Die Jungtürken (türkisch Jöntürkler) waren eine politische Bewegung im Osmanischen Reich, die seit 1876 illegal auf liberale Reformen und eine konstitutionelle Staatsform hinarbeitete. Ziel war die Stärkung des außenpolitisch geschwächten und innenpolitisch vom Zerfall bedrohten Reiches durch systematische politische, militärische und wirtschaftliche Modernisierung. Ab 1923 wurden die meisten Mitglieder der Jungtürken in der neugegründeten Republikanischen Volkspartei (CHP) aktiv, die heute Vollmitglied der Sozialistischen Internationale ist und politisch der deutschen SPD nahesteht.
Träger der Jungtürken-Bewegung waren modernistische Teile der gebildeten Eliten. Eine gemäßigte Richtung besaß Verbindungen bei Hofe und wurde von einem osmanischen Prinzen angeführt. Wichtiger aber waren durch moderne Bildung in die Funktionseliten des Staates (Beamte, Lehrer, Offiziere) aufgestiegene „kleine Leute“, die nach der jungtürkischen Revolution von 1908 sehr bald den Ton angeben sollten. Es entwickelte sich vor allem nach der zweiten Machtübernahme von 1913 ein Bündnis zwischen radikalen Intellektuellen (Ziya Gökalp,Dr. Nazim) mit zivilen Bürokraten (Talaat Pascha) und den letztlich entscheidenden Offizieren (Enver Pascha, Cemal Pascha).
Über in Konstantinopel (seit 1930 Istanbul) lebende deutsche Intellektuelle wie Alexander Parvus (von 1910 bis 1914 in der Stadt) und Dr. Friedrich Schrader ("Ischtiraki", von 1891 bis 1918 in Istanbul tätig) gab es schon sehr früh Kontakte zur deutschen SPD. Die Nachfolgepartei der Jungtürken, die CHP (Republikanische Volkspartei), ist heute Vollmitglied der Sozialistischen Internationale.
Darüber hinaus wurde die jungtürkische Bewegung von liberalen Publizisten wie Ernst Jäckh und Friedrich Naumann unterstützt, die sich neue Expansionsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft durch ein deutsch-türkisches Bündnis erhofften. Der junge Theodor Heuss war während des Ersten Weltkrieges als Mitarbeiter des von Jäckh geleiteten Deutschen Werkbundes in Istanbul tätig. Diese regen Kontakte zwischen Jungtürken und demokratischen Intellektuellen in Deutschland waren mit eine Ursache für die starken wirtschaftlichen Verbindungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der türkischen Republik nach 1945, die mittelbar auch Ursache für die Einwanderung von mittlerweile zwei Millionen türkischer Staatsangehöriger nach Deutschland seit den fünfziger Jahren waren.
Schwerpunkt der Jungtürken vor ihrer erfolgreichen Revolution von 1908 waren die - von Nachbarstaaten ernsthaft bedrohten - europäischen Provinzen des Osmanischen Reiches, allen voran Makedonien mit dem Zentrum Saloniki. 1907 trafen sich Abgeordnete der sehr verschiedenen Flügel der Jungtürken in Saloniki (heute Griechenland) und gründeten das „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve Terakki, weshalb die Jungtürken auch „Ittihadisten“ genannt werden). Dort begann 1908 unter Führung von Enver Pascha und Talaat Pascha im Juli 1908 eine erfolgreiche Militärrevolte gegen den absolutistisch regierenden Sultan Abdülhamid II. Die Jungtürken erzwangen die Wiederinkraftsetzung der seit 1878 suspendierten Verfassung von 1876 und setzten den nur widerwillig kooperierenden Sultan 1909 schließlich ab, nachdem er einen erfolglosen konservativen Gegen-Putsch unterstützt hatte. Abdülhamids Bruder und Nachfolger Mehmed V. (1909-1918) wurde daraufhin zum machtlosen Werkzeug der jungtürkischen Regierung.
Die Jungtürken versuchten zu Beginn ihrer Regierung 1908/09, eine parlamentarisch-konstitutionelle Regierung im Osmanischen Reich einzurichten, die auch die Mitbestimmungs- oder Autonomiebestrebungen christlicher und nichttürkischer islamischer Minderheiten im Vielvölkerstaat der Osmanen einzubinden versuchte. Namentlich mit den organisierten Vertretern der Armenier und der Albaner versuchte man zu kooperieren.
Dieser demokratisch-parlamentarische Versuch zur Reformierung des Reiches blieb jedoch weitgehend erfolglos. Dazu trugen nicht nur konservative Widerstände in der osmanischen Elite und in Teilen des Offizierskorps bei, sondern auch die enormen Modernitätsdefizite in weiten Teilen der Gesellschaft. Entscheidend aber waren der ungebrochene Wunsch von Minderheitsvölkern nach nationaler Unabhängigkeit und der sich damit verbindende Imperialismus benachbarter christlicher Staaten. Bereits 1908 hatte Österreich-Ungarn die Revolutionswirren im Osmanischen Reich genutzt, um die seit 1878 von ihm verwaltete osmanische Provinz Bosnien-Herzegowina förmlich zu annektieren, und der seit 1878 formell nur autonome und immer noch dem Sultan untertane Staat Bulgarien hatte gleichzeitig seine Unabhängigkeit proklamiert. 1911/12 verlor das von den Jungtürken regierte Osmanische Reich seine nordafrikanische Provinz Tripolis - das heutige Libyen - und einige Inseln in der Ägäis an das angreifende Italien.
Diese militärische Niederlage führte zur Ablösung der jungtürkischen Regierung durch ihre konservativen Gegner Mitte 1912. Aber noch in der Endphase des Krieges gegen Italien wurde das Osmanische Reich im Oktober 1912 auch noch auf dem Balkan von den verbündeten Staaten Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro überfallen. Im so genannten Ersten Balkankrieg (Balkankriege) verlor das Osmanische Reich sämtliche europäische Provinzen, sogar die Hauptstadt Istanbul war rasch akut bedroht.
Die Bereitschaft der konservativen Regierung, den Verlust der wichtigen Stadt Edirne an Bulgarien zu akzeptieren, führte zu inneren Unruhen und veranlasste den Militärputsch der Jungtürken vom Januar 1913 unter Führung von Enver Pascha. Dieser bildete mit Cemal Pascha und Talaat Pascha daraufhin jenes Triumvirat, das seither bis 1918 das Osmanische Reich diktatorisch regierte. (Allerdings gehörte Cemal, der Ende 1914 den Oberbefehl der Mesopotamien-Armee übernahm und fern von Istanbul agierte, seither offenbar nicht mehr zum engsten Kreis der Machthaber um Enver und Talaat.)
Im Zweiten Balkankrieg (Balkankriege) von 1913, den das übermächtig scheinende Bulgarien allein gegen alle seine bisherigen Verbündeten sowie gegen Rumänien führte und in dessen Verlauf das Osmanische Reich Bulgarien unabhängig davon ebenfalls angriff, konnte unter Envers Oberbefehl im Sommer 1913 Edirne zurückgewonnen werden - ein wichtiger Prestigegewinn für das neue Regime. Im vergleichsweise stabilen Kabinett des neuen Großwesirs Said Halim Pascha (1913-1917) übernahmen Enver das Kriegsministerium, Cemal das Marineministerium und Talaat das Innenministerium, bevor letzterer 1917/18 kurzfristig selbst zum Großwesir aufstieg.
Aufgrund dieser Kriege hatte sich die anfänglich demokratisch gesinnte Jungtürkische Bewegung in eine Diktatur verwandelt. Zugleich hatte der Staat wichtige Provinzen an Nachbarn verloren, die Staatsfinanzen waren durch den Krieg ebenso ruiniert wie die zumeist besiegte Armee. Am schlimmsten waren jedoch die im Laufe des Ersten Balkankrieges an der muslimischen Bevölkerung begangenen Massaker durch die christlichen Aggressoren, wodurch erhebliche Teile der muslimischen Bevölkerung grausam ermordet wurden und die meisten Überlebenden zur Flucht in das verkleinerte Osmanische Reich nach Kleinasien veranlasst wurden. Diese Taten entsprangen jedoch der Erfahrung, dass die Machthaber im Osmanischen Reich nicht zögerten, christliche Bevölkerungsgruppen, die man verdächtigte nicht loyal zu sein, einfach auslöschte, wie etwa in Chios im Jahre 1822. (s. auch Untersuchung der Carnegie-Stiftung 1913) Nach dem Krieg traten bilaterale Abkommen zum Bevölkerungsaustausch hinzu. Unter den Ideologen der Jungtürken setzten sich gegenüber halbwegs pluralistischen (jung-osmanischen) Vorstellungen, die auch den christlichen Volksgruppen Partizipation einräumten, immer stärker türkisch-nationalistische und sogar turko-rassistische Vorstellungen durch. Insbesondere Enver Pascha träumte von der Errichtung eines Großtürkischen „Turanischen“ Reiches unter Einbeziehung Aserbaidschans, Usbekistans und Turkmenistans, ja sogar von Teilen Chinas.
Das besiegte Osmanische Reich hatte jedoch ab 1913 ganz andere Sorgen. In Kleinasien war eine große Zahl von Balkan-Flüchtlingen zu versorgen, die aufgrund ihrer grausamen Erlebnisse und ihrer akuten Notlagen oft starken Hass gegen Christen entwickelten. Zugleich war das verkleinerte Reich durch die Gebietsverluste in Europa, mit denen der Verlust vieler christlicher Untertanen einherging, und durch die parallele Aufnahme moslemischer Flüchtlinge aus Europa viel islamischer geworden als zuvor, was die Lage der verbleibenden christlichen Minderheiten in Kleinasien - vor allem der Griechen und Armenier - ungünstiger und unsicherer werden ließ. Diese Minderheiten suchten daher verstärkte Anlehnung an christliche Schutzmächte, was wiederum das jungtürkische Misstrauen gegen sie verstärkte.
"Im Ersten Weltkrieg 1915/16 veranlasste die jungtürkische Führung vor diesem Hintergrund den Völkermord an den Armeniern", der den Großteil der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich entweder ermordete oder zur Flucht in den russischen Teil Armeniens veranlasste. Wissenschaftlich diskutiert wird, ob die Jungtürken von Anfang an einen Genozidplan verfolgten oder ob ihre antiarmenische Politik im Laufe des Jahres 1915 verschiedene Eskalationsphasen durchlief, die zum Genozid führten. Darüber hinaus wurde auch der Völkermord an den Assyrern begangen.
Im November 1914 war das Osmanische Reich auf Seiten der von Deutschland geführten Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg gegen die von Großbritannien, Frankreich und Russland geführten Entente-Mächte eingetreten. Nach schweren militärischen Niederlagen der Osmanen warf die jungtürkische Führung 1915 den Armeniern immer stärker vor, den christlichen Kriegsgegner Russland zu unterstützen und dadurch Hochverrat am Osmanischen Reich zu begehen. Aufstandsvorbereitung und Spionage für den Feind waren konkrete Vorwürfe. Doch was für Minderheiten zutraf, wurde als Kollektivvorwurf oder -verdacht dem ganzen armenischen Volke angelastet. Letztlich scheint es der jungtürkischen Führung um einen Präventivschlag gegen künftige Probleme mit den christlichen Minderheiten gegangen zu sein. Jedenfalls erklärte Talaat Pascha im Juni 1915 einem deutschen Diplomaten, seine Regierung wolle "den Weltkrieg dazu benutzen *, um mit ihren inneren Feinden (den einheimischen Christen) gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden".
Tatsächlich gab es solche Interventionen kaum: Die feindlichen Mächte der Entente protestierten zwar, sammelten unter Leitung des früheren Ministers Lord James Bryce Material über die Genozid-Verbrechen und drohten den Jungtürken mit juristischer Verfolgung, doch hatten sie einstweilen keine Eingriffsmöglichkeiten; die verbündeten Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn wiederum verfolgten insgesamt eine leisetreterische Duldungspolitik, um die jungtürkischen Verbündeten nicht zu verlieren. (Rühmliche Ausnahmen bildeten der bald wieder abberufene deutsche Botschafter Graff Wolff-Metternich und der evangelische Geistliche Dr. Johannes Lepsius mit seinem jahrelang erfolgreich arbeitenden Armenischen Hilfswerk.)Bis Frühjahr 1917, als die USA in den Krieg gegen die Mittelmächte und damit gegen die Osmanen eintraten, besaß auch US-Botschafter Henry Morgenthau sr. begrenzten Einfluss, doch konnte er nicht verhindern, was seine viel einflussreicheren deutschen Kollegen nicht stoppen wollten oder durften.
Als kriegswichtige Deportationen getarnt und gerechtfertigt, wurden seit April 1915 Hunderttausende gewaltsam aus ihren Wohnorten vertrieben und in weit entlegene Provinzen deportiert - mehrheitlich in den Norden des heutigen Syrien. Von Anfang an wurden diese Deportationen von Mordaktionen begleitet - zunächst durch frühzeitige Massentötung verhafteter Volksgruppen-Führer und Intellektueller, später durch systematische Erschießung aller zum Wehrdienst eingezogenen, dann aber bald entwaffneten und in Arbeitsbattaillonen zusammengefassten männlichen Armenier. Die wehrlosen Frauen, Kinder und Alten hingegen wurden unter größten Entbehrungen auf lange Fußmärsche geschickt, wo sie den Strapazenerlagen, aber auch immer wieder Opfer von Gewalttaten der Begleittruppen oder angreifender Kurden wurden. Es trifft also nicht zu, wenn apologetisch behauptet wird, Todesopfer habe es nur durch unglückliche Begleitumstände der Deportationen gegeben. Bereits Cemal Pascha, einer der Verantwortlichen, gestand im Exil ein, die Opfer seien "teils getötet" worden, „teils unterwegs durch Hunger und Elend umgekommen“. Vergewaltigungen und Raub von Frauen oder Kindern waren grausame Begleiterscheinungen, retteten allerdings den Entführten unter der Bedingung ihrer Zwangsislamisierung häufiger das Leben.
Der osmanische Innenminister Talaat Pascha organisierte offiziell lediglich Deportationen, und es gab formelle Befehle, die Deportierten zu schützen und zu versorgen. Inoffiziell jedoch organisierte derselbe Minister eine mordbereite jungtürkische Parteimiliz und setzte möglichst fanatische Provinzbeamte in wichtige Positionen ein, um die weitgehende Vernichtung der Armenier zu erreichen. Als Oberbefehlshaber im Haupt-Internierungsgebiet Syrien versuchte Cemal Pascha offenbar, durch strenge Befehle die dort eintreffenden Überlebenden zu schützen; doch auch hier gab es offensichtlich doppelte Befehlsstrukturen, die diese offizielle Politik wieder konterkarierten.
Der armenische Patriarch in Istanbul teilte der deutschen Botschaft mit, daß in den von Deportationen betroffenen Provinzen etwa 1,2 Millionen Armenier lebten. Der Großteil dieser Menschen konnte nicht fliehen und wurde daher Opfer der systematischen Vertreibungen und Mordaktionen. Hingegen wurden die 80.000 armenischen Einwohner Istanbuls - vermutlich mit Rücksicht auf die dort besonders präsente internationale Diplomatie - nicht deportiert, lediglich etliche ihrer Führer wurden verhaftet und später ermordet.
Über die Zahl der Todesopfer wurde und wird nach wie vor heftig gestritten. Berichte deutscher Diplomaten hielten Schätzungen von 800.000 bis 1 Million Toten für nicht übertrieben. Dies deckt sich mit der Schätzung des US-Botschafters Morgenthau, der 600.000 bis 1 Million Opfer vermutete. Der frühere jungtürkische Minister Cemal Pascha, ein Hauptverantwortlicher für den Genozid, bevorzugte im deutschen Exil die niedrige Schätzung von 600.000 armenischen Opfern, die er jedoch mit gleichzeitigen türkischen Opfern armenischer Gegenschläge verrechnet sehen wollte. Der spätere türkische Präsident Kemal Atatürk ging 1920 einem amerikanischen Diplomaten gegenüber von 800.000 armenischen Toten aus. Dahinter sollten heutige türkische Leugner des Armenier-Genozids nicht mehr zurückgehen.
Das Morden beschränkte sich jedoch - anders als in vielen Darstellungen - nicht auf die wichtigen Jahre 1915/16. Auch in den syrischen Internierungslagern starben später noch zahlreiche Deportierte. In Ostanatolien führten wechselseitige Kriegserfolge zu weiteren Massakern: 1916/17 marschierten die Russen mit armenischen Hilfstruppen gen Westen, wobei diese bewaffneten Milizen an zahlreichen muslimischen Bewohnern „Vergeltung“ für das Schicksal ihrer Landsleute übten. 1917/18 rückten die Osmanen nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches wieder nach Osten und übten ihrerseits „Vergeltung“ an Christen. Diese Mischung aus Krieg und Bürgerkrieg hielt in Kleinasien und im Kaukasus noch bis weit in die 1920er Jahre an.
Im Herbst 1918 wurde das jungtürkische Regime aufgrund der Kriegsniederlage der Mittelmächte gestürzt. 1919 machten Militärgerichte der neuen liberalen Sultansregierung den Führern der jungtürkischen Bewegung den Prozess wegen des verlorenen Krieges nach osmanischem Recht. Es erfolgten einige Hinrichtungen, doch etliche Hauptschuldige - darunter das frühere Triumvirat - entzogen sich dem Todesurteil durch Flucht ins Ausland, insbesondere nach Deutschland. Dort entkamen jedoch die Prominentesten den Racheakten armenischer Organisationen nicht: 1921 wurde der ehemalige Innenminister und Großwesir Talaat Pascha in Berlin ermordet, seinen Vorgänger als Großwesir Said Halim Pascha traf dasselbe Schicksal im selben Jahr in Rom. 1922 fiel auch der ehemalige Marineminister Cemal Pascha, der lange in Berlin gelebt hatte, nun aber nach Tiflis ausgewichen war, einem armenischen Attentäter zum Opfer. Allein Enver Pascha entkam den armenischen Verfolgern; er fiel 1926 in Usbekistan auf Seiten der Verteidiger des Emirats Buchara im Kampf gegen sowjetische Truppen - letztlich ein weiteres Opfer seines Traums vom türkischen Großreich.
Gegenüber den drei jungtürkischen Führern Enver, Talaat und Cemal hatte der seit 1920 im türkischen Kleinasien dominierende Kemal Pascha, der spätere Atatürk, ein gespanntes Verhältnis. Diese galten (nicht zuletzt den Siegermächten der Entente) als Hauptverantwortliche für den Armenier-Völkermord; auch deswegen wollte Atatürk sie nicht in den Reihen seiner türkischen Nationalbewegung sehen: 1920 bezeichnete er den Völkermord an den Armeniern vor dem Parlament ausdrücklich als „eine Schandtat der Vergangenheit“. Amerikanischen Diplomaten gegenüber befürwortete Atatürk eine harte Bestrafung der Täter.
Zugleich aber - und das war letztlich entscheidend - spielte die frühere Jungtürkische Partei eine dominierende Rolle bei der Organisierung von Atatürks Nationalbewegung. Eine wichtige Trägerschicht derselben waren jene türkischen Staatsbürger, die sich den Besitz der vertriebenen und/oder ermordeten Armenier angeeignet hatten und daran interessiert waren, ihn dauerhaft zu behalten. Und sogar solche jungtürkischen Politiker oder Beamte, die als Völkermörder angeklagt waren, konnten Mitglieder der Bewegung Atatürks werden; manche stiegen später bis in Ministerämter auf, darunter sogar der im Weltkrieg für Deportation verantwortliche Ansiedlungs- und Flüchtlingsgeneraldirektor des osmanischen Innenministeriums, Sükrü Kaya (früher: Sükrü oder Schuekri Bey), der es nicht nur zum Generalsekretär der Atatürk-Partei „Republikanische Volkspartei“ brachte, sondern zwischen 1927 und 1938 auch zum Innenminister der Türkischen Republik. Indem solche Nationalisten die „Entente-hörigen“ Regierungen des neuen Sultans Mehmed VI. (1918-1922) bekämpften, wehrten sie sich auch gegen die drohende eigene Strafverfolgung für Genozidverbrechen.
Die Tätersuche in der Türkei hatte damit klare Grenzen, zumal „nationale Einigkeit“ in einem Existenzbedrohenden Bürgerkrieg wichtiger zu sein schien. Dieser zwischen 1920 und 1923 geführte Bürgerkrieg, der sich zum Krieg gegen das aggressiv in Kleinasien vordringende Griechenland ausweitete, verhinderte nicht nur die geplante Aufteilung der kleinasiatischen Türkei durch Gründung einer autoritär geführten Türkischen Republik (1922/23), sondern führte auch zur brutalen, von Massakern begleiteten Vertreibung des Großteils der griechischen Minderheit, die der kollektiven Kollaboration mit dem Kriegsgegner Griechenland beschuldigt wurde.
Zugleich schloss Atatürk mit Sowjet-Russland (der späteren Sowjetunion) ein Abkommen über die Aufteilung des seit 1918 kurzfristig unabhängigen Staates Armenien, der sowohl früher russische als auch früher osmanische Gebiete umfasste. Die türkischen und russische Eroberungen führten 1920/21 zu neuerlichen Gewalttaten an Armeniern. Zuvor hatten sich allerdings auch armenische Extremisten ihrerseits an türkischen Bevölkerungsgruppen in Ostanatolien grausam für den jungtürkischen Genozid gerächt.
In der Türkei Atatürks wurden die überlebenden Armenier zu äußerster Zurückhaltung genötigt. Erst in jüngster Zeit wird die verschüttete, aber nicht verloren gegangene Identität zwangsislamisierter Überlebender diskutiert. Doch noch heute weigern sich türkische Politik und ein Großteil der Gesellschaft, die Verantwortung ihrer Nation für den Armenier-Genozid einzugestehen. Lange dürfte dabei das Problem des gewaltsam umverteilten Besitzes der Ermordeten und Vertriebenen eine Rolle gespielt haben. Ein Kernproblem scheint zu sein, daß die Staatsideologie der Türkei Atatürks letztlich auf der türkisch-nationalistischen Variante des jungtürkischen Denkens gründet. Diese wird in letzter Zeit durch den „Reform-Islamismus“ des Premiers Erdogan zwar relativiert, doch auch eine islamistisch-nationalistische Synthese führt nicht zwangsläufig zu anderer Geschichtsbetrachtung und zu größerer Toleranz gegenüber Minderheiten. Gewiss gehört zu einer objektiven Betrachtung des türkisch-armenischen Konflikts die langfristige Geschichte sich gegenseitig aufpeitschender Nationalismen vor dem Hintergrund des osmanischen Reichszerfalls seit etwa 1800 - eine Geschichte in der auch Armenier nicht nur Opferrollen innehatten. Doch trotz solcher notwendigen Relativierung kommt an der (jung)türkischen Verantwortung für die genozidalen Ereignisse der Jahre 1915/16 niemand vorbei.
Im übertragenen Sinn werden heute jüngere Politiker mit radikalen Ideen als Jungtürken bezeichnet, die sie im Rahmen ihrer politischen Gruppe durchzusetzen versuchen.
Deutschsprachige Literatur:
Zeitgenössische Bewertung der jungtürkischen Bewegung aus der Sicht der deutschen SPD
Literatur auf Englisch und Türkisch:
Türkische Geschichte | Politik (Türkei) | Geschichte des Islam
Mladoturci | Young Turks | Jóvenes Turcos | Jeunes Turcs | הטורקים הצעירים | Giovani turchi | 청년 투르크 당 | Comité voor Eenheid en Vooruitgang | Jön Türk
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