Julian Jaynes (* 27. Februar 1920 in Newton, Massachusetts, Massachusetts; † 21. November 1997 in Charlottetown, Prince Edward Island) war ein amerikanischer Psychologe. In Europa bekannt wurde er vor allem durch sein Buch Der Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche.
Vor der Publikation seines Lebenswerks, in dem er die Ergebnisse von drei Jahrzehnten ungemein vielseitiger Forschungen präsentiert, hat Jaynes nur wenige verhaltens- und neuropsychologische sowie historische Studien veröffentlicht. Selbst seine Magisterarbeit über Prägungslernen in der Interaktion zwischen gelerntem und angeborenem Verhalten hat er erst nach Erscheinen seines Buches und offenbar auch nur auf Drängen von Kollegen zu einer formalen Dissertation ausgearbeitet, so dass er schließlich im Jahre 1978 und damit zwölf Jahre nach Aufnahme seiner Professur in Princeton von Yale seinen D.Phil. verliehen bekam.
Seine weiteren Arbeiten galten praktisch nur der Erläuterung und Diskussion seiner Überlegungen und Thesen zur evolutionären Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, die er in einem Nachwort zu dem 1990 erschienenen Nachdruck seines Buches noch einmal zusammenfasste. Sie waren für die bis dahin entwickelten akademisch akzeptierten Ansichten dazu derart provokant, dass nur wenige Wissenschaftler sie nachvollziehen mochten oder konnten. Jaynes geriet dadurch auch persönlich in zunehmende Isolation. Sie hat ihn offenbar stark belastet: in den vierzehn Jahren bis zu seinem Herzinfarkt hat er ein bis zuletzt angekündigtes weiteres Buch mit dem Titel "The Consequences of Consciousness" über die Folgen des allgemeinen Bewusstseinswandels, der nach seinen Ergebnissen in unserem Kulturraum erst vor gut dreitausend Jahren eingesetzt haben soll, allem Anschein nach nicht einmal als Manuskript fertiggestellt.
Die uns heute völlig selbstverständlich erscheinende, weil mittlerweile jedem erwachsenen Menschen mehr oder weniger mögliche Reflexionsfähigkeit wäre danach eine relativ junge kulturelle Errungenschaft der Menschheit.
Jaynes zufolge haben Menschen bis dahin in einem anderen als uns bekannten Bewusstseinszustand gelebt. Diesen nennt er neutral zwar "bikameral" und immer wieder auch "präreflexiv". Missverständlicherweise schreibt er aber auch ebenso oft, dass Menschen bis dahin kein Bewusstsein gehabt hätten. Gleichzeitig habe das Erleben und Reagieren von Menschen auf dieser Stufe der Bewusstseinsentwicklung charakteristische Besonderheiten aufgewiesen.
Ohne die Fähigkeit zu eigenen und eigenständigen Überlegungen und Reflexionen insbesondere auf sich selbst sollen nämlich Menschen mit dieser bikameralen Bewusstseinsstruktur auch innere Erlebnisse wie etwa Spontanerinnerungen oder Einfälle so erlebt haben, wie wir Erlebnisse in der Aussenwelt um uns herum gewöhnlich erleben: genauso getrennt oder fremd und vor allem, wie Jaynes unterstellt, ebenso deutlich und klar wie diese. Akustische Erinnerungen oder Einfälle wären danach beispielsweise wie halluzinatorisch klare "innere Stimmen" wahrgenommen worden, die vielleicht wie kommentierend oder befehlend erlebt worden sein könnten. (Auch hier nimmt Jaynes Missverständnisse in Kauf; denn er spricht in diesem Zusammenhang oft von "akustischen Halluzinationen" und bringt damit die von ihm angenommene Erlebnisweise, wenngleich nicht ohne Absicht, in begriffliche Näne zu solchen Erscheinungen, die heutzutage von Psychiatern als krankhaft und typisch für schizophrene Störungen angesehen werden, obwohl halluzinatorisch deutliche Stimmen auch von Menschen erlebt werden, die nicht erkrankt sind.)
Auch für das Reagieren und Verhalten von Menschen auf dieser vorreflexiven Entwicklungsstufe ergeben sich nach Jaynes Konsequenzen: ohne die Fähigkeit zu bewussten Überlegungen und Entscheidungen wäre ihnen nur ein Spontanreagieren auf der Grundlage präformierter, also angeborerer Reflexe oder durch Prägungslernen zustande gekommener Gewohnheiten möglich gewesen, beispielsweise ein emotionales Ergriffen- und Beeindrucktsein von derartigen Stimmen und gleichsam automatenhaftes Reagieren auf sie, denkbar etwa als Erinnerung an eine Anleitung oder Aufforderung von anderen, insbesondere Respektpersonen oder deren spätere Überhöhung zu verehrten Ahnen, Übermenschen oder Göttern, die wie von außen zu sprechen schienen.
Jaynes nimmt Überlieferungen derartigen Verhaltens beispielhaft in der Ilias von Homer, aber auch an vielen Stellen der Bibel und in zahlreichen anderen literarischen Zeugnissen ernst und versteht sich nicht als dichterische Fiktion oder metaphorische Redeweise:
Das gravierende intellektuelle Problem im Umgang mit seinen Thesen zum Bewusstsein hat Jaynes selbst treffend so formuliert:
Julian Jaynes ist es trotz oder vielleicht sogar wegen des publizistischen Erfolges seines Buches offenbar nicht gelungen, dass seine Thesen und Überlegungen fachlich genügend ernst genommen und wissenschaftlich diskutiert und überprüft würden. Dazu mag beigetragen haben, dass er sich bei seinen psychologischen Herleitungen weit überwiegend auf Dokumente verschiedenster historischer Wissenschaften stützte, dagegen kaum Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie für seine Thesen nutzbar zu machen versuchte. Die erwähnten missverständlichen Ausdrucksweisen könnten weitere Hürden darstellen, seine Hypothesen ernst zu nehmen, wenn dadurch etwa Gräzisten zu der Auffassung gekommen wären, Jaynes habe die Helden der antiken Epen zu psychisch gestörten Individuen erklärt.
Gelitten haben seine Thesen vielleicht auch unter hochspekulativen neurophysiologischen Überlegungen über eine nach seiner These früher andersartige Zusammenarbeit der Hirnhemisphären, aufgrund der die These von der Bikameralität der vorbewussten oder vorreflexiven Bewusstseinsstruktur aufstellte. Mit ihr sucht er zu begründen, dass und wie Menschen Erfahrungen verarbeiten konnten, die noch kein Wissen oder Bewusstsein davon ausgebildet hatten, dass es sich auch bei spontan auftauchenden Erinnerungen, Einfällen und Träumen um Vorstellungen handelt, die zwar automatisch und nach speziellen (Assoziations)Gesetzen sich innerlich bilden und insofern autonom entstehen, die aber gleichwohl selbstproduziert sind. Nur hat Jaynes auch die einschlägige psychologische Literatur über unbewusste psychische Abläufe kaum verwertet. So wurde er weder in der Hirnforschung in nennenswertem Umfang rezipiert noch in der Psychiatrie oder Psychologie.
Mann | US-Amerikaner | Kognitionspsychologe | Philosophie des Geistes (Vertreter) | Kognitionswissenschaftler | Geboren 1920 | Gestorben 1997
Julian Jaynes | Julian Jaynes | Julian Jaynes | Julian Jaynes
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