Die Junghegelianer oder Linkshegelianer waren eine Gruppe deutscher Intellektueller in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die wichtigsten Vertreter waren unmittelbare oder mittelbare Schüler des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel.
Personen
Die Junghegelianer waren eine locker organisierte Gruppierung. Zu ihr werden u.a.
David Friedrich Strauß,
Ludwig Feuerbach,
Bruno Bauer,
Edgar Bauer,
Arnold Ruge,
Moses Hess gezählt.
Max Stirner,
Karl Marx und
Friedrich Engels standen ihnen zeitweilig nahe. Stirner publizierte im Oktober 1844 sein Werk
Der Einzige und sein Eigentum, in dem er die theoretischen Köpfe der Gruppe, Feuerbach und Bruno Bauer, als inkonsequent kritisierte und verspottete („Unsere Atheisten sind fromme Leute.“). Daraufhin schrieb Marx, assistiert von Engels, zunächst eine "Abrechnung" mit Bruno Bauer und seinen Anhängern (
Die heilige Familie, März 1845), anschliessend auch mit Feuerbach und Stirner (
Die deutsche Ideologie, 1845/46, unveröffentlicht) und konzipierte den
Historischen Materialismus als Basis seiner späteren ökonomischen Studien.
Um diese Kerngruppe, die z.T. aus relegierten Universitätsgelehrten bestand (Bruno Bauer, Feuerbach), existierte ein größerer Personenkreis, der die junghegelianischen Ideen durch persönliche Kontakte oder publizistisch verbreitete. Dazu gehörten etwa Georg Herwegh und Michael Bakunin. Der Junghegelianismus hatte Einfluß auf eine Reihe damals junger, kritischer Intellektueller wie etwa Ferdinand Lassalle.
Geschichte
Die Gruppe bildete sich in der zweiten Hälfte der
1830er als eine der vielen Diskussionszirkeln, wie sie als Reaktion auf die damals in Preußen herrschenden
repressiven geistigen und politischen Verhältnisse entstanden. Die Bezeichnung Junghegelianer wurde erstmals von D. F. Strauß verwendet für diejenigen aus der
Hegelschen Schule, die in der Kontroverse um sein
1835 veröffentlichtes religionskritisches Buch
Leben Jesu seine Partei ergriffen, während er die Gegenseite
Althegelianer nannte. Das Zentrum lag in
Berlin mit dem so genannten
Doktorklub als gemeinsamem Debattierzirkel (bis 1839). Ableger gab es in
Halle,
Köln und
Königsberg. Das wichtigste Publikationsorgan waren die 1838 von Ruge gegründeten
Halleschen Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst (ab 1841
Deutsche Jahrbücher, die 1843 verboten wurden). Unter dem liberalen preußischen Kultusminister
Karl Freiherr vom Stein zum Altenstein zunächst geduldet, wurden die Junghegelianer nach dessen Tod 1840 und unter der im gleichen Jahr beginnenden Regentschaft des konservativen Königs
Friedrich Wilhelm IV. von einer akademische Karriere ausgeschlossen. Den Höhepunkt ihrer Aktivität erreichte die Gruppe zwischen 1840 und 1843. In dieser Zeit radikalisierten und politisierten sich die Positionen. Danach zerfiel sie schnell aufgrund zunehmender interner theoretischer Differenzen (s.o.: Stirners Kritik, Marx' Reaktion) und war 1845 praktisch nicht mehr existent.
Philosophie, Theorie
Aus der Hegelschen Philosophie übernahmen die Junghegelianer vor allem die
Dialektik, verstanden als Prinzip der geschichtlichen Entwicklung. Dagegen wandten sie sich gegen das
konservative hegelsche
Systemdenken, in dem alles Bestehende zur Notwendigkeit erklärt wird und als vernünftig erscheint. Demgegenüber argumentierten die Junghegelianer: Was früher notwendig und vernünftig war, ist es in der Gegenwart nicht mehr.
Mit dem dialektischen Denken verbunden war das Ziel einer Überwindung der politischen und sozialen Zustände in Preußen bzw. Deutschland, in ihren Schriften formulierten sie eine radikale Religionskritik, die auf Atheismus hinauslief. Darauf baute eine radikale Gesellschaftskritik auf, die auf Abschaffung bzw. Absterben des Staates abzielte.
Literatur
- Wolfgang Essbach: Die Junghegelianer. Soziologie einer Intellektuellengruppe. Wilhelm Fink Verlag, München 1988, ISBN 3770524349
Weblinks
Philosophie des 19. Jahrhunderts |
Hegelianer
Young Hegelians | 青年ヘーゲル派 | Jovens Hegelianos