Als Kapitalkontroverse bezeichnet man eine Debatte in der Wirtschaftstheorie der 1960er Jahre um die Natur des Kapitals als Produktionsfaktor. Hauptakteure waren Joan Robinson und Piero Sraffa von der Universität Cambridge, England, und Paul Samuelson und Robert Solow vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, Massachusetts. Daher bezeichnet man die Kapitalkontroverse auch manchmal als Cambridge-Cambridge-Kontroverse.
Eine zentrale These der neoklassischen Theorie besagt, dass der Preis für jeden Produktionsfaktor (in der Regel Arbeit und „Kapital“) gleich seinem Grenzprodukt ist (Grenzproduktivität). Der Lohnsatz ist also gleich der Grenzproduktivität der Arbeit und der Zinssatz (als Preis für den Einsatz von Kapital) ist gleich dem Grenzprodukt des Produktionsfaktors Kapital. Unter Grenzproduktivität der Arbeit ist dabei zu verstehen, was eine zusätzliche Stunde (oder Sekunde) an Arbeit an zusätzlichem Produkt brächte, gemessen in Euro. Unter Grenzproduktivität des Kapitals wäre entsprechend zu verstehen, was ein zusätzlicher Einsatz von einem Euro Kapital an zusätzlichem Produkt (in Euro gemessen) brächte. GüterzuglokKiel.JPG Das Einkommen des Produktionsfaktors Arbeit besteht also im Lohnsatz (je Stunde) multipliziert mit der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden. Das Einkommen des Produktionsfaktors Kapital ist gleich dem „Zinssatz“ multipliziert mit der Menge an eingesetztem „Kapital“. Was ist aber die Menge an eingesetztem Kapital (Kapitalstock)? Können Güterzuglokomotiven und Reißnägel addiert werden?
Die neoklassische Lösung dieses Problems besteht darin, die Preise der Kapitalgüter zu addieren, also beispielsweise 5 Cent je Reißnagel und 400 000 € je Güterzuglokomotive. Man erhält dann einen bestimmten Kapitalstock in Euro gemessen. Piero Sraffa und Joan Robinson (auch als neoricaridanische Schule bezeichnet) meinen, dass hier ein Zirkelschluss vorliegt, wenn nämlich der Preis der Kapitalgüter selbst wieder von der herrschenden Profitrate (Zinssatz) abhängt. Den Neoklassikern kam es auf „reale“ Einsatzmengen für Arbeit und Kapital an, die Einsatzmenge sollte nicht von Geldgrößen wie Lohnsatz oder Profitrate abhängen. Genau dies ist aber nach dem Sraffamodell der Fall. Wird die Profitrate erhöht und zum Ausgleich der Lohnsatz abgesenkt, dann ändern sich die Preise der Waren, auch die Preise eines Reißnagels und einer Güterzuglokomotive. Die „Menge“ an eingesetztem Kapital hat sich verändert, obwohl doch „real“ sich nichts verändert haben sollte. (Die Anzahl der eingesetzten Arbeitsstunden ändert sich ja auch nicht allein dadurch, dass der Lohnsatz verändert wird.) Damit ist jedoch eine Grundannahme der Neoklassik, dass sich die Einsatzmenge von Kapital ähnlich einfach messen lässt wie die Einsatzmenge von Arbeit, widerlegt. Reissnaegel.jpg Verkürzt lässt sich der Zirkelschluss etwa so darstellen: Der Preis für Kapital, der Zinssatz oder die Profitrate, also der Preis, den ein Kapitaleigner für sein Kapital haben will, bestimmt sich nach dem Grenzprodukt des Kapitals, also danach, was eine zusätzliche Mengeneinheit an Kapital an Produkt erbringt. Damit wäre dann die Profitrate bestimmt.
Mengenmäßig setzt sich aber das Kapital aus den Preisen der Kapitalgüter zusammen. Laut Neoricardianer geht in diese Preise aber auch der Profitaufschlag, also die Profitrate, ein. Die Profitrate hängt also (u.a.) vom (zusätzlichen) Kapitalstock ab, dieser wiederum als Summe der Preise der Kapitalgüter, in die wiederum der Profitaufschlag eingeht, also die Profitrate, von der Profitrate – Zirkelschluss.
Für die Neoricardianer liegt damit der wissenschaftstheoretisch seltene Fall vor, dass eine Theorie schon logisch widerlegt ist. Trotzdem wird weiterhin Neoklassik betrieben …
Siehe ausführlichen Artikel zu Reswitching
Teil der Kapitalkontroverse war auch die Diskussion um das Reswitching. Sraffa konnte zeigen, dass wenn die Löhne in einer Volkswirtschaft immer weiter angehoben werden, dass dann nicht immer in die gleiche Richtung auf immer weniger arbeitsintensive Produktionstechniken ausgewichen wird, sondern dass es sein kann, dass eine Produktionstechnik, die früher bei steigenden Löhnen verlassen worden ist, bei noch weiter steigenden Löhnen wieder zur günstigsten Produktionstechnik für die Volkswirtschaft wird.
Ein solcher Vorgang kann innerhalb der neoklassischen Theorie, die eine Ein-Gut-Parabel darstellt, etwa auf Grundlage einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion nicht dargestellt werden.
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