Kanesch (Kaneš) bei Kültepe war eine bronzezeitliche Siedlung in Zentral-Anatolien 20 km südwestlich von Kayseri.
Assyrische Handelskolonien
Der Ort war ein Handelsposten des Alt-
assyrischen Reichs (
karum) und die Endstation für Karawanenzüge von und nach Assyrien. Gehandelt wurde vor allem mit assyrischen
Textilien, Zinn aus Afghanistan und anatolischem
Silber. Die Assyrer transportierten auch ostanatolisches Kupfer (Schwarzmeergebiet und
Ergani Maden) nach Westen. Larsen schätzt, dass zur karum II-Zeit ca. 100.000 Stück Wollstoff aus Assyrien hierher gebracht wurden. Die Wege der Eselskarawanen waren von kleineren Wegestationen (
wabaratum) und größeren Handelsniederlassungen (
karu) gesäumt, die sich vor allem in den Stadtkönigreichen der Region befanden. Gegen die Zahlung einer Abgabe (
nišatum) garantierten die örtlichen Herrscher die Sicherheit der Kaufleute und das Fernhalten von Rivalen aus dem Süden. Sie hatten ausserdem ein Vorverkaufsrecht auf 10% aller transportierten Textilien. Außerdem mussten die Assyrer noch eine Maut im Wert von 10% der beförderten Waren zahlen. Es existierten auch Vereinbarungen zum Umgang mit Schmugglern, die diese Abgaben zu umgehen suchten.
Aufbau der Siedlung
Die Siedlung besteht aus der anatolischen Stadt
Nescha und der assyrischen Händlersiedlung (karum) im Aussenbezirk. Hier wohnten auf ca. 4ha schätzungsweise 500-700 Menschen, die Händler und ihre Familien, und auch Kaufleute aus Anatolien und Syrien. Zahlreiche Heiraten zwischen Assyrern und örtlichen Frauen sind durch die Heiratsverträge belegt. Die Einwohner des karum lebten nach assyrischem Recht, waren also extraterritorial. Sie durften aber zum Beispiel keine einheimischen Sklaven besitzen.
Die Siedlung enthielt ca. 70 Familienarchive mit insgesamt ca. 20.000 Texten, meist Geschäftsbriefe, Inventarlisten und Urkunden. Teilweise ist dadurch sogar der Name des Hauseigentümers bekannt. Die Tontafeln umfassen einen Zeitraum von ca. 50 Jahren. Architektonisch unterscheidet sich die Siedlung kaum von einer einheimischen Stadt. Es wurden aber zahlreiche
Rollsiegel gefunden.
Chronologie
- Karum II, 1880-1810 v. Chr., Blütezeit der Siedlung
- Karum Ib, 1810-1740 v. Chr., Niedergang
- Karum Ia frühhethitische Siedlung unter dem Namen "Kaneša", verkürzt "Neša"
Schriftzeugnisse
Bei Ausgrabungen wurden Tontafeln mit
altassyrischer Keilschrift, die sogenannten
Kappadokischen Tafeln gefunden, deren Sprache der Linguist
Bedřich Hrozný teilweise als indoeuropäisch identifizierte. Heute nennt man diese Sprache
hethitisch. Bei der Wiederaufnahme der Ausgrabungen im Jahre
1948 fanden die türkischen Archäologen
Tahsin Özgüç und
Nimet Özgüç eine Vielzahl weiterer Tontafeln in assyrischer und hethitischer Sprache.
Literatur
- M. Larsen: The Old-Assyrian city state and its colonies (Kopenhagen 1976).
- Gil Stein: The political economy of Mesopotamian colonial encounters. In Gil Stein (Hrsg.), The archaeology of colonial encounters: comparative perspectives. School of American Research advanced seminar series (Santa Fe, School of American Research Press 2005).
- Emin Bilgiç (Hrsg.): Ankara Kültepe tabletleri (Ankaraner Kültepe-Tafeln), Türk Tarih Kurumu Yayinlarindan (Ankara 1990)
- Emin Bilgiç/Hecker, Karl *: Ankaraner Kültepe-Texte, Texte der Grabungskampagne 1970. Freiburger altorientalische Studien, Beihefte: Altassyrische Texte und Untersuchungen 3 (Steiner, Stuttgart 1995).
- Cécile Michel: Tablettes paléo-assyriennes de Kültepe (Boccard, Paris 1997).
- Nimet Özgüç: Seals and seal-impressions of the level Ib from Karum-Kanish (Ankara 1968).
Weblinks
Antike kappadokische Stadt | Archäologischer Fundplatz in der Türkei | Assyrien
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