Jean Charlier de Gerson (eigentlich Jean Charlier, auch Johannes Gerson genannt, * 14. Dezember 1363 in Gerson-lès-Barby bei Rethel; † 12. Juli 1429 in Lyon) war ein französischer Theologe und Mystiker.
Ein Hauptthema seiner Zeit war die Spaltung der katholischen Kirche (Schisma). Gerson trat zunächst für moderate Reformen ein und wandte sich gegen die Einberufung eines Konzils, das die rivalisierenden Päpste in Rom und Avignon absetzen sollte. Dann aber wirkte er durch Schriften („De potestate ecclesiae“, "De unitate ecclesiastica", "De auferibilitate papae") und aktives Handeln auf die Überwindung des Schismas hin, namentlich auf den Konzilen zu Pisa (1409) und Konstanz (ab 1414). Auf letzterem war es vornehmlich Gerson, der die energische Haltung der Versammlung gegenüber dem flüchtigen Papst aufrecht erhielt und gegen die Unsittlichkeit der Geistlichkeit eiferte (was ihm den Beinamen Doctor christianissimus eintrug). Anderseits betrieb er in Konstanz auch die Verurteilung und Hinrichtung von Jan Hus. Der Franziskaner Jean Petit hatte die Ermordung von Louis, Herzog von Orléans (1407), durch Parteigänger des Herzogs Jean von Burgund (Johann Ohnefurcht) als Tyrannenmord zu rechtfertigen versucht. Weil er Petits sophistische Argumentation kritisierte, musste Gerson nach dem Abschluss des Konstanzer Konzils (1418) vor den Nachstellungen des Herzogs von Burgund nach Rattenberg am Inn flüchten; später zog er sich nach Melk an der Donau zurück. 1419 - nach dem Tod Jeans - ging er nach Lyon, wo er im Cölestinerkloster für den Jugendunterricht tätig war und 12. Juli 1429 starb. Nach seinem Tode wurde er hier als Seliger verehrt.
Man hat zwar Gerson als Nominalisten bezeichnet, doch sah er die ältere Theologie Bonaventuras als vorbildich an und betonte den Vorrang der mystischen vor der scholastischen Theologie. Gersons "Considerationes de mystica theologia speculativa et practica" erstreben eine höhere Einheit der mystischen und spätscholastischen Theologie. Im Gegensatz zu Scholastikern, die Logik als Weg zum wahren Glauben propagierten, trat Gerson für mystische Gottesliebe ein, die weiter führe als rationales Denken. Im Gebet gebe es nicht nur eine Union des Gläubigen mit Gott, sondern beide würden identisch. Auch drang er in den Briefen "De reformatione theologiae" auf fleißiges Bibelstudium.
Gerson ist zugleich einer der frühesten musikalischen Schriftsteller; eine musikalische Abhandlung von ihm: "De canticorum originali ratione", befindet sich im 3. Band seiner sämtlichen Werke, Basler Ausgabe von 1518 in 3 Bänden.
Lange Zeit wurde ihm auch die Autorschaft der "Nachfolge Christi" zugeschrieben, die aber, wie Eusebius Amort im 18. Jahrhundert nachwies, von Thomas von Kempen stammt.
siehe auch: Europäischer Humanismus
Römisch-katholischer Theologe (15. Jh.) | Mann | Franzose | Geboren 1363 | Gestorben 1429
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