Karl Kraus (* 28. April 1874 in Jičín (deutsch: Jitschin oder auch: Gitschin), Böhmen, damals Österreich-Ungarn, heute Tschechien; † 12. Juni 1936 in Wien) war einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jahrhunderts, ein Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprach- und Kulturkritiker – vor allem ein scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus oder, wie er selbst es ausdrückte, der Journaille.
1892 begann Kraus ein Jurastudium an der Universität Wien. Ab April erschienen seine ersten journalistischen Beiträge in der Wiener Literaturzeitung. 1894 wechselte er das Fach und studierte bis 1896 Philosophie und Germanistik, ohne das Studium abzuschließen. 1897 wurde Kraus Wiener Korrespondent der Breslauer Zeitung.
1899 trat er aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus. 1911 konvertierte Kraus zum Katholizismus, ließ sich am 8. April in Wien taufen, sein Taufpate war Adolf Loos; er trat jedoch 1923 aus der katholischen Kirche wieder aus.
1913 lernte Kraus die böhmische Baronin Sidonie Nádherny von Borutin kennen, mit der ihn eine konfliktreiche, aber lange und intensive Beziehung verband. Auf Schloss Janowitz, dem Familienbesitz der Nádhernys, entstanden zahlreiche Werke. Sidonie Nádherny wurde zur wichtigen Korrespondenzpartnerin, „kreativen Zuhörerin“ und Adressatin von Büchern und Gedichten.
Am 12. Juni 1936 starb Karl Kraus nach kurzer Krankheit in Wien an einer Herzembolie.
Wichtigster Indikator für die Missstände in der Welt war für ihn die Sprache. In dem nachlässigen Umgang seiner Zeitgenossen mit der Sprache sah er ein Zeichen für den nachlässigen Umgang mit der Welt im Allgemeinen. So konnte Ernst Křenek über Karl Kraus die folgende für ihn typische Äußerung berichten: „Als man sich gerade über die Beschießung von Shanghai durch die Japaner erregte und ich Karl Kraus bei einem der berühmten Beistrich-Problemen antraf, sagte er ungefähr: Ich weiß, daß das alles sinnlos ist, wenn das Haus in Brand steht. Aber solange das irgend möglich ist, muß ich das machen, denn hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, daß die Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Shanghai nicht brennen.“
Er warf den Menschen seiner Zeit – und unter ihnen nicht zuletzt den Journalisten und Schriftstellern – vor, die Sprache als Mittel zu gebrauchen, das man zu „beherrschen“ glaubt, anstatt sie als Zweck zu sehen und ihr zu „dienen“. Für Kraus ist Sprache kein Mittel, um vorgefertigte Meinungen an den Mann zu bringen, sondern das Medium des Denkens selbst und als solches der kritischen Reflexion bedürftig. Ein wesentliches Anliegen Karl Kraus' war es darum, in einer „durch und durch journalisierten Zeit, der der Geist zur Information dient und die taube Ohren hat für den Einklang von Inhalt und Form“ seine Leser zu „entjournalisieren“ und zu einem „Verständnis für die Angelegenheit der deutschen Sprache zu erziehen, zu jener Höhe, auf der man das geschriebene Wort als die naturnotwendige Verkörperung des Gedankens und nicht bloß als die gesellschaftspflichtige Hülle der Meinung begreift“.
Wie weit die Sprache seiner Zeitgenossen sich vom Gedanken und von der Vorstellung des Gesprochenen entfernt hat, wird in den Phrasen offenbar, deren Metaphorik aus einer längst vergangenen Zeit stammt: wenn etwa während des ersten Weltkrieges davon die Rede ist, dass „bis aufs Messer“ gekämpft wird – in einer Zeit, in der längst Gas zum Mittel der Kriegsführung geworden ist.
Die Sprache lasse sich nicht völlig vom Menschen in den Dienst seiner Absichten stellen, sondern zeige noch in ihrer verstümmeltsten Form die wahren Zustände in der Welt auf. So wiesen beispielsweise die Kriegsgewinnler unbewusst auf das grausame Schlachten während des Krieges hin, wenn sie den Krieg als „Mordshetz“ (österreichisch: großer Spaß) bezeichneten.
Diese Fixierung auf die "richtige Sprache" wurde von vielen Zeitgenossen zumindest als schrullig und oberflächlich angesehen. Indem er in der Presse und der "literarischen Unterwelt" den Hauptfeind ausmachte, blieben andere gesellschaftliche und kulturelle Felder bei ihm unscharf, was sich auch in seiner schwankenden politischen Haltung (zeitweise sympathisierte er mit der Sozialdemokratie, zeitweise mit dem Erzherzog Franz Ferdinand) ausdrückt. Albert Fuchs - ursprünglich ein Verehrer Kraus' - brachte es folgendermaßen auf den Punkt: Karl Kraus' Philosophie lehrte, man solle gutes Deutsch schreiben. Sonst lehrte sie nichts.
Dieses Vorgehen Kraus' geschah keineswegs ohne Grund. Kraus wies die Zahlung sogenannter „Pauschalien“ großer Wirtschaftsunternehmen an die Zeitungen nach, mit denen sie sich das Wohlverhalten der Zeitungen erkauften. Er konnte einen Zusammenhang zwischen Angriffen einer Zeitung auf ein Wirtschaftsunternehmen und deren Erlöschen mit Schaltung einiger Inserate durch dieses Unternehmen belegen. "Die 'Neue Freie Presse' ist im Begriffe, einen Artikel zum Preise von – das weiß ich nicht, aber jedenfalls zum Preise von Gastein zu schreiben."
Hinzu kommt, dass die Presse zu allen Zeiten die Tendenz aufgewiesen hat, sich gerne selbst sehr wichtig zu nehmen. Karl Kraus stellte vor allem in seinen früheren Jahren darum gerne auch die Presse aktiv bloß, etwa durch Lancieren des einen oder anderen sogenannten Grubenhunds mit einer Menge von beeindruckend klingenden, aber sinnlosen Fachbegriffen.
Der Kampf gegen die Presse ist nicht zu trennen vom Kampf gegen die Phrase: „...es ist meine tiefste Überzeugung, daß die Phrase und die Sache eins sind“. Wer unrein schreibt, der denkt auch unrein: „Die Menschen glauben immer noch, daß der menschliche Inhalt bei schlechtem Stil ein vorzüglicher sein könne und daß sich die Gesinnung ganz separat etabliere. Aber ich behaupte... daß nichts notwendiger ist, als solche Leute als Makulatur einzustampfen. Oder es müßte ein Landtag über die Sprache konstituiert werden, der, wie für jede Kreuzotter, für jede erlegte Phrase eine Belohnung aussetzt.“
Bereits 1899 trat Karl Kraus aus der jüdischen Religion aus und ließ sich nach einigen Jahren der Konfessionslosigkeit im Jahr 1911 katholisch taufen. Dieser Schritt aber blieb der Öffentlichkeit unbekannt, bis Karl Kraus ihn 1922 in aufsehenerregender Weise rückgängig machte – als Protest gegen eine Kirche, welche die Salzburger Kollegienkirche dazu hergab, dass Max Reinhardt darin Theateraufführungen inszenierte.
Kraus' Schriften weisen stellenweise einen Duktus auf, den man als antisemitisch auffassen könnte, so etwa, wenn er das „Jüdisch-Deutsch“ als „mauscheln“ bezeichnet, oder wenn er in Rückgriff auf die angeblichen Ritualmorde der Juden die Tätigkeit des Herausgebers der Neuen Freien Presse, Moriz Benedikt, einen „Ritualraub“ nennt. Auch in der langwährenden polemischen Auseinandersetzung Kraus' mit Heinrich Heine, eines deutsch-jüdischen Schriftstellers wie Kraus selbst, dem er vorwirft, er habe der deutschen Sprache das Mieder gelockert, so dass jeder Kommis nun an ihren Brüsten herumfingern dürfe, finden sich zahlreiche versteckte und offene Anspielungen auf Heines Judentum.
Diese Ambivalenz gegenüber der eigenen Identität und die Neigung, die vermeintlichen „typisch jüdischen“ Eigenschaften vornehmlich als negativ aufzufassen, ist jedoch keine spezifische Eigenschaft Karl Kraus'. Eine assimilierungswillige und weitgehend schon assimilierte Judenschaft in Wien traf auf die aus Galizien und Lodomerien nach Wien strömenden ostjüdischen Glaubensgenossen mit ihrem als unzeitgemäß empfundenen Kaftan, ihren Schläfenlocken und ihren Tefillin – und empfand Fremdheit und Beklemmung. Die „Westjuden“ legten Wert darauf, nicht mit den „Ostjuden“ verwechselt zu werden, hingen mit besonderer Liebe an Deutschland und Österreich und gaben sich bisweilen deutscher als die christlichen Deutschen, waren kulturell überaus engagiert, wirtschaftlich erfolgreich und wollten angesichts einer Zeit, welche die atavistische Judenfeindschaft scheinbar ein für allemal überwunden hatte, den Geruch und die Erniedrigung des jahrhundertelangen Ghettos hinter sich lassen, ohne von osteuropäischen Glaubensbrüdern erneut daran erinnert zu werden. Außerdem bestand die Sorge, dass die Ostjuden durch ihre Erscheinung und ihre fremden Gebräuche alte Ressentiments von neuem beleben könnten - zumal gerade gegen Ende den 19. Jahrhunderts in Wien und anderswo das Phänomen des Antisemitismus immer stärker um sich griff. Zur Wiederentdeckung der Kultur des Ostjudentums hat es eines Martin Buber bedurft.
Gerade Kraus, Abkömmling einer wohlhabenden Familie großbürgerlicher Industrieller, musste die Neigung aufweisen, dieses Empfinden der alteingesessenen Judenschaft zu teilen. Die von Kraus vertretene Einstellung des arrivierten Judentums zur jüdischen Frage lässt sich gut an seiner Reaktion auf das Pamphlet Theodor Herzls „Eine Krone für Zion“ ersehen, einer Nachfolgepublikation des „Judenstaats“. Die Krone, eigentlich die österreich-ungarische Währung (wobei für die Berechtigung einer Teilnahme am Zweiten Zionistischen Kongress als Mindestspende eine Krone zu erlegen war), wurde von Kraus als Krone eines Möchtegern-„Königs von Zion“ gedeutet. Kraus warf dem Zionismus vor, zu einem historischen Fehler anzusetzen: Er verlasse den einzig erfolgversprechenden Pfad der Assimilierung und führe in die Irre, und er spiele außerdem denjenigen in die Hände, welche eine Trennung zwischen Juden und Nichtjuden herbeiführen wollten. Insbesondere den militanten Zionisten sei es gelungen, „Christen, die dem Antisemitismus bisher keinerlei Geschmack abgewinnen konnten, von der Heilsamkeit der Absonderungsidee zu überzeugen“. Der Zionismus werde vor der Integration kapitulieren müssen: „Es ist kaum anzunehmen, dass die Juden diesmal trockenen Fußes in das Gelobte Land einziehen werden, ein anderes rotes Meer, die Sozialdemokratie, wird ihnen den Weg dahin versperren.“ Außerdem fühlte sich Kraus auch infolge seiner jüdischen Abstammung grundsätzlich dazu verpflichtet, sich von einer Idee nicht vereinnahmen zu lassen und für einen eigenen Judenstaat optieren zu müssen: Er fühlte sich als Österreicher und Wiener. Darin wusste sich Kraus mit einem bedeutenden Teil der altansässigen Judenschaft einig, welche – so sehr sie auch die Notwendigkeit einer Lösung für das bedrängte Ostjudentum sehen mochten – für sich selbst einen Sinn und einen Zweck der Bewegung des Zionismus nicht erkannten, weil sie nicht sah oder sehen wollte, was Theodor Herzl inmitten des Mobs am Rande des Dreyfus-Prozesses erkannt hatte.
Die Distanz zu den eigenen Wurzeln hat sich bei nicht wenigen Angehörigen der assimilierten Judenschaft in einer Haltung entladen, welche als „jüdischer Selbsthaß“ bezeichnet worden ist, wozu Kraus' 1899 erfolgter Austritt aus der Kultusgemeinde beigetragen haben mag. Wenngleich es auch nicht an Stimmen fehlte, welche eine überstürzte Assimilierung als würdelos ansahen, ging der Tenor dahin, den Begriff „jüdische Eigenschaften“ als negativ besetzt anzusehen und die eigene jüdische Identität möglichst zu ignorieren – wofür Kraus' Werk in vieler Hinsicht ein Beispiel darstellt, wobei er allerdings seine jüdische Herkunft nicht verleugnet hat.
Verkennen sollte man allerdings nicht, dass Kraus viel eher als die Juden die Antisemiten unter seinen Zeitgenossen lächerlich fand. In dem Aufsatz „Er ist doch e Jud“ (Oktober 1913) mutete die Zuschrift eines Lesers Karl Kraus zu, sich dazu zu erklären, ob ihm, Kraus, selbst „nichts von allen den Eigenschaften des Juden anhaftet“, und „welche Stellung“ Kraus zu der Satz einnehme, „dem auch Lanz-Liebenfels beipflichtet“, dass man nämlich „aus der Rasse ... nicht austreten“ könne. Kraus führt als Antwort aus, es sei nicht seine Sache, „mir meinen Kopf von fremden Leuten zerbrechen zu lassen... Meine Unbildung bringt es mit sich, daß ich über das Rassenproblem kaum so viel auszusagen wüßte, als notwendig ist, um in einem halbwegs anständigen Kegelclub, der auf sich hält, noch für einen intelligenten Menschen zu gelten. Trotzdem war es möglich, daß ein Fachmann wie der Dr. Lanz von Liebenfels, auf den sich auch mein Prüfer beruft, mich als den 'Retter des Ario-Germanentums' angesprochen hat. Wie das zugeht, weiß ich nicht, da doch diese Rassenantisemiten auch den Satz aufgestellt haben: 'Aus der Rasse kann man nicht austreten'... Ich weiß nicht, ob es eine jüdische Eigenschaft ist, das Buch Hiob lesenwert zu finden, oder ob es Antisemitismus ist, ein Buch Schnitzlers in die Ecke zu werfen... Mit der Rasse kenne ich mich nicht aus“.
Hinzu kommt, dass Kraus keinen Anstand nahm, mehr als ein Vierteljahrhundert später in der „Fackel“ über seinen Artikel von der „Krone für Zion“ wie folgt zu schreiben: „Ich kann, da ich nicht mit soviel Gesinnung auf die Welt gekommen bin wie ein zionistischer Redakteur, unmöglich als Fünfzigjähriger aufrechterhalten, was ich als Dreiundzwanzigjähriger geschrieben habe.“ Jedoch „Reue als Vorstellung, dass ich es damals hätte unterlassen oder anders tun können, kann sich nie meiner bemächtigen. Das wäre doch nur möglich, wenn ich wüsste, dass ich es gegen meine Überzeugung getan hätte!“
Der Ambivalenz seiner überkommenen Einstellung zur jüdischen Frage scheint Kraus sich durchaus bewusst gewesen zu sein, als er etwa in der „Dritten Walpurgisnacht“ einen Brief des Westdeutschen Rundfunks abdruckte, der Kraus um die Überlassung einiger Probeexemplare von „Shakespeares Sonette“ gebeten hatte. Kraus gab vor, den Redakteur vor einem folgenschweren Irrtum bewahren zu wollen: Er selbst sei ein jüdischer Autor, doch werde in den Büchern ein Hinweis auf eine „Übersetzung aus dem Hebräischen“ (im Sinne einer Art literarischen Judensterns) vermisst. Karl Kraus war sich bewusst, dass der nationalsozialistische Rassebegriff ihn als jüdischen Autor einstufen würde, er konnte tun oder lassen, was er wollte.
Die Fackel kam als Heftchen mit rotem Umschlag heraus. In den ersten Jahren zeigte das Titelblatt die Zeichnung einer Fackel vor der Silhouette Wiens mit dem Symbol des Theaters und der darstellenden Künste – der antiken Theatermasken, die Komödie und Tragödie symbolisieren. Da sein ehemaliger Verleger sich darauf die Rechte gesichert hatte, erschien die Fackel später mit einem nüchternen Titel, der nur aus Text bestand.
Die Entwicklung der Zeitschrift Die Fackel ist eine Biographie ihres Herausgebers. Von Anfang an war Karl Kraus nicht nur der Herausgeber, sondern auch der Autor der meisten Beiträge. Während jedoch die Fackel zu Beginn durchaus mit anderen ähnlichen Zeitschriften (wie etwa der Weltbühne) vergleichbar war, wurde sie später mehr und mehr die privilegierte Form seines eigenen schriftstellerischen Ausdrucks. Karl Kraus befand sich in einer Stellung, die ihm erlaubte, finanziell und auch in allen anderen Belangen unabhängig zu sein und keine Rücksichten nehmen zu müssen. So war die Fackel allein sein Werk; es wurde darin ausschließlich gedruckt, was er für richtig hielt.
Von 1912 an waren praktisch alle Originalbeiträge in der Fackel von Karl Kraus bis kurz vor seinem Tod (die letzte Fackel erschien im Februar 1936) im wesentlichen (mit seltenen Ausnahmen) allein geschrieben. Umgekehrt ist der überwältigende Anteil seines Werks in der Fackel zu finden; nur wenig wurde außerhalb der Fackel publiziert.
Die gesamte Fackel umfasst über 20.000 Seiten und 922 „Nummern“, wobei Karl Kraus es sich zur Gewohnheit machte, Doppel-, Dreifach- und Vierfachnummern erscheinen zu lassen. Von der ersten Vierfachnummer im Sommer vor dem Ersten Weltkrieg variiert der Umfang bis hin zu 316 Seiten (das letztere Heft ist die Sechzehnfachausgabe Nr. 890 bis 905 mit dem Titel „Warum die Fackel nicht erscheint“). Die Fackel erschien infolge dieser engen Bindung an den praktisch einzigen Autor unregelmäßig (oder wie Kraus es selbst formulierte: in zwangloser Folge), mit gelegentlichen Unterbrechungen, die sich auf Reisen, Besuche, Sommerfrischen usw. zurückführen lassen.
Elias Canetti, ein eifriger Besucher der Kraus'schen Vorlesungen, bezieht sich in seiner Autobiographie mit dem Titel Die Fackel im Ohr auf die Zeitschrift und seinen Autor.
Kraus' Selbstbewusstsein war ungemein, seine Misanthropie legendär; eine Vorstellung mag einer im Januar 1921 auf seinem Heft veröffentlichten großen Notiz entnommen werden, die beinahe als Manifest seines Wirkens bezeichnet werden kann:
Siehe Hauptartikel: Die letzten Tage der Menschheit
Die nationalsozialistischen Machthaber setzten Kraus' Lebenswerk umgehend auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Bei der Bücherverbrennung hingegen wurden die Werke von Kraus verschont. Kraus war nicht erbaut davon. ''„Wo bleibt da die Gerechtigkeit, wenn man sein Leben lang zersetzend gewirkt hat, den Wehrwillen geschwächt, dem Anschluss widerraten und den ans Vaterland nur zum Schutz gegen das andere empfohlen hat, in der oft zitierten Erkenntnis, daß dort elektrisch beleuchtete Barbaren hausen und daß es ein Volk der Richter und Henker sei.“
Kraus war in den Monaten von der Machtergreifung in Berlin bis zum Oktober 1933 allerdings keineswegs untätig gewesen. Er erkannte früh die Unmenschlichkeit und die Gefahr des Nationalsozialismus. Seine Gedanken dazu finden sich in dem Buch Die dritte Walpurgisnacht beziehungsweise Dritte Walpurgisnacht, das mit den berühmten Worten beginnt: Mir fällt zu Hitler nichts ein. In diesem grandiosen Werk, das 1933 – in den ersten Monaten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung – entstand, aber erst posthum veröffentlicht wurde, findet sich der prophetische Satz, der Nationalsozialismus sei ein Alptraum, aus dem – „nach Bewältigung der anderen Parole“ – Deutschland „erwachen“ werde. Mit der „anderen Parole“ spielt Kraus auf den zweiten Teil des NS-Slogans „Deutschland erwache, Juda verrecke!“ an.
Die „Dritte Walpurgisnacht“ bezieht ihren Namen daraus, dass Kraus seine Beobachtungen und Feststellungen neben die „Klassische Walpurgisnacht“ in Goethes Faust (2.Teil) hält und mit dieser kommentiert, etwa wenn er Joseph Goebbels behandelt:
Sie ist durch einen genialen, aber eigentlich nur folgerichtigen Schluss von den Anfängen des Nationalsozialismus auf seinen Fortgang und sein Ende gekennzeichnet, und zwar anhand der bestialischen Taten einerseits, welche das Buch zahlreich anführt, sowie der Sprache der Nationalsozialisten andererseits. Das klingende Friedensgetöne der neuen Machthaber deutete er richtig: „Wir leben... in einem ewigen Zirkulus und die Welt kennt sich nicht aus, wiewohl sie leichter das Wehrhafte als das Wahrhafte erkennt, vor allem in den Reden rein pazifistischen Inhalts, hinter der sie den Gedanken vermutet: si vis bellum, para pacem.“
An der Dritten Walpurgisnacht arbeitete Kraus vom Mai bis September 1933; sie sollte als Ausgabe der Fackel erscheinen. Sie war schon gesetzt und die Druckfahnen durchgesehen, als Kraus sich dazu entschloss, auf die Veröffentlichung zu verzichten. Weniger die persönliche Gefahr mag hierfür ausschlaggebend gewesen sein als die Befürchtung, dass die Nationalsozialisten sich für eine Provokation, für welche sie nach aller Erfahrung größere Kreise als ihn allein verantwortlich machen würden, an unschuldigen Opfern rächen könnten. Er selbst bekannte, dass er „den schmerzlichsten Verzicht auf den literarischen Effekt geringer achtet als das tragische Opfer des ärmsten anonym verschollenen Menschenlebens“. „Das Buch enthält“, soll Kraus weiterhin gesagt haben, „eine Darstellung der 'Mentalität' des Propagandaministers. Es kann geschehen, daß, wenn dieser meine Sätze zu Auge bekommt, als Wut fünfzig Juden von Königsberg in die Stehsärge steigen läßt. Wie könnte ich das verantworten?“ So kam es, dass die „Dritte Walpurgisnacht“ erst nach dem Zweiten Weltkrieg erscheinen konnte.
Kraus hat sich intensiv mit dem Werk Shakespeares befasst. Im Anschluss an eine Befassung mit einer Nachdichtung von Shakespeares Sonette durch Stefan George, die er in einer „Fackel“ 1932 mit dem Aufsatz „Sakrileg an George oder Sühne an Shakespeare?“ verriss („Totholz jede Zeile“), dichtete er die Sonette selbst nach. Ebenso hat er die Übersetzung mehrerer Dramen Shakespeares überarbeitet (u. a. Timon von Athen, König Lear, Macbeth), von denen sieben Stücke auch in Buchform erschienen.
Durch seine Vorlesungen aus eigenen und fremden Schriften (unter anderen William Shakespeare, Johann Nestroy, Jacques Offenbach) faszinierte er seine Zuhörer durch seine Sprachgewalt und Persönlichkeit. In der Tat erzielte er durch seine genau 700 Vorlesungen bei seinen Zuhörern die stärksten Wirkungen, wie z. B. Elias Canetti in seinem autobiographischen Werk „Die Fackel im Ohr“ bekennt. Ein verhinderter Schauspieler, verfügte er nicht nur über das rhetorische Rüstzeug, sondern über eine Variationsbreite des Charakterisierens und Portraitierens bis ins letzte Detail durch alle Nuancen, Dialekte und Akzente.
Kraus, so sehr sein Auftreten das Publikum auch in den Bann schlug, war gleichwohl von der Persönlichkeit her überraschenderweise eher menschenscheu, pflegte vor seinen Auftritten Lampenfieber zu haben und verbat sich jede Störung, auch das Fotografieren.
Kleine Ausschnitte aus seinen Vorlesungen blieben durch den Tonbandeinsatz von Amateuren, teils auch durch einige österreichische und deutsche Rundfunksender erhalten. Ein Amateur hat ferner 1934 Karl Kraus bei einer seiner Vorlesungen auf einem Tonfilm festgehalten. Vgl. Preiser Records, 1989, „Karl Kraus liest aus eigenen Schriften“, mit Aufnahmen aus den Jahren 1930–1934 ISBN 3-902-02822-X.
Die Fackel druckte in ihren ersten Jahren – bevor in ihr fast ausschließlich Kraus' Werke gedruckt wurden – ferner auch Beiträge u.a. von Houston Stewart Chamberlain, Albert Ehrenstein, Egon Friedell, Karl Hauer, Detlev von Liliencron, Victor Loos, Erich Mühsam, Otto Soyka, August Strindberg, Frank Wedekind, Franz Werfel und Oscar Wilde.
Mit einigen dieser Autoren allerdings, besonders mit Werfel, überwarf sich Karl Kraus später.
Im Rahmen der sogenannten Eulenburg-Prozesse gegen den kaiserlichen Vertrauten Philipp Fürst zu Eulenburg und Hertefeld und Graf Kuno von Moltke, die homosexueller Handlungen beschuldigt waren, kämpfte Harden in einer Schlammschlacht (u. a. wurden Meineide geschworen und Harden ließ sich bezahlt beleidigen, um im folgenden pro-forma-Prozess eine Zeugenaussage verwerten zu können) gegen die „Hofkamarilla“. Obwohl Kraus für das System des deutschen Kaiserreichs selbst nicht sehr viele Sympathien hegte, widerten ihn die Führung eines weiteren großen Sittlichkeitsprozesses im Allgemeinen und die Methoden Maximilian Hardens – mit seiner Taktik, zur Erreichung politischer Ziele das Privatleben anderer Menschen unter Inkaufnahme der Vernichtung ihrer bürgerlichen Existenz ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren – im Besonderen an. So widmete er ein ganzes Doppelheft der Fackel einer großen Abrechnung mit Harden („Harden. Eine Erledigung.“), worin er auch bemüht ist, seine oben angedeutete nicht widerspruchsfreie Stellung zu Harden als frühem Förderer anzusprechen und mit seiner Entwicklung zu begründen.
Die Auseinandersetzung mit Harden zieht sich allerdings auch noch durch die später erscheinenden Bücher „Die chinesische Mauer“ und „Literatur und Lüge“, da Kraus sich auf die außergewöhnlich geschraubte Sprache Hardens stürzte, die von dessen Prunken mit Bildung und Halbbildung und von gewollt altertümlichen Wendungen strotzte. Kraus nannte dieses Hardensche Deutsch „Desperanto“ und gab in der Fackel mehrfach „Übersetzungen aus Harden“ heraus ("Unterm Wonnemond ein borussisches Sodom bezetern – Im Mai über preußische Sittenverderbtheit klagen").
Bereits 1911 gerieten Kraus und Kerr erstmals aneinander. Kerr hatte im Jahr davor eine schon bald angesehene literarische Zeitschrift „Pan“ begründet. 1911 begab sich eine ehebrecherische Affäre des Berliner Polizeipräsidenten mit der Gattin von Kerrs Verleger Paul Cassirer. Diese Affäre wurde von allen Beteiligten gütlich beigelegt, und es hätte keine Notwendigkeit bestanden, noch daran zu rühren. Kerr allerdings ließ es sich nicht nehmen, einen Privatbrief im „Pan“ an die Öffentlichkeit zu bringen, womit er angesichts des Rangs des Delinquenten aus einer privaten eine politische Affäre machte. Kraus verwies ihm in den „Fackel“-Aufsätzen „Der kleine Pan ist tot“, „Der kleine Pan röchelt noch“ und „Der kleine Pan stinkt schon“ seine Handlungsweise ebenso, wie er es Harden gegenüber tat. Als Antwort ließ sich Kerr dazu hinreißen, ein „Capricho“ auf Kraus zu verfassen, das voller persönlicher Beleidigungen steckt und in einem unflätigen Spottgedicht gipfelt:
Kraus, der den „Capricho“ unter der Überschrift „Der kleine Pan stinkt schon“ in voller Länge in der „Fackel“ abdruckte, meinte hierzu: „Es ist das Stärkste, was ich bislang gegen den Kerr unternommen habe... Es ist mein Verhängnis, daß mir die Leute, die ich umbringen will, unter der Hand sterben.“ Kerr selbst hat sich mit seinem eigenen „Capricho“ am meisten geschadet und sich nur langsam von seiner verheerenden Wirkung erholt.
Nach dem Ersten Weltkrieg geißelte Karl Kraus nicht so sehr die Nationalisten, die sich selbst wenigstens treu geblieben waren, sondern die Kriegslyriker, die sich übergangslos in Demokraten und Pazifisten verwandelten und sich an frühere Tätigkeiten nicht mehr erinnern mochten. Alfred Kerr zelebrierte seine angeblich seit jeher weiße Weste besonders dreist, unter anderem, indem er als Vertreter der Völkerversöhnung nach Paris reiste, wo man von seinen Kriegsgedichten nichts wusste:
Der Demokrat und Pazifist Kerr erwies sich als überaus empfindlich gegen den Nachweis seines schriftstellerischen Werks während des Kriegs. Er nahm den Umstand, dass Kraus ihm eines der vielen unter einem Sammelpseudonym („Gottlieb“) veröffentlichten Kriegsgedichte fälschlicherweise zugeschrieben hatte, zum Anlass, gegen Kraus eine Verleumdungklage zu erheben. Dieser brachte seinerseits eine Widerklage ein. Kerr, obwohl selbst jüdischer Herkunft, verwendete die Angriffe antisemitischer Vereinigungen auf Kraus zu dem Zweck, das mutmaßlich selbst antisemitisch eingestellte Berliner Gericht gegen Kraus einzunehmen. Beide Klagen wurden vor Gericht einvernehmlich zurückgezogen, da Kerr allmählich schwante, welche Öffentlichkeitswirkung der Prozess entfalten würde. Kraus nannte Kerr einen „Schuft“ und gab an, er habe der Erledigung des Verfahrens zugestimmt, um die von Kerr dem Gericht vorgelegten Schriftsätze in der „Fackel“ veröffentlichen zu können. Dies geschah im September 1928 in einer „Fackel“ von über zweihundert Seiten Umfang. Kerr steht in diesen von Kraus kommentierten Text, nicht nur wegen der antisemitischen Seitenhiebe, wenig vorteilhaft da. Er kündigte im selben Monat eine „Antwort und Abfuhr“ contra Kraus an, von der es hieß: „Erscheint in 8 Tagen“. Der Erscheinungstermin wurde immer weiter herausgezögert – doch Kerrs Antwort erschien niemals, obwohl (wenn Kraus' Freunde sich recht erinnern) der begabte Stimmenimitator Kraus immer wieder einmal anonym bei Kerr angerufen und ihn gefragt haben soll, wann denn nun mit der Gegenschrift zu rechnen sei.
Die „Stunde“ reagierte auf die ihr eigene Weise, indem sie „Enthüllungen“ über Karl Kraus anbot. Das reichte von der Veröffentlichung eines Jugendfotos, auf welchem der Retuscheur Kraus abstehende Ohren und einige weitere unansehnliche Züge verpasste, bis hin zu einem erlogenen angeblichen Erbschaftsstreit Kraus' mit seiner Schwester.
Kraus reagierte: im Juni 1925 las er den Text „Entlarvt durch Békessy“ vor, der in dem Ruf gipfelte: „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“, welchen er bei späteren Gelegenheiten aus Anlass weiterer Arbeiten und Lesungen zu Imre Békessy ebenso publikumswirksam wiederholte. Bundesgenossen hatte Kraus nur wenige; insbesondere die Sozialistische Partei und der Polizeipräsident Johannes Schober (die an sich Kraus Schützenhilfe versprochen hatten) zögerten beide, gegen Békessy vorzugehen, da Békessy zuviel über sie wusste.
Békessy hielt dem Druck der „Fackel“ nicht stand: ein Prokurist wurde verhaftet, ein Angestelltenverband forderte seine Mitglieder auf, die „Stunde“ nicht mehr zu kaufen, er sah sich einem Ermittlungsverfahren wegen Erpressung ausgesetzt. Kraus nannte Békessy öffentlich einen Betrüger, Meineidigen und Erpresser und stellte ihm anheim, den Gegenbeweis vor Gericht anzutreten. Stattdessen floh Békessy ins Ausland, wie es hieß „zur Kur“, um nicht mehr nach Wien zurückzukehren.
Im Mai 1928 machte Kraus Békessy und seine „Stunde“ zum Gegenstand eines satirischen Dramas „Die Unüberwindlichen“.
Die bürgerliche Regierung jedenfalls stellte sich hinter Schober, der sich damit rechtfertigte, seine Pflicht getan zu haben, und seine Polizei. Kraus war empört, zog in der Fackel Vergleiche mit dem Weltkrieg und plakatierte in Wien mit großen Buchstaben die an Schober gerichtete Botschaft: „Ich fordere Sie auf, abzutreten“. Kraus gedachte Schober ähnlich in die Ecke zu drängen, wie es ihm mit Békessy gelungen war, und zwar nicht nur mit publizistischen Mitteln, sondern auch unter Einsatz der Justiz. Abgesehen von den Ereignissen des 15. Juli 1927 stützte sich Kraus auf Zusagen Schobers im Kampf gegen Békessy, die dieser nicht eingehalten, und Maßnahmen, die dieser nicht ergriffen hatte. Schober, so Kraus, habe sein Wort gebrochen und habe somit abzutreten.
Hier verrechnete sich Kraus: das Publikum, an das er sich mit seinem moralischen Appell wandte, wollte davon kaum etwas wissen. Weder wollten die Bürger den „Retter vor dem Umsturz“ preisgeben, noch konnten die Sozialdemokraten Kraus gegen den „Arbeitermörder“ Schober voll unterstützen, weil zwischen ihnen und ihrem Schutzbund einerseits und den Heimwehren andererseits im wesentlichen nur Schober und seine Polizei stand. Daher richtete Kraus gegen Schober im Ergebnis nichts aus. Die angestrebte Erledigung konnte Kraus in seinem Falle nicht erreichen.
Kraus portraitierte Schober in dem Drama „Die Unüberwindlichen“ als die Figur „Wacker“. Diesem Wacker wird durch Kraus das von ihm selbst gedichtete „Schoberlied“ in den Mund gelegt, welches Kraus dadurch populär zu machen hoffte, dass er es als billig zu erstehende Flugschrift vertrieb – in der trügerischen Hoffnung, ein in allen Straßen gesungenes Spottlied könnte Schober zum Amtsverzicht bewegen:
Das Lied leiert in dieser Weise weiter (zur Melodie von Üb immer Treu und Redlichkeit), endet aber mit der Strophe:
Damit spielt Kraus darauf an, dass Schober ihn trotz wütender Angriffe nicht verklagte.
Fackel, Bücher und Vorlesungen waren, obwohl ursprünglich lukrativ, zu einem Verlustgeschäft geworden und Kraus fast mittellos, als er starb. Der Nachlass reichte knapp hin, um die Kosten des Begräbnisses zu decken. Ein weiteres Heft der Fackel hätte er vielleicht nicht mehr finanzieren können. Ein Karl-Kraus-Archiv wurde gerade eben rechtzeitig vor 1938 in die Schweiz gebracht: was in Wien blieb, wurde geplündert und vernichtet. Heute befindet es sich in der Wiener Stadtbibliothek.
Kraus und seine Zeit hatten sich auseinandergelebt. Wenig ließ darauf schließen, dass die nach seinem Tod durch andere Geschehnisse tiefgreifend veränderte Nachwelt ihm Interesse entgegenbringen würde. Und wirklich: Kraus ist posthum noch mehr als zu Lebzeiten ein 'Geheimtip', mag auch sein Werk von Zeit zu Zeit in literarischen Kanons empfohlen werden. Viele seiner Schriften behandeln Wiener Affären von vor hundert Jahren; man muss nicht den 'bildungsfernen Schichten' angehören, um diesen Stoff uninteressant zu finden, und ein volles Verständnis ist nur im Kontext der Zeitgeschichte und des Fackel-Laufs möglich -- idiosynkratisch österreichisch nannte es jemand aus dem englischen Sprachraum, dessen Leser zusätzlich durch die Sprachbarriere gehindert werden.
Und dennoch ist das Werk zeitlos. Es findet Leser, die sich von Kraus' Meisterschaft der satirischen Form angezogen fühlen – eine Satire, die in einer solchen Weise aus der Sprache lebt, dass Kraus' Werke unübersetzbar sind. Viele Themen der Fackel sind auch nach einem Jahrhundert nicht erledigt. Dass Kraus sich keiner Ideologie, Schublade oder Partei unterordnete, vielmehr (fast) jedem auf die Zehen trat, hat seine Popularität bereits zu Lebzeiten begrenzt; er konnte weder der Säulenheilige der Revolution noch der Reaktion sein, seine Schriften waren weder für Bibelkreis noch für Synagoge geeignet, und weder Patriarchen noch Emanzen konnten Honig daraus saugen. Auch unsere Zeit kann nicht geneigt sein, einen wirklich kritischen Schriftsteller zu fördern: er soll uns nicht verlästern, [... wir lügen schon seit gestern (aus einem Gedicht Kraus' über den Feind der Kriegspropaganda).
Kraus' Werk ist also heute wie damals im Vergleich zu seiner Bedeutung unbekannt. Man muss allerdings bedenken, dass Kraus einer der ganz wenigen (wie etwa Kurt Tucholsky) ist, denen es gelang, mit journalistischen Arbeiten die schriftstellerische Spitze zu erreichen und deren Werke zum Tagesgeschehen längst vergangener Jahrhunderte heute noch geschätzt und gelesen werden. Tatsächlich erinnern wir uns der meisten seiner Gegner heute überhaupt nur – außer als Fußnote in Geschichtsbüchern -, weil sie von der Fackel erledigt wurden. Dies macht aber auch das bis heute umstrittene an Kraus aus: dass er im "Erledigen" maßlos war und kaum ein noch so bedeutender Zeitgenosse seinen Kampagnen entgehen konnte.
Der Kösel-Verlag und der Zweitausendeins-Verlag (hier verkleinert) haben Nachdrucke der kompletten Fackel herausgegeben.
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