine Sozialdemokratin, war einer der ersten weiblichen Abgeordneten des tschechoslowakischen Parlaments, sein Vater war Optiker. In seiner Jugend gab es für Deutsch mehrere prägende Erfahrungen, die sich in seinen späteren Werken niederschlugen und seine Theorien bestimmten. Die Nationalitätenkonflikte in der noch jungen tschechoslowakischen Republik, die Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie und auch der Aufstieg und die folgende Machtübernahme der Nationalsozialisten waren für Deutsch wichtige Schlüsselerlebnisse. Ein weiterer wichtiger Einfluss auf ihn war seine Mutter. In einer Autobiographie („A Voyage of the mind 1930-1980“) schrieb Deutsch, dass sein Interesse für die Politik zum ersten Mal im Alter von sechs Jahren geweckt wurde – auf den Wahlversammlungen seiner Mutter.
1931 absolvierte er das Deutsche Staatsrealgymnasium in Prag, 1934 erlangte er an der Deutschen Universität Prag seinen ersten akademischen Grad. Sein weiteres Studium an der inzwischen von den Nationalsozialisten unterwanderten Universität musste Deutsch aufgrund seines Engagements in Anti-Nazigruppierungen, zu denen er sich öffentlich bekannte, unterbrechen. Er verließ die Tschechoslowakei und studierte angewandte Optik in England, bevor er wieder nach Prag zurückkehrte. Hier wurde er dann zur tschechischsprachigen Karls-Universität zugelassen – eine hohe Würde für einen deutschstämmigen Tschechen – wo er im Jahre 1938 seinen Doktor der Rechtswissenschaften (Dr. iur.) erlangte. Im selben Jahr reisten Deutsch und seine Frau Ruth zu einem antifaschistischen Kongress der sozialdemokratischen Partei in die USA. Während ihres Aufenthaltes in den Staaten ergaben sich auf dem europäischen Kontinent Ereignisse, die für Deutsch und seine Frau den Ausschlag gaben nicht mehr aus den USA heimzukehren. Gemeint sind das Münchener Abkommen von September 1938 und die darauf folgende Annektierung des Sudetenlandes durch das Deutsche Reich. 1939 begannen Deutsch und seine Frau ihr neues Leben in den Vereinigten Staaten. Deutsch erhielt ein Stipendium für Verfolgte des Naziregimes und studierte an der Universität zu Harvard. Ab Kriegseintritt der USA im Jahre 1942 arbeitete er für die amerikanische Regierung. Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sich Deutsch wieder seinem Studium in Harvard. Gleichzeitig lehrte er noch an der MIT (Massachusetts Institute of Technology) und veröffentlichte eigene Artikel. 1951 wurde ihm der Doktortitel der Harvard Universität verliehen. Seine Dissertation „Nationalism and Social Communication“ erhält 1951 den Sumner-Preis der Harvard Universität. Bereits hier ließ sich erkennen, welche Anschauungsweisen Deutsch auf Politik und Gesellschaft hatte. Im Jahr darauf, 1952, promovierte Deutsch zum Professor für Geschichte und Politikwissenschaft an der MIT (1952-1958).Dies war nur der Beginn seiner Karriere in den USA. Weitere Stationen in seiner akademischen Laufbahn waren die Universität Yale, (1958-1967 als „Professor of Government“) die Universität Harvard, (1971-1983 als Professor für Friedensforschung) sowie einige Gastprofessuren. Von 1977 bis 1987 war er am Internationalen Institut in Berlin tätig bevor er sich dann abschließend noch im Bereich der Friedensforschung an der Emory Universität in Atlanta beschäftigte.
Als Autor und Co-Autor von 14 Büchern und über hundert Aufsätzen, fühlte sich Karl W. Deutsch immer folgenden drei Impulsen verpflichtet: sein politisches Augenmerk lag auf der Bearbeitung von substantiellen Problemen, seine wissenschaftliche Herangehensweise war immer streng systematisch und ein ihm selbst sehr wichtiger pädagogischer Ansatz war es, wissenschaftliche Erkenntnisse für alle zugänglich zu machen. Die Erhebung neuer Datensätze lieferte immer den Ansatz für die Herangehensweise an alten und neuen wissenschaftlichen Problemen. Theorien untersuchte er genauestens anhand der Fallbeispiele und suchte schließlich vor allem durch die Quantität seiner Datensätze im besten Falle generelle Indikatoren für zukünftige Entwicklungen zu finden. Dabei arbeitete er fast immer interdisziplinär. Im Folgenden möchte ich drei der wichtigsten Theorien von Deutsch wiedergeben. Deutsch untersuchte den Untergang alter Reiche und entwickelte dabei ein „Schichtkuchenmuster“. Die Kommunikation von einer sozialen Schicht zur nächsten wird nach unten hin immer schwächer, es folgt eine totale Desintegration der untersten sozialen Schicht, da sie in keiner Weise die Möglichkeit der Partizipation, oder der Mitsprache hat. Das macht das veraltete System anfällig für Angriffe von Innen und von Außen.
Entgegen der Desintegration beobachtete Deutsch in Europa die Entwicklung der „sozialen Mobilisierung“. Diese verlief in vier Phasen. Als Erstes entstand eine Tauschökonomie in der Gesellschaft und später auch weltweit. Darauf folgte die Verstädterung, und dadurch bessere Kommunikations- und Organisationsmöglichkeiten. Die dritte Phase, nämlich die Alphabetisierung der Massen förderte das Selbstbewusstsein, wie auch die Fähigkeiten der Bevölkerung in verschiedenen Gebieten. Als Letztes wird eine Politisierung von Interessen und Wahrheiten beschrieben.
Als logische Folge seiner bisherigen Studien setzte sich Deutsch mit der möglichen Bildung von überstaatlichen, also supranationalen, Institutionen auseinander, die er selbst als „Sicherheitsgemeinschaften“ betitelte. Die Bildung solcher Gemeinschaften schien ihm sinnvoll, da bei dem ansteigenden Wachstum von Nationen zwar mehr Leistung erbracht werden konnte, wenn man diese miteinander vernetzte, allerdings immer die Gefahr eines chauvinistischen und aggressiven Alleingangs einer einzelnen Nation bestand. Deutsch unterschied zwei Arten der Sicherheitsgemeinschaft. Die „amalgamierte Sicherheitsgemeinschaft“ empfand er als wenig Erfolg versprechend, da sie zu viele und zu komplizierte Voraussetzungen forderte, so zum Beispiel die nötige Vereinbarkeit der wesentlichen Werte, mehr und bessere Kommunikation, die Zunahme von politischen und vor allem administrativen Anforderungen an jeden einzelnen Staat, die Mobilität von Personen und die Voraussagbarkeit der nächsten Handlungen eines jeden Akteurs innerhalb dieser Gemeinschaft. Die Nationen ihrerseits erwarteten einen ökonomischen Gewinn für jeden durch die Gemeinschaft. Die „amalgamierte Sicherheitsgemeinschaft“ beinhaltet somit die Bildung einer komplett neuen politischen Gemeinschaft. Die „pluralistische Sicherheitsgemeinschaft“ hingegen ist bescheidener in ihren Ansprüchen. Sie beschränkt sich auf die nötige Vereinbarkeit der wesentlichen Werte, eine gewisse Sensibilität und ein Verantwortungsgefühl gegenüber sozial Schwächeren und Minderheiten, sowie die Voraussagbarkeit des Verhaltens eines jeden Akteurs innerhalb der Gemeinschaft.. Allerdings kritisierte Deutsch immer, dass beide Arten der Sicherheitsgemeinschaften stark Rückfall gefährdet seien.
In seinem ersten Buch „Nationalism and Social Communication“ (1953), das auch gleichzeitig seine Dissertation war, und 1951 den Harvard Summner Preis erhielt, setzt sich Deutsch intensiv mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus, seinen Wurzeln und Auswirkungen, sowie den generellen Themen Krieg und Rassismus auseinander. Er beschreibt seinen persönlichen Grund von Politik und für Politik Krieg und Zerstörung vorzubeugen, und Leid zu lindern. In „Nationalism and ist Alternatives“ (1969) entwickelt Deutsch einen neuen Nationalismus-Begriff, der auf eine Gruppe von Menschen basiert, die schon immer die gleiche Art der Kommunikation, sprich Sprache, sowie die gleichen Wege der Kommunikation hatten. Ein weiteres Buch „The Nerves of Government“ untersucht die vielen verschiedenen Arten der Kommunikation und Kontrolle. Deutsch behandelt aber auch in diesem Buch wieder die Arten der Kommunikation und Kontrolle innerhalb einer Gesellschaft und Organisationen. Er orientierte sich dabei an Fragen, wie zum Beispiel in wie weit der Grad der Kommunikation innerhalb und außerhalb eines Staates ein Anzeichen für die Entwicklung, oder Untergang eines Staates ist, oder ob man an der Anzahl der Institutionen, die Informationen und die allgemeine Kommunikation innerhalb eines Staates kontrollieren und beobachten sollen, die allgemeine Leistungsfähigkeit der Regierung ablesen kann. Deutsch war in seinen eigenen Worten bestrebt durch dieses Buch den politischen Gedanken in Richtung eines Gedanken zu lenken, der beinhaltet Politik als potentielles Instrument für soziale Feinfühligkeit, soziale und ökonomische Entwicklung, sowie intellektuelles und moralisches Wachstum. Seine wissenschaftliche Arbeit jedoch vollzog sich nie auf einer rein theoretischen Basis, wie schon erwähnt mussten seine Theorien immer empirisch nachweisbar sein. In dieser Tradition entstand wohl das Buch „Germany rejoins the powers“ in dem anhand von Datenerhebungen, wie der öffentlichen Meinung, Wirtschaft, und der Hintergrund sozialer Schichten, der Nachkrieges-Fortschritt in Westdeutschland beschrieben wurde.
Mann | Politologe | Amerikanischer Unitarier | Geboren 1912 | Gestorben 1992
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