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Der Joule-Thomson-Effekt, nicht zu verwechseln mit dem Thomson-Effekt, tritt auf, wenn ein Gas oder Gasgemisch bei Druckänderung eine Temperaturänderung erfährt. Wenn man zum Beispiel Luft stark verdichtet, dann erwärmt sie sich. Umgekehrt kühlt sie sich bei Ausdehnung ab. Diese Erscheinung spielt eine wichtige Rolle in der Thermodynamik von Gasen und ist daher vor allem für die Meteorologie und Technik von Bedeutung. Neben der Wirkung auf den Temperaturgradienten der Erdatmosphäre kann sich die Erwärmung zum Beispiel in Pumpen und Kompressoren bemerkbar machen. Eine wichtige großtechnische Anwendung ist die Gasverflüssigung im Linde-Verfahren.

Joule thomson effekt.png Verringert man den Druck auf ein Gas, etwa indem man es aus seinem Behälter herausströmen lässt, expandiert es. Das heißt, das vom Gas eingenommene Volumen nimmt zu. Dabei nimmt auch der mittlere Teilchenabstand zu. Bei realen Gasen wirken dabei anziehende oder abstoßende Kräfte zwischen den Teilchen, wobei in den meisten Fällen, wie etwa bei den Gasen der Luft bei Normaldruck, die anziehenden Kräfte vorherrschend sind. Wenn der mittlere Teilchenabstand zunimmt wird Arbeit gegen die Anziehungskräfte, die zwischen den Teilchen wirken, verrichtet. Die Energie dazu kommt aus der kinetischen Energie des Gases, die dadurch verringert wird. Die Teilchen werden im Mittel langsamer und das Gas kühlt in der Folge ab. Ein ideales Gas zeigt keinen Joule-Thomson-Effekt, da zwischen seinen Teilchen keine Wechselwirkungen auftreten.

Joule-Thomson-Versuch


JouleThomsonVersuch.png Der Versuchsaufbau besteht aus zwei thermisch isolierenden Zylindern mit dicht eingepassten beweglichen Kolben, die durch einen Strömungswiderstand (Drossel) aus einem mikroporösen durchlässigen Material verbunden sind. Die Abbildung zeigt oben die Position zu einem Zeitpunkt t_1 und unten zu einem späteren Zeitpunkt t_2. In der Zeit zwischen t_1 und t_2 wird der erste Kolben durch die Kraft F_1 gleichförmig um die Strecke L_1 eingefahren, während der zweite Kolben gegen die Kraft F_2 um die Strecke L_2 ausgefahren wird (zusätzliche Kräfte zur Kompensation der Reibung zwischen Kolben und Zylinder werden hier nicht betrachtet). Dabei strömt aus dem ersten Zylinder eine Gasmenge (Stoffmenge) mit dem Volumen V_1, dem Druck p_1 und der Temperatur T_1, während in den zweiten Zylinder die gleiche Gasmenge mit dem Volumen V_2, dem Druck p_2 und der Temperatur T_2 einströmt. Sonst finden keine weiteren Änderungen statt. Insbesondere bleibt der stationäre Zustand in der Drossel unverändert. Die Messung der Temperaturen T_1 und T_2 erfolgt mittels nicht dargestellten Temperatursensoren (z.B. Thermoelementen).

Aus einer geometrischen Betrachtung folgt:

  • Querschnittfläche eines Kolbens: A = \pi \cdot R^2 \quad wobei \quad 2 R = Kolbendurchmesser.
  • V_1 = A \cdot L_1 \qquad ; \qquad V_2 = A \cdot L_2
  • p_1 = \frac{F_1}{A} \qquad ; \qquad p_2 = \frac{F_2}{A}
Am ersten Kolben wird die Arbeit F_1 \cdot L_1 = p_1 \cdot V_1 und vom zweiten Kolben die Arbeit F_2 \cdot L_2 = p_2 \cdot V_2 geleistet. Die Differenz (Netto-Arbeitsleistung) ist gleich der Änderung der Inneren Energie U der durchgeströmten Gasmenge:

  • p_1 \cdot V_1 - p_2 \cdot V_2 = U_2 - U_1

Die Enthalpie H = U + p \cdot V bleibt also bei diesem Prozess unverändert:

  • H_1 = H_2

Prozesse, die bei konstanter Enthalpie ablaufen, werden als isenthalp bezeichnet.

Bezeichnet m die Masse der übergegangenen Gasmenge und h(p,T) die spezifische Enthalpie des Gases in Abhängigkeit von Druck und Temperatur, so gilt:

H_1 = m \cdot h(p_1,T_1) \qquad ; \qquad H_2 = m \cdot h(p_2,T_2)

Die Temperatur T_2 und damit die Temperaturänderung beim Übergang ergibt sich aus der Beziehung:

  • h(p_1,T_1) = h(p_2,T_2)

Ideales Gas

Bei einem idealen Gas ist h=h(T) druckunabhängig und wächst streng monoton mit der Temperatur, so dass konstante Enthalpie zugleich konstante Temperatur bedeutet:

  • T_1 = T_2

Mit der allgemeinen Gasgleichung folgt daraus:

  • p_1 \cdot V_1 = p_2 \cdot V_2

  • U_1 = U_2

Bei einem idealen Gas beträgt die verrichtete Arbeit F_1 \cdot L_1 - F_2 \cdot L_2 also Null und die innere Energie U bleibt konstant.

Geschwindigkeit des Vorgangs

Aus der Darcy-Gleichung mit der Durchlässigkeit B, der Porosität \epsilon, dem Querschnitt A_D und der Länge L_D der zylinderförmigen Drossel ergibt sich die zeitliche Änderung der am ersten bzw vom zweiten Kolben verrichteten Arbeit:

-p_1 \cdot \dot{V}_1 = p_2 \cdot \dot{V}_2 = \epsilon \cdot B \cdot \frac{A_D}{L_D} \cdot \frac{p_1^2-p_2^2}{2 \eta}

wobei \eta die Viskosität des Gases bezeichnet. Mit der Porengrösse, dem Sauterdurchmesser, kann die Durchlässigkeit B beliebig verkleinert und dadurch eine quasistatische Prozessführung erreicht werden.

Geschichtliches


Der Joule-Thomson-Effekt wurde nach James Prescott Joule und Sir William Thomson (dem späteren Lord Kelvin) benannt, die dieses Phänomen im Jahre 1852 beschrieben.

Thermodynamik


Joule-Thomson-Koeffizient

Die Stärke und Richtung der Temperaturänderung wird durch den Joule-Thomson-Koeffizient μ beschrieben:

\mu_{JT} = \left( \frac{ \partial T }{ \partial p }\right)_H

Er stellt die partielle Ableitung der Temperatur T nach dem Druck p bei konstanter Enthalpie H dar. Der Vorgang ist also isenthalp, was durch den Index H angedeutet wird.

Im Allgemeinen kühlen sich Gase bei Ausdehnung ab, während sie sich bei Kompression erwärmen. Dazu gehören etwa Kohlendioxid und Luft. Für diesen Fall ist der Joule-Thomson-Koeffizient (bei Raumtemperatur) positiv. Einige Gase wie der Wasserstoff oder Helium verhalten sich umgekehrt. Sie erwärmen sich bei Ausdehnung und kühlen sich bei Kompression ab. Sie besitzen einen negativen Joule-Thomson-Koeffizienten. Für ideale Gase gilt: \mu_{JT} = 0, siehe Joule-Versuch.

Joule-Thomson-Inversionskurve

JTE.gif

Die Kurve im Druck-Temperatur-Diagramm für die

\mu_{JT} = \left( \frac{ \partial T }{ \partial p }\right)_H = 0

gilt wird als Joule-Thomson-Inversionskurve bezeichnet. Im von der Kurve eingeschlossenen Bereich gilt \mu_{JT} > 0, außerhalb gilt \mu_{JT} < 0.

Herleitung

Thermodynamisch bleibt die Enthalpie H erhalten.

\mathrm dH = T \mathrm dS + V \mathrm dp \! mit H = U + pV \!

Totales Differential der Entropie S(T,p):

\mathrm dS=\underbrace{\frac{\partial S}{\partial T}_{p=const.}}_{\frac{C_p}{T}} \mathrm dT + \frac{\partial S}{\partial p}_{T=const.} \mathrm dp

Maxwellrelation der freien Enthalpie G:

\frac{\partial S}{\partial p}_{T=const.} = -\frac{\partial V}{\partial T}_{p=const.}

Thermischer Ausdehnungskoeffizient:

\alpha = \frac{1}{V}\frac{\partial V}{\partial T}_{p=const.}

\Rightarrow \quad \mu_{Joule-Thomson}=\frac{\partial T}{\partial p}_{H=const.} = \frac{V}{C_p}(T\alpha-1)

Für ein ideales Gas ist \alpha = \frac{1}{T} und somit ist der Joule-Thomson Effekt nicht beobachtbar. Bei realen Gasen ist der Effekt hingegen gegeben.

Hierbei stehen die einzelnen Formelzeichen für folgende Größen:

Technische Aspekte


Niederdruckverfahren.png]]

Das Linde-Verfahren zur Gasverflüssigung setzt einen positiven Joule-Thomson-Koeffizienten voraus. Nur so kann die Energie des komprimierten Gases abgeführt werden, obwohl die Umgebungstemperatur höher ist als die des Gases. In der "Linde-Maschine" wird Luft durch ein Drosselventil von etwa 200 bar auf etwa 20 bar entspannt. Dabei kühlt sie sich um etwa 45 Kelvin ab. Die abgekühlte Luft wird nun genutzt, um weitere komprimierte Luft vor der Entspannung abzukühlen (Gegenstrom-Wärmeübertrager). Über mehrere Kompressions- und Entspannungsstufen kann somit das Gas soweit abgekühlt werden, dass es kondensiert und somit flüssig wird.

Da der Joule-Thomson-Koeffizient von der Temperatur abhängt, kann es je nach verwendetem Gas sein, dass selbiges vorgekühlt werden muss, da es sich sonst noch weiter erwärmt, anstatt sich weiter abzukühlen. Beispielsweise muss Helium erst mit anderen Methoden auf ungefähr -228 °C (45 K) abgekühlt werden.

Ein positiver Joule-Thomson-Koeffizient ist neben der Reibung mitverantwortlich dafür, dass Kompressionsanlagen gekühlt werden müssen, beziehungsweise dass komprimierte Gase Wärme bei einer höheren Umgebungstemperatur abgeben können. Dies wird bei der Brüdenkompression eingesetzt.

Anwendungen


  • Gasverflüssigung (Linde-Verfahren)
  • Der Joule-Thomson-Effekt kann zur Herstellung von Trockeneis im Labor genutzt werden, indem man Kohlendioxid aus einer Druckgasflasche ausströmen lässt. Dieses Verfahren ist aber im Vergleich zur kommerziellen Herstellung sehr unwirtschaftlich, da nur ein kleiner Anteil des Gases verfestigt wird.
  • Eine Folge des Effekts kann die Abkühlung von Erdgas in Pipelines sein. Durch den hohen Massenstrom unter Druckabfall kann es unter ungünstigen Bedingungen zu (unerwünschten) Vereisungen der Pipelines kommen.

Literatur


  • L. D. Landau, E. M. Lifschitz: Lehrbuch der Theoretischen Physik - Band V. Akademie-Verlag Berlin ISBN 3055000692
  • Peter W. Atkins: Physikalische Chemie. Wiley-VCH, ISBN 3527302360
  • Refah Ayber: Thomson-Joule-Effekt von Methan-Wasserstoff- und Äthylen-Wasserstoff-Gemischen. VDI-Verlag, ISBN B0000BG101

Thermodynamik | Physikalische Chemie | Chemie | Physik | 1852

Joule-Thomson effect | Effet Joule-Thomson | ジュール=トムソン効果

 

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